Honigfalter
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Januar 2003
Auburn
von Petra Ottkowski



Rossetti ließ seine Liebesgedichte ausgraben. Er hoffte auf einen kleinen publizistischen Erfolg. Er behauptete, sie wären das Beste, was er je geschrieben hätte und er sorgte sich, ob die Blätter noch existierten.

Feuchtigkeit, Nässe, für wahr, das gab es genug hier, auch über der Erde. Ein Wunder, dass es nicht regnete an jenem Herbstmorgen auf dem Highgate Cemetery. In den letzten sieben Jahren hatte sich wenig verändert. Nur die Kastanienbäume waren ausladender und ich zog den Kopf ein, damit mir keine stachlige Frucht auf den Kopf fiel. Wir verspäteten uns. Die beiden Helfer warteten schon, Spaten und Seil in den Händen.

Sie scherzten, die Angelegenheit schien sie wenig zu beunruhigen. Mir selbst war kalt, am liebsten wäre ich zu Hause geblieben. Aber ich hatte Rossetti versprochen ihn zu begleiten. Während ich den Helfern beim Graben zuschaute, spazierte er ein wenig umher. Ich hatte Angst, er könnte auf den schlammigen Blättern ausrutschen oder über die Leiter fallen, die zwischen den aufgeplatzten Kastanien lag.

Dunkle, bald schwarze Erde türmte sich neben den Stiefmütterchen, die einzigen Pflanzen, die noch blühten. Ich wagte es nicht, in die Grube zu schauen. Es gibt wenige Gründe, ein Grab zu öffnen, meist kriminalistische. Ich war mir nicht sicher, ob Rossetti richtig handelte.

Ein neues Geräusch verkündete, dass man auf Holz gestoßen war.
Die beiden Helfer senkten die Leiter ins Grab, der Jüngere von ihnen stieg hinab, das Seil über den Schultern. Seine Stimme klang dumpf durch die Erdschichten. Wir hörten ihn hantieren. Als er wieder auftauchte, wirkte er blass, aber er gab seinem Kumpan das andere Seilende. Vorsichtig zogen sie den Sargdeckel nach oben. Sie standen sich gegenüber, ihre Köpfe vor Anstrengung rot. Schlingernd hob sich der Deckel aus der Tiefe, Erde auf dem Holz.

Ich wollte nicht hinschauen. Aber ich musste auf Rossetti aufpassen. Vielleicht wollte er in die Grube springen, wie damals. Ich nahm seinen Arm, wir zitterten beide, als wir näher traten, um nach unten zu schauen. Ich wollte nicht wissen, wie Lizzie aussah. Ich drückte mein Gesicht in den rauhen Stoff seines Mantels und wartete. Wartete. Nichts geschah. Er weinte nicht, er atmete nur etwas schneller. Dann befahl er dem Älteren der Helfer nach den Gedichten zu suchen. Ich wunderte mich, warum Rossetti von Suchen sprach. Es konnten doch eigentlich nur ein paar Knochen im Grab sein.

Mir tat der Helfer Leid. Ich stellte ihn mir vor, wie er den ersten Fuß auf die Leiter stellte, Schritt für Schritt dem Dunkel entgegen. Ich konnte nicht verstehen, wie man so etwas tun konnte. Er blieb länger unten als der Jüngere. Dann tauchte er mit einem Bündel Papier auf und übergab es wortlos Rossetti.

Kaum hatten wir den Friedhof verlassen, überkamen Rossetti die ersten Zweifel. Was würde geschehen, nachdem er Lizzies Ruhe gestört hatte? Auch ich begann mich leicht zu fürchten. Wir hatten sowieso schon genug Schuld auf uns geladen. Lizzies Vater hatte behauptet, sie wäre noch am Leben, wenn sie uns nie kennengelernt hätte. Vielleicht hatte er Recht. Doch eigentlich war es Deverell, der Lizzie entdeckt hatte, damals in jenem Modistenladen am Kingston Square.

Lizzie wurde unser Modell. Rossetti malte sie als Beatrice, Hunt als Lady of Shallott und ich als Ophelia. Wobei ich zugeben muss, dass dies die schlimmste Rolle war. Aber Lizzie schien es nichts auszumachen, tief unglücklich Liebende oder wahnsinnig gewordene Selbstmörderinnen darzustellen. Es war so eine Melancholie in ihr und obwohl sie groß war, wirkte sie überraschend zerbrechlich. Es wunderte mich nicht, dass sich Rossetti in sie verliebte.

"Was wirst du mit den Gedichten machen?" Ich hoffte, dass er sie mir später nicht vorlas. Rossetti hatte Lizzie auf eine so merkwürdig körperlose Art geliebt und ich bereute es lange, dass ich Lizzie nie von der nüssespuckenden Rothaarigen erzählte, die Rossetti mit ihrem drallen Leib becirct hatte.

Rossetti antwortete nicht. Vielleicht wollte er lieber allein sein. Wer weiß, was er gesehen hatte. Er tat mir leid, obwohl ich hasste, was er getan hatte. Er hatte Lizzies Grab geöffnet, um seinen Erfolg als Dichter zu retten. Man würde gerührt sein über die Kraft seiner Liebesworte, wie man traurig gewesen war über Lizzies Tod. Der Wind war kalt und ich freute mich, zu Hause an meinem Bild weiterzumalen, trotzdem lud ich Rossetti ein.

Wir betraten mein Atelier und diesmal belächelte mich Rossetti nicht, als er die vielen Reagenzgläser sah, in denen einzelne Pflanzen noch blühten, während draußen die Blätter abstarben. Er hatte sich schon an der Royal Academy über meine Detailliebe, meinen zu wissenschaftlichen Malstil lustig gemacht, aber immerhin hatte er mich nie "Child" genannt wie die anderen.
Ich kochte uns Tee, Rossetti streckte seine Beine auf dem Sofa aus und legte den Kopf in den Nacken: "Ich hätte sie nie heiraten dürfen, Everett, ich habe ihr nur Unglück gebracht."
"Lizzie war für die Ehe nicht geschaffen", versuchte ich ihn zu trösten. Ich wünschte, er hätte nur mit der Nüsseknackerin sein Bett geteilt. Lizzies erstes Kind war tot zur Welt gekommen.
"Lizzies Haare -." Rossetti setzte sich auf.
"Was war mit ihren Haaren?"
"Der ganze Sarg war voller Haare."
Lizzies Haar war nach ihrem Tod weiter gewachsen. Wie feingesponnenes Gold hatte es im Dunkeln geglitzert.

Vielleicht war es ihr Haar, das ihr zum Verhängnis geworden war, ihr hüftlanges, schweres, kastanienbraunes Haar, das uns fasziniert hatte, das wir alle ganz verrückt danach gewesen waren, sie zu malen. Ich fragte mich, ob es eine wissenschaftliche Erklärung gab für die rätselhafte Veränderung ihrer Haarfarbe nach ihrem Tod.
Und ich dachte über die vielen Modellstunden nach. Vielleicht hatte Lizzie das Sitzen für die Ophelia doch mehr geschadet, als wir zunächst glaubten. Ophelia, Shakespeares Selbstmörderin.

Im Herbst 1851 hatte Lizzie in einer Eisenwanne in Greenhouse-studio gelegen, das Glasdach über ihr laubübersät, so dass es von unten ganz gelb aussah. Lizzie war fasziniert gewesen vom Blätterregen, dem Wirbeln der Blätter in der kalten Luft, während sie im warmen Wasser lag. Sie vergaß, dass ich sie malte. Ihre Augen schwerlidrig, halb geschlossen, ihr langes Haar über den Stickereien des Kostüms schwimmend. Oh, sie war Ophelia, treibend im Fluss, unter Weidenzweigen, der Mund leicht geöffnet, Blüten in ihren Händen.

Immer wenn ich später über Lizzies Tod nachdachte, sah ich sie im Wasser baden und das war mir lieber, als sie in ihrem Bett zu sehen, wo sie tatsächlich gestorben war, unter verschwitzten Laken zögerlich und qualvoll. Rossetti hatte sie bewusstlos abends im Bett gefunden, wo sie sich seit ihrer zweiten Schwangerschaft meist aufgehalten hatte, kränklich, deprimiert, schlaflos. Diesmal hatte sie vom Laudanum zu viel genommen und der Arzt hatte nichts mehr für sie tun können. Er sprach von einem "versehentlichen Tod".

Oh Lizzie, sie war an jenem Herbsttag 1851 im kalten Wasser aufgewacht, die Lampen unter der Wanne erloschen, die Haut aufgedunsen, sie hatte gebadet ohne später zu duften. Auf dem Brokatstoff klebten die Wasserlinsen und in ihrem Haar hing eine verlorene Nelke. Was hatte ich ihr angetan. Ich hatte während des Malens die Kerzen vergessen. Tapfere, geduldige Lizzie. Sie hatte mir den Rücken zugedreht, so dass ich die Knöpfe an ihrem Kleid lösen konnte. Allein konnte sie sich nicht von dem schweren, nassen Stoff befreien. Ich fühlte, wie sie zitterte, ihre Nase lief. Sie wollte keinen heißen Tee, keine Decken, kein Aufwärmen vor dem Kamin. Mir schien, dass sie sich vor mir mehr fürchtete, als vor ihrem Vater. Mit nassen Haaren war sie in die Kälte geeilt, dunkle Wasserflecken auf ihrem Mantel.

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