Der himmelblaue Schmengeling
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Februar 2003
Jaques Dilemma
von Andreas Berg


Jaques das Wiesel, wie ihn die wenigen Kollegen aus der Branche nannten, hatte kein gutes Gefühl. Wahrhaftig nicht! Selten hatte er sich so beschissen gefühlt wie heute. Aber was sollte er machen? Die Auftragslage war absolut bescheiden und von irgend etwas mußte er schließlich auch leben – obwohl er Aufträge solcher Art wirklich nicht brauchte. Trotzdem hatte er zugesagt und den Auftrag angenommen, den der alte Herr ihm angeboten hatte. Der freundliche alte Herr. Das war es, was ihn so bedrückte. Es hätte weder gedacht, dass dieser Mann eines Tages zu seiner Kundschaft gehören könnte, noch, dass er in dessen Auftrag einen Mord begehen würde.
Und nun saß er hier und wartete darauf, dass sein Opfer nach Hause kam, damit er diese schmutzige Angelegenheit hinter sich bringen konnte. Auf seinem Schoß lag die Waffe mit dem Schalldämpfer. Das Haus in dem er sich befand, war zwar relativ freistehend, aber Jaques war Profi. Er konnte sich in seinem Geschäft keine Fehler erlauben. Jaques schaute auf seine Armbanduhr. Gleich siebzehn Uhr. Zu dieser Zeit sollte sein Ziel nach Hause kommen. Der Mann würde als erstes auf die Toilette gehen: Verstärkter Harndrang, was angesichts des fortgeschrittenen Alters des Mannes keine Seltenheit war. Einen Augenblick hatte Jaques mit dem Gedanken gespielt seinen Auftrag im Bad durchzuführen. Doch dann hatte er sich anders entschieden. Es war erniedrigend auf der Toilette zu sterben. Als nächstes würde der Mann seinen Mantel an der Garderobe im Flur aufhängen. Dort würde er ihn vielleicht erwischen, aber wer wußte beim wievielten Schuß? Jaques schüttelte den Kopf. Nein, dort auch nicht. Der Mann war Witwer. Er hatte einen Sohn, aber der war schon vor langer Zeit ausgezogen. Es gab nur sie beide. Ihn und sein Ziel. Er brauchte also nicht damit zu rechnen, dass ihm jemand Drittes über den Weg lief. Während er seinen Blick von der Couch, auf der er saß, durch das geräumige Wohnzimmer hinaus in den Garten gleiten ließ, führte er seine Überlegungen weiter fort. Nachdem sein Ziel den Mantel aufgehangen hatte, würde es in die Küche gehen um seine Tabletten mit einem Glas Wasser einzunehmen. Danach würde der Mann das Wohnzimmer aufsuchen, sich auf die Couch setzen auf der er selber gerade saß und das Fernsehprogramm des heutigen Abends durchgehen. Die Fernsehzeitung lag bereits auf dem Couchtisch vor ihm, aufgeschlagen mit dem Datum von gestern. Sein Ziel würde in diesem Moment eine optimale Position einnehmen. Es würde Jaques seinen Kopf anbieten, ohne seinerseits Jaques zu sehen, da sein Blick nach unten auf den tiefer stehenden Couchtisch gerichtet wäre. Ja, dachte Jaques lustlos, so würde er es machen. Er würde warten, bis der alte Mann auf der Couch saß. Sonderlich wohl war ihm bei dem Gedanken nicht. Er kam sich schäbig vor, diesen Auftrag durchzuführen. Normalerweise hatte er mit Skrupeln nichts am Hut. Aber normalerweise erschoß er auch niemanden, nur weil ein netter alter Mann ihn darum bat. In der Regel waren seine Ziele selber Verbrecher. Bandenmitglieder, korrupte Politiker, Syndikatspersönlichkeiten, aber keine alten Männer die sich nach einem unbescholtenem Arbeitsleben ihre Rente verdient hatten.
Sein Auftraggeber sah das bei ihrem “Auftragsgespräch” anders. Der Mann, der ihn anheuern wollte, drückte ihn damals zurück auf seinen Stuhl, als Jaques erfuhr wen er umbringen sollte und daraufhin aufstand um zu gehen. Jaques hatte sich von Anfang an gewundert, warum der alte Mann auf ihn gekommen war. Normalerweise pflegten solche Herren keinen Umgang mit Leuten wie ihm. Danach hatte der Mann ihm einen Kaffee vor die Nase gestellt und ihm eindringlich versichert, dass er dem, den er töten sollte, im Grunde einen Gefallen tat. Jaques konnte und wollte das damals nicht glauben. Wem tat man einen Gefallen, wenn man ihm das Licht ausblies? Niemandem! Doch der Mann blieb beharrlich. In ruhigem Ton erklärte er Jaques, dass sein Opfer Krebs hätte. Jaques fiel ein, dass er etwas unglücklich geschaut hatte. Nicht nur wegen der Krebserkrankung desjenigen, den er umlegen sollte. Nein – auch wegen des Wortes “Opfer”. Er klärte den anderen auf, dass ihm der Ausdruck “Ziel” eher zusagte. Jaques fand, dass sich “Opfer” zu sehr nach Schuld, womöglich noch nach Sühne anhörte. Sein Ziel hatte also Krebs? Sein Gegenüber hatte bestätigend genickt. Im Endstadium! Und es wäre nichts anderes als ein Zeichen reiner Menschlichkeit, wenn er, Jaques, dem Leben seines Ziels ein Ende setzen würde. In Jaques arbeitete es. Die Logik war nicht von der Hand zu weisen. Sicher war es angenehmer schnell und schmerzlos zu sterben, als in wochenlanger Qual – und doch keimten immer noch Zweifel in ihm auf, ob er das Richtige täte wenn er sich entschloß, den Auftrag anzunehmen. Sein Auftraggeber versicherte ihm ein weiteres Mal mit aller Inbrunst, dass dies im Sinne seines Ziels sein würde. Immer noch skeptisch, aber erkennend wie wichtig seinem Auftraggeber diese Angelegenheit war, sagte Jaques das Wiesel an jenem Abend zu.
Und nun saß er hier, auf der Couch seines Ziels, das in wenigen Minuten selber auf dieser Couch sitzen und außerdem tot sein würde. Es war siebzehn Uhr. Die Wanduhr in der Ecke neben dem Fernseher schlug an. Jaques knöpfte seine Lederhandschuhe an den Handgelenken mit den Druckknöpfen zu und überprüfte und entsicherte seine Waffe. Dann stand er abrupt auf und ging an der Dielentür vorbei in den Eßbereich, der an das Wohnzimmer grenzte. Still blieb er hinter der Ecke stehen und wartete auf sein Ziel. Sekunden später hörte er, wie sich der Schlüssel im Schloß drehte. Dann fiel die Haustür zu und Schritte klapperten auf den Fliesen des Flures. Danach war eine Minute Ruhe. Schließlich hörte Jaques die Toilettenspülung und den Wasserhahn laufen. Dann wieder Schritte. Sein Ziel verharrte scheinbar immer noch im Flur, wo es seinen Mantel aufhing. Der Ablauf stimmte. Jaques war bestens informiert. Sein Auftraggeber hatte ihm die meisten Einzelheiten über sein Ziel erklärt. Und zur Kontrolle hatte Jaques sich in den letzten Tagen selber noch ein Bild von den Gewohnheiten des Mannes gemacht. Jaques hörte erneut Schritte, als der Mann in die Küche schlurfte. Wiederum lief Wasser. Danach vernahm Jaques das Rascheln des Staniolpapier der Tablettenpackung. Erneut folgten Schritte. Diesmal wurden sie lauter. Sein Ziel steuerte ins Wohnzimmer. Jaques zog die Skimütze herunter, für den Fall, dass etwas schief lief. Jaques war Profi – trotz oder gerade wegen der ihn unglücklich machenden Umstände, die dieser Auftrag mit sich brachte. Sein Ziel ging um den Couchtisch und Jaques hörte, wie sich der alte Mann mit einem schmerzhaften Stöhnen auf der Couch nieder ließ. Danach war das Blättern des alten Mannes in der Fernsehzeitschrift zu vernehmen. Jetzt! Jaques nahm die Pistole in Anschlag, wie er es am Nachmittag, als der alte Mann seinen Arztbesuch hatte, mehrmals geübt hatte, während er nach der besten Position für einen Schuß suchte. Dann glitt er lautlos um die Ecke zum Wohnzimmer, visierte den vorderen Teil der Halbglatze seines Zieles an und gab zwei schnelle Schüsse ab. Dann atmete Jaques aus. Zunächst passierte gar nichts. Wären nicht die zwei frischen Löcher am Ende der Stirn des alten Mannes gewesen, die sich langsam mit Blut füllten, hätte Jaques befürchtet er hätte daneben geschossen. Die Sekunden verstrichen. Dann plötzlich, obwohl in diesem Moment nichts anders war als in den anderen Momenten seit Jaques lautlosen Schüssen, kippte der alte Mann nach vorne und auf die Zeitschrift vor sich auf dem Tisch. Jaques beobachtete ihn noch einige Sekunden aus seiner erhöhten Perspektive, während er die Pistole sinken ließ. Nachdem er sie gesichert hatte, ließ er sie in der Innentasche seiner Jacke verschwinden. Ebenso seine Skimütze. Dann ging er schwer atmend auf sein Ziel zu. Jaques ging in die Knie und hob den schmächtigen Körper des alten Mannes auf die Couch. Er war tot. Jaques betrachtete den Mann, dessen Kopf von der Lehne der Couch gestützt vor ihm saß. Er hatte den Mund leicht geöffnet. Der Blick seiner Augen war starr zur Decke gerichtet. Behutsam strich Jaques die Augenlieder hinunter. Das war es also. Sein Auftrag war beendet. Er konnte gehen. Statt dessen setzte sich Jaques deprimiert seinem Ziel gegenüber in einen Sessel. Nun, als ihm klar wurde, dass dies der Moment gewesen war vor dem er sich gefürchtet hatte, vergrub er sein Gesicht in den Händen und begann zu weinen.
Er verfluchte sich. Er hätte es nicht tun dürfen. Nie! Nur das Leid, das Bitten, die Hoffnung – all das, was in den Augen seines Auftraggebers zu erkennen gewesen war, hatte ihn letztendlich dazu bewegt, diesen Auftrag anzunehmen. Er schämte sich. Würde er jemals erfahren, ob er richtig gehandelt hatte? Der tote Mann hatte es als richtig empfunden! Vielleicht würde es ihm ebenfalls gelingen – irgendwann. Jaques wischte sich mit den Handschuhen die Tränen auf seinen Wangen ab und erhob sich. Dann ging er noch einmal zu dem Toten, strich ihm über die Wange und eilte auf die Haustür zu. Bevor er sie öffnete und verschwand, drehte er sich noch einmal um, schaute aus der Ferne auf den ehemals netten, alten Mann, der am Ende seines Sichtfeldes regungslos auf der Couch saß, hob die Hand wie zum Gruß und verabschiedete sich von ihm: “Tschüs Vater.”

© Andreas Berg

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