Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
In diesem Buch präsentiert sich die erfahrene Dortmunder Autorinnengruppe Undpunkt mit kleinen gemeinen und bitterbösen Geschichten.
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Februar 2003
Eine Holmesmage
von Jörg Hoffmann


“Mein Gott, was für ein Tag!”
Erschöpft ließ Martin Bergmann sich in seinen Sessel fallen.
“Was ist denn los?”, rief seine Frau Karin aus der Küche.
“Ich hatte dir doch von der Differenz in unserem Warenbestand erzählt. Wir haben festgestellt, daß der Gerber unterschlagen, und seine eigenen Geschäfte damit gemacht hat. Heute war die Polizei da, und hat ihn abgeholt. Jetzt kann ich mich auch noch um einen Nachfolger kümmern. Als ob ich mit dem Jahresabschluß nicht schon genug zu tun hätte. Eine blöde Geschichte.”
“Kannst Du schon mal die Salatsoße machen? Ich bin eben erst aus der Klinik gekommen.”
Martin quälte sich aus dem Sessel, ging in die Küche und begann eine Zwiebel zu schälen.
“Und nun erzähl doch mal, was bei euch los war, das hört sich ja richtig spannend an.”
“Der Gerber ist nach seiner Scheidung ziemlich aus dem Tritt geraten. Die Wochenenenden verlebt er sehr exzessiv, dann ist er montags unpünktlich, und vor allem ist er sehr unzuverlässig geworden. Es ist jedesmal ein Drama wenn ich seine Debitoren abstimmen will.”
“Schatz, du hast ein Talent die Geschichte am falschen Ende zu beginnen. Fang doch bitte ganz vorne bei den fehlenden Waren an. Ich würde mir gerne ein Bild von der Situation machen.”
Das war typisch für Karin. Sie hatte Psychologie und Mathematik studiert und arbeitete als Therapeutin in der psychatrischen Klinik. Mit ihrer Vorliebe für exaktes und logisches Denken brachte sie selbst ihn den Buchhalter aus der Fassung. Und gnau dafür liebte er sie.
“Wie du willst, alles begann mit einem dummen Zufall. Letzte Woche kam die Auszubildende aus dem Einkauf zu mir, und wollte die Unterschrift für eine Bestellung. Unter anderem zehntausend Kaputzen-Shirts.
Zufällig hatte ich gerade die letzte Inventurliste auf meinem Schreibtisch, deshalb ist mir aufgefallen, daß wir am 31.12. noch fünfundzwanzigtausend Stück am Lager hatten, und normalerweise verkaufen wir im Monat etwa fünftausend Stück. Also hätten noch etwa zehntausend Stück am Lager sein müssen.”
“Habt ihr mehr verkauft?”
“Das hätte ich an den Umsätzen gemerkt, aber die waren völlig normal. Deshalb habe ich nachgeforscht, es fehlten Waren für über siebzigtausend Mark. Als wir das feststellten, haben wir sofort die Polizei angerufen.”
“Wie bringt man denn eine solche Menge aus dem Betrieb? Im Kofferraum geht das doch nicht.”
“Nein, Gerber hatte einen Kunden als Komplizen. Der hat bestellt, die Lieferscheine wurden geschrieben, die Waren verpackt und verschickt, anschließend hat Gerber die Daten geändert und eine falsche Rechnung geschrieben.”
“Werden die Rechnungen nicht automatisch erstellt?”
“Normalerweise schon, aber Gerber hat es geschafft in das System einzudringen und die Daten zu ändern.”
“Wie seit ihr ihm denn auf die Spur gekommen?”
“Er ist mir schon vorher aufgefallen, weil er plötzlich sehr viel Geld ausgegeben hatte. Neues Auto, neue Anzüge, sogar eine Eigentumswohnung hat er gekauft. Viel mehr als er von seinem Gehalt bezahlen konnte.”
“Ist das alles was ihr gegen ihn in der Hand habt, einen Verdacht?”
“Leider nicht. Auf seinem PC fanden wir die Dateien mit den geänderten Rechnungen.”
“Die hatte er dort einfach abgelegt?”
“Natürlich nicht. Er hatte sie gelöscht, aber mit den PC-Tools konnte ich sie wieder zurückholen.”
“Und nun?”
“Wir haben ihm natürlich fristlos gekündigt, er sitzt in Untersuchungshaft und wartet auf seinen Prozeß.”
“Und sein Komplize?”
“Ist natürlich längst über alle Berge.”
“Und du glaubst wirklich, daß es der Gerber war?”
“Natürlich, bei allem was gegen ihn spricht.”
“Findest du? Ich meine, er wäre der letzte den man verdächtigen sollte.”
“Fängst du jetzt wieder mit deinem Psychokram an.”
Das war mal wieder eine der Situationen, in denen ihn Karin zur Weißglut brachte. Für ihn lag alles klar und eindeutig auf der Hand, doch sie kam ihm mit irgendwelchen fadenscheinigen Zweifeln.
“Ich finde, alles was du bis jetzt gesagt hast, spricht gegen Gerbers schuld. Aber laß uns jetzt aufhören, ich möchte noch ein wenig Musik machen.”
“Damit hast du bestimmt Recht. Darf ich zuhören?”
Sie lächelte, nahm ihre Geige und begann zu spielen, kein bekanntes Stück, sie improvisierte eine Art Meditationsmusik, die herlich entspannend war. Martin schloß die Augen und lehnte sich in seinem Sessel zurück. Dies war genau der richtige Ausklang für einen solchen Tag.
Doch schon am nächsten Morgen hatte ihn der Alltag wieder. Er mußte Gerbers Schreibtisch aufräumen. Überall Stöße von Briefen, Rechnungen und Mahnungen. Kein Wunder, daß ihm mancher Kunde durch die Lappen gegangen war. Jetzt konnte er sehen, wie er das klärte bis ein Nachfolger eingearbeitet war. Herr Dahlmann, der zweite Mann in der Debitorenbuchhaltung, würde zwar die laufenden Arbeiten übernehmen, aber schon das war eigentlich zu viel.
Kurz vor Eins klingelte das Telefon, es .
“Herr Bergmann, ihre Frau ist hier. Sie fragt, ob sie mit ihr Essen gehen.”
“Danke, ich bin in fünf Minuten unten.”
Als Martin nach unten kam, saß Karin neben Herrn Dahlmann am Schreibtisch. Die beiden unterhielten sich angeregt.
“Da bist du ja. Herr Dahlmann hat mir gerade erklärt, wie ich die CGIs auf meiner Homepage zum laufen bringe. Er kennt sich wirklich aus.”
“Dann kann ich dich ja die nächste Woche vergessen. Möchtest du zum Chinesen oder zum Italiener?”
“In der Fußgängerzone hat gestern ein Mexikaner aufgemacht. Wollen wir den mal probieren?”
Eine halbe Stunde später saßen sie bei Tappas und Kaffee zusammen.
“Was machen denn deine Ermittlungen?”
Karin sah in mit einem herrausfordernden Lächeln an. Er hatte das Gefühl, sie wüßte mal wieder mehr als er.
“Nichts Neues, es sieht sehr schlecht für ihn aus.”
“Du solltest die euren Herrn Dahlmann mal genauer unter die Lupe nehmen.”
“Was soll denn das jetzt! Dahlmann ist einer unserer zuverlässigsten Mitarbeiter.”
“Und dir ist nie etwas bei ihm aufgefallen?”
“Nein, sollte mir denn etwas auffallen?”
“Zum Beispiel das neue Rasierwasser, das er benutzt. Vor vier Wochen hatte er noch ein anderes, deutlich billigeres.”
“Das ist doch Blödsinn. Ich kann doch nicht jeden verdächtigen, der plötzlich ein neues Rasierwasser benutzt.”
“Also ich finde es schon auffällig, wenn jemand jahrelang ein Rasierwasser für neun Mark benutzt, und plötzlich eines für neunzig Mark. Vor allem im täglichen Gebrauch. - Und er hat EDV-Kenntnisse.”
Eine Stunde später saß Martin wieder in seinem Büro und ordnete die Unterlagen von Gerbers Schreibtisch. Neues Rasierwasser - so ein Blödsinn, dachte er. Und doch, schon oft hatte Karin ihn auf ähnliche Ungereimtheiten hingewiesen, und meistens Recht behalten. Aber wegen Rasierwasser.
Dahlmann hat ihr erklärt, wie CGIs funktionieren, der versteht wirklich etwas von Computern.
Zu dumm, jetzt mußte er noch ein paar Dinge auf Gerbers PC nachsehen. Dann kann er ihn ja auch gleich neu einrichten, dachte er.
Merkwürdig, diese Dateien auf Gerbers PC wurden alle gegen 02:30 nachts erstellt. Um diese Zeit ist doch niemand mehr im Büro. Sollte etwa...
Martin wird etwas unruhig. Dahlmann ist bereits nach Hause gegangen. Er setzt sich an dessen PC, meldet sich als Supervisor an, und macht ein paar Tests.
Das ist doch... . Er greift zum Teleonhörer.
“Guten Abend, Bergmann Firma AvG-GmbH, ist Kommissar Steinmetz noch im Haus? - Ja, ich warte. - Vielen Dank.
Herr Steinmetz? Hier Bergmannn - genau, die Unterschlagung. Ich habe hier etwas gefunden, das ich für sehr wichtig halte. - Ja, ich habe noch Zeit. - Einverstanden, in einer halben Stunde. Vielen Dank.”
Am nächsten Abend saßen Martin und Karin wieder in ihrem Wohnzimmer. Karin spielte ein Stück von Paganini.
“Du hattest mal wieder Recht, mein Schatz. Gerber ist aus der Haft entlassen, dafür sitzt Dahlmann ein. Er hat das ganze Ding gedreht, und versucht es Gerber unterzuschieben. Seit wann hattest Du ihn denn im Verdacht?”
“Seitdem du mir erzählt hast, das Gerber verhaftet wurde.”
“Das ist doch unmöglich! Bei allem, was damals gegen Gerber sprach.”
“Ich sagte dir doch schon, daß alles was du mir erzählt hast nicht gegen sondern für Gerber sprach. Wie oft hast du über diesen Gerber geschimpft, der nicht mal merkt, wenn er eine Diskette im Laufwerk vergessen hat, und der eine so schrecklich unsystematische Arbeitsweise hat. Und ausgerechnet der soll sich einen solchen Plan ausgedacht, und den Server gehackt haben.”
“Aber das viele Geld das er ausgegeben hat ...”
“... konnte auch woanders herkommen. Aber als Hacker kam er nun wirklich nicht in Frage.”
“Und wie kamst du dann auf Dahlmann?”
“Einen solchen Coup konnte nur jemand landen der die Vorgänge im Betrieb genau kannte, und der regelmäßig Kontakt mit den Kunden hatte. Da blieben außer Gerber nur Dahlmann und die beiden Damen aus dem Verkauf. Und nach allem was ich von den beiden weiß, sind sie auch nicht gerade Computerexperten. Dann blieb nur noch Dahlmann. Ein kleiner Test überzeugte mich dann, daß der nicht nur über einige, sondern über sehr gute Kenntnisse verfügt. Sonst hätte er die Fehler in meinen PERL-Skripts nicht gefunden. Dann der verschwenderische Umgang mit dem teuren Rasierwasser.”
“Und die Dateien auf Gerbers PC?”
“Ein weiteres Indiz, daß er es nicht gewesen ist. Wer einen NT-Server knacken kann, der löscht seine Dateien nicht einfach. Aber jetzt sag mal, wie seid ihr denn auf Dahlmann gekommen?”
“Die Dateien auf Gerbers PC wurden alle mitten in der Nacht erstellt. Da um diese Zeit niemand mehr im Büro ist, konnten sie nur durch ein Skript oder ein Makro erstellt worden sein. Das fand ich dann auch in einer von Dahlmanns EXCEL-Tabellen. Er nutzte einen Bug in der Office-Schnittstelle des Buchhaltungsprogramms um die Rechnungen zu ändern, und die Spuren auf Gerbers PC zu lenken.”
“Ein cleveres Kerlchen.”
“Aber nicht so clever wie du mein Schatz. Ich danke dir für deine Hilfe.”
Er küßte sie auf die Stirn. Sie lächelte, lehnte sich in ihrem Sessel zurück und zündete sich die Pfeife an, die sie inzwischen gestopft hatte.
© Jörg Hofmann

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