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Januar 2003
Der Sturm
von Silvia Both


Ein Schatten huschte am Strand entlang. Es war dunkel, der Vollmond verbarg sich hinter gewaltigen schwarzen Wolken, die der Sturm vor sich hertrieb. Mit aller Kraft stemmte sich Ida gegen den starken Wind. Auf dem nassen Sandstreifen dicht am Meer lief es sich leichter, doch ängstlich schaute sie sich immer wieder um, ob ihr jemand aus dem Dorf folgte. Ida zog das grobe Wolltuch noch fester um sich. Durch ihre weit fortgeschrittene Schwangerschaft im Laufen behindert stapfte sie weiter.
Die Wassermassen vor ihr brüllten sie an: Was tust du hier? Geh zurück, geh! Riesige Wellen überschlugen sich krachend, ihre Ausläufer leckten gierig an Idas Füßen.
Gnade Gott den armen Seeleuten, die bei diesem Unwetter unterwegs darauf hofften, doch noch den schützenden Seehafen zu erreichen. Die jubelten, sobald sie die dicht über dem Wasser tanzenden Lichter an Land erblickten und mit letzten Kräften darauf zuhielten. Nur weg vom Blanken Hans, wie die Nordsee genannt wurde, weg von den zürnenden Wassergeistern. Schon wähnten sie sich in der warmen Hafenkneipe, den dampfenden Grog vor sich, ein Mädchen im Arm.
Ach Ole, wann hatte er sie zuletzt umarmt, sie vermisste ihn so.
Ida vernahm ein lautes Krachen als das Schiff auf die Sandbank prallte und nach Backbord kippte. Sie hastete keuchend weiter. Hoffentlich kam sie nicht zu spät. Da! Ein Bersten und Knirschen. Hilferufe, die schnell verstummten. Oh Gott!
Jetzt konnte sie nicht mehr, ihr Bauch spannte, das Kind strampelte und drückte. Sie versuchte, in der Dunkelheit vor sich etwas zu erkennen.
Worauf hatte sie sich eingelassen? Warum war sie nicht in ihrem Schlafalkoven geblieben, hungrig zwar aber warm. Dieser Hunger! Sie hungerte für zwei.
Plötzlich rissen die Wolken auf. Heller Mondschein beschien einen an Land gespülten Männerkörper. Zu ihrem Entsetzen erhob er sich, taumelte auf sie zu.
War das nicht ...? Das war doch Ole, ihr Mann Ole? Sie sagten, er sei beim Fischfang ertrunken. Sie blieb stehen wie gelähmt. Der Seemann kam näher.
Er starrte sie an, das Gesicht vor Erschöpfung verzerrt. Wollte nach ihr greifen, berührte ihre Schulter und fiel in den Sand. Sie versuchte ihn aufzuheben, zerrte an seiner durchnässten Kleidung.
Vom Strand her näherte sich ein breitschultriger Schatten, der drohend einen Knüppel schwenkte.
Jemand riss sie zurück. „Ida, weg von hier!“ schrie eine Frauenstimme. Kaum übertönte sie das Tosen um sie herum. Sie hätte sich denken können, dass ihre Großmutter Nonni ihr gefolgt war.
Wie vom Teufel gehetzt liefen sie zu den Dünen so schnell sie konnten.
„Es war Ole, Großmutter.“ Ida sank auf den kalten, feuchten Sand, atemlos. Wenigstens hier war etwas Schutz vor den Windböen.
„Quatsch doch nicht, Enkelin. Ole würde sich doch nicht zwischen den Sandbänken verfahren und den Strandräubern in die Hände fallen. Das war kein Einheimischer! Vielleicht ein Däne oder ein Schwede.“
Natürlich hatte sie recht.
Nur wer sich nicht auskannte fiel auf die trügerischen Lichter der Strandräuber herein. Heute war es wieder soweit. Besser, sie ließen sich nicht blicken und störten die Leute nicht bei ihrer finsteren Arbeit. Mit etwas Glück blieb einiges übrig, was von der See an Land gespült wurde. Oder was man den toten Seeleuten abnehmen konnte bevor der Deichvogt Wind davon bekam. Denn das Strandgut stand ihm zu. Und dem Herzog. Aber der lebte weit entfernt von den Inseln.
„Außerdem ist dein Mann tot. Wenn er noch leben würde, müssten wir uns nicht nachts zu den Gesetzlosen schleichen.“ Die alte Frau mit den ausgemergelten Gesichtszügen presste die Lippen aufeinander.
Ida widersprach: „Das stimmt nicht. Die Heringsschwärme sind dies Jahr schon wieder ausgeblieben. Alle im Dorf hungern, auch die Fischer. Gestern ist Elisabeths Kleine gestorben. Sie war noch nicht ein Jahr alt.“ Beide Hände legte sie auf ihren Bauch.
Gegen alle Vernunft würde sie sich weiter nach ihrem Mann sehnen.
„Vielleicht ist Ole nur woanders an Land gespült worden. In Friesland!“
Nonni schüttelte nur den Kopf. „Kind, es ist schon fünf Monate her, seit sein Boot untergegangen ist.“
In der Kirche hing bereits die Gedenktafel neben den vielen ähnlichen. Für Ole Dekker, der im Meer geblieben ist. RIP Möge er in Frieden ruhen! Idas Bruder hatte die Tafel beschriftet.
Die beiden Frauen lauschten auf die vom Sturm verzerrten Geräusche, auf die Rufe der Strandpiraten, die sich langsam von ihnen entfernten. Zurück zu ihren Hütten am berüchtigten Südrand der Insel.
Letzten Sonntag hatte Pater Bartholomäus in der kleinen Inselkirche gegen „diese Verdammten“ gepredigt und sie dabei alle scharf angesehen. Aber er war nicht bei der Sache gewesen. Denn gleich darauf hieß es: „Und hütet euch besonders vor den Irrlehren dieses Ketzers Martinus Luther. Er greift unsere heilige katholische Kirche an. Beelzebub persönlich hat ihm eingeflüstert, die Heilige Schrift in die niedere Volkssprache zu übertragen. Wer dieses Teufelswerk liest, wird bald genau wie er im Fegefeuer schmoren.“
Ida ertappte sich bei dem Gedanken, dass sie die Bibel gerne auf deutsch lesen würde. Sie konnte lesen. Ihr Bruder hatte es ihr gezeigt.
Nonni stieß sie in die Seite. Gemeinsam halfen sie sich auf die Beine. Der Sturm hatte nachgelassen, Licht sickerte durch die Wolkenfetzen. Ida sah viele Bretter und Planken am Strand verstreut. Dazwischen reglose Körper. Nonni zerrte sie zu dem Mann, den sie für Ole gehalten hatte. Mit eingeschlagenem Schädel lag er da. Ihr schauderte. Nein, es war nicht ihr Mann. Der hier war doch viel älter. Aber ähnlich sah er ihm.
„Hilf mir mal, Ida.“ Widerwillig packte sie mit an.
Der Tote trug ein noch brauchbares Hemd, alles andere war schon weg. Im Sand fand sie eine Pfeife. Dann stolperte sie über eine Seekiste, die die anderen übersehen hatten. Ein Glückstag. Mit der Kiste in ihrer Mitte traten sie den Rückweg an. Der Wind legte sich. Es dämmerte, als sie im Dorf eintrafen. Die schweren Wolken hatten sich verzogen. Still war es hier. Friedlich. Noch schliefen alle.
Schnell verschwanden sie in Nonnis Kate. Was mochte in der Kiste sein? Ida war todmüde. Ihr Bauch spannte. Ihr war schwindelig vor Hunger. Was für eine Nacht! Nonni nahm den Feuerhaken vom Kamin. Ida setzte ihn an, aber die Kiste war gut verschlossen. Wieder und wieder. Fast wollte sie schon aufgeben, da gab der Deckel nach.
„Ida!“ Die alte Frau kicherte vor Überraschung. Gute Kleidung. Hemden mit feinen Spitzen. Eine Jacke aus festem Wollstoff. Messinginstrumente. Durchweichte Seekarten. Eine Bibel! Und das Beste: Ein Lederbeutel mit acht silbernen Münzen. Ida und Nonni lachten, umarmten sich. „Wieviel Essen wir dafür bekommen!“
Plötzlich spürte Ida einen heftigen Schmerz im Unterleib und warme Flüssigkeit zwischen den Beinen. Das Kind wollte kommen. Seine Geburt fiel in eine stürmische Zeit.

Silvia Both

Letzte Aktualisierung: 00.00.0000 - 00.00 Uhr
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