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Februar 2003
Im Zeichen des Mondes
von Karl-Heinz Ganser


“Hallo, Kommissar! Kommen Sie, setzen Sie sich zu uns an den Tisch!” rief Pedro, der Inhaber der Pizzeria Venedig mir zu, als ich nach einem freien Tisch suchte.
In dem kleinen, gemütlichen Lokal waren tatsächlich alle Tische besetzt.
Mit einer Handbewegung wies er auf seine Frau und sagte lachend: “Mein Engelchen, die Lucia kennen Sie ja.”
Dann zeigte er auf den Mann, der neben ihm saß, klopfte ihm kräftig auf die Schulter und sagte zu mir gewandt: “Das hier ist mein alter Freund Umberto.”
Der Mann erhob sich schwerfällig, obwohl er nach meiner Einschätzung, höchstens Mitte dreißig war und gab mir etwas lasch die Hand. Mir fiel auf, dass er mich für Sekunden skeptisch musterte.
Pedro hatte scheinbar schon einige Gläser Rotwein getrunken, denn er lallte ein wenig, als er sein Glas nahm, uns zuprostete und verkündete: “Mein lieber Freund ist aus Italien gekommen. Das ist ein ganz berühmter Mann müssen Sie wissen, denn der kann, wenn Vollmond ist, eine fantastische Mond-Pizza backen.”
Dann wandte er sich seinem Freund zu und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Dieser schaute ihn überrascht an, überlegte wohl einen Augenblick, stand dann aber auf und verschwand in der Küche.
“Kommissar!” Pedro setzte eine geheimnisvolle Mine auf. “Umberto wird für Sie jetzt eine Pizza backen, an die Sie sich noch lange erinnern werden.”
Es dauerte auch nicht lange und Umberto setzte mir eine Pizza vor, von deren Aussehen ich überrascht war. Es sah wirklich so aus, als ob er den Vollmond vom Himmel auf diesen Teller herabgeholt hätte.
“Donnerwetter! Das sieht ja wirklich fantastisch aus!” sagte ich anerkennend.

Gegen Mitternacht verabschiedete ich mich. Als ich die dunkelrote Fülle des Mondes sah, musste ich an die Pizza von Umberto denken. Keine schlechte Idee, dachte ich, den Mann im Mond auf den Pizzateller zu zaubern.

Am nächsten Morgen kam schon früh Inspektor Leimann in mein Büro und während er seinen heißen Kaffee schlürfte, meinte er: “Haben Sie schon gehört, dass letzte Nacht der Pizzawirt aus dem Fenster gefallen ist?”
“Was sagen Sie da?” Völlig überrascht sah ich meinen Kollegen an.
“Ja, der Junkers von der Mordkommission hat vorhin angerufen. Es sähe ganz nach Unfall aus, könnte aber auch Selbsttötung sein.” Er setzte die Tasse auf meinen Schreibtisch, kratzte sich am linken Ohrläppchen und nuschelte: “Sie sollen sich die Leute mal ansehen, hat er gesagt, der Junkers.”
Während Leimann aus dem Zimmer schlurfte, ließ ich mir den gestrigen Abend noch einmal durch den Kopf gehen. Etwas Ungewöhnliches hatte ich nicht bemerkt. Pedro hatte zwar ganz schön gebechert, aber das war bestimmt kein Grund aus dem Fenster zu fallen. Oder hatte jemand nachgeholfen? Seine Frau? Oder der Freund, wenn er dann im Haus übernachtet hat?
Ich verwarf zunächst diese Gedanken und versuchte, mich auf die Sexualmordakte, die vor mir auf dem Schreibtisch lag, zu konzentrieren.

Gegen elf Uhr klingelte ich am Hintereingang der Pizzeria.
Es dauerte eine Weile, ehe Lucia, die Frau von Pedro öffnete.
“Ah, Sie sind es!” murmelte sie mit schlaftrunkener Stimme und versuchte den Gürtel vom Morgenmantel etwas enger zu ziehen. Mir fiel auf, dass sie nicht verweint aussah, aber das besagte ja noch nichts.
“Darf ich kurz reinkommen?” fragte ich und versuchte meiner Stimme eine gewisse Anteilnahme zu geben.
Ja, selbstverständlich”, sagte sie und strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht.
Als wir uns im Wohnzimmer gegenüber saßen, bat ich sie, mir zu schildern, was letzte Nacht passiert sei.
Stockend begann sie zu erzählen. Ihr Mann habe im Schlafzimmer noch darauf bestanden, Liebe zu machen. Danach wären sie beide schnell eingeschlafen.
“Irgendwann in der Nacht, ist er plötzlich aufgesprungen, zum Fenster gewankt, hat es aufgerissen, und ehe ich überhaupt begriff, was er vorhatte, sah ich ...”
Sie schluckte und ich sah Tränen in ihren Augen, ehe sie weiter sprach: “wie er mit erhobenen Händen aus dem Fenster stürzte.”
Nach einer Weile hatte sie sich wieder gefasst, und ich fragte sie noch, ob Pedro mondsüchtig gewesen sei. Sie sagte, dass sie das nicht wisse. Dann bat ich sie, mir das Schlafzimmer zu zeigen.
Das Schlafgemach war groß und hell und lag im zweiten Stock.
Mir war aufgefallen, dass, als wir die Treppe hinaufstiegen, sie mehrmals hintereinander ganz laut hustete und dann irgendwo eine Tür zugemacht wurde.
Ich öffnete das Fenster und stellte fest, dass man hier bequem herausspringen, aber auch einfach heraus gestoßen werden konnte. Das heraus zu finden, dürfte nicht leicht sein, dachte ich, als wir wieder die Treppe heruntergingen.
Ehe ich mich verabschiedete, fragte ich Lucia noch, ob sie den Freund Umberto, auch näher kennen würde. Sie errötete leicht und sagte, dass er früher in Italien ihr Freund gewesen sei. Das gab mir zu denken und ich beschloss, ihn für den Nachmittag ins Präsidium zu bestellen.

Umberto beantwortete meine Fragen zu seiner Person sehr zögerlich. Als ich ihn fragte, wovon er denn lebe, antwortete er knapp: “Ich habe gespart und arbeite mal hier und mal dort.” Er blickte zum Fenster hinaus und fügte hinzu: “Und wenn ich in Deutschland bin, backe ich für gute Freunde eine Pizza und ...”
Ich unterbrach ihn abrupt. “Am liebsten bei einer früheren Freundin, nicht wahr?”
“Woher ... woher ... wissen Sie das?” stotterte er und wurde etwas verlegen.
Ich sagte ihm, dass ich das von Lucia wüsste und vielleicht wäre die ja froh, wenn sie demnächst zusammen mit einem so tüchtigen Bäcker wie er einer sei, die Pizzeria weiterbetreiben könnte, jetzt wo Pedro nicht mehr leben würde.
Umberto sah mich feindselig an. “Was erlauben Sie sich eigentlich?” Jetzt fauchte er mich richtig an. “Wollen Sie uns unterstellen, dass wir froh darüber sind, dass das passiert ist?”
“Nein, nein, so war das nicht gemeint”, beschwichtigte ich ihn schnell. Ich merkte, dass ich im Augenblick nicht weiterkam und ließ ihn gehen.

Enttäuscht von dem Gespräch ließ ich mir einen extra starken Kaffee aufbrühen und überlegte, wie ich morgen in der Sache weiter ermitteln sollte. Vielleicht war Pedro doch mondsüchtig und ist aus dem Fenster gefallen? Oder hatte seine Frau einen Grund, ihm einen Stoß zu versetzen? Welche Rolle spielt eigentlich der ziemlich zugeknöpfte Umberto?
Mir wurde klar, dass ich mir noch einiges einfallen lassen musste.
Wie ich so da saß und grübelte, fiel mein Blick auf eine Ansichtskarte, die vor mir auf dem Schreibtisch lag.
Die Karte war von Kommissar Abronetti. Ich hatte ihn vor zwei Jahren während meines Urlaubes in Venedig zufällig kennengelernt.
“Vielleicht”, so meinte er lachend, als mein Urlaub zu Ende ging, “sollten wir in Kontakt bleiben, denn wenn wir schon den gemeinsamen Euro haben, kommt auch bestimmt eines Tages der Mord, den wir zwei zusammen bearbeiten müssen.”
Dieser Satz kam mir jetzt wieder ins Bewusstsein, und ich überlegte, ob ich ihn nicht mal anrufen sollte? Es ist wohl sehr unwahrscheinlich, dass er den Umberto kennt, aber vielleicht hat er einen Tipp für mich, sagte ich mir. Er kennt die Mentalität der Italiener besser als ich und vielleicht bringt mich das weiter.
In meinem Notizbuch fand ich die Telefonnummer und wählte.
Ich erzählte Abronetti von dem angeblichen Unfall und wie sich Umberto bei der Vernehmung verhalten hatte.
“Umberto Galvani, sagtest du?” hörte ich ihn laut nachdenken. “Warte mal, ich schalte schnell mal den Computer ein.
Nach einer Weile vernahm ich seine enttäuschte Stimme: “Im Moment finde ich nichts, aber lass mich mal darüber schlafen. Ich ruf dich morgenfrüh an.”
“Wäre ja auch zu schön gewesen,” murmelte ich genauso enttäuscht in den Hörer.

Gegen Mitternacht riss mich das Läuten des Telefons aus einem unruhigen Schlaf.
Abronetti meldete sich. “Hör mal, Kollege! Ich glaube, ich bin fündig geworden!”
Dann erzählte er mir, dass er in alten Unterlagen folgendes gefunden habe:
Ein Umberto Galvani sei in einem Indizienprozess zu fünf Jahren Haft verurteilt worden. Er sei mitschuldig gewesen, an dem Tod eines Mannes, der einen Sturz aus einem Fenster nicht überlebt habe. Bei der Obduktion der Leiche habe man im Magen des Toten die Reste eines Mittels entdeckt, dass nach der Einnahme, einen Mondsüchtigen so beeinflusse, dass dieser den unwiderstehlichen Drang verspüre, dem Mond entgegen zu wandeln. Es handelte sich um ein Mittel, dass dieser besagte Umberto selbst entwickelt habe. Er sei ein Eigenbrötler und ein guter Tüftler als Chemiker in einem privaten Labor gewesen. Nebenbei habe er sich noch mit der Astrologie beschäftigt.
Mein italienischer Kollege machte eine Pause.
“Nun sag nur noch, dass das Mittel einer Pizza beigemischt war?” rief ich aufgeregt in den Hörer.
“Das weiß ich nicht”, vernahm ich wieder die Stimme meines Kollegen. “Ich lese gerade, dass die Frau gestanden hat, dass sie das Mittel an einem Vollmondabend dem Essen beigemischt habe.”
“Hat Umberto denn zugegeben, dass das Zeug von ihm war?” forschte ich weiter.
Nein, das habe er nicht. Und nur weil eine Kollegin von Umberto wohl aus Eifersucht, etwas in diese Richtung angedeutet habe, sei man im Labor fündig geworden.
“Unsere Laborleute haben sehr lange gebraucht, das Mittel und seine Wirkung zu analysieren.” Er atmete hörbar tief durch.
“Jetzt musst du mal sehen, was du daraus machen kannst. Ich wünsch dir jedenfalls viel Glück.” Mit diesen Worten beendete er das Gespräch.

Am nächsten Morgen informierte ich die Mordkommission und Staatsanwaltschaft und bat um die Obduktion der Leiche.
Wenn die im Labor auch diesen Stoff finden, so sagte ich mir, müssen sich unsere Leute sofort mit den Italienern in Verbindung setzen. Dann ist die Frage, ob Umberto wieder nur als Lieferant des Mittels in Frage kommt, oder eventuell sogar eigenhändig das Zeug der Pizza beigemengt hat.

Zwei Tage später kam dann der für mich so enttäuschende Anruf vom Labor.
“Da ist nichts zu finden”, sagte der Leiter des Labors kurz und knapp.
Die heiße Spur, auf die ich mich schon eingestellt hatte, war abrupt zu Ende. Jetzt musste ich von vorne anfangen, denn ich wollte einfach nicht wahrhaben, dass es sich um einen Unfall gehandelt hatte.
Ich beschloss, Luzia und Umberto noch einmal zusammen zu verhören.
Als ich sie bat, mit mir ins Schlafzimmer zu gehen, machten beide einen mürrischen Eindruck. Sie schienen sich kurz vorher heftig gestritten zu haben.
Lucia war gerade dabei, im Wohnzimmer mit Schere und Bandmaß an einem schwarzen Kleid Änderungen vorzunehmen. Widerwillig, noch mit der Schere in der Hand, ging sie und Umberto mit nach oben.
Sie wiederholte fast wortwörtlich, was sie vor einigen Tagen bereits gesagt hatte. Mir fiel auf, dass Umberto sie kritisch musterte.
“Angenommen”, sagte ich, nachdem Lucia geendet hatte, “der Unfall hier, hat sich so abgespielt, wie der vor etlichen Jahren in Italien, wo ...”
“In Italien!” unterbrach mich Luzia und blickte böse zu Umberto hin, der sich spontan zum Fenster umdrehte und etwas auf italienisch murmelte.
Jetzt musst du aufs Ganze gehen, sagte ich mir und versuchte ruhig weiter zu sprechen.
“Ja, das war nämlich so. Da ist auch ein Mann bei Vollmond aus dem Fenster gesprungen, nachdem ihm seine Frau ein Mittel ins Essen getan hat, was ein gewisser Umberto in einem Labor entwickelt hat.”
“Was soll das heißen?” Lucia starrte mich kreidebleich mit weitaufgerissenen Augen an.
“Sie ... Sie wollen doch nicht behaupten ... dass ich ...!”
Spontan packte sie den regungslos dastehenden Umberto bei den Schultern, schüttelte ihn und schrie ihn wütend an: “ Hast du ... hast du ... so etwas gemacht?”
Umberto zuckte nur mit den Achseln und versuchte sich freizumachen.
“Du verdammter Scheißkerl ... du hast es getan!” fauchte sie, außer sich vor Wut. Und in diesem Augenblick sah ich zu meinem Entsetzen, wie sie die Schere zwei oder drei Mal in seinen Bauch rammte.
Umberto starrte sekundenlang entgeistert auf das langsam an seiner Hose herunterlaufende Blut, bevor er ohnmächtig auf den Boden plumpste.

Ich brauchte einige Sekunden, ehe ich begriff, was gerade hier passiert war. Dann alarmierte ich über das Handy den Notdienst.

Nach der Notoperation im Krankenhaus gab Umberto schließlich zu, dass er der Pizza, die Pedro gegessen hatte, das Mittel beigemengt habe.



© Karl-Heinz Ganser
Februar 2003





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