'paar Schoten - Geschichten aus'm Pott
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Das Ruhrgebiet ist etwas besonderes, weil zwischen Dortmund und Duisburg, zwischen Marl und Witten ganz besondere Menschen leben. Wir haben diesem Geist nachgespürt.
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Februar 2003
Die Schriftstellerin
von Alexander Bettin


Die Stimme der Radiomoderatorin klang sehr schwach, wurde jedoch durch den Mann am Mischpult hinter der dicken Wand aus Glas auf eine angenehme Lautstärke gebracht.
Manja Behrens schlug die Beine in dem unbequemen Stuhl übereinander und versuchte den metallischen Geschmack in ihrem Mund herunterzuschlucken. Sie hasste öffentliche Auftritte, doch dieser musste sein, hatte sie doch schon einige Wochen nichts mehr von sich hören lassen. Seit gut einem Monat war das neue Buch auf dem Markt: Manja Behrens „Mörderband“, eine Novelle über zwei mehr oder weniger skrupellose Verbrecher, die beschließen, einen Mord zu begehen. Das zweite Werk nach ihrem bejubelten Debüt „Sommermord“ hatte die Kritiker und das Lesepublikum nicht überzeugt. Die wohltuende Stimme Manja gegenüber hatte jedoch kritische Töne tunlichst vermieden. Langsam legte die Radiomoderatorin den Kopf in den Nacken, warf der „ach so gepriesenen Schriftstellerin“ ein Lächeln zu und stellte ihre letzte Frage.
„Manja, was können sie den angehenden Schriftstellern unter unseren Hörerinnen und Hörern noch zum Abschied mit auf dem Weg geben?“. Sie endete mit einer dramatischen Geste ihrer Hand.
Was für eine dumme Frage, dachte Manja, und blies sich eine blonde Haarsträhne aus ihrem makellos geschminkten Gesicht.
„Nun, Chantal“, begann sie, und erwiderte das Lächeln der Radiomoderatorin, „sie sollen sich von niemandem unterkriegen lassen. Es ist nicht verkehrt, wenn der Erfolg langsam kommt. Man verliert nicht die Bodenhaftung. Man wird immer wieder daran erinnert: Man schreibt einfach nur Bücher.“

Die Nacht lag wie eine schwarze Wand über dem Glasgebäude von „City Radio“. Es hatte zu schneien begonnen. Die weiße Pracht hüllte Autos und Asphalt in ihr kaltes Tuch. Manja zündete sich eine Zigarette an und blies den weißen Rauch in den kühlen Abendhimmel. Sie wartete auf das Taxi, dass sie nach Hause bringen sollte. Knapp zehn Minuten hatte sie schon unter dem großen marmornen Torbogen in der Kälte verbracht. Manja schalt sich selbst, weil sie sich keine Handschuhe mitgenommen hatte. Sie schlug den Mantel enger um ihre schmale Taille und rieb sich die Hände um die Blutzirkulation wieder in Gang zu bringen. Aus Langeweile ging sie nochmals das Interview durch. Dafür, dass sie öffentliche Termine hasste, hatte sie sich gut geschlagen. Und das neue Buch war auch gut weggekommen. Ja das neue Buch, dachte Manja und drückte ihre Zigarette in einem der schneebedeckten Pflanzenkübel neben ihr aus. „Eine Katastrophe“, hatte „Die Welt“ im Feuilleton getitelt. Vor Wut trat sie gegen den Kübel. Der „Spiegel“ schrieb:“ Manja Behrens, Langeweile zum Höchstpreis“. War das der Dank dafür, dass sie die Leere der Menschen füllte? Sie mit fiktiven Intrigen und Hochspannung zu unterhalten versuchte, für erschwingbare 8,95 Euro pro Buch? Wieder trat Manja gegen die dicke Keramikschale. Ich schreibe seit meinem zehnten Lebensjahr. Scheiße, was denken sich die Zeitungen überhaupt? Dass eine gute Geschichte einfach so an die Tür klopft? Nun schrie sie die Worte. „Nein, im Gegenteil, sie kommt direkt zur Tür herein – unangemeldet, unerwartet, unmittelbar“. Immer wieder trat der in teurem Gucci verpackte Fuß zu. Langsam verwischte sich der Kajal, und eine dünne, verschmutzte Träne bahnte sich ihren Weg über Manjas rot gefrorene Wange. Eine dunkle Männerstimme ließ sie zusammenfahren.
„He SIE da, habn’se mich hierher bestellt?“. Der Taxifahrer hatte sich aus dem geöffneten Seitenfenster gelehnt und begegnete ihr mit vorsichtigem Blick.
„Ja. Ja, dass war ich“, sagte Manja und versuchte rasch das Zittern ihrer Stimme und die Tränen zu verbergen. Ihre Hand glitt in ihre Tasche und suchte nach einem Taschentuch.

Das Werkzeug war ehemals rot gewesen, doch nach dem regen Gebrauch zeugten nur noch Reste des Lacks davon. Er brauchte nur wenig Kraft um die Stifte hochzutreiben und das Schloss der Terrassentür zu öffnen. Als er mit feuchten Schuhen das teure Parkett betrat, pfiff er leise durch die Zähne. So also lebt eine Schriftstellerin, dachte er. Sein Blick glitt über mehrere teuer aussehende Teppiche und ein gerahmtes Katzenmotiv. Eine knarrende Tür ließ ihn erschauern, hastig tastete er nach seinem Totschläger. Eine Katze mit dickem glänzenden Fell und smaragdgrünen Augen betrat vorsichtig das Zimmer. Leise atmete er auf. Er hatte von seiner Waffe noch niemals Gebrauch gemacht.

„Det macht dann zwölf Euro“, sagte der Taxifahrer und legte den Kopf schief. Ihm war die Frau in dem tigerartig gefärbten braunen Ledermantel, die ohne die geringsten Vorzeichen ausgerastet war, immer noch suspekt. Aber er hatte schlimmeres erlebt. Man hatte ihn schon zweimal überfallen, vor zwei Monaten das letzte Mal. Die „Tigerin“ gab ihm fünfzehn Euro mit den Worten „stimmt so“, und verließ das Taxi.

Es waren nur wenige Meter bis zur kleinen Villa. Manja hatte sie sich von ihrem ersten „erschriebenen“ Geld gekauft. Damals noch hatte man sie mit Ingrid Noll oder einer Petra Hammesfahr verglichen, sie kicherte. Der Schnee knirschte unter ihren Schritten. Seltsam, dachte Manja. Sie glaubte für einen Moment im oberen Stockwerk einen Lichtschein gesehen zu haben, doch als ihr Blick nach unten fiel, stutze sie. Der rechte Schuh war arg zerbeult, und ein kleines Loch war zu erkennen. Die Schuhe schmeiße ich sofort in den Müll, dachte sie, und schüttelte den Kopf. Manja suchte nach dem Schlüssel, fand ihn in einer ihrer Manteltaschen und öffnete die schwere Eichentür.

Er war ungefähr dreißig Minuten durch das Haus gelaufen. Es war kleiner, als er sich vorgestellt hatte. Das Wohnzimmer war hell und freundlich eingerichtet. Ein Designer-Sofa mit passenden Sesseln lud zum Verweilen ein. Ein DVD-Player, ein teures Gerät, Marke Sony, und ein ebenso teures Nokia-Handy wanderten in die mitgebrachte Tragetasche. In der Eingangshalle machte er wertvolle Nippes ausfindig. Außerdem fand er in der kleinen Küche ein vollzähliges uraltes Silberbesteck. Das Treppenhaus nahm im oberen Stock den größten Raum ein. Das Badezimmer, zwei Schlafzimmer und ein Arbeitszimmer hatte er durchsucht. Im Arbeitszimmer hatte er in einer Schreibtischschublade dreihundert Euro in bar gefunden. Im Schlafzimmer von Manja Behrens war er auf Schmuck gestoßen, im Badezimmer auf ihr Lieblingsparfum. Die Frau hatte eine Schwäche für Silber, Perlen und Chanel No. 5. Er fragte sich, wie alt sie sei. In ihrem Schlafzimmer entdeckte er ein lebensgroßes gold gerahmtes Bild von ihr. Blonde Locken, ein sinnlicher Mund und blaue Augen. Er schätzte sie auf ca. 35 Jahre. Er hatte sich auf die roten Laken ihres Bettes gelegt und ihren Geruch gespürt. Sie musste gut riechen, dachte er. In den Mahagoni-Schubladen im Schlafzimmer war er auf Reizwäsche gestoßen. Schwarze Seide. Ab da hegte er zum ersten Mal den Gedanken. Wie lange hatte er schon nicht mehr? Wann würde sich noch mal so eine Gelegenheit ergeben, mit einer so schönen Frau? Ein Geräusch aus dem Erdgeschoss löste ihn aus seinen Gedankengängen. Das musste sie sein. Er zögerte, dann schlich er leise nach unten.

Als erstes fiel Manja Behrens auf, dass im Flur die kleinen Porzellanfiguren fehlten, die sie auf einer Auktion in London erworben hatte. Dann blieb noch die Begrüßung ihres Katers Fidelio aus. Sie fröstelte. Ein ungutes Gefühl machte sich in ihrer Magengegend breit. Jemand war hier, oder ist vielleicht noch immer da, dachte sie. Ihr erster Gedanke war aus dem Haus zu laufen und mit ihrem Handy die Polizei zu verständigen. Hastig tastete sie in den Manteltaschen nach ihrem Mobiltelefon. Mist, dachte Manja. Es war nicht da, sie musste es vor dem Interviewtermin aus ihrem Mantel genommen haben.
Verdammt! Sie fluchte. Sollte sie etwa hysterisch zu den Nachbarn laufen? Das würde eine tolle Publicity abgeben. Sie sah die Schlagzeile schon vor sich:“ Manja Behrens flüchtet vor Einbrecher.“ Die Schriftstellerin, nein, die Möchtegern- Krimiautorin, die vor dem Verbrechen davon läuft.“ Der Typ war vielleicht schon weg.
Manja betrat vorsichtig die Eingangshalle. Sie machte kein Licht. Ihre Augen gewöhnten sich nur langsam an die Dunkelheit. Da links, neben dem Spiegel, die Tür zum Wohnzimmer, sie steht offen, dabei hab ich sie doch noch vor meinem Gehen geschlossen, dachte Manja. Sie griff in dem Dunkel nach einer Bronzeplastik eines ihr unbekannten Künstlers. Sie war schwer und handlich, perfekt um sich notfalls zu verteidigen.

Er hörte ihren Atem. Er hörte auch ihre Schritte. Der Atem war unregelmäßig. Sie blickte sich in alle Richtungen um, doch er sah, dass sie ihn nicht entdeckte. Er schmunzelte. Ihre Pfennigabsätze klickten leise, so sehr sie sich auch bemühte, ihre Schritte zu dämpfen. Vorsichtig, um möglichst kein Geräusch zu erzeugen, zog er den Totschläger. Aus dem kleinen Flur drang nur wenig Licht in die Eingangshalle. Die Frau wirkte jetzt klein und zierlich, nicht so, wie auf dem Bild in ihrem Schlafzimmer. Nicht mehr die selbstbewusste Blondine mit dem betörenden Lächeln. Plötzlich wunderte er sich. Sie drehte sich geradewegs in seine Richtung, hatte sie ihn bemerkt? Sein Griff um den Totschläger wurde fester. Er musste sich beherrschen, führte er sich zu Gemüt, er durfte nicht allzu fest zuschlagen, wenn er noch etwas von ihr haben wollte, er hatte es schon bei der Katze vergeigt.

Was nun folgte, geschah in wenigen Sekunden. Ein fester Schlag, und der Körper sank zu Boden. Der Kopf schlug hart auf den dunklen Marmor auf. Dann herrschte Stille.

Es war Sommer geworden. Die Bäume vor dem Glasgebäude von „City Radio“ erblühten in vollem Grün und warfen ihre Schatten auf den einsamen Gehweg. Manja Behrens saß wieder in dem unbequemen Stuhl und wurde von der liebenswerten Radiomoderatorin Chantal angelächelt. Nun genoss Manja die öffentlichen Auftritte, hatte sie doch nichts mehr zu befürchten. Im Gegenteil, die Kritiken waren gut und ihr neues Buch hatte im Sturm die Bestsellerlisten von „Spiegel“ und „Stern“ erobert. Schon jetzt war eine zweite Auflage in Planung.
„Manja, ihr neuestes Werk hat die Herzen der Kritiker und natürlich auch des Lesepublikums im Sturm erobert. Worum geht es in ihrem neuesten Roman „Letzte Worte“?“, begann Radiomoderatorin Chantal und legte den Kopf etwas schräg.
„Ja, Chantal, es ist schön, wenn man gute Kritiken bekommt“, sagte Manja und fokussierte die Radiomoderatorin. „Mein Roman „Letzte Worte“ berichtet über die Lebensbeichte eines Einbrechers. Er beginnt sein Leben zu hinterfragen, darüber nachzudenken was er erreicht hat…“.
Manja war zuerst überrascht gewesen, dass er noch lebte. Ihr erster Gedanke war die Polizei zu verständigen, doch dann hatte sie ihre Meinung geändert.
„Manja, Ich habe "Letzte Worte" zweimal gelesen und bin immer noch verblüfft, dass eine Schriftstellerin so viel über Männer weiß. Haben Sie "under cover" unter Männern gelebt...?“. Chantals glockenhelles Lachen erfüllte den Raum.
„Nein, keineswegs“. Manja schüttelte den Kopf. „Sehen Sie, als ich dieses Buch schrieb, habe ich keinen Moment darüber nachgedacht, ob meine Person nun ein Mann oder eine Frau oder ein Kind ist. Ich kenne die Personen als Charaktere…“ Sie hatte den Einbrecher ans Bett gefesselt und seine Sachen durchsucht. Er hatte Mike geheißen. Als er wieder zu sich kam, hatte er mehrere Stunden ununterbrochen geschrieen. Doch dann hatte er verstanden, dass ihn niemand hörte.
„Trotzdem“, begann Chantal von neuen, „da gibt es so genaue Beschreibungen ... Sie kennen Geheimnisse über Männer!“. Sie kicherte.
Manja stimmte mit in das Kichern ein, der Kaffee in ihrer Hand schwankte bedrohlich über ihrem weißen Kostüm.
„Chantal, sie machen mich ganz verlegen. Natürlich kenne ich Männer. Sie sind ja überall…“. Sie hatte Mike alles lang und breit erklärt, er hatte eingewilligt und sie hatte begonnen, seine, nein, ihre Geschichte zu schreiben. Manja lächelte in sich hinein, spätestens jetzt könnte ihr niemand mehr vorwerfen, dass ihre Stories unrealistisch seien.
„Manja“, flötete Chantal und nippte an ihrem Café Latte, „wie sie ihren Protagonisten Michael Lohmann beschreiben, so einfühlsam, … haben sie nicht Mitleid gehabt, ihn am Ende sterben zu lassen?“
„Ich stelle ihn mir manchmal wie einen Fels in der Brandung vor. Ein Leuchtturm…“ begann Manja, und dachte schaudernd daran zurück wie sie den mehr als ein Kopf größeren Mike in den Kofferraum ihres Mercedes gequetscht hatte. Manja hatte ihn in den Rhein geworfen. Die Leiche mit Gewichten beschwert hatte das dunkle Wasser gierig verschlungen. Es dürfte Wochen dauern, bis er mit einer Kugel in der Schläfe, wieder auftauchen würde…
„Manja, sie debütierten mit dem sehr erfolgreichen Roman „Sommermord“. Dann folgte „Mörderband“, der von Kritikern und Lesern schlecht aufgenommen wurde…“, hier legte die Radiomoderatorin eine dramatische Pause ein. „Mit „Letzte Worte“ stehen sie wieder ganz oben, woher nehmen sie bloß ihre Ideen?“
„Ach Chantal“, Manja warf den Kopf in den Nacken und lachte. „Eine gute Geschichte klopft nicht einfach so an die Tür…“, die Schriftstellerin nippte an ihrem Kaffee. „Nein, im Gegenteil, sie kommt direkt zur Tür herein – unangemeldet, unerwartet, unmittelbar“.

ENDE

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