Der Cousin im Souterrain
Der Cousin im Souterrain
Der nach "Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten" zweite Streich der Dortmunder Autorinnengruppe "Undpunkt".
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Januar 2003
Und sie zogen doch nach Linz
von Lars Blumenroth



Es war unglaublich, wie rasant die Landschaft an ihnen vorbei zog. Die Felder der Bauern, die grünen Auen, die Wälder. Ein herrlicher Anblick. Selbst der trübe Himmel und die kalte Januarluft konnte dieses wunderbare Erlebnis nicht trüben. Vor ihnen stieß die Lokomotive ein jauchzendes Pfeifen aus und intonierte das überwältigende Gefühl, das Klara am liebsten selbst auf ähnliche Weise übersetzt hätte. Dicke Rauchschwaden versperrten ihr kurz den Ausblick, dann war der Blick wieder frei. Sie liebte Züge. Wenn sie im Hof an der Pumpe stand und Wasser besorgte, konnte sie ab und zu die Dampfzugmaschinen sehen, wie sie die schönen Wagen nach Innsbruck zogen. Oft verharrte sie dann einen Moment und blickte ihnen verträumt nach. Und jedes mal wünschte sie sich, ebenfalls in einem solchen Gefährt zu sitzen. Wieder verzog der Rauch ihre Sicht. Ihre Gedanken wanderten nach Hause.
„Hoffentlich kommt Anna zurecht.“, murmelte sie.
„Was hast du gesagt?“ Die Tageszeitung vor ihr wurde gesenkt und das Gesicht ihres Mannes tauchte auf.
„Nichts.“, antwortete Klara schnell.
Er sah sie mit seinen strengen Augen an. „Es muss dir wichtig genug gewesen sein, um mich zu unterbrechen.“, mahnte er.
„Ich habe an Anna gedacht, hoffentlich kommt sie zurecht.“
„Was meinst du wofür sie bezahlt wird?“, schimpfte er ärgerlich und riss die Zeitung wieder hoch. Klara strich sich unwohl den Mantel glatt. Die Lokomotive ließ wieder ihr Pfeifen ertönen. Doch diesmal, glaubte sie zu erkennen, klang es nicht mehr ganz so fröhlich.
„Du machst dir zu viele Gedanken.“, kam es hinter der Wand aus Papier hervor. „Ich nehme dich nicht umsonst mit nach Linz, ich will, dass du dich freust.“
„Das tue ich.“
Die Zeitung wurde wieder hinunter gerissen. Ein stark verärgertes Gesicht saß ihrem gegenüber: „Nein, du machst dir Gedanken, was zu Hause vor sich geht.“
„Jetzt nicht mehr.“, versuchte Klara ihren Mann zu beschwichtigen.
„Das hoffe ich.“ Zeitung hoch, Thema beendet.
Klara schaute wieder aus dem Fenster. Doch jetzt fuhren sie durch eine Waldschneise und es gab nicht viel zu sehen. Trotzdem hielt sie ihren Blick nach draußen gewandt. Rauschwaden flogen in regelmäßigen Abständen vorbei. Das Arbeiten der Dampflok war deutlich zu hören. In der Tat hatte sie sich sehr über die Geste ihres Gatten gefreut. Er musste geschäftlich nach Linz. Eine neue Stelle stand in Aussicht. Vielleicht würde er mehr Geld verdienen. Aber Klara wollte sich nicht beklagen, sie war dankbar für das, was ihr Mann nach Hause brachte, auch wenn es im Hinblick auf ihre gemeinsamen Pläne durchaus mehr sein könnte.
„Der Staat würdigt seine Beamten nicht.“, hörte sie ihren Mann in Gedanken lamentieren. „Die paar Kronen dafür, dass wir aufpassen, wer ins Land kommt und wer nicht. Es ist eine Schande! Was glauben die eigentlich, wie wichtig der Zoll ist? Wenn ich nicht täglich überprüfen würde, wäre Österreich innerhalb Kürze von diesen Deutschen überschwemmt. Überhaupt sollte man sich da mal was einfallen lassen, gegen diese Deutschen. Die kommen zu uns und dürfen auf den Märkten verkaufen! Und unsere eigenen Leute haben keine Arbeit! Misswirtschaft!“
Aber das Geld reichte trotzdem immer. Nur für mehr Kinder würde es knapp werden. Klara dachte an den Säugling, der nun in ihrem Bauch heranreifte. Instinktiv legte sie eine Hand auf ihren Leib und streichelte diesen. Wenn es ein Junge würde, sollte er Gustav heißen, ein Mädchen Ida. Das hatte sie sich schon vor geraumer Zeit so zurecht gelegt.
„Ha!“
Klara zuckte zusammen. Ihr Mann tauchte wieder auf.
„Hör dir das an! In Deutschland baut man an einem Motorwagen. So eine Art Lokomotive nur ohne Gleise für zwei Personen. Ich sag es ja immer: Seit dem dieser Bismarck...“
Die Tür des Abteils wurde unsanft aufgeschoben und ein älterer Mann in Uniform rief unfreundlich: „Grüß Gott gnädige Herrschaften, die Fahrkarten bitte.“
„Sofort, mein Herr.“, antwortete ihr Gatte und Klara war über diese breitwillige Untergebenheit ein wenig überrascht. Fast schon hätte sie einen Aufstand vermutet, weil man ihn in einer seiner Reden unterbrochen hatte.
„Ordnung muss sein.“, verkündete er schließlich gönnerhaft, als der Schaffner das Abteil wieder verlassen hatte. „Das ist genau wie beim Zoll, da kann ja auch nicht jeder einfach so vorbei spazieren.“ Er lachte kurz bei diesem Gedanken auf und hob seine Zeitung wieder zwischen sie.
Der Rest der Zeit verging schweigend. Nur das Poltern des Zuges war zu hören und ab und zu jemand, der an ihrem Abteil vorbei ging. Klara war froh, dass sie allein saßen. Die Landschaft draußen änderte sich allmählich und es tauchten wieder Häuser auf. Wälder wichen und nach und nach auch die Felder. Etliche Minuten später hielt der Zug an und eine Stimme schrie, dass sie nun in Linz angekommen seien.
Der Bahnsteig war riesig. Und auch die Bahnhofshalle erdrückte Klara mit ihrer unerwarteten Größe. Alles war voller Menschen, die sich in ihren grauen Anzügen und Arbeiterkluften durch die Gegend drängelten.
„Halt dich an mich.“, befahl ihr Mann, der so tat, als wäre diese Sensation etwas gänzlich alltägliches. Klara fühlte sich dermaßen überwältigt, dass sie automatisch ihren Arm bei ihm einhakte. Am Ausgang schwenkte ein Bube die Tageszeitung und rief lauthals die Schlagzeilen aus. Vor dem Bahnhof wartete eine ganze Garde von Kutschen auf die Ankommenden. Mit großen Augen betrachtete Klara die modernen Karossen, die sie zu Hause so noch nie zu Gesicht bekommen hatte.
„Wir werden keine Kutsche nehmen.“, entschied ihr Mann und zog sie zur Seite. Er musste ihren bewundernden Blick mitbekommen haben. „Wenn du wüsstest, wie teuer die sich eine Fahrt bezahlt nehmen, dann würdest du auf der Stelle umfallen.“ Klara nickte nur und versuchte gleichgültig auszusehen.
Sie bogen in eine Straße ein, die von gigantischen Häusern eingerahmt war. Die Bauten mussten teilweise vier oder fünf Stockwerke haben.
„Ich hoffe du wirst dich nicht langweilen auf dem Amt. Es wird nämlich ein wenig dauern.“
„Nein, nein, ich finde es sehr aufregend.“
Ihr Mann lachte gutmütig. „Wahrscheinlich wirst du dir schon bald wünschen, wieder zu Hause zu sein.“
Klara gab keine Antwort. Sie wollte nicht, dass ein Nein missverständlich ankommen würde, genauso wie ein Ja eventuell schlecht aufgenommen werden könnte.
Die nächste Straße war noch größer und um etliches belebter. Klara hielt sich enger an ihren Führer.
„Kuriositäten! So was haben sie noch nie gesehen! Treten sie ein meine Damen und Herren. Kuriositäten!“
Noch bevor sie den Mann sah, der diese Worte ausrief, blieb Klara unbewusst stehen. Dann erlaubte ihr die Menschenmasse einen kurzen Blick auf den Schreier und sie war vollkommen überrascht. Es war ein Zwerg, so klein wie ein Kind, aber von der Breite eines Erwachsenen und von der Stimme her ein Riese. Wie gebannt gaffte sie auf diesen kleinen Mann.
„Ich habe dir doch von diesen seltsamen Menschen erzählt, oder?“, fragte ihr Ehemann verständnisvoll.
Klara nickte, nicht imstande etwas zu sagen. Plötzlich löste sich der Arm, an den sie sich festgehalten hatte und sie sah, dass ihr Mann sich durch die Menschen auf den Zwerg zu drängte. Ein Unwohlsein breitete sich in ihrem Körper aus. Doch dann hörte sie plötzlich das schallende Gelächter ihres Gatten heraus. Kurz darauf stand er wieder vor ihr.
„Der Eintritt ist nicht ganz billig, aber ich denke, dass du das mal gesehen haben solltest. Es ist etwas anderes, wenn man es selbst sehen kann, als wenn man es nur erzählt bekommt.“
Klara wurde verlegen. Die Hand vor ihr hielt nur eine einzige Karte.
„Ich werde dich, sobald ich auf dem Amt fertig bin, wieder abholen. Du würdest dich dort eh nur langweilen – wie Frauen sich immer überall langweilen, wenn es um Ernstes geht.“
Ein erster Impuls wollte sie widersprechen lassen. Sie fühlte sich nicht sicher bei dem Gedanken, allein in dieses Haus zu gehen. Aber sie konnte ihren Mann nicht vor den Kopf stoßen.
„Treten sie ein Mademoiselle, schauen sie sich an, was uns die Welt gebiert.“, rief der Zwerg dröhnend und zog Klara bestimmend am Arm. „Sie haben doch Eintritt, worauf warten sie also?“
Klara lächelte gezwungen, sah sich noch mal nach ihrem Ehemann um, aber der war schon hinter der Menschenmenge verschwunden. Der Kleinwüchsige deutete ihr den Eingang. Fünf Stufen führten zu einer offenen Türe. Ein streng aussehender Herr stapfte ihr wütend entgegen, im Schlepptau seine weinende Frau.
„Nicht jeder verträgt den Anblick aller Kreaturen Gottes...“, merkte ein junger Mann neben ihr an, der wohl auch soeben Eintritt erhalten hatte. „Oder des Teufels.“
„Wie bitte?“, fragte Klara erschrocken.
„Es war nur ein dummer Scherz, Gnädigste. Für fast alles gibt es mittlerweile medizinische Erklärungen. Und selbst für das Unerklärliche wird es diese bald geben.“ Er räusperte sich. „Darf ich sie herumführen?“
Klara wurde rot und wandte ihr Gesicht ab. Gemeinsam traten sie in das erste Zimmer, in dem einige Menschen standen und sich um eine Frau scharten, die ihnen den Rücken kehrte. Kurz darauf trat ein anderer Zwerg in den Raum und verkündete lautstark: „Meine Damen und Herren, sehen sie sich Zenora Pastrana an, die Haarfrau!“
Die Frau in dem aufgebauschten Barockkleid drehte sich langsam aber sehr effektvoll um. Ein allgemeines Einatmen war zu hören. Von hinten hatte man nur ihre dunkle Frisur gesehen, die zu einem kunstvollen Turm aufgesteckt war. Nun sah man, dass fast ihr ganzes Gesicht unter einem dichten Bart lag. Buschige, zusammengewachsene Augenbrauen gingen nahtlos in den Haaransatz in den Schläfen über. Wuchernde Koteletten mündeten in einem dichten und selbst für männliche Verhältnisse sehr üppigen Bart.
„Madame Pastrana stammt von den Wölfen ab. Daher das unverkennbare Zeichen ihrer Wildheit. Bitte treten sie nicht zu nahe.“, trompetete der Kurzgewachsene. Und seine Worte kamen an, denn augenblicklich traten sämtliche Schaulustigen etwas zurück.
„Im Grunde ist es eine Störung im Körper.“, flüsterte Klaras fremder Begleiter. „Aber sie wollen die Sensation nicht kaputt machen.“
„Aber ist es nicht viel schrecklicher, wenn man weiß, dass es eine Krankheit ist? Man könnte sich anstecken.“
Der Fremde lachte kurz auf. „Frauen.“, murmelte er amüsiert vor sich hin. „Kommen sie, wir gehen in den nächsten Raum.“
Einige Leute folgten ihnen. Auch der Zwerg überließ die Bärtige ihrem Publikum und trat in das nächste Zimmer. Dort saß ein Mann mittleren Alters auf einem Stuhl. Klara sah ihn verdutzt an, denn sie konnte auf den ersten Blick nichts ungewöhnliches feststellen. Aber die Menschen um sie herum waren sehr aufgeregt.
„Meine Damen und Herren: Kobelkoff, der ungarische Rumpfmensch!“, brüllte der Zwerg, womit er die letzten Gaffer aus dem Vorzimmer herbei lockte. Und nun sah auch Klara, was mit dem Mann nicht stimmte. Erschrocken fasste sie sich an die Brust. Sie hatte tatsächlich übersehen, dass der bemitleidenswerte Mann keine Arme hatte. Die Hände kamen ihm gleich aus den Schultern heraus.
„Das ist ja schrecklich!“, stöhnte sie entsetzt auf.
Der Fremde legte ihr einen Arm um die Schultern. „Aber nein Gnädigste, er verdient so sein Geld. Wenn er Arme hätte, müsste er wirklich arbeiten. So gesehen hat er Glück.“
„Das können sie nicht ernst meinen.“
„Aber doch. Im 16. Jahrhundert haben sich die Armen selbst verstümmelt, um auf diese Weise besser betteln zu können. Sie schnürten sich ganze Gliedmaßen ab. Man sagt, dass sich manche sogar erdrosselt haben, weil sie dachten...“
Klara löste sich aus der Umarmung. „Bitte hören sie doch auf.“ Verunsichert stand sie einen Augenblick einfach nur da, während die Menge zu Applaudieren begann. Kobelkoff hatte begonnen, trotz seiner fehlenden Arme, fünf Kugeln über seinem Kopf zu jonglieren. Klara drängte sich an einem jubilierenden, dicken Herrn vorbei und wollte das Haus verlassen. Doch ein weiterer Strom von Zuschauern betrat gerade das Zimmer.
„Wo wollen sie denn hin? Sie haben doch bezahlt!“, empörte sich ihr ungebetener Begleiter und ergriff ihre Hand.
„Herr...“ Klara stockte. Sie zog energisch ihre Hand zurück.
„Schickl.“, half der Fremde aus.
„Herr Schickl, ich bin eine verheiratete Frau! Und ich werde Mutter!“
„Reizende Kinder müssen das werden.“, schwärmte Herr Schickl. „Darf ich fragen wie gnädige Frau heißen?“
„Nein. Ich erbitte mir Abstand, Herr...“ Sie hob hilflos einen Arm, weil sie nicht weiter wusste.
„Schickl. Hans Schickl, um genau zu sein.“
„Einen schönen Tag noch, Hans Schickl.“ Klara drehte sich um und folgte den Leuten in den nächsten Raum.
Lautes Kindergeschrei empfing sie, woraufhin sich etwas in ihrer Brust verkrampfte.
„Treten sie näher, meine Herrschaften, sehen sie sich diese Ausgeburten an. Erst vor einer Woche wurden diese Wesen hier in Linz geboren.“
Wider ihr Gefühl, warf Klara einen Blick in die erste Wiege, als sich der Trubel langsam lichtete. In dem kleinen Bettchen lag ein plärrendes Ding, das ein ganz normales Kind hätte sein können, wenn nicht ein zweites Gesicht an der linken Seite aus dem Schädel gewachsen wäre.
„Frühkindlicher Kannibalismus.“, flüsterte Hans Klara zu. „Der stärkere Zwilling...“
„Schweigen sie bitte.“, rief Klara entsetzt. Ihr Kreislauf setzte kurz aus und sie schwankte. Immer wieder sah sie diese Kreatur vor Augen, obwohl sie sich schon längst abgewendet hatte.
„Ist ihnen nicht gut?“, fragte Hans besorgt.
„Nein, es wird schon gehen.“, erwiderte Klara schroff. „Mein Gatte wird mich gleich abholen und heim bringen.“
Eine sanfte Hand hielt sie. Einen Augenblick später war ihre Schwäche wieder vergangen. Hans hatte sie schon in den nächsten Raum geführt, ohne dass sie es registriert hatte.
„Herr Schickl, ich glaube ich möchte nicht mehr, ich brauche frische Luft.“
„Oh, dann wollen sie sich auch die Wahrsagerin entgehen lassen?“
„Nein, aber weitere Kuriositäten ertrage ich nicht.“
„Im ersten Stock gibt es noch eine Ausstellung mit Ungeborenen...“
„Nein!“
„Dann doch lieber die Zukunft erfahren?“
Klara fühlte sich unwohl bei diesem Gedanken, aber es würde sicher noch dauern, bis ihr Gatte sie wieder abholen würde. Also nickte sie zögerlich zustimmend.
Die Frau saß hinter einer schlichten weißen Tür in einer winzigen Kammer. Überall hingen schwarze Tücher und es herrschte gedämpftes Licht.
„Madam Vionette wird ihnen einen Blick in die noch ungewisse Zukunft gewähren.“, ertönte plötzlich eine rauchige Stimme. „Sie haben eine Frage frei.“
Klara setzte sich vorsichtig der Wahrsagerin gegenüber. „Eine Frage?“
Hinter ihr wurde die Türe geschlossen.
„Ja, der Rest kostet sie extra.“
„Oh, es ist gar nicht so einfach...“, begann Klara verunsichert. „Ich glaube ich habe keine Frage.“
Die Wahrsagerin seufzte und beugte sich vor. „Ich mache ihnen ein Angebot, Gnädigste. Ich schaue in ihre Zukunft und werde ihnen eine Auswahl dessen geben, was ich gesehen habe.“
Noch bevor Klara zustimmen konnte, lehnte sich die dunkle Dame über den Tisch und legte ihre spitzen Finger auf Klaras Stirn. Sie begann rhythmisch zu massieren.
„Ah, ich sehe da einige sehr interessante...“ Plötzlich schrie die Frau entsetzt auf und stürzte auf ihren Stuhl zurück.
„Was ist los?“, rief Klara erschrocken.
Die Frau sah sie nur mit aufgerissenen Augen an. In ihnen spiegelte sich das tiefe Entsetzten, das die Seherin gerade empfinden mochte.
„So sagen sie doch was!“, flehte Klara. Das Verhalten der Frau schlug in ihr Alarm.
„Sie... sie sind schwanger!“
Es dauerte einen Moment, dann lachte Klara erleichtert auf. „Ja das bin ich. Wunderbar nicht?“
Die Wahrsagerin blieb ernst und sah sie immer noch äußerst verstört an.
„Oder ist etwas mit meinem Kind?“, fragte Klara zaudernd.
„Ihr Mann, er ist doch ihr Mann, nicht? Der Vater ihres Kindes?“
Klara stimmte ängstlich zu. „Ist was mit ihm?“
„Er ist mit ihnen verwandt.“
„Woher wissen sie das?“, fragte Klara verblüfft, bekam aber keine Antwort. Nach einer Pause fügte sie hinzu: „Wir haben einen kirchlichen Dispens für unsere Heirat.“
„Haben sie keine Angst vor den Folgen?“
„Wie ich schon sagte, wir haben...“
„Nein, körperliche Folgen. Missbildung ihrer Kinder.“
Klara schmerzte die Brust. „Er ist ein Vetter zweiten Grades.“
„Ich habe einige Kinder in ihrer Zukunft gesehen.“, begann die Wahrsagerin langsam. „Zuerst schien alles in Ordnung. Aber ihre Kinder werden sterben. Sie werden Fehlgeburten haben.“
Klara gefror. Ein Kribbeln breitete sich auf ihrer ganzen Haut aus.
„Verlassen sie diesen Mann!“, flüsterte die Seherin. „Tun sie sich und der Menschheit einen gefallen!“
„Bitte?“ Klara fühlte sich wie festgeklebt. „Wie meinen sie das?“
Der Frau war sichtlich unwohl. „Sie werden ein Monster zur Welt bringen. Ihr viertes Kind wird eine Missgeburt von unglaublichem Ausmaß.“
Klaras Atem beschleunigte sich. Vor ihren Augen sah sie wieder das Kind aus der Wiege. Zwei Köpfe! Wie es geschrieen hatte, das Lebewesen, während das andere Gesicht schlaff daneben hing und einfach mitlebte, von dem stärkeren Zwilling profitierte.
„Und das ist sicher?“, platzte Klara schließlich heraus.
Ein langes Schweigen. Dann endlich rührte sich die Wahrsagerin. „Nein.“ Sie raffte sich auf und stand gefasst da. „Nein, nichts ist sicher. Vielleicht wird ihr Sohn auch ein großer Maler. Vielleicht haben sie und ihr Mann Einfluss darauf, Klara.“
Klara zuckte zusammen. Woher wusste diese Frau plötzlich ihren Namen? Hastig sprang sie von ihrem Stuhl. Sie war verwirrt und verängstigt. Sie wollte diesem Weib kein Wort glauben. Sie wollte nur nach Hause. Nach Hause nach Braunau.
Bevor sie aber schließlich das Zimmer verließ, drehte sie sich noch einmal sehr gefasst um. „Egal woher sie all das über mich wissen, für sie heiße ich immer noch Frau Hitler!“

Klara erwachte. Wie eine Ertrinkende tauchte sie aus dem Schlaf. Doch die Klauen des Traumes hatten sich noch in ihr festgekrallt. Keuchend beugte sie sich aus dem Bett. Übelkeit stieg in ihr auf. Einen Augenblick später hatte sie sich aber ein wenig beruhigt. Der Brechreiz ließ nach. Schwindelig hob sie sich aus dem Bett und schwankte durchs Haus nach draußen. Frisches Wasser war alles, woran sie denken wollte.
Das eisige Nass strömte aus der Pumpe in den Eimer. Es war bitter kalt. Trotzdem tauchte sie ihre Hände hinein und wusch ihr Gesicht. Sie glaubte das Kind in sich treten zu fühlen. Ihr erstes Kind. Ihr Gustav. Da war sie sich jetzt sicher. Es würde ein Junge werden.
„Weib!“, schallte die Stimme ihres Mannes über den Hof. „Was machst du mitten in der Nacht da draußen? Bist du von allen guten Geistern verlassen?“ Wütend stapfte er auf sie zu, packte sie unsanft am Arm und schüttelte sie. Es tat weh, doch Klara achtete nicht darauf.
„Alois, mein Lieber, ich werde dich nicht verlassen!“
„Spinnst du?“, brüllte er daraufhin und gab ihr eine kräftige Ohrfeige.
Klara brach zusammen. Immer wieder sagte sie: „Nur bitte nimm mich niemals mit nach Linz, hörst du, mein Alois.“



Gustav wurde im Mai 1885 als erstes Kind geboren. Im September 1886 erblickte Ida das Licht der Welt. Otto, das dritte Kind, verstarb 1887 wenige Wochen nach seiner Geburt. Gustav starb 1887 an Diphterie. Ebenso seine Schwester Ida im Januar 1888. Adolf Hitler wurde am 20.04.1889 als viertes Kind entbunden.

In Nazideutschland wurden sogenannte Showleute mit Bestimmung von 1937 durch ein strenges Reglement größtenteils vertrieben. Viele der körperlich entstellten und kranken Menschen wurden in Gaskammern umgebracht. Einzig Zwerge und Riesen lebten als traditionelle Figuren bekannt aus zahlreichen Sagen und Märchen einigermaßen sicher in Deutschland.

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