Madrigal für einen Mörder
Madrigal für einen Mörder
Ein Krimi muss nicht immer mit Erscheinen des Kommissars am Tatort beginnen. Dass es auch anders geht beweisen die Autoren mit ihren Kurzkrimis in diesem Buch.
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März 2003
Eine Tüte Zuviel
von Thorsten Pache


„Ey, Alter“, rief Johannes. Die Hose des sechzehn Jahre alten Teenagers war gut drei oder vier Nummern zu groß und hing ihm unter seinem Hintern. Am Buszentralbahnhof hatte er seinen besten Kumpel Pascal ausgemacht, der ebenfalls in dem neumodischen Hipp-Hopp-Look gekleidet war. Als er sein Schritttempo anhob, hatte er rege Probleme seine Hose im Griff zu behalten, die sich fortwährend selbständig machen wollte. Irgendwie erinnerte sein Gang an Jemanden, der schwer mit seinen Hämorriden zu kämpfen hatte.
„Verdammt, Alter. Ich hab dir gesagt, ich komm gleich nach dem Skaten hier hin. Ich warte schon seit ’ner Ewigkeit“, schimpfte Johannes und rückte sich seine Pudelmütze zurecht.
„Ja, ja. Nun mach mal keinen Stress. Ich hatte noch ein kleines Streitgespräch mit Björn“, versuchte Pascal zu erklären. „Ich hab ihm mit schlagkräftigen Argumenten klar gemacht, dass er so nicht mit mir umspringen kann. Ich lass mich nicht verarschen. Von Niemandem.“
„Was hat der Sack denn angestellt“, fragte Johannes mit einer Mischung aus gespielter Neugierde und echter Gleichgültigkeit in seiner Stimme.
Pascal schlug mit der Faust in seine Handfläche. „Der Idiot hat den Stoff nicht dabeigehabt.“
Johannes’ teilnahmsloser, glasiger Blick verschwand augenblicklich. Er rieb sich die Augen und sah seinen Freund erschrocken an. „Was meinst du damit?“
„Na was wohl, Junge? Wir haben heute keinen Nachschub bekommen. Aber wir haben doch bei euch im Keller genug gebunkert.“
Pascal trat gegen die Tür des Supermarktes.
„Wir holen uns noch Etwas zum druntermischen, das sollte uns bis zum Wochenende durchbringen.“
Johannes fuchtelte aufgeregt mit seinen Händen.
„Haben wir schon die neueste Ausgabe?“, fragte Pascal und griff nach einem Magazin mit dem Namen „Rauschkraut“. „Hanf for Everybody! Unsere kleine Hanffarm! Im Rauschzustand Unkraut jäten. So wird’s gemacht!“, las er das Titelthema vor. „Und: große Umfrage! Sagt uns welche Songs ihr beim Chillen hört.“
„Ne, ich glaube, die haben wir noch nicht“, sagte Johannes und blickte sich nervös um. Ein großes Schild an der Kasse warb für Zigaretten. „Marihuana für den Heimweg. Sanft im Geschmack, Stark in der Wirkung!“ Pascal steckte sich zwei, drei Packungen ein und legte zwei auf das Laufband neben die Zeitschrift.
„Acht Euro Fünfzig, bitte!“ Die gut gebaute Blondine, die hinter der Kasse saß klimperte mit den Augen, als sie das Geld des Teenagers entgegen nahm.
Draußen, vor dem Eingang des Supermarktes wand sich Johannes seinem Freund zu. Er zog eine Tüte mit weißem Pulver aus der großen Tasche seiner Jacke. „Das ist Alles, was noch übrig ist“, sagte er und duckte sich schnell, als würde er einen Schlag erwarten.
Pascal sah ihn überrascht an und zog eine Grimasse. „Wie jetzt?“, fragte er.
„Du weißt doch, dass ich am Wochenende mit dieser Tussi um den Block gezogen bin…“
„Und?“
„Na ja, die wollte mich nicht ranlassen. Und da haben wir es uns halt etwas gemütlich gemacht.“
Pascal riss ihm das Päckchen aus der Hand und schrie: „Verdammt noch mal. Und was machen wir jetzt?“
Johannes zuckte mit den Schultern. „Ich weiß nicht. Probieren wir halt mal was Neues aus.“
„Was Neues?“
„Ja. Ein Kumpel hat mir gesagt, es ist voll geil Pilze zu rauchen.“
„Pilze?“
„Ja. Fliegenpilze.“
Ein Polizist stand auf der Straßenseite gegenüber. Er hatte sie beobachtet und kam langsam auf die beiden Jugendlichen zu.
„Was habt ihr denn da?“, fragte er gelangweilt.
„Ähm. Backpulver“, versuchte Pascal sich rauszureden.
„Backpulver, ja? Zeig mal her.“
Gerade als der Beamte im Begriff war, nach der angeblichen Backzutat zu greifen, sah er erschrocken in die Richtung eines Autos, das einige Meter entfernt am Straßenrand stand. Er zog sein Funkgerät aus dem Gürtel. Seine Stimme klang angespannt. „An alle Einheiten. Falschparker auf der Friedrichstraße aufgespürt“, hörten die beiden Teenager nur noch, während er auf das besagte Fahrzeug zu sputete.
„Los, komm Alter, machen wir uns vom Acker!“ Johannes zerrte an der Jacke seines Freundes. „Ich weiß da von einem netten Fleckchen Außerhalb. Da sollen haufenweise Fliegenpilze wachsen.“

„Ich glaube es wirkt schon“, rief Pascal erfreut und lachte laut. Sie standen auf einer großen Wiese außerhalb der Stadt. „Danke, Mensch, dass du mir das gezeigt hast. Die Fliegenpilze sind eine echt geile Idee gewesen. Das machen wir jetzt immer.“ Er fühlte eine Leichtigkeit. Als würde er über Wolken schweben – den Fesseln der Schwerkraft entkommen.
Als er den erschrockenen Blick seines Freundes sah, schlug er ihm gegen die Schulter. „Ey was guckst du, Alter? Is’ was los?“
„Ich, ich glaube, es war doch keine so gute Idee von mir“, antwortete Johannes und zeigte auf zwei Gestalten, die zwischen hohen Graßhalmen lagen.
Die leblosen Körper der beiden Jugendlichen waren aneinander gelehnt und beide hatten ein verzerrtes Lächeln auf ihren Gesichtern. Gut zwanzig Zentimeter lange Joints zwischen Zeigefinger und Daumen glühten immer noch vor sich hin.

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