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Februar 2003
Zwischen Kichersdorf und Hohenweiden
von Mathias Burkert


I
Irene fuhr in ihrem Auto auf nächtlicher Landstraße. Geschmeidig fügte es sich den Kurven wie ihr Körper sich in die Form des Sitzes fügte. Die Straßenlinien legten sich mal mehr nach links, mal mehr nach rechts, je nachdem wie sie das Steuer drehte.
Gut sehe sie aus, hatte man gesagt. Sie schmunzelte. Und dass sie es nicht schlecht getroffen habe, vergleichsweise. Russischlehrer, Soldatenwitwe, Bestatter, Saunabesitzer, Kaufmenschen, Büroangestellte  so verschieden und alle trugen sie einst die gleichen Cordhosen aus Vietnam, Schuhe aus Kunstleder, stolze Gesichter auf alten Fotos. Das waren Zeiten damals. Früher. Sie kam geradewegs aus der Vergangenheit.
Vergangenheit  das war so ein abgeschlossener Raum, ähnlich einem Kino, wo jeder mit seinem Fühlen, seinem Erleben allein war und doch nicht allein war, da andere ganz ähnlich fühlten und erlebten.
Geschichte haben sie geschrieben, darauf wurde Wert gelegt von einigen, besonders von Peter, dem Klassenchronisten. Sie seien 1991 der erste Jahrgang gewesen, der in Kichersdorf ein Abitur nach westdeutschen Regeln machte. Mit sehr guten Ergebnissen. Dann war das Internat geschlossen worden. Eine Russisch-Schule würde nicht mehr gebraucht, hatte man gemeint. In dem Gebäude wirkte heute eine kulturelle Begegnungsstätte. Irene war dort gewesen, sie musste immer alles selbst sehen.
A-ha. Sie stellte das Radio lauter: Ein Achtzigerjahre-Song, von einer hellen Männerstimme gesungen und begleitet von schwebenden Synthesizer-Klängen. Das rundete den Abend ab. Dann Knallen und Reifenquietschen.
Sie verliert die Kontrolle über ihren Smart fast, gerät beinah ins Schleudern. Vor Schreck … Im Rückspiegel Flammen. Es ist direkt neben ihr, hinter ihr passiert. Sie bremst, hält, steigt aus, rennt zehn, zwanzig Schritte nach der Kurve, aus der sie gekommen ist. Ihr Lauf erstirbt. Sie kehrt um, die Warnblinkanlage einschalten und das Standlicht. Wo ist das Handy? Reicht der Akku? Sie wählt den Notruf. Das Radio plärrt immer noch diese furchtbare Schnulze.
»Ein Unfall. Auf der Straße zwischen Kichersdorf und Hohenweiden.  Kichersdorf mit Ch. In Thüringen.   Ja.  Weiß ich nicht. Es brennt.  Ich heiße Irene Stengel.«
Im Dauerlauf erreichte sie das Auto, blieb einige Meter davor stehen. Hitze schlug ihr entgegen. Flammententakeln wüteten über der Vorderhälfte. Hier war nichts zu machen. Sie schrie etwas, aber nichts mit Sinn. Waren das überhaupt Worte, die sie hörte? Und waren es ihre? Sie zitterte.

II
In eine Decke gehüllt, lehnte sie gegen den Krankenwagen, starrte vor sich hin. Blaue und orangefarbene Rundumleuchten blinkten durch die Nacht. Die Polizei hatte die Unfallstelle abgesperrt. Autos, die kamen, darin meist jugendliche Fahrer, wurden mit der Kelle vorbeigeleitet. Eines hielt wenige Meter vor dem Krankenwagen am Straßenrand. Türenschmatzen.
»Irene, das bist ja du!« Es war Barbara, genannt »Babsie«. »Ist dir etwas passiert, gehts dir gut?«
»Mir ja.«
»Aber, mein Gott!, das ist …« In jene Richtung, wo die heiseren Stimmen herkamen, wo es nach verkohltem Gummi stank und Rettungskräfte sich häuften, machte Babsie ein paar flinke Sätze, die sich untypisch ausnahmen für eine Frau ihrer Statur. Aus der Entfernung, vor dem Hintergrund des ausgebrannten Wracks, an dem Feuerwehrmänner sich mit Sägen zu schaffen machten, rief sie entsetzt: »Das ist Christians Auto!«
Christian. Irene schluckte, ihr Herz begann wieder zu rasen.
Später, als es schon fast dämmerte, als die Straße geräumt war und Irene mit mulmigem Gefühl in ihren Smart stieg, fällt ihr, im pulsierenden Licht der Rotationslampen, ein Warnschild auf: Wildwechsel Achtung, begleitet von dem ausdrücklichen Hinweis »Abblenden«.

III
Sonnenlicht streichelte sie wach. Ihre Augen gehen auf. Um sie strahlte es. Irene setzte sich auf, freudig, einen schlechten Traum abstreifen zu können. Doch ein subtiler einseitiger Kopfschmerz, eine Art Betäubung, die es schwer machte, die Lider wirklich zu öffnen, erinnerte sie, dass sie wenig geschlafen hatte. Sie befand sich nicht daheim in ihrem Schlafzimmer, sondern in einem fremden Raum irgendwo in Hohenweiden. Es war ein einfaches Zimmer in einer sauberen Pension. Hierhin war sie Babsie heut früh gefolgt. Auf dem Nachttisch lag ein Zettel mit der Nummer des Polizisten, der sie morgen, am Montagvormittag, zum Unfallhergang befragen wollte.
Dabei war alles so nett gewesen gestern, das Klassentreffen: die alten Freunde wiedersehen, die Erinnerungen und Lachen, viel Lachen. Im »August Halm« hatten sie gesessen, satt von Rouladen mit Klößen und Rotkohl, bei Bier und Wein, an langen Tafeln, die jeweils auf einem gusseisernen Blumenstrauß von dünnen, gebogenen Beinen standen. Warum Christian: es trifft immer die Besten. Der Gute hatte sich ins Auto gesetzt und war ins Nachbardorf, nach Hohenweiden gefahren zu Reinhard. Es sollte an diesem Abend niemand fehlen, das war auch ihre Meinung gewesen. Aber ursprünglich kam die Idee von Peter, diesem blöden Perfektionisten. Der hatte sogar Torsten eingeladen.  Klar, Torsten gehörte mit dazu. Irgendwie. Es war ja nur wegen Christian, dass sie zornig war. Sie presste ihren Kopf ins Kissen, ließ dann locker, kuschelte sich in ihre Decke, drehte überfordert sich auf die Seite um weiter zu schlafen.

IV
Das Dienstzimmer des zuständigen Kriminalhauptkommissars in Saalfeld bewahrte die Ästhetik alter Agentenfilme auf, für Studien von Krimiautorinnen. Großer Schreibtisch, viel Papier, weiße Gardine, ockerfarbene Vorhänge, sachlich-eckige Metallschränke mit Staubschicht, Fahndungsplakate an den Wänden, muffig-dunkle Polsterstühle, Brauntöne allenthalben. Nur der Computer machte sinnfällig, dass die 1970er um einiges zurücklagen. Der Mann hieß Rost und empfing Irene freundschaftlich.
»Frau Stengel«, begann er, nachdem sie beide Platz genommen hatten. »Sie waren als Augenzeugin vor Ort, als gegen 23 Uhr 45, Christian Helmut Schauff … Sie wissen ja. Ist Ihnen irgendetwas aufgefallen?«
»Wie ich Ihrem Kollegen gestern schon gesagt hab, Herr Rost: Ich bin um die Kurve gefahren und  ich hab ihn nicht mal kommen sehen  mit einem Mal kracht es hinter mir.«
»Sie haben das Fahrzeug nicht gesehen, interessant. Können Sie sich das erklären?«
Irene überlegt, dann schüttelt sie den Kopf. »Er ist offenbar ohne Licht gefahren. Warum, weiß ich nicht.«
»Ich werde es Ihnen verraten. Neben der Straße haben die Beamten ein Hirschgeweih gefunden. Lag an der Böschung, schönes Exemplar, Zwölf-Ender.«
Irene staunt, will etwas sagen.
»Moment, geht noch weiter: Im Bericht steht, auf der Straße befand sich vor eintreffen des Opfers ein Meterstück deutsche Eiche, etwa fünfzig Zentimeter im Durchmesser und aufgebockt wie eine Futterkrippe. Gegen diesen Klotz war als Widerstand entgegen der Fahrtrichtung ein Baumstamm gestützt. In den Klotz waren Löcher gebohrt, wo dann wohl das Geweih dringesteckt haben dürfte.«
Irene hatte wieder die Flammen vor Augen, konnte sie aber unter Kontrolle bringen. »Gehupt. Er hat gehupt, glaube ich.«
»Eine ausgeklügelte Falle, muss schon sagen. Hab ich überhaupt noch nicht erlebt so was. Rundherum fanden unsere Experten mit Benzin getränktes Laub, schön rutschig, und Stearin von Kerzen, die vermutlich windgeschützt hinten an dem Meterstück befestigt waren, und beim Aufprall runterfielen  da ist jemand auf Nummer sicher gegangen. Und es schien ihm Spaß zu machen.  Was sagen Sie?«
»Mord, eindeutig.«
»Das will ich nicht kommentieren, ehe wir nicht mehr wissen. Ob Mord oder gefährlicher Eingriff in den Straßenverkehr mit Todesfolge, das mag zu gegebener Zeit der Staatsanwalt entscheiden, wie er es nennen möchte, ob eine Tötungsabsicht vorlag. Mich interessiert, deswegen wollte ich sie sprechen, inwiefern im Zusammenhang mit dem Klassentreffen möglicherweise etwas vorgefallen ist, das wichtig sein könnte.«
»Hm …«
»Sie waren während der Schulzeit eng mit Herrn Schauff befreundet. Könnte irgend jemand etwas gegen ihn gehabt haben? Haben sie mal was mitbekommen? Oder in neuerer Zeit??«
»Nein, Christian war der beliebteste Junge der Klasse.«
»Dann gabs vielleicht Neider?«
»Nein. So war das bei uns nicht. Wir haben zusammen gehalten.  Ist es nicht viel wahrscheinlicher, dass der, der das getan hat, den Zeitpunkt des Klassentreffens gewählt hat, um abzulenken von sich.«
»Frau Stengel, lassen sie das mal meine Sorge sein. Das hier ist eine reine Routine-Befragung. Und selbstverständlich ermitteln wir in alle Richtungen. Herr Schauff war Sozialarbeiter im Jugendzentrum; unter uns: wir vermuten, dass es sich hier um die Tat von einem oder von mehreren Jugendlichen handelt und überprüfen alle, mit denen er jemals gearbeitet hat.  Aber der Täter ist schon ziemlich geschickt vorgegangen.«
»Könnte es nicht sein, dass  «
»Frau Stengel, ich weiß, dass sie Kurzkrimis für Frauenzeitschriften schreiben. Meine Frau ist ein großer Fan von Ihnen. Trotzdem, spielen Sie hier bitte nicht die Miss Marple. Sind Sie außerdem viel zu jung dafür.«
»Danke für das Kompliment. Bei Klassentreffen kommt man sich immer so alt vor. Von den Jungs  oder Männern  haben einige schon keine Haare mehr … Pardon.«
»Das braucht Ihnen nicht peinlich sein. Bei unsereins hat das ja andere Gründe. Die Glatze des Polizisten ist eine Berufskrankheit. Kommt vom Mützetragen, sagen manche. In meinem Fall kommt es vom Denken.«
Irene überließ den Kriminalhauptkommissar alsbald seinen Gedanken. Er bedankte sich für ihr Kommen und versprach, den oder die Schuldigen ausfindig zu machen. Zu diesem Zweck würde er noch einige Leute einladen müssen.

V
Peter war der Organisator der Klasse und des Klassentreffens. Zu Schulzeiten hatte immer er sich um die Planung von Klassenfahrten sowie um die Ausrichtung von Tanzabenden und Festen, beispielsweise des Abiturballs, gekümmert. Der kleine Kreis, der sich nunmehr zu wenig erfreulichem Anlass im »Meininger Hof« versammelte, war durch ihn, einem notorischen Bescheidwisser, benachrichtigt worden.
»Ich freue mich, dass ihr gekommen seid. Die, die nicht da sind, haben sich entschuldigt. Sie können nicht kommen wegen Arbeit und weil sie eben weiter weg wohnen. Die meisten waren sich aber sicher, dass sie zur Beerdigung kommen werden. Wann und wo das sein wird, ist noch offen. Ich stehe diesbezüglich schon mit Christians Familie in Kontakt. Ich werd euch dann informieren.«
Ein kollektives Danke wurde gemurmelt. Streusel, Babsie, Melone, Anetschka, Das Heinzel, Tschaikowski und andere waren nicht da. Möhre und Hasi  die geheiratet hatten  waren da, Katjuscha, Henriette, Gitti, Reni und Torten auch. Letzterer trug einen schwarzen Anzug und eine Waldblume im Knopfloch. Alle Anwesenden, außer Irene, die Wahlberlinerin, wohnten in der Gegend oder maximal vierzig Kilometer entfernt. Man war aus Höflichkeit gekommen und wusste nicht recht was tun. So wurde denn still beieinander gesessen oder sich dezent unterhalten. Bei allem Respekt für die Traurigkeit der Umstände, hatte Irene doch sogar ein wenig Grund, die Zusammenkunft zu begrüßen. Wie zufällig kam sie mit Torsten ins Reden.
»Und Torsten, wie gehts dir? Wir haben uns nun gestern gar nicht weiter gesprochen.«
»Tja, was soll ich sagen, ich kannte ja den Christian nicht so intensiv.«
»Mal ganz abgesehen von dieser schrecklichen Sache, wie ist es dir ergangen, nachdem  ich kannte dich ja nur  «
»Nachdem ich rausgeflogen bin?«
»Ich wusste nicht, wie ich es formulieren soll.«
»Sags doch einfach, wie es ist. Du hattest ja nichts damit zu tun. Es war eben alles so, wie es war damals. Wegen Westschokolade von der Schule verwiesen. Eigentlich müsste man lachen, wenns einen nicht persönlich beträfe. Ich hab eine Lehre als Förster gekriegt. Und als dann die Wende war, hatte ich schon Frau und Kind. Inzwischen bin ich geschieden. Hahahaha.« Sein Lachen hatte einen leicht verbitterten Nachklang, ohne deswegen unsympathisch zu sein. »Es gibt Schlimmeres.  Übrigens, weißt du was witzig ist? Ich bin der Vorarbeiter von Herr Erdmann, dem Stabü-Lehrer!!! Du erinnerst dich?«
Natürlich erinnerte sie sich. Staatsbürgerkunde  ihr kritischstes Fach. Neben Sport, was auch Herr Erdmann unterrichtet hatte. Geräteturnen  die reinste Folter für sie als ängstliche Natur. Wobei Herr Erdmann netter zu ihr gewesen war als die Sportlehrerin, Frau Zange, mit den herben slawischen Gesichtszügen und der Männerfigur. Sie hatte sich in ihrer Jugend als Schwimmerin im DDR-Leistungssport hervorgetan.  Die Versammlung stimmte darin überein, dass Lehrern generell und zu allen Zeiten irgend ein Tick eignete. Wie Peter meinte, der sich in das Zwiegespräch von Irene und Torsten reinhing, habe Frau Zange stets die Jungen benachteiligt  für sie alles Memmen und Muttisöhnchen, die erst mal zwei Jahre in die Armee gehörten. Und faul: Wenn ein Mädchen seine Hausaufgaben in Geographie vergaß, so mochte das ja triftige Gründe haben; bei Jungs war es ein Skandal. Und so was sollte in Zukunft den Frieden sichern oder wie!  Das war Frau Zange. Man erzählte noch so manche Anekdote, die am Vorabend ausgelassen worden war. Manch eine wurde auch wiederholt wie die vom Handgranatenwerfen, das jeder männlicher Schüler beherrschen musste.
»Ich wär immer tot gewesen.« amüsierte sich Henrik, den sie Henriette nannten. »Ich konnt machen was ich wollte, die 25 Meter hab ich einfach nicht geschafft.«
Möhre hielt Hasis Hand, als sie die Story vom Atomschutzkeller erzählte, wo der Direktor einmal mit der Klasse hineingegangen war. »Überall Regale, die mit Einweckgläsern vollgestellt waren. Wir haben uns gewundert: hier passt doch niemals die ganze Schule rein. Herr Scherer hat nicht geantwortet.«
»Gasmasken gabs auch nicht für alle«, bemerkte Gitti. Dem widersprach Peter: »Die wurden auch immer geklaut.« Gitti gestand, das nicht gewusst zu haben. Es ergaben sich so selbst nach elf Jahren noch Neuigkeiten über die alte Zeit. Aber das war eigentlich unnötig: Die Geschichten, die lustigen und die traurigen, die jeder verstand, weil sie die gemeinsame Vergangenheit darstellten, erwachten eine nach der andern und mit ihnen lebte eine ganze Ära wieder auf, mit all ihren Empfindungen, Gedanken, Sinneseindrücken, Plänen, Illusionen und Hoffnungen. Leichtigkeit und Lebensfreude durchdrangen die Erzählungen, nichts bedrückte. Sämtliche Erinnerungen aus der Schulzeit, wurden irgendwann zu Anekdoten, selbst die unangenehmen.
Auf einmal klingelte es an der Tür des Gemeindehauses, wo dies Treffen anberaumt war und wo Peter als Angestellter der Verwaltung sein Büro hatte. Er kam mit Reinhard ins Zimmer. »Där Reinhortt!« wurde gerufen. Die Stimmung kippte vollends ins Heitere. Einige klatschten erwartungsvoll, als wäre mit Reinhard ein beliebter Komiker aufgetreten. Beim Klassentreffen war er nicht erschienen. Bob zwar auch nicht, aber der hatte wenigstens noch abgesagt. Reinhard hatte sich für den »späteren Abend« angekündigt. Ihn zu holen war Christian um eins ins Auto gestiegen. Jetzt sah sich Reinhard wohl in der Pflicht aufzutreten, obwohl er viel lieber woanders sein müsste.  Der sah aber gut aus! Während alle andern gealtert waren, schien er fit und unverbraucht zu sein wie der strahlende Fitnesstrainer in einem Clubhotel auf Malta. Und wie der roch! Entzücktes Getuschel zwischen Katjuscha, Gitti und Henriette:
»Sportlich, maskulin. Die fruchtige Note vielleicht ein wenig zu stark.«
»Auf jeden Fall sportlich und daher sehr interessant. Aber auch sinnlich, so in Richtung Pinie, Räuchermännel.«
»Kopfig-frisch würde ich sagen, mit einem Schuss Zitrone oder Motoröl.«
Fortan galt alle Aufmerksamkeit diesem Manne. Torsten hatte davor schon wenig Beachtung gefunden. Seine bemühten Versuche mitzureden wurden nun vollends ignoriert. Damals am Internat war es ähnlich gewesen: keiner konnte ihn leiden, ausgenommen jene, denen er von seiner Schokolade, seinem Kaugummi, seinem Duschbad abgab. Doch kein Duschbad und keine Nascherei war für die Ewigkeit. Reinhards Storys überzeugten hingegen immer wieder.
Er, der in der Zehnten so aufrichtig gewesen war, den Direktor davon in Kenntnis zu setzen, dass in seiner Klasse Missbrauch mit imperialistischen Konsumgütern getrieben wurde, zeigte an diesem Montag größten persönlichen Einsatz, Torsten in irgendeiner Form am fröhlichen Gerede zu beteiligen. So sprach er denn von der profanen Arbeit des ehemaligen Stabü-Ideologen Herr Erdmann, der angesichts seines allbekannten Loyalismus zum Staatsterror doch von Glück sprechen sollte, anstatt sich schmeichlerisch (Reinhard gebrauchte ein anderes Wort) bei ihm, Reinhard, um einen Job zu bewerben.
»Gommt derr ’nein zu miä und vängt on: Reinhortt, dü worst doch immor mei Lieblingsschiela und sou.  Ney. Gonn ich nich vorstähn sou woss, sou enne Beddelei. Dabey liggts Geld doch uff dor Strorße.« Reinhard war Gebrauchtwagenhändler, zudem Gesellschafter einer lokalen Baufirma, der wichtigsten Arbeitgeberin im Umkreis von zwanzig Kilometern. Daher hatte er für die Thüringer noch vieles zu berichten, das von Belang war. Irene wandte sich Torsten zu, der auch nicht mehr hinhörte. Er wirkte abwesend. Als sie ihn anstieß, lächelte er, wie wenn er ihr Zahnschmerzen verkaufen wollte.
»Torsten?? TORSTEN!  Hast du Lust, spazieren zu gehen?« Torsten fand das eine gute Idee und sie gingen.

VI
Irene besaß ein charmantes Talent, sich das Vertrauen ihrer Mitmenschen zu erwerben. Sie kicherte.
»Gerade hab ich daran gedacht wie Peter immer die FDJ-Hemden von andern genommen hat, weil seine immer so schnell verwaschen waren. Er schwitzte ja so stark. Und wollte doch unbedingt FDJ-Sekretär werden und in allem ein Vorbild sein und am dunkelblausten leuchten von allen.«
Torsten lachte Tränen. Das Ausgrenzen eines Dritten bekräftigte ein weiteres Mal ihre Verbundenheit. Irene wagte sich nun näher an ihn heran.
»Torsten, ich weiß Bescheid.« Irene blieb stehen und rührte sich nicht weiter. Als es um die Frage ging, ob sie die Dorfstraße nach links oder nach rechts entlang laufen sollten, hatte Irene für rechts entschieden. Sie befanden sich mithin auf dem Weg nach Hohenweiden. Später Nachmittag. Es war bedeckt. Für die Nacht hatte der Wetterbericht einen Sturm angesagt. Stille, Torsten schwieg. Worauf wollte Irene hinaus?
»Sei ehrlich, du hast … hast versucht, Reinhard umzubringen. Dabei ist was schief gegangen.«
Sie war bleich geworden. Solche Situationen waren ihr allenfalls vom Schreibtisch her vertraut. Und kannte sie Torsten so gut, wie sie sich einredete? Würde er ihr nichts zu Leide tun? In zwölf oder dreizehn Jahren konnte viel geschehen.
»Du musst zur Polizei, Torsten.« Sie ließ nicht locker.
»Ich weiß nicht, wie das passiert ist. Ich … muss mit Konrad, Herr Erdmann reden. Er sollte nur einen Ast auf die Windschutzscheibe von Reinhards Jaguar werfen, damit sie springt. Mehr nicht. Das hat er doch wohl verdient, oder?, der Angeber. Dass die Scheibe kaputt ist, wenn er mit seiner Bonzenkarre aufkreuzt. Ich hab mir das so herrlich ausgemalt, wie das gewesen wär. Ich hätte mich tot-, ich hätte mich gefreut. Und dass er der Letzte sein würde, der kommt, war ja klar, und deshalb … Du musst mir glauben, ich hab das nicht gewollt. Konrad hat … Herr Erdmann.«

VII
Konrad Erdmann war mit dem Einschlag von Wertholz beschäftigt. Es war Oktober, das Forstwirtschaftsjahr hatte begonnen. Mit einer Motorsäge entfernte er die Äste gefällter Bäumen. Mit dem Traktor schleifte er die Stämme eingekettet zu einer Lichtung, wo sie, bis sie nächste Woche abgeholt würden, unter eine Kunststoffplane kamen. Über Nacht würde es sicher nass werden.
Er setzte sich auf einen Baumstamm und holte seine Leberwurstbemme aus der Westentasche. Ganz in der Nähe plätscherte ein Bach. Sonst war es still bis auf den regelmäßigen Ruf eines Eichelhähers und das gelegentliche Knarren von Bäumen. Bald musste der Torsten kommen, um ihm sein Soll abzunehmen. Konrad war fleißig gewesen und hatte eine Überraschung für ihn.
Die Zeit bei der Armee war durchaus lehrreich gewesen. Wo der nur blieb? Ordnung: Fünf. Herr Erdmann wollte nach Hause, heute gabs einen dollen Film. Na, der Junge war ja nicht dumm und würde schon begreifen, dass es die unauffälligste Gelegenheit war zu reden. Er hing in der Sache genauso drin. Und er war ein Feigling. Seine gesamte Generation bestand aus Feiglingen und Maulhelden. Man konnte es ihnen nicht zum Vorwurf machen: die jungen Leute waren in einem intakten Staat aufgewachsen, der alles Böse von ihnen ferngehalten hatte. Dieser Staat war nun vom Großkapital geschluckt worden. Und bis zum Anbruch eines neuen revolutionären Zeitalters müssten Jahrzehnte vergehen. Dass es den erneuten Umschwung geben würde, stand fest wie dieser Baum hier, war Gesetz. Nicht nur die Natur, auch die Geschichte folgte Gesetzen  sehr komplexen Gesetzen natürlich. Dennoch konnte niemand behaupten, es gebe keine Klassen mehr außer Schulklassen und Güteklassen in der Produktion.
Die Arbeiterklasse war leider derzeit wenig selbst-bewusst. Denn, wie hatte Lenin geschrieben: »… die Rolle des Vorkämpfers nur eine Partei erfüllen kann, die von einer fortschrittlichen Theorie geleitet wird«. Wladimir Iljitsch Lenin, Was tun?, In: Werke, Band 5, Berlin 1955, Seite 279. Es fehlte die Partei. Schon 1847 beim Verfassen von »Das Elend der Philosophie« wusste Marx … Das müsste er gelegentlich noch mal nachlesen. Man konnte sich nicht alles merken. Es genügte ja auch, wenn man etwas ein Mal verstanden hatte, eine wissenschaftliche Schrift ein Mal objektiv nachvollzogen, so dass man sich dann lediglich die Schlussfolgerung einzuprägen brauchte. Konnte keiner verlangen, dass einer die ganzen Herleitungen im Kopf herumtrug. Hatte er selbst damals als Lehrer auch von niemandem verlangt.
Von hinten trat Torsten an ihn heran, legte die Hand auf seine Schulter. Konrad Erdmann, sich umdrehend, wickelt etwas in Alufolie und stopfte es sich in die Tasche. Eine Hand streckte den Reißverschluss, die andere zog ihn zu. Sein ungeschütztes Gesicht bekam eine Ohrfeige angehängt. Er stand auf, erbost. Die Sonne schien schon nicht mehr auf die Lichtung. Heftiges Gestikulieren zweier Männer, die bald nur noch schemenhaft zu erkennen waren. Der Wald hatte unter seiner dichten Blätterdecke Dunkelheit eingefangen, die seitlich wieder austrat, zäh auf die Lichtung floss. Trotzig entfernte sich Erdmann von Torsten, lehnte sich an eine Eiche unter der ein breiter Baumstamm aufrecht hingestellt war. Torsten folgte, steinigte den Lehrer förmlich mit Vorwürfen. Kraftvoll spannte sich sein Mund und entlud sich  wahrscheinlich spuckend, das kannte man von ihm. Sein Arm wies auf den dicken Pfahl, den er, der Vorgesetzte, offensichtlich missbilligte. Was sollte der da? Erdmann, den Rücken noch immer am Baum, ruhig duldend, antwortete nicht und bewegte sich dann doch. Von hinter sich zog er etwas hervor, strich damit behänd seinem verdutzten Ankläger über den Kopf. Dann stieß er den aufgerichteten Stamm um, und Torsten hing aufgeknüpft am Baum. Reglos taumelnd, ein lustiges Pendel.
Irene schreit. Sie hat von fernher zugeschaut. Das nächste, was ihr bewusst wird, ist, dass sie durch Wald rennt, auf nachgiebigem Boden und Reisig überspringend und Bäumen ausweichend und verzweifelt Spinnennetze bekämpfend und irgendwo hinter ihr: ein Fremder, der sein Menschentum abgelegt hat. Sein Atmen ist lauter als das Zischen des Laubs um ihre fliegenden Füße.
Sie biegt Äste um und lässt sie zurück peitschen, einmal, zweimal, dann hört sie Schimpfen. Der Verfolger hat eine Wurzel übersehen und sie sich einen, wenn auch geringen, Vorsprung erkeucht.
Nicht wissend, wo Erdmann war, lief sie noch schneller  bis sie vor der tiefen Kerbe des Baches stand. Da musste sie rüber. Hatte sie ganz vergessen, ebenso die kleine Holzbrücke, über die sie gekommen war, noch mit Torsten. Die sollte jetzt rechterhand liegen. Dorthin war sicher Erdmann, um ihr den Weg abzuschneiden. Und kam von da auf sie zu. Verstecken? Im Wald unter Farnen, im Bach? Sie wollte hier raus. Nach links, am Wasser lang. Es konnte nicht nur eine Brücke geben.
Die Sonne war nur noch ein Lichtband über den Bäumen. Irene lief, ständig sich umschauend, in Fließrichtung des Baches und bekam den Eindruck, kaum vorwärts zu kommen. Ihr wurde kalt. Sie wünschte sich, zu Hause zu sein, einen Film, der ihr Angst machte, einfach wegschalten zu können, geborgen in den Armen ihres großen, weichen Wohnzimmerteppichs.
Dann fand sie den Ausweg, die Brücke: eine umgestürzte Kiefer. Der Wipfel lag drüben, der lange Stamm war gerade, fast waagerecht wie ein Schwebebalken, aber mit Nadeln gespickt und wackelig, da ein Ende ja auf federndem Geäst lagerte.
Pünktlich wie zur Sportstunde war auch Herr Erdmann zur Stelle, trat zwischen Nadelbäumen hervor, näherte sich  von woanders als angenommen, aus dem Wald, auf selber Höhe mit Irene. Dreißig Meter. Er ging gemächlich. Irene zog hastig ihre flachen, jedoch schmalen und unbiegsamen Schuhe aus, stieg auf den Stamm, und fing an zu balancieren. Der Bach zwei Meter unter ihr war nicht tief, dafür umso steiniger. Und Erdmann hatte die Kiefer erreicht. Er würde mit aller Gewalt daran ruckeln, an der Wurzel reißen, sie verrücken, rollen, und letztlich die Uferböschung hinab schrammen lassen, falls Irene nicht schon vorher abgestürzt wäre. Er tat nichts dergleichen.
Irene versuchte sich zu konzentrieren, auch wenn im nächsten Augenblick ein Stein oder Ast ihren Hinterkopf treffen konnte. Die Nadeln der Rinde bohrten sich in ihre Sohlen. Mit jedem Schritt kamen welche hinzu. Doch schaffte sie es bis rüber, sprang auf den harten Boden, der mit Kienäpfeln bedeckt war. Ohne zu zögern griff Irene in die piekenden Äste, zerrte, Zweige zerkratzen ihr Gesicht, drangen in ihr Haar. Sie hastete um die Krone herum, drückte, wo sie darin etwas Unnachgiebiges zu fassen bekam, setzte die gesamte Fläche ihres Körpers dagegen. Der Baum schabte, bürstete über den Grund. Irene wälzte die Kiefer in den Bach.
Sie konnte es nicht glauben, sie bebte, schnaufte. Die aufgerissenen Hände schmerzten. Doch überkam sie großes Glück, stieg vom Bauch her in ihr auf. Irene schüttelte sich, ihre Panik fiel von ihr ab zusammen mit Nadeln. Sie triumphierte: »Stets haben Sie meine Gedankenflüge kritisiert, sie würden jeder Grundlage entbehren. Jetzt müsste man fliegen können, was?«
Herr Erdmann, durch den Graben von ihr getrennt, nickte nur, bedächtig  anerkennend? Er kehrte sich um und hinkte zurück in das Waldstück jenseits des Baches. Selbst wenn er nun zur Brücke sprintete, er könnte sie nicht mehr einholen. Später würde man auf der Lichtung zwei Leichen abschneiden.
Irene gelangte zur Straße. Noch immer barfuß, lief sie weiter nach Hohenweiden. Auf halber Strecke wurde sie von einem Auto mitgenommen, das sie zur nächsten Polizeistation brachte.



Dass Herr Erdmann nicht von sich aus Torstens Streich zum Anschlag machte, sondern im Auftrag von Reinhard handelte, den er bei seinem Besuch vor Torsten hatte warnen wollen, und dass Reinhard daraufhin mit einem eigenen Plan aufkam: eine Krankheit vorzutäuschen und seine nichts ahnende, nichts fragende Frau Veronika, geborene Pfennigpfeiffer, deren Eltern kürzlich verstorben waren, allein zum Klassentreffen zu schicken, um sie unterwegs im Auto sterben zu lassen  erfuhr nie jemand. Torsten sollte zum liebestollen Einzeltäter stilisiert werden, der sich nach einem Eifersuchtsmord selbst das Leben genommen hatte. Doch das Opfer, Veronika, war überraschend (und auch nicht …) mit Bob, dem Blumenhändler, der wunderbar zur Gitarre sang, nach Goa gereist.
Nichtsdestotrotz erreichte Reinhard sein Ziel zuletzt auf andere Weise. Wie und ob er in der Folge eines Verbrechens überführt werden kann, erfahren Sie in: Irene Stengels mörderische Missverständnisse TEIL 1001  Das Lachen im falschen Hals.

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