Der Tod aus der Teekiste
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Februar 2003
SARTSCH
von Klaus-Peter Walter


„Rache ist süß. Aber sie ist mehr als süß.
Sie ist Sahnepudding."
Helen Zahavi

Die Äste der Tannen neben der schmalen, kurvenreichen Schlaglochpiste nach Bitburg reichten bis auf den Boden. Keine Menschenseele war unterwegs. Die Scheibenwischer ihres VW-Busses schafften es kaum, die Windschutzscheibe freizuhalten. Sie klebte mit der Nase fast am Glas, weil sie nichts erkennen konnte.
Nanu? Leuchtete da vorn nicht quer zu ihr im Wald ein Scheinwerfer? Fuhr da wer? Sie versuchte, genauer hinzusehen. Nee, anscheinend doch nicht!
Kaum hatte sie die Stelle passiert, an der sie für einen flüchtigen Moment den Lichtkegel gesehen zu haben glaubte, da war es auch schon hinter ihr. Das Riesendings. Der Kampftraktor. Der Kerl musste eine Abkürzung quer durch Wald genommen haben! Als der Traktor aufblendete, wurde es gleißend hell im Bus. Sie kämpfte einen Anflug von Panik nieder. Dann kam der erste Stoß. Die alte Klapperkiste machte einen Satz nach vorn. So musste es sich anfühlen, wenn in Jurassic Park II der TiRex mit dem Kopf den Bus rammt. Durch die nächste Kurve kam sie, ohne Geschwindigkeit zu verlieren, indem sie stotterbremsend in die Kurve hineinlenkte. Dem nächsten Stoß folgte ein erneuter Satz, kaum mehr kontrollierbar. Sie riss das Steuer herum, um nicht von der Straße abzukommen. Der nächste Abbrummer erwischte sie in einer Linkskurve. Das Heck schleuderte ziemlich. Noch einmal schaffte sie es, den Bus abzufangen. Der Traktor fiel ein paar Meter zurück. Für einen Moment glaubte sie, er hätte aufgegeben - ein Irrtum. Er hatte lediglich heruntergeschaltet und war sofort wieder hinter ihr. Im nächsten Augenblick krachte ihr die Frontwinde des Traktors voll ins Heck. Sie verlor die Kontrolle über den Bus und schoss zwischen zwei Begrenzungsnägeln hindurch aus einer Kurve hinaus in den Wald. Sie erlebte alles wie in Zeitlupe. Gemächlich holperte der Bus einen steilen Abhang hinter, gemütlich schwänzelte er zwischen Bäumen hindurch, durch Gestrüpp und Geäst. Sie sah ganz genau den Punkt, wo sie hätte gegenlenken müssen - wenn gegenlenken geholfen hätte. Ihr kam es ewig lange vor, bis der Bus nach etwa vierzig, fünfzig Metern an einen tiefliegenden Waldweg kam, der quer zur Fahrtrichtung verlief, und in aller Gemütsruhe senkecht nach unten stürzte. Er krachte auf die Nase, überschlug sich majestätisch und blieb auf dem Dach liegen. In Wahrheit hatte die ganze Schussfahrt lediglich einige Sekunden gedauert.
„Aus! Ende!“ dachte sie, kopfunter in den Sicherheitsgurten hängend. Die Windschutzscheibe war von einem Spinnennetz feiner Risse überzogen, der Motor abgestorben und der eine Scheinwerfer ausgegangen; der andere leuchtete weiter.
Es war aber noch nicht das Ende. Sie stützte sich mit dem einen Arm ab, löste mit dem anderen den Sicherheitsgurt und ließ sich auf das Dach fallen.
„Schitt!“
Die Tür war gestaucht und ging nicht auf. Sie musste es auf der Beifahrerseite probieren. Sie kroch hinüber, doch hier tat sich ebenfalls nichts. So trat sie gegen die Windschutzscheibe. Ein Bruchstück flog nach draußen.
Die Vorstellung in der Tufa, der Tuchfabrik in Trier, der sechsten Station der Herbsttour von „Lesbentallje“, war zu Ende. Sieben Mädchen im Frack, die Lieder im Stil der Comedian Harmonists sangen. „Franka Steins Monster“ war der Titel ihres Programms, eine fröhlich-anarchische Parodie auf die klassischen Gruselgestalten wie Dracula, Frankenstein, das Phantom der Oper oder den Werwolf - der hier natürlich zur Wolfsfrau wurde. Klar, dass auch Jane the Ripper und Frau Dr. Hanni Ball-Lecter mit der Eishockey-Maske auftraten. Die Mädchen hatten radikal den Fundus an bekannten Opern- und Operettenmelodien geplündert und zum Teil mit neuen Texten versehen. In „Wie eiskalt ist dies Händchen“ zum Beispiel alberten sie mit einem blutigen Plastikarm herum (natürlich einem haarigen Männerarm), den jede der Sängerinnen mit angewiderter Miene der Nebenfrau weiterreichte. Am Schluss fiel das gute Stück scheinbar versehentlich ins Publikum, was regelmäßiges entsetztes Gekreische unter den Damen direkt vor der Bühne auslöste.
Nun hatten die Mädchen die Instrumente und die Kostüme eingepackt und sich an der Tufa-Bar „Textorium“ zusammengefunden, um die Spannung hinunterzuspülen, die jedes Konzert aufbaut. Oder um einen one-night-stand aufzureißen. Schließlich war frau nicht aus Holz.
Jenny war ein Koloratursopran von enormem Volumen selbst in den ganz hohen Lagen. Alfie, stimmlich nicht ganz so stark, harmonierte als solider zweiter Sopran wunderbar mit Jenny. Sweet Loretta und Fera sangen die Altstimmen. Benny konnte sich nicht entscheiden und unterstützte deshalb je nach Partitur mal die Soprane, mal die Altstimmen, und Sartsch war der Bassbuffo. Ihre Stimme war schwarz und schwer und kam geschmeidig wie Creme aus der Tube, und sie konnte praktisch jede Stimme nachmachen, die es gab. Caruso? Kein Problem! Joe Cocker oder Tina Turner? Erst recht nicht! Die siebte Frau war Zoff, die Pianistin. „Die siebte der sieben Zwerginnen,“ wie sie manchmal sagte. Wenn sie, was oft vorkam, zu besoffen war, um die Tasten zu treffen, sprang Sartsch für sie ein, die Frau für alle Fälle. Sartsch konnte praktisch jedes Instrument spielen. In der Nummer mit der achtarmigen Göttin Kali, die Franka Steins Monster Leben verleiht, spielte sie Sitar vom Band und live eine indische Schlangenbeschwörer-Flöte, die aus einem Kürbis gemacht war. Außerdem war sie für die Musikanlage zuständig. Und wenn der klapprige alte VW-Bully streikte, brachte sie den auch wieder ans Laufen. Sie war der Kopf der Truppe: sie buchte die Termine, warf die Mädchen morgens aus dem Bett und zwang sie zum Proben. Nur die Partituren, die schrieb Zoff. Wenn sie nüchtern genug war.
Sartsch ging auch in Trier nicht mit an die Bar. Sie hatte noch Dienst, sozusagen. Sie musste einen Zug durch ein paar Kneipen der Umgebung machen. Nicht um zu trinken. Sartsch hatte den ganz besonderen Blick: durch eine Laune der Natur sah sie die Drehung der Walzen von Glückspielautomaten in Zeitlupe und konnte die Geldspeicher ganz nach Lust und Laune ausräumen. Wie der „Rain Man“ Dustin Hoffman. Damit besserte sie die ewig klamme Tourkasse auf.
Eigentlich hieß Sartsch Uli. Ulrike durfte sie bei Todesstrafe niemand nennen. Uli hatte vier wesentlich ältere Brüder. Sie war als überraschender Nachzügler zur Welt gekommen, als ihr ältester Bruder schon seine erste Freundin gehabt, sie unter Schmerzen wieder abgelegt und sich eine neue gesucht hatte. Das Schwesterchen hätte vom Alter her glatt sein Tochter sein können. Sie wuchs unter den Jungs auf, raufte mit den beiden jüngeren, trieb den Sport, den sie trieben, fuhr schneller auf ihren Motorrädern, als sie selber sich trauten, rauchte ihre Zigaretten und trank sie unter den Tisch. Die Brüder nahmen sie nämlich immer mit in die Kneipen. Wegen der Spielautomaten. Bis sie Lokalverbot bekamen. Spätestens nach dem dritten Besuch. Die Mutter war verzweifelt.
„Das Kind hat so gar nichts Frauliches,“ seufzte sie. Den Vater störte das nicht, ihm wäre ein Ulrich sowieso lieber gewesen. Mit Mädchen wusste er nichts anzufangen. Manchmal vergaß er sogar, das Uli weiblichen Geschlechts war, und sprach von „meinen fünf Söhnen“. Zum Entsetzen der Mutter fuhr Uli als kleines Mädchen nie eine Puppe im Puppenwagen spazieren, sondern einen Teddybären („Was hab’ ich mich immer geschämt,“ pflegte die Mutter noch Jahre später zu erzählen). Und dann der Beruf!
„Warum gehst Du nicht zur Bank, Kind?“ hatte die Mutter ein um das andere Mal gefragt, „das ist doch soooo was Nettes für ein Mädchen!?“
Ein Grund mehr, Industrieanlagen-Elektronikerin zu werden! Wenigstens war „das Kind“ musikalisch und nahm Klavierstunden. Obwohl - Uli wusste mit Etüden und Sonatinen nichts anzufangen. Sie spielte Ragtime von der Schallplatte, Dixiland und anderen Jazz. Einfach so nach Gehör. Schauderhaft! Als sie ausgelernt hatte, wurde sie von ihrer Firma nicht übernommen.
„Frauen werden eingestellt und nach Ablauf der Probezeit schwanger,“ hatte der Chef behauptet und sie von der Liste gestrichen. Sie hatte nicht den Mut gehabt zu sagen, dass das mit den Kindern unwahrscheinlich bei ihr war. Blieb der Bund.
Eigentlich hatte sie zum Heeresmusikcorps gewollt, aber als die bei der Musterung lasen, dass sie Industrieanlagen-Elektronikerin gelernt hatte, hatten sie sie zur Luftwaffe in eine Instandsetzungs-Kompanie gesteckt. Dort hatte sich ihre langen Haare abgeschnitten und einen Herrenschnitt mit Seitenscheitel zugelegt. Und nach Dienstschluss kräftig gejazzt. Trompete, Saxophon, was gerade kam. Nach ihrer Beförderung zum Feldwebel, zum Sergeant, war sie „der Sartsch“ geworden.
„Hey, Sartsch,“ hatten ihre männlichen Kameraden manchmal in grobem Scherz gefragt, „hat dich schon mal jemand für einen Mann gehalten?“
„Nein,“ hatte sie dann immer geantwortet, „dich etwa?“
War nicht von ihr, aber trotzdem gut. Meist war es beim verbalen Schlagabtausch geblieben. Meist.
Sartsch hatte schon auf der Straßenkarte nachgeschaut und sich für ihren Raubzug nach dem Konzert die Dorfkneipen von Waldalbersheim, Knaupp, Bessert und Girlsfeld ausgesucht. Girlsfeld hatte in ihren Lesbenohren einfach zu gut geklungen, um es auszulassen. Sie wusste, dass es eins von diesen gottverlassenen Eifelkäffern sein würde, aber sie fuhr trotzdem hin. Sie hätte es noch drei Jahre später „Görlsfield“ ausgesprochen, wenn sie da noch hätte sprechen können.
In Waldalbersheim, Knaupp und Bessert ging alles gut. Dort saßen nur alte Männer in der Kneipe, droschen Skat oder nahmen einfach den abendlichen Bitburger-Pils-Urlaub von ihrer Alten daheim. Niemand nahm Notiz von ihr, manche hielten sie wahrscheinlich für einen jungen Mann in ihrer Bomberjacke, ihren Jeans und ihren Cowboystiefeln. Sartsch bestellte ein Bier, schmiss den Spielautomaten an, räumte ab, zahlte das Bier, das sie hatte abstehen lassen, und zog, die Beute in einem Jutesack, wieder ab.
Im Dorfkrug von Girlsfeld, der sich „Beim Mattes“ nannte, hatte sich offenbar die gesamte Männlichkeit des Dorfes zur Vollversammlung eingefunden. Die beleuchteten Parkplätze am Eingang waren der Rennsport-Fraktion vorbehalten: ein halbes Dutzend schwarzer Golfs GTI, ein aufgemotzter, tiefergelegter VW-Käfer mit Spoiler, Sportfelgen und wahrscheinlich einem Typ-4-Motor und ein ausgeleierter alter Opel Manta, einer aus der eckigen Serie. Hier bei den Dorf-Schummis war kein Platz mehr frei. Sartsch musste weiter hinten parken, da wo der Hof weder gepflastert noch beleuchtet war und wo die agrartechnische Sonderausstellung begann.
„Echt schweres Gerät,“ dachte sie, als sie ihren VW-Bus neben einem mindestens vier Meter hohen Monstertraktor abstellte, der alle anderen Fahrzeuge auf dem Platz überragte. Sie erkannte den ganz neuen 9520-er John Deere. Das Ding hatte mehr als 500 PS. Der reinste Acker-Ferrari. Es nieselte leicht. Als Sartsch aus dem VW-Bus ausstieg, sie zog den Reißverschluss der Bomberjacke hoch.
„Beim Mattes“ war die Luft verqualmt und von lauten Stimmen erfüllt. Den Burschen am Stammtisch, den der das große Wort führte, erkannte sie sofort. „Der Stuffz“, dachte sie nur.
Es war der Kerl, der ihr damals beim Bund an die Wäsche gewollt hatte.
Als der Stuffz, der Stabsunteroffizier, sie damals auf dem Weg zur Dusche abgepasst hatte, hatte er nach Bierrülpsern, feuchten Socken und nach „Red Grant“ gerochen, einem aggressiven Aftershave, das wahrscheinlich aus reiner Ameisensäure destilliert wurde.
„Verpiss dich, Stuffz“, hatte Sartsch damals nur gesagt. Da war der Stuffz ausgerastet. Sartsch hatte seine Faust in Zeitlupe auf sich zukommen sehen. Der Stuffz hatte keine Chance. Mit der Linken blockte sie seine Schlag ab und ließ die Rechte nach vorn fliegen. Zwei Kopftreffer, und seine Augen waren zugeschwollen. „Mit Tarnbeleuchtung fahren,“ nannten die Panzerfahrer sowas. Dann brachen kurze, trockene Schläge die unteren Rippen, und ein Leberhaken schickte den Stuffz schließlich zu Boden. Der boxbegeisterte Stabsarzt, der ihn hinterher wieder zum Leben erwecken musste, meldete Sartsch bei der Bundeswehr-Damen-Boxstaffel an. Sie brachte es bis zur deutschen Militär-Meisterin im Mittelgewicht. Regina Halmich, die beim Titelkampf im Publikum saß, bescheinigte ihr nachher „einen vorzüglichen Rechtsausleger“. Sartsch blieb nicht lange Militär-Meisterin, weil plötzlich diese Nervengeschichte anfing, deren Ursache kein Stabsarzt und kein ziviler Facharzt fand. Es begann mit unerklärlichen zeitweiligen Lähmungserscheinungen im linken Bein und endete mit ihrer Entlassung aus gesundheitlichen Gründen. Hatten Angst bekommen, sie müssten auf Z-ewig Rente zahlen.
„Mist,“ dachte Sartsch, als sie in der Kneipe den Stuffz erblickte, dessen Namen sie längst vergessen hatte. Seine Bw-Karriere war wegen des Vorfalls ziemlich schnell beendet gewesen, und er hatte den Bauernhof der Eltern übernehmen müssen. Wenn sie gewusst hätte, dass der ausgerechnet in Girlsfeld lag!
„Walter wurde er genannt,“ fiel es ihr wieder ein. „Der schöne Walter.“
Sie vermied es, in seine Richtung zu schauen, bestellte sich das obligatorische Bier und fütterte den Spielautomaten mit Zwei-Euro-Münzen. Erste Scherze wurden ihr von den Tischen zugeworfen, ohne dass sie reagiert hätte. Sie konzentrierte sich noch mehr, und es dauerte nicht lange, bis der Inhalt des Geldspeichers durch den Schlitz des Automaten in den Jutesack rasselte.
Da stand der Stuffz auf, ging hinüber zu ihr und baute sich neben ihr auf. Er war angetrunken. Wie damals. Als er provokant den Kopf in den Nacken warf, stieg ihr wieder diese anheimelnde Duftkomposition aus Bierfahne, Sockenmuff und „Red Grant“ in die Nase, jetzt vermehrt um eine Landluft-Komponente aus dem Geruch nach Hühnerkacke und Kuhfladen.
Ob er sie wohl erkannte? Er war immer noch kleiner als die hochgewachsene Sartsch, aber fast doppelt so breit. Hände wie Baggerschaufeln und ein Bierbauch, der sich sehen lassen konnte. Das Ergebnis von jahrelangem zentnerschweren Seidelstemmen. Im Gesicht sah der Bursche für seine Verhältnisse noch immer ziemlich gut aus. Jedenfalls besser als die Hutzeleifler, die um ihn herumsaßen. Wahrscheinlich der Hengst von Girlsfeld. Das lokale Großmaul. Weil Papa der dickste Bauer am Ort gewesen war.
„Das versuche ich schon seit Jahren, Puppe“, meinte er. Seine Zunge war schwer.
„Tja,“ hatte Sartsch schnippisch geantwortet. „Üben, schöner Walter. Immer üben!“ Sie hatte energisch ihren Jutesack mit einem Knoten verschlossen und den Sack auf die Ablage des Spielautomaten gelegt.
„Duuu?“ fragte er. Kein Zweifel, jetzt hatte er sie wiedererkannt.
Sartsch ahnte, was nun kommen würde. Die offene Rechnung von damals. Der Stuffz vertrat ihr den Weg zur Tür.
„Willste wieder Prügel?“ fragte Sartsch.
„Du bist nicht die erste, die ich durchgefickt hätte!“
Natürlich konnte Sartsch ihren Mund wie immer nicht halten. Es war draußen, ehe sie es verhindern konnte: „Möchte mal wissen, mit was. Pack doch mal aus!“
Ein Mann begann im Hintergrund laut zu wiehern. Der Stuffz gebot mit einer herrischen Geste „Ruhe da hinten“. Tatsächlich erstarb das Lachen auf der Stelle. Wirt Mattes hörte auf, das Glas zu wischen, an dem er seit mindestens zwei Minuten herumpolierte. Selbst durch die verrauchte Atmosphäre hindurch konnte Sartsch erkennen, dass der Stuffz knallrot angelaufen war. Eine Gesichtsfarbe, die eine bevorstehende Systemüberhitzung ankündigte.
Die kam prompt, und wie damals war der Stuffz viel zu langsam und holte viel zu weit aus. Sartsch sah die Baggerschaufel in Zeitlupe von links außen auf sich zukommen. Wieder blockte sie sie mit der Linken ab. Und dann war es genauso wie damals beim Bund. Nur besser. Weil sie inzwischen dazugelernt hatte. Sie setzte ihm kurz und prägnant die geballte Rechte auf den Solarplexus. Mit einem lauten Seufzer entwich die ganze heiße Luft aus dem Burschen, und er klappte in der Mitte zusammen wie ein Buch, das man zuschlug. Sartsch überlegte einen Moment, ob sie ihm das Nasenbein brechen oder lieber - von wegen Durchficken! - das Knie in den Schritt rammen sollte, entschied sich dann aber für einen Kinnhaken.
Der Stuffz krachte rücklings auf die Bodendielen, die beim Aufprall ein ächzendes Geräusch von sich gaben. Sartsch schnappte ihren Jutesack, knallte dem Wirt, der, das polierte Glas und sein Gläsertuch in Händen, mit offenem Mund dastand, zwei Zwei-Euro-Stücke auf die Theke und ging zur Tür.
„Ein kleiner Schlag auf den Ballon,“ improvisierte sie reimend, als sie über den Stuffz hinwegstieg, „vertreibt beim Bauern Hass und Aggression.“ „Zentral-Girlsfelder Bauernregel,“ setzte sie, schon am Eingang, hinzu. Dann war sie draußen. Erst als die Tür ins Schloss gefallen war, ging drinnen der Tumult los.
Der Regen war heftiger geworden. Bis sie an ihrem Bus angekommen war, hatten sich ihre Hosenbeine vollgesogen, und als sie losgefahren war, waren die Wasserfontänen bis zum Busdach hinaufgespritzt. Und nun versuchte sie, aus ihrem Buswrack herauszukommen.
Auf einmal waren die gleißenden Scheinwerfer wieder da. Der Traktor war den Waldweg entlanggefahren und hielt jetzt genau vor der Unfallstelle. Die Scheinwerfer tauchten sie in grelles Flutlicht. Jemand riss mit roher Gewalt die Fahrertür des Busses auf. Das ganze Buswrack geriet ins Schwanken. Jemand packte Sartsch an den Füßen und zog sie ins Freie. Sie erkannte den Stuffz am Geruch und versuchte, aus dem Liegen heraus den ersten Schlag anzubringen. Ihre Faust kam schräg, glitt ab.
Ihr nächster Schlag traf besser. Der Mann schrie auf und ließ sie los. Seine Fäuste aber sah sie nicht mehr kommen. Sie wurde in schneller Folge auf die Nase getroffen, auf die Augen, den Mund. Ein schwerer Hieb in den Magen nahm ihr die Luft, dann folgte ein Treffer am Kinn. Ihr wurde schwarz vor den Augen, und sie merkte nicht mehr, wie sie gewürgt wurde. Wie plötzlich ein winzigkleiner Schalter in ihrem Kopf umklappte und wie diese Lichtblitze durch den Kopf zuckten, wie sich ihre Zunge verzweifelt durch die Zähne drängte, wie blutiger Schaum aus ihrem Mund quoll und wie sie die Zähne im Krampf zusammenbiss.
Waldarbeiter finden sie am nächsten Vormittag. Dass sie nicht erfroren war, verdankte sie den Ameisen, in deren Bau sie gelegen hatte. Die Tiere hatten sie am ganzen Körper gebissen, und das hatte ihren Kreislauf in Schwung gehalten. Erst im Krankenhaus vermisste jemand ihre Zunge. Ein Autobahn-Notarzt auf einem Motorrad wurde losgeschickt, die Zunge am Unfallort zu suchen. Der Mann fand sie, aber sie war von Ameisen angefressen, und das Ameisengift hatte das Gewebe so stark zerstört, dass an ein Annähen nicht mehr zu denken war.
Die schweren Kopftreffer hatten die Epilepsie ausgelöst, die schon lange in Sartschs Kopf auf ihren Ausbruch gelauert hatte. Der Kernspintomograph brachte dies gleich ans Licht. Beim ersten Anfall hatte sich Sartsch die Zunge abgebissen. Sie erstattete Anzeige und verklagte den Stuffz, doch alle „Beim-Mattes“-Gäste behaupteten einstimmig, der Stuffz habe den ganzen Abend über das Lokal keine Sekunde verlassen. Auch der Dorfsheriff stimmte ein. Der Anwalt argumentierte ausgesprochen spitzfindig.
„Nehmen wir einmal rein hypothetisch an,“ dozierte er, „mein Mandant hätte die Tat begangen. Dann müsste es ihm strafmildernd zu Gute gehalten werden, dass er kein Sexualdelikt beging. Wie gesagt, nur einmal vorausgesetzt, er wäre es gewesen.“
Die Traktorspuren im Wald seien kein Argument, denn der Wald gehörte dem Stuffz, also konnte er auch nach Belieben darin herumfahren. Sartsch wurde sogar Trunkenheit am Steuer unterstellt, und sie konnte sich nicht dagegen wehren, weil nach dem Unfall niemand ihr Blut auf etwaigen Alkoholgehalt untersucht hatte. Die Zeugen einschließlich des Wirts beschworen, sie habe am fraglichen Abend mindestens fünf Bier getrunken.
„Außerdem,“ belehrte der Anwalt weiter, „kann die Klägerin von Glück sagen, dass mein Mandat keine Anzeige wegen der körperlichen Misshandlung erstattet, die ihm aus nichtigem, ich wiederhole, nichtigem Anlass in der Gaststätte „Beim Mattes“ durch die Klägerin zugefügt wurde.“
Außerdem sei sie schon beim Bund als gewaltigtätig bekannt gewesen. Bis dann irgendjemand auf die Idee kam, nach Farbpartikeln des VW-Busses an der Frontwinde des John Deere-Traktors zu suchen, war die längst ausgetauscht. Schließlich verkündete der Vorsitzende im Namen des Volkes folgendes Urteil: „Der Angeklagte freigesprochen, die Kosten des Verfahrens trägt die Staatskasse.“
Ihr ältester Bruder, der Arzt, nahm sie bei sich auf.
„Bis du wieder arbeiten kannst,“ meinte er.
Sartsch konnte nie wieder arbeiten. Kopfschmerzattacken. Konzentrationsstörungen. Epileptische Anfälle. Das linke Bein, das jetzt kaum mehr seinen Dienst verrichtete. Das linke Auge, auf dem sie seit den Schlägen so gut wie nichts mehr sah. Wenn sie damit hätte sehen wollen, hätte sie eine Brille mit siebzehn Dioptrien gebraucht. Einen Glasbaustein!
Sie versuchte, den Kindern ihres Bruders das Klavier spielen beizubringen. Die nannten sie „Tante Quackfrosch“, weil sie nicht mehr richtig sprechen konnte. Außerdem hatten sie die Unmusikalität von ihrer hochnäsigen Mutter geerbt, die sich wunder was darauf einbildete, die Frau eines habilitierten Kinderarztes zu sein. Den ganzen Tag fuhr die dumme Pute in ihrem Mercedes SLK herum, um das viele Geld unter die Leute zu bringen, das ihr Mann verdiente.
Natürlich hatte sich „Lesbentallje“ zu diesem Zeitpunkt längst aufgelöst. Es war niemand mehr da, der Zoff aus dem Bett warf, damit sie Partituren schrieb, der die Termine buchte und den Bass sang. Das Kraftwerk des Ganzen war weg, ein anderes gab es nicht. Sartsch hatte völlig den Drive verloren. Frustriert zerlegte Sartsch wieder und wieder den Motor ihrer 750-er Honda CBX „Bol d’or“ von 1985 und setzte ihn zusammen. Mindestens ein Dutzend Mal. Oft träumte sie davon, einmal noch mit der Maschine loszubrausen. Sie ließ es, sie konnte nicht und wollte nicht.
Drei Jahre nach dem ersten Prozess kam dann der Brief, dass auch die Revision keinen Erfolg gebracht hatte: Der Stuffz blieb unschuldig, und er würde ihr keine lebenslange Rente zahlen. Da wusste Sartsch, dass der Tag gekommen war, ein letztes Mal mit der „Bol d’or“ loszupflügen. Am PC gestaltete sie sich die TÜV- und die ASU-Plakette, druckte sie aus und klebte sie aufs Nummernschild. Eine korrekte Anmeldung lohnte sich nicht mehr.
Dann zog sie noch einmal ihren Arbeitsanzug von der Bundeswehr an. Noch einmal wurde sie der alte Sartsch. Der von früher. Sie steckte ein paar 9mm-Platzpatronen ein und rollte leise die Honda aus dem Schuppen, schob sie aus der Einfahrt und startete sie erst auf der Straße. Es war schon spät am Abend und dunkel. Sie brauchte nur knapp eine Stunde nach Girlsfeld. Im Dorf sah sie sich ein bisschen um. Der Dorfsheriff saß „Beim Mattes“. In Zivil. Wie damals. Wenn auf etwas Verlass war, dann auf die Gewohnheiten der Eifler. Das Haus im Neubaugebiet, in dem der Dorfsheriff wohnte, war viel zu teuer war für seine A 10 oder was er bekam. Hatte wahrscheinlich der Schwiegerpapa sein Scherflein beigesteuert. Oder die Frau Dorfsheriff. An den Schlössern hatten sie gespart. Sartsch war im Nu drin und wieder draußen. Sie hatte sofort gefunden, was sie gesucht hatte. Der Dorfsheriff hatte keine Phantasie. Und kein Sicherheitsempfinden.Wie zu erwarten war.
Sartsch wartete noch ein paar Stunden, bis der Morgen anbrach. Die Morgen in der Eifel können so schön sein. Dieser war wunderschön. Sartsch genoss ihn.
Der Hund bellte, hörte aber nach einer Weile von selbst wieder auf. Dummes Tier! Die Kühe störten sich nicht an Sartsch.
Als das Licht anging und der Stuffz mit einem Eimer in den Stall kam, staunte er nicht schlecht. Da stand jemand in einem Bw-Arbeitsanzug und trank gerade den letzten Rest Milch aus einer Halbliterflasche „Milchunion“. Erst als sie die Flasche absetzte, erkannte er sie.
„Duuu?“ fragte er wie damals.
Sartsch nickte und zog die Pistole.
„Hnnkn’n“ sagte sie.
Der Stuffz verstand nicht. Sartsch hob drohend die Waffe, als er einen Schritt auf sie zumachte.
„Hnnkn’n,“ wiederholte sie.
Sie zeigte mit dem Pistolenlauf auf den Boden und deutete durch eine Bewegung an, was sie meinte. Da verstand der Stuffz. Hinknien! Er kniete sich wie befohlen hin.
Sartsch steckte die leere Milchflasche auf die Pistole, streckte den Arm aus und zielte auf das Gesicht des Knienden. Sie war schon immer ein schlechter Verlierer gewesen, aber sie würde ihn nicht töten. Er sollte noch etwas haben von seinem Leben. Seinem Leben als Phantom der Oper.
Der Stuffz war langsam, wie immer. Dann verstand er, was Sartsch vorhatte. Sartsch drückte ab, bevor er die Hände schützend vors Gesicht heben konnte, und erwischt voll seine linke Gesichtshälfte. In Zeitlupe sah sie, wie die Druckwelle der Platzpatrone die Milchflasche auf dem Pistolenlauf in Tausende kleiner Splitter verwandelte, wie die Splitter auf den Kopf des Bauern zuflogen, wie jeder Splitter sich in ein Stückchen Fleisch krallte und es mit sich fortriss, wie für einen kurzen Moment das Wangenbein und der Stirnknochen sichtbar wurden; wie das linke Ohr Stück für Stück davon getragen wurde, wie Knorpelstückchen neben Knorpelstückchen in der Tiefe des Stalles verschwand; wie das linke Auge im Glashagel zerplatzte; wie nach einer Schrecksekunde das Blut zu schießen begann und nur noch eine rote Maske da war, wo gerade noch das Gesicht eines Menschen gewesen war. Eines schlechten Menschen. Rücklings stürzte der Stuffz auf den Stallboden. Draußen schlug der Hund wieder an.
Sartsch warf die Pistole des Dorfsheriffs, mit der sie geschossen hatte, neben den Schwerverletzten. Das Magazin mit der scharfen Munition gleich dazu. Würde dem Lügenbold von Dorfsheriff einigen Erklärungsnotstand einbringen. Leider keinen allzu großen.
Vorhin hatte sie ihre Maschine auf den Hof geschoben, damit sie niemanden weckte. Das war jetzt egal. Sie stieg auf und drehte entschlossen den Zündschlüssel um und betätigte den Elektrostarter. Das Motorengeräusch hallte laut in die Stille des Morgens hinein. Zum Abschied warf Sartsch ihren Motorradhelm in den Matsch. Zwar standen ihr Name und ihre Blutgruppe darauf, aber das spielte keine Rolle mehr. Rücksichtslos jagte sie den Motor beim Losfahren hoch. Spielte auch keine Rolle mehr. Sie wollte ohnehin nur noch bis zu der Stelle, an der sie vor drei Jahren mit dem VW-Bus verunglückt und ein erstes Mal gestorben war. Vorläufig gestorben sozusagen. Und sie nahm sich vor, die Augen ganz fest zuzudrücken, wenn sie nachher aus der Kurve getragen würde. Damit sie nicht zusehen musste, wie sie sich mit ihrer Maschine ganz langsam vom Asphalt löste, wie ganz langsam einzelne Bäume an ihr vorüberschwebten und auf sie auf andere Bäume zuschwebte, ganz langsam, wegen ihres merkwürdigen Zeitlupenblicks. Bis zum ganz großen Knall. Ja, sie würde die Augen fest zukneifen, denn sie wollte nicht noch einmal so langsam sterben wie damals. Dieses Mal sollte es schneller gehen.
Klaus-Peter Walter


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