Madrigal für einen Mörder
Madrigal für einen Mörder
Ein Krimi muss nicht immer mit Erscheinen des Kommissars am Tatort beginnen. Dass es auch anders geht beweisen die Autoren mit ihren Kurzkrimis in diesem Buch.
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Februar 2003
Haare
von Isabella Bendel


Ein achtlos weggeworfenes Spielzeug. Das war Major Breitners erster Gedanke, als er das tote Mädchen sah. Sie war sehr klein und zierlich. Breitner blickte kurz auf das Gesicht der Toten, dann wandte er sich ab. Sein Magen schien einzig aus Säure zu bestehen. Wenn diese sinnlosen Morde nicht bald aufhörten, würde er sich noch ein Geschwür einfangen.
“Und, alles wie gehabt?” Die Frage war an den Gerichtsarzt gestellt, der sich gerade über die Leiche beugte. Der Arzt nickte bestätigend. Breitner bekam saures Aufstoßen.

Sechs tote Mädchen in acht Monaten. Alle waren erwürgt worden. Keine einzige wurde sexuell missbraucht und alle waren schon mehre Tage tot, als sie irgendwo am Rand einer Landstraße gefunden wurden. Das war aber nicht alles. Breitner war sich sicher, dass der Gerichtsmediziner bei der Obduktion eine beachtliche Menge Rohypnol finden würde. Und noch etwas bereitete ihm Sorgen. Dieser kranke Dreckskerl schnitt seinen Opfern die Haare ab. Breitner war mit seiner Weisheit am Ende. Alles was er wusste war, dass er es mit einem Serienkiller der übelsten Sorte zu tun hatte. Morgen würde der Profiler eintreffen.

Eine Woche später lag der erste Bericht des Psychologen auf Breitners Schreibtisch. Major Breitner griff zuerst zu seinen Magentabletten. Zwei davon spülte er mit einem Glas Wasser hinunter. Das Sodbrennen wurde etwas besser. Er nahm eine Zigarrette, dann sah er sich den Bericht an. Der Profiler vermutete einen männlichen Weißen als Täter. Breitner grinste säuerlich. Hier in Mitteleuropa waren die Täter meistens weiß und männlich. Der Mann sei wahrscheinlich nicht jünger als fünfunddreißig, aber auch nicht älter als anfang vierzig. Geordnete Verhältnisse, ein Beruf, der eine höhere Qualifikation erfordert, sehr intelligent, vielleicht Akademiker, nicht verheiratet. Die Haare nimmt er als Trophäe mit, vielleicht sogar als Fetisch.

Breitners Magen begann dumpf zu schmerzen. Sechs tote Mädchen in acht Monaten, keine älter als zwanzig, und er hatte keine konkreten Spuren, keine Fingerabdrücke, keine Haare, keine Fasern. Und er hatte auch keine Zeugen. Drei weitere Wochen vergingen ereignislos, dann wurde die nächste Leiche gefunden. In Breitners Magen begann sich ein Geschwür zu bilden.

Breitbeinig und brüllend stand Breitner vor dem Psychologen. “Was macht er mit ihnen? Dieses kranke Schwein. Was tut er ihnen an? Sagen Sie es mir, Doktor!”
“Ich weiß nicht, was Sie meinen, Er tötet sie und schneidet ihnen das Haar.” Der Psychologe versuchte gelassen zu wirken und Breitners bedrohliche Erscheinung zu ignorieren. Dieser Mann war fertig, ausgebrannt, leer. Man sollte ihn beurlauben. Er würde Major Breitners Vorgesetzte davon in Kenntnis setzen.
“Das Schneiden der Haare selbst hat wahrscheinlich eine enorme Bedeutung. Es könnte für den Täter eine sexuelle Handlung sein.” Breitner, der seine Fassung wiedererlangt hatte, unterbrach den Profiler. “Das meine ich nicht. Ich will wissen, was er in der Zwischenzeit mit ihnen anstellt. Die Mädchen waren alle schon vier Tage tot, als sie gefunden wurden.”
“Die Spurensicherung hat so gut wie nichts gefunden, das wissen Sie. Und ich kann auch nur mit dem Material arbeiten, das Sie mir bringen. Ich bin Profiler, kein Hellseher.” Von der Gelassenheit des Psychologen war nicht mehr viel übrig. Seine Stimme klang resignierend, als er weitersprach. “Er ist außerordentlich intelligent. Was immer er in dieser Zeit mit den toten Mädchen anstellt, wie Sie sagen, ich weiß es nicht. Ich weiß es nicht, weil er nicht die geringste Spur hinterlässt. Alles ist gleich, bei allen Opfern. ”Er griff zu seinem letzten Bericht und überflog ihn kurz. “Sogar die Druckstellen”, sagte er schließlich.
Breitners Augen verengten sich. “Welche Druckstellen? Davon weiß ich nichts.”
“Das hängt mit der Leichenstarre zusammen. Es bilden sich Druckstellen auf der Haut, immer dort wo das Gewicht des Körpers gelagert war.”
Jetzt wurden Breitners Augen groß und fragend wie die eines Kindes.
“Ich verstehe nicht ganz. Heißt das, sie sind alle während der Leichenstarre in derselben Position gelegen?”
“Nicht ganz, sie sind gesessen.”


“Sieben kleine Blumenfeen gingen in dem Wald, Wollten etwas Neues sehn. Wurde ihnen kalt. Machten sich ein Feuerchen. Saßen rundherum. La la la la...” Die Frau, die leise vor sich hin sang war ende dreißig. Ihr Haar war bereits ergraut und ihre Kleidung wirkte altmodisch. Sie trug einen langen Rock, der nicht viel über ihre Figur verriet und eine Rüschenbluse. Die Farben des Gewandes waren blass und unvorteilhaft. Nur ihr Gesicht passte nicht zu den grauen Haaren, der strengen Frisur und der unmodernen Kleidung. Es wirkte jugendlich frisch und durch das verträumte Lächeln, das ihre Lippen umspielte, nahezu kindlich.

Vergnügt summend ging sie ihrer Arbeit nach. Eilte von der Küche des kleinen Hauses ins Wohnzimmer und wieder zurück. In den Händen hielt sie mal Tassen, mal Teller, Zuckerdose und Milchkännchen, und schließlich die Teekanne.
Nun war alles fertig. Ihr Blick glitt prüfend über den zum Nachmittagstee gedeckten Tisch. Ja, alles fertig. Die Gäste konnten kommen. Sie quietschte ausgelassen, tanzte einige Male um den gedeckten Tisch herum und sang dabei den Kinderreim. “Sieben kleine Blumenfeen....” Danach hielt sie inne. Es war Zeit für die Gäste.

Sie verschwand im Keller. Als sie wieder kam hielt sie eine handgemachte Puppe in ihren Händen. “Oh guten Tag Frau Lilie, was für eine schöne Frisur Sie haben. Ja natürlich, Fräulein Veilchen kommt heute auch zum Tee.” Sie kicherte vergnügt.
Siebenmal musste sie in ihren Arbeitsraum in den Keller hinunter gehen, bis das Teekränzchen vollzählig war. Am Ende saßen sieben liebevoll handgemachte Puppen auf ihren Stühlen beim Tee. Alle hatten sie prächtiges Haar, das zu kunstvollen Frisuren verarbeitet war.
Die Frau lächelte zufrieden als sie ihr Werk betrachtete. Es war perfekt. Ja, sie verstand etwas von ihrem Handwerk. Sie war eine der letzten Puppenmacherinnen in diesem Land. Wahrscheinlich sogar die letzte. Es war sehr schwierig kunstvolle schöne Puppen zu gestalten. Das Haar war am wichtigsten. Es musste nicht nur echt sein. Es musste jung und schön sein, wie die Mädchen denen es vorher gehört hatte.


© Isabella Bendel

Letzte Aktualisierung: 00.00.0000 - 00.00 Uhr
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