Madrigal für einen Mörder
Madrigal für einen Mörder
Ein Krimi muss nicht immer mit Erscheinen des Kommissars am Tatort beginnen. Dass es auch anders geht beweisen die Autoren mit ihren Kurzkrimis in diesem Buch.
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März 2003
Rabatt
von Anne Zeisig


„Herzlichen Glückwunsch!“ Der drahtige Typ von der Gesundheitskasse trat bei mir ein und drückte mir einen Riesenstrauß Lavendel in die Hand. „Sie sind das zigmillionste Mitglied, welches sich für den Rabatt `No sports – no Fraktur´ entschieden hat.“ Und klemmte mir den Anstecker aus Polyvinylchlorid ans Revers. (10 Prozent Rabatt) „Uihhhh“, pfiff er durch die Zähne, „wie ich sehe, sind Sie ja aktiver Teilnehmer zahlreicher Rabattangebote!“
„Jawohl, dasch bin isch!“, antwortete ich und war stolz, mir als Mitglied ohne Zähne so eine deutliche Aussprache zugelegt zu haben. Ich streckte ihm selbstbewusst meine Brust samt Jackett entgegen. Es war mit zahlreichen Stickern versehen: `Gegen Zähne - Für vegetarische Breikost´ (35 Prozent Rabatt); `Süßes Leben ohne Zucker!´ (2 Prozent Rabatt); `Keine Macht dem Nikotin, Koffein und Teein´ (10 Prozent Rabatt); `Arbeitslosigkeit macht Stressfrei´ (20 Prozent Rabatt), usw.
Er klopfte mir kameradschaftlich auf die Schulter: „Manno, manno, Herr Hopshausen, wenn das so weitergeht mit Ihren Rabatten, dann machen wir als Gesundheitskasse ja bald Pleite, ha, ha, ha, haaaaa!“, und holte aus seiner Aktentasche den Stiftscanner heraus, um mir damit über die Unterseite meines Handgelenkes zu fahren. „So, Herr Hopshausen, nun ist Ihr neuer Rabatt auch auf Ihrem Chip gespeichert. Denn - Sie wissen ja - Vertrauen in unsere Mitglieder ist gut, aber Kontrolle ist besser. Es muss ja alles seine Ordnung haben!“ Dann stiefelte `Herr Gesundheitskasse´ in die Küche, um meinen Lebensmittelvorrat zu begutachten, welchen er mit der Rabattliste verglich. „Alles im grünen Bereich, Herr Hupf..., äh, Hops...! Guter Herr, keinen Zucker, keinen Kaffee, keine kaubaren Lebensmittel. Und wie ich sehe“, er schaute sich den Listen-Ausdruck genauer an, „Ihre letzte Routineuntersuchung zeigte auch keinerlei Anzeichen dafür, dass Sie gegen das Rabattsystem verstoßen haben.“
Ich atmete auf und rechnete: `100 Proschent minus ... Proschent´. Der Herr von der Gesundheitskasse unterbrach meine Gedanken: „So, da verbleibt ja nur noch ein Beitragssatz von wenigen Prozenten,“ und händigte mir die Bescheinigung lächelnd aus.
Ich eilte voraus zur Wohnungstür.
„Ab sofort keine Muckibude mehr, Herr Hupfshaus ... , äh, Hausenhops, äh, keine Frakturen, keine Bänderdehnungen, keine Muskelrisse! Nie mehr Wintersport!“
„Aber“, schritt ich belehrend ein und wies auf einen Sticker, „isch bin dosch Arbeitschlosch.“
Der gute Mann stierte auf meinen Sticker: `Arbeitslosigkeit macht Stressfrei´ und meinte: „Ach ja, stimmt, ha, ha, ha, haaaa! Wo sollen sie da das Geld für die Muckibude und den Winterurlaub hernehmen, stimmt `s?“ Er klopfte mir wieder jovial auf die Schulter. „Ist ja sicherlich sehr einfach für Sie, keine Stelle zu bekommen, so ohne Zähne. Aber“, er klemmte sich seine Aktentasche unter den Arm, „Sie sehen ja, mein Stress bleibt Ihnen erspart! Keinen Herzinfarkt, keinen Schlaganfall, kein Bluthochdruck, Herr Hops..., äh, ja, dann will ich mal wieder weiter.“ Er drehte sich kurz um: „Übrigens, bei dem Stichwort Schlag... äh, Anfall, da fällt mir ein, wenn Sie nach einem solchen auf lebensrettende Maßnahmen verzichten, dann senden Sie Ihrer Gesundheitskasse doch einfach eine Patientenverfügung über dem Postwege zu.“
Schlaganfall? „Aber, isch lebe dosch gesund.“
Der Gesundheitskassenberater klopfte mir abermals auf die Schulter: „Und was ist, Herr Hups... äh, wenn Ihnen ein Selbstmordversuch misslingen sollte? Wollen Sie dann etwa an lebensverlängernde Apparaturen angeschlossen werden? Wissen Sie überhaupt, was das pro Tag kostet? Diese Intensivmedizin?“, er wischte sich die Schweißperlen von der Stirn, „außerdem verlieren Sie dabei total ihre Würde als Patient.“
Ich nickte. Kein guter Gedanke, an solche Apparate angeschlossen zu werden.
„Ich sage immer! Lieber in Würde sterben, als die Patientenwürde verlieren, Herr Huf... ja, genau so ist es.“
Ich überlegte kurz, welchen Vorteil mir das bringen könnte, außer der gewonnenen Würde.
„Es ist so, Herr, ja, ähm, dass wir als Gesundheitskasse 30 Prozent Ihrer anfallenden Bestattungskosten übernehmen, wenn Sie auf Intensivmedizin verzichten! Ist doch eine Überlegung wert. Einfach schnell und schmerzlos Ihre Patientenverfügung an uns senden. Herr Hupfs... ,aber nun dürfen Sie Sich zunächst über den heutigen Rabatt freuen!“ Er verabschiedete sich eilig.
Ich bedankte mich für die intensive Beratung und schloss erleichtert die Tür.
Nochmals Prozente eingespart! Heute für `No sports – no Fraktur´ Fröhlich strich ich über den neuen Sticker und hopste übermütig in die Höhe.
Autsch! Ich musste mit dem rechten Fuß umgeknickt sein ... „Hilde!“, schrie ich verzweifelt nach meiner Frau, „schau mal in der Lischte nach, ob Hopschen unter Schport geführt wird!“
Schweigen.
„Hilde! Hilde!“
Schweigen.
`Hilde wird doch wohl nicht versucht haben, sich das Leben zu nehmen, bevor wir per Patientenverfügung auf lebensrettende Maßnahmen verzichtet haben?´

Anne Zeisig, März 2003


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