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Januar 2003
Johannes
von Renate Hupfeld



Lautes Geplapper und helles Kinderlachen. Nach einem Winter mit Schnee und Frost bis in den Mai weht heute milde Frühlingsluft durch die Tür herein. Die Familie sitzt um den großen Holztisch herum. In der Mitte eine Schüssel Getreidebrei. Jeder schiebt mit dem Löffel seinen Anteil zu sich heran. Vater Hans Veltmann den größten. Die Kleinen beeilen sich, damit sie auch genug bekommen. Peter, der Jüngste, sitzt auf Margreths Schoß. Er hat ein Stück Brot in der Hand und kriegt von der Mutter ab und zu einen Löffel in den Mund geschoben. Gänse laufen herum und versuchen herunterfallende Brocken zu erhaschen.

Zwei Männer kommen den Berg herauf. Als Margreth sie zwischen den Feldern sieht, springt sie auf und setzt den kleinen Peter ihrer ältesten Tochter Magdalene auf den Schoß. Blitzschnell flüchtet sie auf den Heuboden. Zitternd vor Angst versteckt sie sich im Heu. Sie hat Grund genug dazu. Vor zwei Monaten hatte Faustens Anna beim Prozess in Waidingen in der peinlichen Befragung angegeben, sie sei zusammen mit ihr beim Hexentanz gewesen. Bis zu ihrem Tod auf dem Scheiterhaufen hatte sie diese Aussage nicht zurückgenommen. Seitdem wird Margreth von den Leuten im Dorf argwöhnisch beobachtet.

Es ist der Dorfbüttel mit dem Wirt. „Wir haben Anweisung deine Frau Margreth zum Schloss in Wehrstadt zu bringen. Sie ist verdächtig, dem Brückenschmied und dem Schultheißen das Vieh verzaubert zu haben. Das Hofgericht erwartet sie.“

Der Büttel schiebt Hans beiseite, geht zur Leiter und steigt auf den Heuboden. Er weiß, wo er suchen muss. Peter schreit laut, als die Mutter nach draußen gestoßen wird. Die beiden Männer führen sie über die Felder und durch das Stadttor zum Schloss. Noch lange hört sie Peter weinen. Auch ihr laufen Tränen über das Gesicht. Sie stolpert, fast stürzt sie. Das hat nichts Gutes zu bedeuten. Faustens Anna hat ihr nie verziehen, dass sie vor Jahren deren Gänse von ihrer eigenen Wiese vertrieben hat. Dabei hatte sich eine am Bein verletzt und war verendet.

*

Die Winterkälte hat die Mauern des Pfarrhauses immer noch nicht ganz verlassen. Dorothea hat die Dienstmagd angewiesen, den Kachelofen anzuheizen. Er verbreitet eine wohlige Wärme in Stube und Arbeitszimmer. Johannes will seine Predigt für Sonntag vorbereiten. Er sitzt an seinem Schreibtisch aus dunklem Holz und schaut auf den Marktplatz. Rechts die Kirche. Gegenüber das Schloss.

Zwei Jahre ist es jetzt schon her, seit der Graf ihn nach Wehrstadt holte, um den Menschen in der Stadt die reformierte Lehre zu predigen. So schwierig hatte er sich die Arbeit als Pfarrer in dieser Stadt nicht vorgestellt. Lange Winter, kalte, verregnete Sommer, Missernten, Viehsterben und die Pestseuche machen den Menschen das Leben schwer. Wo ist der barmherzige Gott, fragen sie sich. Und heute fällt es ihm besonders schwer, seine Gedanken zu ordnen. Seitdem ihn die Nachricht von der Verbrennung dreier Hexen im nahegelegenen Waidingen erreicht hat, schläft er kaum eine Nacht. Im Traum sieht er Bilder aus seiner Heimatstadt.

Er war noch ein Kind. Dichtes Gedränge auf dem Marktplatz. Eine junge Frau mit zerzausten Haaren, festgebunden auf einem Karren. „Hexe mit ihrer Teufelsbrut“, gröhlen die Leute. „Brennen muss sie.“ Als der Karren ganz nah an ihm vorbei holpert, sieht Johannes, dass sie schwanger ist. Mit unermesslicher Trauer im Gesicht blickt die Frau ihn an.

Wie kommt es, dass die Menschen derartige Grausamkeiten einander antun, denkt Johannes. Nirgendwo in der Bibel steht das. Und in diesem Buch kennt er sich aus, wie kaum jemand. Tut Ehre jedermann, habt die Brüder lieb, fürchtet Gott, ehret den König. Diese Bibelstelle aus dem zweiten Buch Petrus liegt aufgeschlagen vor ihm. Daneben ein Gesetzbuch, „Peinliche Halsgerichtsordnung von 1532“.

Hört nicht auf die Verleumdungen und die Lügen. Es gibt Menschen, die wollen ihren Mitmenschen schaden mit üblem Gerede und falschen Anschuldigungen. Verurteilt niemanden zu Unrecht. Du sollst kein falsches Zeugnis geben, spricht der Herr. Glaubt nicht alles, was die anderen über jemanden erzählen. Guckt euren Nächsten an. Ihr werdet sehen, er ist wie ihr. Im Gesicht des anderen findet ihr die Wahrheit und nicht in den bösen Worten mancher Lügner. Manche haben nichts anderes im Sinn, als den Sonnenschein zu verdunkeln. Sie sollen daran denken, dass sie dabei auch sich selbst das Licht wegnehmen.

Dorothea holt Johannes aus seinen Gedanken. Agnes hat das Abendessen vorbereitet. Bei Tisch erzählt Dorothea von ihrer Arbeit im Pfarrgarten. Bei dem schönen Frühlingswetter hat sie zusammen mit der Magd die Erde gelockert. Bald können sie mit der Aussaat beginnen.

*

Der Dorfbüttel schiebt Margreth in einen großen Raum, geht zu den Männern des Hofgerichts und erstattet Bericht. Die farbigen Butzenscheiben lassen nur wenig Licht herein. Vier Gerichtsmänner sitzen auf einem Podest. Starre Mienen. Margreth steht vor ihnen und fühlt eiskalte Blicke. Sie weiß nicht, ob ihre Beine sie halten. Ihr wird schwindlig. Die Fragen des Hofmeisters erreichen sie wie durch eine dicke Nebelwand.

„Margreth, Hans Veltmanns Frau, geboren in Waidingen vor dreiunddreißig Jahren. Warum hast du dich auf dem Heuboden versteckt, als der Dorfbüttel und der Wirt kamen dich abzuholen?“

„Wollte Futter für das Vieh holen.“

„Kanntest du Anna, Fritz Faustens Frau aus Waidingen?“

„Hab sie früher gekannt.“

„Wie erklärst du dir, dass diese Hexe bis zu ihrem Tod behauptete, ihr wärt zusammen beim Hexentanz gewesen?“

„War ich nicht.“

„Du sollst vor zwei Jahren das Pferd vom Brückenschmied verzaubert haben, dass es rasend geworden und über die halbe Stalltür gesprungen ist.“

„Kann nicht zaubern.“

„Warum bist du letzten Sommer dem Kuhhirten jeden Morgen zwischen das Vieh gelaufen?“

„Musste die Gänse einfangen.“

„Und warum ist jedes Mal eine von den Kühen des Schulheißen verendet hinterher auf der Wiese?“

„Weiß nicht.“

„Stimmt es, dass du deiner Tochter Magdalene das Zaubern beigebracht hast?“

„Stimmt nicht.“

„Warum hast du dann zu ihr im Feld beim Regen gesagt, wenn du gewusst hättest, wie man mit den Zauberischen umgeht, würde sie das Zaubern nie von dir gelernt haben? Der Sauhirt hat’s gehört.“

„Weiß nichts. Er lügt.“

„Warum hast du geantwortet, wenn es so sein solle, wäre es schon genug mit mir gewesen?“

„Weiß nichts.“

„Euch soll schon noch was einfallen.“

Er winkt den Dorfbüttel und den Wirt herbei.

„Werft sie in den Turm.“

*

Der Mond scheint in die Kammer. Dorothea sitzt im Bett und schaut zu ihrem Mann hinüber.

„Johannes, kannst du nicht schlafen?“

„Ich denke die ganze Zeit an die Frau aus Steinhausen, die sie heute in den Turm gebracht haben.“

„Ja, eine Zauberische, sagen sie auf dem Marktplatz. Hat das Vieh vom Brückenschmied und vom Schultheißen tot gezaubert.“

„Ich war bei ihr in dem kalten Gewölbe und hab mit ihr geredet. Du kannst dir das nicht vorstellen. Die arme Frau ist angekettet an Händen und Füßen. Kann sich nicht wehren gegen Mäuse und Ungeziefer. Und ein Gestank. Dabei ist sie unschuldig. Die Anna Faust habe Zorn auf sie gehabt wegen der Gänse, sagt sie. Außerdem hatte ihr Mann einen Streit mit dem Schultheißen.“

„Wie willst du das ändern? Du hast keine Macht gegen die Obrigkeit.“

„Fünf Kinder weinen nach ihr und die ganze Familie wird ins Unglück gestürzt.“

„Aber sie soll beim Hexentanz gewesen sein und so viel Regen gemacht haben, dass das Korn im Boden verfault ist.“

„Ein Unsinn ist das. Kein Mensch kann durch die Luft fliegen. Auch nicht zum Hexentanz. Und kein Mensch kann Regen machen und Vieh tot zaubern. Das Vieh ist krank geworden, Gott weiß warum.“

„Sie haben aber doch schon so viele Hexen verbrannt, die Unwetter, kalte Winde und Schnee bis ins Frühjahr gezaubert haben. Schlimme Krankheiten, Misswuchs auf den Feldern und viel Böses sollen sie über die Menschen gebracht haben. Die hohen Herren von der Obrigkeit können doch nicht im Unrecht sein.“

„Aberglauben. Kein Mensch kann Wetter machen, Weib. Blitz, Sturm, Hagel, Krankheiten, alles kommt von Gott.“

„Sie sagen, die Zauberischen hätten sich von Gott abgewandt und einen Pakt mit dem Teufel geschlossen. Jetzt brächten sie im Bund mit dem Teufel all das Unglück.“

„Die Leute sollen Gott vertrauen und zu Gott beten, immer wieder. Wer sich von Gott abgewandt hat, muss bekehrt und auf den richtigen Weg geführt werden. Das gilt auch für Zauberer. Kein Mensch hat das Recht, einen anderen Menschen zu quälen und ihm das Leben zu nehmen. Die das tun, sind selber des Teufels.“

„Sprich leise, Johannes. Agnes liegt in der Kammer nebenan. Wenn sie am Brunnen beim Wasser holen darüber spricht. Sie tuscheln jetzt schon hinter meinem Rücken. Unser Herr Pfarrer ist mit den Zauberischen, sagen die Leute.“

„Ach Dorothea, ich bin das gewöhnt. Denk daran, der Graf hat mich eigens nach Wehrstadt geholt, weil er eine hohe Meinung von mir hat. Nun lass uns schlafen.“

*

Still ist es im Haus von Bauer Veltmann. Selbst das Schnattern der Gänse auf dem Hof scheint leiser zu sein, als vor drei Wochen. Pfarrer Johannes ist den langen Weg durch die Felder von Wehrstadt nach Steinhausen gelaufen. Nun sitzt er Hans Veltmann gegenüber. Der kann sein Unglück nicht fassen.

„Ja, Herr Pfarrer, wer hätte das gedacht? Wie lange sitzt Margreth jetzt schon gefesselt in dem kalten, dunklen Gewölbe? Ich mag gar nicht daran denken, wie es um sie steht. Sie wird doch auch immer schwächer. Wann soll sie denn beim Hexentanz gewesen sein? Sie war immer hier, mit mir und den Kindern. Die Kinder weinen oft nach ihr und haben Hunger. Das Vieh will versorgt und gehütet sein. Wie soll ich das Korn in die Erde kriegen?“

Maria, Georg und Anton sitzen auf der Bank und drücken sich eng aneinander. Maria hält Peter im Arm. Sie schauen den Pfarrer mit großen Augen an.

„Vor zwei Tagen war ich mit allen Kindern zusammen im Schloss in Wehrstadt. Hab beim Hofmeister vorgesprochen und ihm das alles gesagt.“

„Hast du Hoffnung geschöpft?“

„Hoffnung? Margreth sei höchst verdächtig, es gebe genügend Zeugenaussagen gegen sie. Und du, Veltmann, hat er zu mir gesagt, bist selbst in ihrem Zauberbann. Und was sei mit der Ältesten? Habe wohl von der Mutter das Zaubern gelernt.“

„Wo ist Magdalene eigentlich? Ich hab sie noch gar nicht gesehen.“

„Das ist auch so eine Sache, Herr Pfarrer. Mein Bruder hat sie gestern zu Verwandten nach Frankfurt gebracht. Wer weiß, was sonst noch mit ihr würde. Jetzt hab ich noch weniger Hilfe in Haus, Stall und Feld. Und Gerede wird es auch wieder geben. Ich weiß nicht mehr weiter. Was soll aus uns nur werden?“

Dicke Tränen kullern über die Wangen des Mannes. Johannes weiß nicht, wie er den armen Menschen helfen soll. Wo er hinschaut in diesem Haus, sieht er verzweifelte Gesichter. Was soll er tun?

„Sie konnten deiner Frau nichts nachweisen. Ich bin auch der Meinung, dass Margreth unschuldig ist. Und wenn das so ist, muss sie freigelassen werden. Ich werde mich dafür einsetzen, dass alles mit Gottes Hilfe zu einem guten Ende kommt. Mit allen Kräften. Aber bis dahin musst du stark sein, lieber Veltmann. Es ist eine schwere Zeit für dich und deine Kinder. Gib die Hoffnung nicht auf. Und vor allem, verlier nicht den Glauben an die Güte des obersten Herrn im Himmel. Denk daran, dies ist Menschenwerk und nicht Gotteswerk. Vertraue auf Gott und bete jeden Tag inbrünstig. Auch mit deinen Kindern.“

Auf dem langen Fußweg zurück in die Stadt nimmt Johannes sich vor, beim Grafen in Wehrstadt vorzusprechen und die Freilassung von Margret Veltmann zu erbitten.

*

Der Pfarrer ist in die Folterkammer des Schlosses geladen. Vor fast acht Wochen war Margreth in den Turm gebracht worden. Beim Grafen konnte Johannes nicht vorsprechen, weil der für längere Zeit auf Reisen ist. Es tut ihm weh zu sehen, wie Margreth von zwei Männern hereingebracht wird. Ein Bild des Jammers. Sie kann kaum noch gehen. Am ganzen Körper zitternd steht sie in dem dunklen Gemäuer. Ihr flehentlicher Blick trifft Johannes ins Mark.

Scharfrichter Stefan Herd ist aus Waidingen gekommen, um ihr die Folterinstrumente vorzuzeigen und sie zu einem Geständnis zu bewegen. Er gilt als besonders tüchtig in seinem Fach. Man sagt, einige Hexen hätten nach seiner Vorführung noch am gleichen Tag selbst ihrem Leben ein Ende gesetzt.

„Je eher du geständig bist, desto besser“, fährt Scharfrichter Herd sie an. „Ansonsten....guck dir an, was dich erwartet“.

Ein Folterknecht holt zwei gebogene Eisenplatten mit Löchern und Schrauben.

„Dieses Eisen wird an dein Bein gelegt und so fest geschraubt, wie du es dir nicht vorstellen kannst. Der Teufel wird dir nicht helfen. Besser, du bist geständig. Wenn nicht, guck dir das hier an.“

Die Knechte führen Margreth zu einem Seil, das an einem Flaschenzug unter der Decke befestigt ist.

„Daran wirst du hochgezogen. Hände auf dem Rücken zusammengebunden. So.“

Zwei Folterknechte reißen ihr die Arme auf den Rücken. Sie schreit laut auf. Die Worte des Scharfrichters hämmern in ihren Ohren.

„Und natürlich ohne Kleider, versteht sich. Du wirst so lange hochgezogen, bis deine Schultern auskugeln.“

Sie sackt in sich zusammen.

„Und wenn du dann immer noch nicht geständig bist, kannst du dir ja denken, was passiert. Du wirst du noch mal hoch gezogen. So oft, bis du gestehst, dass du eine Hexe bist. Also, überleg es dir gut. Die ganze Wahrheit muss ans Licht. Und sie kommt ans Licht.“

Auf einem Karren wird Margreth in den Turm zurück gebracht. Johannes fürchtet das Schlimmste. Wie lange kann die gequälte Frau diese Tortur noch durchhalten? Er sieht seine Möglichkeiten der Hilfe schwinden. Der Graf auf Reisen und sein Stellvertreter oberster Richter des Hofgerichts. Muss er hilflos zusehen, wie diese unschuldige Frau vollends zu Grunde gerichtet wird?

Von der Kanzel die Botschaft Gottes verkünden, denkt er. Immerhin geben die Menschen doch vor, Gott sei ihr oberster Herr. Dann müssen sie auch auf ihn hören. Auf das Wort Gottes müssen die Menschen sich besinnen. Beten sollen sie und ihre Arbeit gottgefällig tun. Er muss ihnen ins Gewissen reden. Ihnen sagen, was beim jüngsten Gericht auf sie wartet, wenn sie sich derart versündigen.

Gerechtigkeit, ihr klugen Richter? Kein einzelner Mensch ist schuldig an den Missernten und Krankheiten der vergangenen Jahre. Alles kommt von Gott. Und so wird es schon seinen Sinn haben. Rachsucht, Neid und Aberglauben, ihr Menschen in Stadt und Land? Das kann nichts Gutes bringen. Mein ist die Rache, spricht der Herr. Denkt daran, es kann euch auch selbst treffen.

*

Nachdem gestern das Vorzeigen der Folterinstrumente durch Scharfrichter Stefan Herd und seine Folterknechte kein Geständnis gebracht hatte, wird Margreth Veltmann heute peinlich befragt. Seit Stunden sind in der ganzen Stadt die anhaltenden Schreie aus der Folterkammer zu hören. Niemanden in Wehrstadt lässt das unberührt. Eine Menge Männer, Frauen und Kinder haben sich vor dem Schloss versammelt. Es wird heftig geredet und diskutiert. Die einen sagen, man solle die Frau freigeben. Wenn sie nicht geständig sei, sei sie wohl unschuldig. Die anderen meinen, der Teufel helfe ihr, ohne Geständnis diese Schmerzen auszuhalten. Sie wollen die Frau brennen sehen und rufen immer wieder „Hexe, Hexe, brennt sie!“

Johannes läuft in seinem Arbeitszimmer auf und ab. Dorothea kommt herein und setzt sich auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch.

„Ich sehe, wie du dich quälst.“

„Dorothea, es ist Unrecht, was da geschieht. Sie martern eine unschuldige Frau auf das Härteste und zerstören nicht nur ihr Leben, sondern auch das ihres Mannes und ihrer Kinder. Es ist Teufelswerk, was sie da tun. Ich muss hinüber zum Schloss.“

„Das kannst du nicht tun. Du kannst nichts ausrichten. Das Hofgericht wird wissen, was es tut. Wer weiß, was sie mit uns machen, wenn du dich in Angelegenheiten der Obrigkeit einmischst. Und im übrigen. Was willst du eigentlich tun?“

„Weißt du, Dorothea, seit meiner Kindheit verfolgt mich der Blick der Frau, die damals auf einem Karren zum Scheiterhaufen gefahren wurde. Es war wie ein Jahrmarkt. So wie jetzt hier auf unserem Marktplatz. Die Frau war hochschwanger. Das Kind sei aus einer Buhlschaft mit dem Teufel hervorgegangen, sagten die Leute. Deshalb müsse es gleich mit verbrennen. Sie hat mich angeschaut, Dorothea, mit gebrochenem Blick. Ich weiß nicht, wie oft sie mir im Traum wieder begegnet ist. Immer wieder hab ich dieses Bild vor mir. Die Frau und das ungeborene Kind im Feuer.“

„Johannes, es ist schrecklich, was du erzählst. Aber vielleicht war sie wirklich eine Hexe und das Kind vom Teufel. Ich bin auch schwanger. Denk an uns und an unser Kind. Bring uns nicht ins Unglück. Es wird schon genug geredet über uns in der Stadt. Ich habe Angst.“

„Ich kann nicht anders.“

„Du hast schon viel zu viel getan. Überall in der Stadt hört man es. Unser Pfarrer ist ein Hexenadvokat. Es ist Wahnsinn. Sie werden dich als Aufrührer ansehen und dich auch anklagen. Meinst du, ich will dich brennen sehen?“

Sie weint.

Als eine Gruppe von Männern, Frauen und Kindern mit lautem Geschrei auf das Pfarrhaus zustürmt und ein heftiges Klopfen an der Tür zu hören ist, bedarf es nicht mehr vieler Worte. Mit Riesenschritten eilt Johannes zum Schloss und verschafft sich Einlass zur Folterkammer. Vergeblich versuchen die Richter ihn fernzuhalten. So haben sie den sonst so ruhigen Mann noch nie erlebt.

„Ihr Richter, lasst die Frau frei. Ihr habt nicht das Recht sie länger zu quälen.“

Die Folterknechte lassen ab von der wimmernden Frau. Der Hofmeister geht auf Johannes zu und hindert ihn am Weitergehen.

„Wie kommt Ihr dazu Euch derart ungebührlich hier Einlass zu verschaffen? Wir halten uns an das Gesetz. Und im Namen unseres gräflichen Herrn müssen wir diese Frau zum Geständnis bringen. Sie hat einen Pakt mit dem Teufel. Wir müssen unser Land schützen vor all dem Schaden, den diese Zauberer über uns bringen.“

„Wo sind Eure Beweise? Ihr stützt eure Anklage auf Gerüchte und Gerede. Ich habe mit dieser Frau gesprochen. Sie führt ein gottgefälliges Leben. Nichts deutet darauf hin, dass sie sich dem Teufel zugewandt und mit dem Viehsterben etwas zu tun hat. Gott spricht, du sollst falscher Anklage nicht glauben.“

„Das Gericht muss jede Verdächtigung verfolgen, um dieses Hexengeschmeiß aufzuspüren.“

„Aber nicht mit Marter und Pein. Nirgendwo in der Bibel steht das. Oft beschuldigen die wahren Missetäter unschuldige Leute, um ihnen Schaden zuzufügen. Diese Bekenntnisse sind nichts wert.“

„Deshalb brauchen wir die peinliche Befragung, um genau zu forschen, ob die Frau eine Zauberin ist.“

„Ich sage Euch, lasst diese Frau frei. Nach all den Wochen der Marter und Pein ist sie verwirrt, aber nicht des Teufels.“

„Ich warne Euch, Pfarrer, hört auf. Es ist ein Frevel, was aus Eurem Munde kommt. Wenn das unser gräflicher Herr erfährt. Ihr redet euch um Kopf und Kragen.“

„Dies ist keine Angelegenheit der weltlichen Obrigkeit, sondern unseres obersten Herrn. Gott ist barmherzig und gerecht. Er duldet nicht, dass ein Gericht Unschuldige gefangen nimmt und Leid und Unehre über sie und ihre Familie bringt. Ihr versündigt Euch und überlasst dem Satan das Feld.“

Einen Moment ist es still in dem dunklen Raum.

„Am Ende seid Ihr selbst Werkzeug des Teufels“, fährt Johannes in scharfem Ton fort, „eines Tages müsst Ihr Euch vor Gott wegen Missbrauch eures Amtes verantworten. Und Ihr, Folterknechte, solltet Eure Marterwerkzeuge erst am eigenen Leib ausprobieren. Auch Ihr werdet zur Rechenschaft gezogen werden.“

Unsicherheit spiegelt sich in den Gesichtern der Männer des Hofgerichts und der Folterknechte. Der Hofmeister ergreift das Wort.

„Ihr macht uns Angst. Wie kann ein Richter seine Arbeit tun, wenn der Pfarrer ihn des Satanswerkes verdächtigt? Worte wie Eure sind mir noch nicht in die Ohren gekommen. Soll der gräfliche Herr nach seiner Rückkehr die Sache entscheiden.“

*

Margreth liegt teilnahmslos auf dem Karren, mit dem ihr Mann sie über die Felder zu ihrem Haus bringt. Trotz der Strohunterlage und Tücher ist für sie die Strecke durch den holprigen Feldweg eine weitere Tortur. Durch die Gefangenhaltung im Turm und die Folterungen ist sie so schwer verletzt, dass Hans noch nicht mit ihr reden konnte. Ein Papier wurde ihm mitgegeben, worauf ihm mitgeteilt wird, was er für diesen Prozess zu zahlen hat. Für Zeugen, den Wirt aus Steinhausen bei Gefangennahme, den Bewacher im Turm, den Scharfrichter und den Nachrichter aus Waidingen, für Fütterung dessen Pferdes und für vier Maß Wein bei peinlicher Befragung schuldet Hans Veltmann der Stadt Wehrstadt für die gerichtlichen Dienste neunzehn Gulden, neunundvierzig Albus und zwei Pfennige.

Diese Geschichte soll erinnern an Anton Praetorius, geboren 1560 in Lippstadt, gestorben 1613 in Laudenbach, Kämpfer gegen Hexenprozesse und Folter.


©Renate Hupfeld 01/2003





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