Das alte Buch Mamsell
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Dezember 2002
Der Weihnachtsminister
von Volker Beilmann


Schon im zarten Alter von 16 Jahren war mir klar, dass ich zu keiner sinnvollen Tätigkeit fähig sein würde und so trat ich in eine Partei ein. Das Programm gefiel mir, ich wollte etwas zum Wohle der Wähler tun. Nur was, fragte ich mich immerzu. Alle meine Ideen hatten andere schon vor mir und die entsprechenden Stellen waren bereits besetzt. Trotzdem kletterte ich in der Karriereleiter langsam nach oben, obwohl es immer einen gab, der über mir stand. So wurde ich stellvertretender Bürgermeister, stellvertretender Kreisvorsitzender, stellvertretender Landespräsident und schließlich stellvertretender Abgeordneter.
Dann war es endlich soweit. Meine kleine Partei errang in Koalition mit einer großen Partei die Stimmenmehrheit und durfte einen Regierungsversuch starten. Wir erhielten vier Ministerposten. Drei davon wurden auf Anhieb besetzt, für den vierten wollte sich keiner so richtig begeistern. Bei der Schlussabstimmung wurde mein Einnicken als Zustimmung missverstanden und ich wurde mit absoluter Mehrheit im Amt bestätigt. Leider stellte sich erst jetzt heraus, dass es für diese Ministerstelle überhaupt kein Ministerium gab. Was tun?
Ganz einfach, ein neues Ministerium musste her. Es wurde lange überlegt, niemandem wollte etwas Sinnvolles einfallen. Mir leider auch nicht. “Es gibt schon zuviele überflüssige und uneffektive Ministerien”, wurde unter vorgehaltener Hand gemunkelt, “man bedenke nur: Das Verkehrsministerium hat bis heute den Geburtenrückgang nicht in den Griff bekommen, das Verteidigungsministerium wird von Mallorca aus geleitet und das Frauen- und Familienministerium gibt dem Begriff der unbefleckten Empfängnis eine neue Bedeutung”. Guter Tipp, dachte ich mir, und schlug ein Männer- und Familienministerium vor. “Was haben Männer mit Familie zu tun ?”, fragte mich eine mir bis dahin unbekannte Dame, die in ihrem vorpolitischen Leben eine verkannte Modefriseuse gewesen sein musste. Bei ihrem Anblick konnte ich ihr nur zustimmen.
Wie es der Zufall so wollte, begab es sich, dass ich in diesem Jahr bereits im September bei ALDI Adventskalender entdeckt hatte. Draußen war die Badesaison noch nicht zu Ende, und hier wurde schon versucht, mit vorweihnachtlichen Gefühlen Geschäfte zu machen. Widerlich, ich war geschockt. Außerdem wiesen die seltsamen Ohren an den Türchen beim Kalenderinhalt eindeutig auf schlecht umgepresste Osterhasen hin. Eine Schande. Und es ging lustig so weiter. Schon Anfang Oktober hatte ich in einer Baumschule einen Weihnachtsbaum ausfindig gemacht und in einem allseits bekannten Erotikcenter rote Mützchen gesehen. Ein etablierter Feinkostladen hatte gar als Herzen getarnte Lebkuchen an den Mann gebracht und ein zweitklassiger Mobilfunkanbieter versuchte, mit einem als Weihnachtsmann getarnten Bayer vorgezogenen Weihnachtsumsatz einzufahren. Frechheit.
Da kam mir die rettende Idee. Das Ladenschlussgesetz beschäftigt Heerscharen von Gewerkschaftsfunktionären, Anwälten und Politikern, ein Weihnachtszeitanfangsgesetz ist viel wichtiger, aber völlig unbekannt. Das musste geändert werden, und zwar schleunigst. Meinen Vorschlag, ein Weihnachtsministerium einzurichten und mich zum Weihnachtsminister zu ernennen, wurde mit Freuden aufgegriffen. Ich war begeistert und fühlte mich in meinem Element. Zunächst musste ein allgemeiner, gesetzlicher Weihnachtszeitanfangstermin her. Ich entschied mich für den ersten Advent. Das führte im Jahr eins nach Inkrafttreten zu merkwürdig verstümmelten Adventskalendern, heftigen Protesten der Billigschokoladenindustrie und Briefen von potentiellen Wählern mit Wortlauten wie: ‚Du hast mir meine Türchen geklaut, Dich wähle ich nicht mehr!‘ Das überzeugte mich und in einem Eilverfahren wurde das Gesetz um eine ebenso geniale wie komplizierte Klausel erweitert. Weihnachtszeitanfang war jetzt der erste Dezember oder der erste Advent, je nachdem, welches Ereignis zuerst eintrat. Weitere Gesetze folgten mit einleuchtender Zwangsläufigkeit. Ich entwarf ein Zehnpunkte Programm zur Wiederherstellung der Weihnachtszeitanfangsordnung, das in folgenden Weihnachtszeitanfangsschutzgesetzen mündete:
Vor dem offiziellen Weihnachtszeitanfang waren folgende Handlungen verboten:
1. Das in Umlauf bringen von weihnachtlich geformten Süßigkeiten aller Art.
2. Jeglicher Zimt und Spekulatiusgeruch.
3. Das Herstellen und Konsumieren von Glühwein.
4. Das Anordnen von Kerzen auf kreisförmigen Trägerplattformen.
5. Die Belegung von Tannen und Tannen ähnlichen Nadelgehölzen mit den Begriffen Weihnachtsbaum und Christbaum.
6. Das Schmücken mit Lichterketten.
7. Das Erstellen von Gebäuden und Gebilden mit 24 Türchen.
8. Das Schlafen in Krippen.
9. Das Tragen von roten Zipfelmützen und Säcken.
10. Das Abspielen und in Umlauf bringen von Weihnachtsliedern, Weihnachtsfilmen und Weihnachtswerbung.

Für das letzte Gesetz war es zwingend erforderlich, ein Gremium zur Vergabe eines Weihnachtsanfangszeitunbedenklichkeitszertifikates ins Leben zu rufen. Ich konnte meine halbe Partei damit beschäftigen. Bei neuen Filmen und Liedern sowie neuen Ton- und Videoträgern war das Procedere relativ einfach. Das Gremium bewertete nach weihnachtlichen Richtlinien, erkannte auch versteckte Anspielungen anhand weihnachtspsychologischer Gutachten und vergab das Zertifikat bei Unbedenklichkeit und nach wochenlangen Diskussionen. Die Kinostarts neuer Filme verschoben sich dabei zwar um Jahre, in den Hitparaden tauchten plötzlich wieder Songs von Heinz Rühmann und Frank Sinatra auf, aber das war so eine bedeutende Sache schließlich auch wert. Problematisch wurde es bei allen bereits auf dem Markt befindlichen Medien. Nach langen Beratungen entschieden wir uns dafür, in jeden Haushalt einen Weihnachtsanfangszeitunbedenklichkeitszertifikator zu entsenden, der alle vorhandenen Medien bewertete und ggf. mit dem begehrten Siegel auszeichnete. Dass es sich dabei um eine etwas längere Angelegenheit handeln musste, war für jeden Wähler einzusehen und die andere Hälfte meiner Partei hatte endlich auch eine sinnvolle Beschäftigung gefunden. Das Abspielen unzertifizierter Medien war natürlich verboten.
Nachdem alle diese Maßnahmen in Gang gebracht waren, lehnte ich mich zurück und wollte das Ergebnis genießen. Die nächste Vorweihnachtszeit kam, doch es änderte sich kaum etwas. Was war geschehen ?
Der rasch gegründete Arbeitskreis kam zu dem eindeutigen Ergebnis, dass ich die Weihnachtspolizei zur Durchsetzung aller Weihnachtsgesetze vergessen hatte. Also wurde kurzerhand ein großes Kontingent aus allen Bereichen der Polizei abgezogen und in jeder Stadt ein Weihnachtsdezernat gegründet. Gut, die normale Kriminalität stieg jetzt noch mehr an, Neueinstellungen kamen aber wegen der angespannten Haushaltslage nicht in Frage. Aber wer ein sauberes Weihnachtsfest möchte, muss zu Kompromissen bereit sein. Dafür waren die neuen Dezernate ein voller Erfolg. Es wurde hektorliterweise Glühwein beschlagnahmt, Schokoldenberge wuchsen hinter den Polizeipräsidien aus dem Boden und von den exorbitanten Bußgeldeinnahmen konnten sich die Polizeireviere endlich mal wieder anständige Weihnachtsfeiern leisten.
Ich lehnte mich zurück, lächelte zufrieden und schlief ein. Die nächste Vorweihnachtszeit riss mich bereits im Oktober jäh aus meinen Träumen.
Alles war wie immer, die Weihnachtspolizei meldete Langeweile und Umsatzeinbußen in Milliardenhöhe. Der schnell gegründete Arbeitskreis fand dann auch die Wurzel allen Übels. “Gesetzeslücken”, hieß das Zauberwort. Ich hatte die Rechnung ohne den Erfindungsreichtum der Wählerschaft und der Industrie gemacht. Also mischte ich mich unter’s Volk und sah es mit eigenen Augen. Weihnachtsmänner mit orangen Mützchen und Tüten auf dem Rücken, Birken, die als Weihnachtsbäume verkauft wurden, Adventskalender mit 25 Türchen, längliche Adventsstangen, Glühbier, das in größeren Mengen geschluckt wurde, als es sich der Glühwein je erträumen konnte, geruchloser Zimtkuchen, Hamburger in Form von Engeln usw. Ich war wütend und frustriert. Ich wollte doch nur ihr Bestes, und sie taten alles, um es zu verhindern. Meine Berater rieten mir davon ab, neue Gesetze ohne Lücken zu entwerfen. “Das dauert Jahrhunderte, und selbst dann wird sich nichts ändern.” Es blieb nur eine mögliche Konsequenz. Genau! Per Eilverfahren peitschte ich das Gesetz durch alle Instanzen: Weihnachten wurde komplett verboten.
Bis Ostern war es relativ ruhig. Doch danach ging es Schlag auf Schlag. Zuerst erwischte es Milka und die Zipfelmützenindustrie. Disney überlebte nur knapp, verschwand aber vom deutschen Markt und Beckenbauer emigrierte auf die Osterinseln. Die Entsorgung vergammelter Osterhasen brachte die städtischen Müllbetrieb an den Rand ihrer Kapazitäten, die Flüsse nahmen einen eindeutigen Glühbiergeruch an. Studenten mussten ihr Studium abbrechen, alle professionellen Weihnachtsmänner wurden arbeitslos. Die Liste ließe sich unendlich fortsetzen, die ersten Unruhen gab es kurz nach Pfingsten. Bedenklich wurde es im Sommer, als viele ihren Mallorca Urlaub nicht mehr finanzieren konnten und sich auf deutschem Boden austoben mussten. Bei der ersten offiziellen Weihnachtsdemonstration wurden anwesende Politiker zum Verzehr von Schokoladenostereiern gezwungen. Nur wenige erholten sich davon. Im Herbst wurde die Lage unübersichtlich, es gab jetzt täglich Krawalle in allen größeren Städten und vermummte Weihnachtsmänner belagerten Tag und Nacht das Weihnachtsministerium. Ich hatte Angst, gewöhnte mich mit der Zeit aber an die Tumulte draußen. In der Nacht zum ersten Advent schreckte ich aus dem Schlaf, als die Tür von einem riesigen Knecht Ruprecht eingetreten wurde. Sofort wimmelte es in meinem Schlafzimmer von Weihnachtsmännern und Christkindern, die mich packten und ins Freie schleppten. An dem dort von Griswold aufgebauten meterhohen Weihnachtsbaum, der über und über mit Lichterketten betackert war, baumelte bedrohlich ein Adventskranz in konventioneller Anfertigung. Die mit Glühwein abgefüllten Weihnachtsmänner johlten im Chor ununterbrochen Weihnachtslieder. Ich wurde auf einen großen Schlitten gestellt, vor den Rudolph höchstpersönlich gespannt war. Nachdem man mich mit Glühwein übergossen und mit Spekulatius beklebt hatte, wurde mir feierlich der Adventskranz um den Hals gelegt, eine rote Zipfelmütze aufgesetzt und ein Sack umgehängt. Das letzte was ich sah, bevor sich Rudolph in Bewegung setzte, war seine rote Nase, die im Takt zu ‚Am Weihnachtsbaum, die Minister hängen‘ blinkte. Dann verspürte ich einen Ruck und die Luft wurde knapp.
“Papa, steh‘ endlich auf, heute ist heiliger Abend”. Gott sei Dank, nur ein Albtraum. Meine kleine Tochter hüpft aufgeregt auf meinem Brustkorb auf und ab. “Heiliger Abend? Oh Schreck!” Schon wieder noch keinen Baum besorgt, noch kein einziges Geschenk gekauft, Katastrophe.
Wäre doch eigentlich gar nicht schlecht, so ein Weihnachtsministerium.


© 2001, Volker Beilmann


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