Burgturm im Nebel
Burgturm im Nebel
"Was mögen sich im Laufe der Jahrhunderte hier schon für Geschichten abgespielt haben?" Nun, wir beantworten Ihnen diese Frage. In diesem Buch.
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Januar 2003
Träumerei
von Anne Zeisig


St. Goarshausen, Ende Juli 1857

Verehrtes Fräulein Henriette,

Bereits vor zwei Jahren in Bad Ems hatte ich Ihre liebreizende Gestalt bewundert. Wenngleich ich Ihnen unbekannt bin, so trafen sich unsere Augen auch wieder in London. Wir lauschten den Klängen Clara Schumanns. Bevor ich meinen Mut finden konnte, Worte der Werbung und Wertschätzung an Sie zu richten, verschlug es mich an den Rhein. So erlaube ich mir, Ihnen diese Einladung zukommen zu lassen. Mögen Sie in St. Goarshausen gar Rast und Erquickung finden. So soll auch meine Gegenwart Ihnen dienlich sein. Ich logiere im `Adler´ und denke, dieses Haus ist auch entsprechend Ihres Standes.
Meine Sehnsucht ist eines der wonnigsten Gefühle für mich ... und ich werde den Mut finden, mich Ihnen zu offenbaren ...

. . .

Base Viktoria, eine etwas sauertöpfische, aber ideale Anstandsdame begleitete die junge Henriette nach St. Goarshausen. War doch das junge Fräulein eine reisefreudige Person und Verehrerin Clara Schumanns. Viktoria allerdings hatte das Konzert im Juli 1855 im Kursaal von Bad Ems nicht zugesagt, aber der Auftritt von Jenny Lind, auch schwedische Nachtigall genannt, entschädigte sie. Und kürzlich London war auch ein Gräuel. Diese Engländer mit ihren ungenießbaren Sandwiches zum Tee. Viktoria hoffte, dass diese Reise an den Rhein wenigstens ein Trost für das Erlittene sein könne.
Henriette fiel nach der Ankunft in St. Goarshausen überschwänglich auf das Bett und schwärmte, dass der `Adler´ wohl wirklich das erste Haus des nassauischen Amtsstädtchens sei und mutmaßte unbekümmert und neugierig, wer wohl ihr heimlicher Verehrer sei.
Viktoria stattdessen begab sich zum Auskundschaften in die Gaststube. Sie hielt wenig davon, dem Zufall ausgeliefert zu sein, deshalb brachte sie in Erfahrung, welche Gäste sich einquartiert hatten. Mit geröteten Wangen kehrte sie zurück. Ein Umstand, der Henriette amüsierte, weil die Base sehr viel Wert darauf legte, keine Gemütsregungen preiszugeben. Es habe sich eine illustre Gesellschaft einquartiert, berichtete die Base. Johannes Brahms sei auf Sommerfrische da, ebenso der Geiger Julius Grimm, zudem Clara Schumann in Begleitung ihrer jüngsten Kinder Felix und Eugenie, auch die Haushälterin Berta sei mit von der Partie. Die hinteren Räumlichkeiten würden von einem Paar bewohnt. Sie sei eine elegante Schönheit, er aber wohl eher ein behäbiger Einfältler. Jedoch von einem weiteren Gast, dem großen Unbekannten, hätte sie nichts in Erfahrung bringen können.
„Clara Schumann logiert hier?“, Henriette sprang vom Bett auf, öffnete die Fensterläden weit und sog die Sommerluft tief ein, „und Johannes Brahms!“ Sie wandte sich zu Viktoria um, das sonnige Gegenlicht umgab ihr Blondhaar mit einer strahlenden Corona.
„Brahms, meine Liebe, wird nicht der unbekannte Verehrer sein, wenngleich du es wohl wünschen würdest.“ Viktoria legte geschäftig die Sachen zum Umkleiden heraus, „er wäre nicht so unziemlich, in den wenigen Zeilen seinen Namen oder wenigstens gar seine Initialen zu verschweigen. Auch erscheint mir die Anrede der Depesche unpassend vertraut. Diese Reise ist ein törichtes Unterfangen, meine Kleine.“
„Viktoria,“ Henriette goss sich mit dem Krug Wasser in die Waschschüssel, um sich zu erfrischen, „du wirst wahrlich gut über meine Torheiten wachen, da du ja nun bereits meine heimliche Schwärmerei für Johannes erraten hast.“ Brahms, der junge Brahms! „Ich weiß nicht was soll es bedeuten, dass ich so ...,“ summte Henriette leise.

. . .

Das Abendessen nahmen sie gemeinsam im Garten mit dem ungleichen Paar ein. Der sehr korpulente Herr verneigte sich kurz, und stellte den Damen einladend die Stühle zum Setzen bereit. „Welch reizende Tischdamen, gestatten, Josephine und Friederich Herrmannshausen... „
„Friederich ist leitender Ingenieur des Eisenbahnbaus“, unterbrach Josephine ihn geschwätzig, „ein wichtiger Mann, wenn sie wissen, was ich meine, wegen seiner überaus fortschrittlichen Tätigkeit,“ sie holte tief Luft, nippte hastig an ihrem Glas, „nur leider ist er allzu oft auf Reisen und vernachlässigt mich mit seiner ruhigen, angenehmen Gesellschaft. Und stellen Sie Sich vor, auch Clara Schumann logiert hier im `Adler´. Frau Schumann und ihr Gefolge wird noch heute Abend zurückerwartet, sie hatten sich aufgemacht zu einer mehrtägigen Tour. Es wird gemunkelt, dass Clara eine Liebesbeziehung zu dem jungen Brahms unterhält, ach ja, schmieriges Geschwätz,“ sie tätschelte die Hand ihres Begleiters und wandte sich wieder Henriette und Viktoria zu „Ich liebe diese Reisen an den Rhein. So sehr schätze ich das weiche Licht, welches das Rheintal durchflutet. Sie müssen sich unbedingt morgen sehr früh aufmachen. Diese Burgen! Diese Berge! Friederich,“ sie tätschelte wieder die Hand des Mannes an ihrer Seite, der sie diskret zurückzog, „wir können den Damen doch auch Führung und Begleitung sein für einen Ausflug auf die Loreley! Dort zerfloss ich in Tränen, wenngleich mir kein Kummer bekannt war.“
Henriette hatte den Eindruck, als sei ihm die Geschwätzigkeit Josephines sehr unangenehm, denn stets wich er einem offenen Blick aus und stocherte nur lustlos im Essen herum. Ihr jedoch war der Redeschwall sehr recht, hatte sie doch so gar keine Lust zu einer Konversation, da sie sich die Enttäuschung eingestehen musste, heute wohl nicht mehr in den Genuss einer Gesellschaft von Brahms und Clara Schumann zu kommen. Zudem hatte die Andeutung, dass Frau Schumann eine Liebelei mit Brahms unterhalten könne, ihr Innerstes doch sehr in Aufruhr versetzt.
„Josephine, aber wir wollen die Damen doch nicht langweilen an so einem herrlich lauen Sommerabend, nicht wahr?“, jetzt wagte er den direkten Blick in Henriettes Augen, „und doch bringt der nahe Strom angenehme Kühlung.“
Henriette empfand diesen direkten Blickkontakt forsch. Auch erschien es ihr sehr unappetitlich, wie Herr Herrmannshausen sich die Schweißperlen von Wangen und dem Doppelkinn wischte.
„Leipzig,“ begann Viktoria die Unterhaltung fortzusetzen, „wir stammen aus Leipzig, aber Base Henriette ist eine Weltenbummlerin. Noch kürzlich waren wir in London, wo Clara Schumann ein Konzert gab... „ Die Base berichtete auch verzückt von dem blütenumduftenden Garten, wo Jasmin und Geisblatt einen betörenden Duft verströmten und Sinne und Appetit anzuregen vermochten.

Henriette hatte keine offenen Ohren mehr für diese Belanglosigkeiten. Sie entschuldigte sich unter Unwohlsein, begab sich in die obere Etage, fiel seufzend aufs Bett und summte wieder „Ich weiß nicht was soll es bedeuten, dass ich so traurig bin, ...“.
Brahms! Hatte sie wirklich gehofft, er könne der unbekannte Verehrer sein? Wenn sie ihm auf Reisen begegnet war, hatte er nicht ein Wort an sie gerichtet, aber wohl waren sich ihre Blicke flüchtig begegnet. War das ein Grund zur Hoffnung? Henriette kämpfte schwer mit den Tränen und war nur froh, dass Viktoria nicht zugegen war und sah, wie ihr Herz blutete.
`Ich gehe einen schmalen Pfad hinab an den rieselnden Bach, welcher meinem heißen Herz kühle Nahrung spendet. Eine Moosbank lädt ein zum Innehalten – und der Liebste liebkost meine Lippen.´
Viktoria störte ihre Gedanken und teilte die Ankunft der Schumanngesellschaft mit ... und mit leuchtenden Augen und glänzendem Haar stand Henriette im mondlichtdurchfluteten Garten ... Johannes Brahms schritt an ihr vorüber.
Er hatte keinen Blick für sie. Noch in der selben Nacht drängte Henriette Viktoria zur voreiligen Abreise mit der Ausrede, dass ihr das Klima nicht bekömmlich sei.
. . .

In Leipzig ließ sie sich in ihrer Schwermut pflegen. Wieder auf dem Wege der Genesung, erhielt Henriette eine Depesche:

Düsseldorf, im September 1857

Herzliebstes Fräulein Henriette,

meine Geschäfte in St. Goarshausen sind fürs Erste erfolgreich beendet, also weile ich in Düsseldorf und gebe mich des Trübsales hin, verschmähten Sie doch so sehr meine schüchternen Blicke, auf dass mir der Mut fehlte zum Erkennen. Ihre plötzliche Abreise traf mich tief, hoffte ich doch ...
und will nicht versäumen, Ihnen und Ihrer Base Grüße meiner Schwester Josephine zukommen zu lassen, welche noch vergnüglich in St. Goarshausen weilt.

Friederich Herrmannshausen in stiller Verehrung.


Anne Zeisig










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