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März 2003
Morta Della
von Lars Blumenroth


Der Wind hatte sich gedreht. Morta stand angeekelt am Fenster. Draußen war es heiß, der Himmel Blau, die Sonne unerbittlich. Gebündelter Gestank tanzte auf des Windes Wogen in ihr kleines Zimmer. Ätzende Wolken verwesender Kadaver versuchten sie zu ersticken. Der Wind hatte sich gedreht und Morta spürte, dass unter dem süßlichen Würgereiz noch eine andere Note lag. Es würde Ärger geben.

Der Ärger hieß Spinata Kühnfraß. Morta hätte es sich denken können. Ihr Vater Roula hatte schon lange davon gesprochen, die Bundesfleischbeauftragte zu einer Führung über ihren Hof einzuladen. Da war sie nun, saß mit ihrem zierlichen Körper am Frühstückstisch der Familie Della und ließ begeistert Worte aus ihrem kreisrunden Wasserkopf sprudeln.
„Herr Della, ich bin ja höchst erfreut, dass ich mir ihren modernen Schlachthof ansehen darf“, gluckste sie aufgeregt. „Seit einiger Zeit höre ich schon, dass ihr Betrieb mit Abstand der vorbildlichste in ganz Fleischland sein soll.“
„Meine liebe Frau Kühnfraß, wenn ich nicht selbst überzeugt wäre, dass meine Fleischzuchtschlachtverwertundwiederaufbereitungsanlage das Beste ist, was Fleischland zu bieten hat, dann hätte ich sie wohl kaum hergebeten“, verkündete Roula stolz und breitete seine feisten Arme durch das Esszimmer.
„Jetzt prahle mal nicht so, mein Rolädchen.“ Morta sah, wie ihre Mutter beschämt ihren Gatten ansah und sich danach entschuldigend an die Fleischbeauftragte wandte: „Wissen Sie, Frau Kühnfraß, mein Mann ist so wahnsinnig stolz auf diesen Hof.“
„Mensch Frika! Das ist doch nicht irgendein Hof! Wir betreiben das gigantischste...“
„Guten Morgen.“ Morta betrat das Esszimmer. Augenblicklich waren die Gespräche verstummt.
„Was stehst du da so herum, Morta?“, fragte ihr Vater schließlich scharf.
„Komm, setz dich an den Tisch“, forderte Frika ihre Tochter nicht viel sanfter auf.
Morta setzte sich auf den letzten freien Stuhl. Ihr war äußerst unbehaglich zumute.
„Ach wie herrlich, sie haben eine Tochter!“, rief Frau Kühnfraß begeistert aus. „Kinder sind unsere Zukunft! Die fleische Regierung setzt ja seit neuestem sehr auf den Nachwuchs.“
Frika und Roula Della sahen äußerst betreten drein.
„Wie heißt Du denn, mein Kind?“, fragte die Beauftragte in ungebrochener Euphorie.
„Morta, Frau Kühnfraß, Morta Della.“
„Beim lieben Rind! Das ist ja entzückend!“, kreischte Spinata los. „Ich wünschte, meine Eltern wären damals auf einen solchen Namen gekommen.“ Ihr Blick verdüsterte sich prompt und sie schwieg.
„Ich habe mich schon oft gefragt,“ setzte Morta an, „wie sie als Fleischbeauftragte Spinata heißen können...“
„Das reicht!“, polterte Roula seine Tochter an. „Frau Kühnfraß ist nicht hier, um dumme Fragerei über sich ergehen zu lassen!“
„Aber Herr Della“, fiel Spinata ein, „es ist doch nur logisch, dass eine Zwölfjährige sich solche Gedanken macht. Kinder wollen alles wissen.“ Ernsthaft wandte sie sich Morta zu: „Meine Eltern gehörten zu dieser schrecklichen Sekte, die damals in Fleischland hier und da auftauchte. Ich glaube, sie nannten sich Vegetierier...“
„Vegetarier!“, verbesserte Morta prompt.
„Oh, so jung und du weißt schon über sie bescheid?“ Überrascht sah sie Frika und Roula an.
„Ähm, das wird sie irgendwo aufgeschnappt haben.“ Roula sah äußerst unglücklich aus.
„Wissen Sie, Frau Kühnfraß, die Kinder werden heutzutage schon früh verdorben. Die Schulen sind auch nicht mehr das, was sie mal waren“, entschuldigte Frika das Fehlverhalten ihrer Tochter.
„Ich werde das wohl mal in der fleischen Regierung anbringen müssen“, stellte Spinata entschlossen fest. „Es kann ja nicht sein, dass die Jugend schon so früh... aber zurück zum Thema.“ Ihre Aufmerksamkeit fokussierte sich wieder auf die kleine Morta: „Meine Eltern gehörten jedenfalls zu diesem abscheulichen Verein. Daher habe ich auch meinen furchtbaren Namen.“
„Also ich finde ihren Namen wunderbar“, verkündete Morta entschieden.
Stille kehrte ein. Die Bundesfleischabgeordnete wurde käsig im Gesicht, während Morta von ihren Eltern strafende Blicke erhielt.
Schließlich löste sich Spinata aber von ihrem Schreck und tadelte: „Für eine junge Dame legst du aber ein ziemlich gemüses Verhalten an den Tag. Man sollte dir mal die ein oder andere Möhre aus dem Kopf ziehen.“
„Aber Frau Kühnfraß, ich weiß gar nicht, was so schlimm an Gemüse sein soll.“
„Morta! Geh auf Dein Zimmer! Sofort!“, schrie Roula und zeigte sich in neuer Gesichtsfarbe – tiefrot.
„Nein, Herr Della, das ist nicht nötig“, griff Spinata ein. „Man muss mit dem jungen Gemüse diskutieren, um ihnen den fleischen, den rechten Weg zu zeigen.“
„Ach, Frau Kühnfraß, was glauben sie, was wir nicht schon alles probiert hätten.“ Frika brach in Tränen aus. „Es ist zu schrecklich. Schon seit ihrer Geburt weigert sich Morta gegen die fleische Ernährung. Eine Schande für unsere gesamte Familie!“
„Ist das wahr?“, kreischte die Beauftragte entsetzt und funkelte Morta an.
„Frau Kühnfraß, der Mensch braucht nicht zu töten, um sich am Leben zu halten. Unsere Körper müssen nicht zu Gräbern anderer Körper werden.“
„Denk an die Vitamine, törichtes Kind! Ohne Fleisch kein Wachstum! Ohne Fleisch keine Intelligenz! Die fleische Ernährung ist die einzig rechte für den Menschen!“
„Nein, das stimmt nicht. Ich habe das großartige Buch von Endi Vien gelesen. Der Mann weiß alles über Vitamine und da steht wissenschaftlich bewiesen, dass Fleisch sogar ungesund sein kann.“
„Paperlapapp! Die fleische Regierung hat seit langem ein Kopfgeld auf diesen Gemüsisten ausgestellt. Du bist auf einen Fleischfeind hereingefallen, Kind.“
„Aber wieso bin ich noch am Leben, wo ich doch nie Fleisch esse?“
„Meine liebe Morta Della, man stirbt ja auch nicht sofort, wenn man kein Fleisch isst“, räumte Spinata ein. „Aber deine bisherige gemüse Ernährung hat dich bereits schon in Wahnvorstellungen gestürzt. Du hast Mitleid mit unserem Essen! Das ist eine gefährliche Entwicklung!“
„Aber Frau Kühnfraß, das sind doch auch Lebewesen. Schweine haben auch Gefühle! Kühe wollen auch Leben! Hühner möchten frei sein und ihre Eier ausbrüten!“
Die Fleischbeauftragte schnaubte kurz verächtlich und wandte sich Roula zu: „Ich denke, wir sollten unsere Führung beginnen.“ Ihre Stimme war deutlich kälter als zu Beginn ihres Aufenthaltes auf der Fleischerstellungsanlage.
„Natürlich“, bekundete Roula hektisch. „Wir werden sofort beginnen. Sie werden begeistert sein!“
Frika sah immer noch erbost auf ihre Tochter. „Und dir junge Dame, werde ich jetzt ordentlich die Rübe waschen. Du bleibst ohne Frühstück und hilfst mir im Haushalt.“
Doch bevor Morta resignierend seufzen konnte, schaltete sich abermals Spinata in die Dellaschen Erziehungsformalitäten ein: „Ich wünsche, dass Morta mit auf unsere Führung geht. Sie wird vielleicht das ein oder andere lernen können.“
Morta wurde ganz schwindlig bei dem Gedanken. In ihr drehte sich alles.
„Das ist eine ausgezeichnete Idee!“, jubelte Frika. „Sie weigert sich schon seit Schweinsgedenken mit dem Betrieb vertraut zu werden.“
Roula brummte zustimmend und griff seine unerhörte Tochter grob am Arm.
„Dann kann es ja losgehen“, strahlte Spinata Kühnfraß siegessicher. „Ich werde mich persönlich darum kümmern, dass ihrer Tochter die Tomaten wie Dörrobst von den Augen fallen.“

„Da mein Betrieb ein Kreislauf ist“, begann Roula Della seine Erklärungen, „können wir leider auch nicht an einem Anfang beginnen, sondern müssen einfach mitten drin einsteigen. Ich schlage vor, wir besichtigen als erstes die Futterhallen.“
Vor ihnen stand ein gigantischer Speicher aus tristem Stahl.
„Das Gebäude ist das größte der ganzen Anlage. Es fasst schier unendliche Tonnen vom Fraß, den das Vieh täglich verputzt. Ohne einen solchen Futterspeicher ist eine Anlage wie diese völlig ausgeschlossen. Der Vollständigkeit muss ich erwähnen, dass hinter diesem formschönen Trakt Getreidefelder angelegt sind. Leider ist es noch nicht vollständig gelungen, auf Felderzeugnisse bei der Fleischerzeugung zu verzichten. Aber Frau Kühnfraß, seien Sie gewiss, dass wir auch das noch schaffen werden. In den letzten Jahren haben wir den Getreideanteil im Tierfutter um über siebzig Prozent gesenkt und somit Platz für Baugebiet geschaffen. Ziel ist es, innerhalb der nächsten drei Jahre komplett auf Eigenfuttererstellung umzusteigen.“
„Das sind große Pläne!“, rief Spinata begeistert. „Ich werde sie für den Fleischorden vorschlagen, sobald sie dies geschafft haben.“
„Das ist doch eine Katastrophe! Ist es etwa nicht so, dass zehn Kilo Getreide nötig sind, um ein einziges Kilo Fleisch zu bekommen?“
„Ha! Kind, das war einmal“, lachte Roula seine Tochter aus. „Getreide braucht niemand mehr. Fleischland muss völlig unabhängig von diesen unsicheren Lebensmitteln sein. In grauer Vorzeit mussten Bauern immer um ihre Ernte bangen, sobald auch nur eine leichte Briese wehte.“
„Aber Vater, wenn die gleiche Energie in Getreide gesteckt würden, wie du nun in die Fleischproduktion, dann müsste auf unserer Welt niemand mehr hungern und es gäbe kein Leid.“
„Ja ja!“, platzte Spinata dazwischen. „Und alle Welt würde nur diese komischen Körner fressen und sich aus Frust nach und nach selbst vernichten. Sieh es doch ein, Morta, der Mensch braucht Fleisch. Außerdem brauchst du dir in Fleischland keine Sorgen machen, dass du verhungerst.“
„Wenn ich kein Fleisch essen mag, schon“, murrte Morta und folgte ihrem Vater in den Futterspeicher.
Ein widerlicher Gestank legte sich ihr auf die Lungen. Es war unbeschreiblich, wonach es hier roch. Erdrückt fasste sich Morta an den Hals und hustete fürchterlich. Roula und die Fleischbeauftragte schien das nicht zu stören. Sie schritten gemächlich zwischen den endlos aufgetürmten braunen Futterklötzen durch.
„Das ist das Viehfutter“, erklärte Roula begeistert. „Es ist das wirkungsvollste Futter, das je für Tiere erfunden wurde. ‚Machschnelldick’ heißt es und ist ein wahres Wundermittel. Damit werden junge Ferkel innerhalb von einer Woche zu mächtigen Schweinen und sind spätestens nach zehn Tagen schlachtreif.“
„Das klingt ja gerade so, als würden die Tiere wie Luftballons aufgeblasen!“, rief Morta entsetzt
„Das ist grandios!“, schrie Spinata völlig aus dem Häuschen
Morta konnte nichts erwidern, sie hatte immer noch mit den Luftverhältnissen zu kämpfen und hustete ununterbrochen. Trotzdem entging ihr der feindselige Blick von Frau Kühnfraß nicht.
„Natürlich ist das grandios!“, fuhr Fleischwirt Della fort. „Wir arbeiten auch in engem Kontakt mit der Genforschung, um auch diese Ergebnisse besser werden zu lassen. Wissen Sie, verehrte Frau Kühnfraß, mir schweben da Reifezeiten von zwei, maximal drei Tagen vor.“
„Sie sind genial“
Hinter ihnen hörten sie nur ein ersticktes Husten, das langsam in Würgen überging.
„Wir werden diesen Trakt nun verlassen und zur nächsten Station unserer Führung übergehen.“

Draußen schnappte Morta gierig nach frischer Luft. Lediglich ihr Vater und die Beauftragte rümpften aufgrund der Luftveränderung unsicher die Nasen.
„Da vorne kommen wir gleich zu den Hühnerställen. Ich denke dass wir dort weiter machen sollten, um nicht so lange Wege im freien zurück legen zu müssen. Auch das wird sich wohl in Bälde noch ändern, denn ich habe vor, die Komplexe miteinander zu verbinden. Größtenteils läuft ja schon alles maschinell, aber ich möchte einen komplett selbsttätigen Kreislauf erschaffen. Mit Laufbändern von Trakt zu Trakt, verstehen Sie?“
„Das ist eine Vision wie aus dem Giraffenland! Haben Sie übrigens schon mal Giraffe gegessen, Herr Della? Schmeckt wahnsinnig gut! Sie sollten unbedingt auch eine Giraffenfarm hochziehen. Ich würde sie mit Geldern aus der fleischen Regierung...“
„Sie essen wohl alles, Hauptsache es hat Augen, was?“, fauchte Morta schließlich böse.
Zack, schon hatte sie eine Ohrfeige kassiert. „Dir ist der Benimm wohl aus deinem dümmlichen Kohlkopf gerutscht, was?“, brüllte Roula seinen törichten Nachwuchs an. „Wenn ich noch ein einziges Wort von dir höre, mach ich dich zur Wurst, glaub mir!“
„Ach, Herr Della, ich glaube ihre Tochter müsste mal dringend auf ein Fleischernat geschickt werden.“ Spinata spie aus und betrat hoch erhobenen Kopfes den Hühnertrakt.
Diesmal war der Gestank noch schlimmer. Und der Krach war Ohrenbetäubend.
„Wie Sie sehen, bekommt jedes Huhn nur so viel Platz wie es auch braucht. Das ist ungeheuer platzsparend und effektiv. Von einer benachbarten Hühnerzucht weiß ich sogar, dass man diese Tiere noch dichter halten kann. Aber ich denke, dass ein Umbau der Käfige einfach zu teuer ist und zehn Quadratzentimeter ja auch schon ziemlich effektiv sind. Ein entscheidender Vorteil ist aber, dass unsere Ställe viel sauberer sind, als alle vergleichbaren. Der Kot der Viecher fällt sofort durch ein Gitter unter den Käfigen und wird zur Koterie abgeführt. Gleich nach der Geburt wird das Vieh entfedert, so dass auch nicht die lästigen Federn überall herumschwirren können. Die wertvollen Eier werden von einem Unterdrucksauger zehn mal am Tag aus der Rosette gezogen. Da wird keine Zeit mit dem Legen der Huhnfrucht vergeudet.“
„Das hört sich vorbildlich an. Und ihre Hühner schaffen zehn Eier pro Tag? Das ist ja unglaublich!“ Die Fleischbeauftragte war hin und weg.
„Nun, nicht alle Hühner schaffen dieses Pensum, das gebe ich zu. Schauen sie dort, dieses Tier sieht viel zu dünn aus, es hat kein Ei in sich.“ Roula Della zeigte auf ein Tier, das verängstigt in seinem Stall kauerte und hilfesuchend um sich guckte. Dann tauchte automatisch die Eiabsauge auf, setzte sich an den nackten Hühnerarsch und es gab ein saftiges Flitsch. Der Kopf des Tieres war plötzlich verschwunden.
„Was war das?“, fragte Spinata erstaunt.
„Das passiert, sobald sich kein Ei im Huhn befindet. Die Vakuumsauge zieht anstatt des Eis den Kopf des Huhnes durch die Rosette, bis dieser abreißt. Die Kopfe werden später aussortiert und kommen in die Wiederaufbereitungsanlage. Das restliche Huhn, wie sie hier sehen, wird automatisch abtransportiert und wird als Suppenhuhn marktgerecht verpackt.“
„Das heißt, sie stellen nur diese zähen Suppenhühner her?“
Morta sah mit Tränen in den Augen, wie der tote Leib des armen Huhns entfernt wurde.
„Aber nein Frau Kühnfraß, die Hähnchenabteilung befindet sich gleich hier im Anschluss.“
Sie eilten durch die kilometerlange Eiergewinnungsundsuppenhuhnproduktionsanlage um schließlich durch eine Türe in den nächsten Bereich zu kommen.
„Hier haben wir unsere Hähnchen.“ Roula zeigte auf einen Ferch voller Küken. Eines wurde gerade von einem Greifer herausgenommen und in eine Entfederungsmaschine gesteckt. Ein lautes Piepsen war zu vernehmen und ein blutiges, nacktes Küken rutschte unten wieder heraus. Dann kam der Greifer wieder und das Vieh verschwand in den Eiertrakt.
„Das ist die Nachfüllvorrichtung. Sobald ein Huhn im Eiertrakt ausfällt, wird natürlich nachgefüllt. Die restlichen Küken werden mit ‚Machschnelldick’ aufgefüttert und schließlich geschlachtet. Hier, schauen sie sich die grandiose Fütterungsmaschine an.“
Vor ihnen lag eine rotierende Rohrvorrichtung, die in bestimmten Abständen kleine Auswüchse hatte. Am Anfang einer Umdrehung wurde immer ein Küken auf einen Fütterzapfen gesteckt und im Laufe der Rotation mit Futter vollgepumpt, sodass bei Vollendung der Kreisbewegung ein fertiges Huhn abfiel und sogleich in einen Schacht fiel.
„Das ist ja unglaublich wie schnell das geht!“
„Das ist unglaublich, welche Tierquälerei hier stattfindet!“
Zack, eine weitere Ohrfeige hatte Mortas Wange erreicht und sie sah ihren erbosten Vater tränenverschmiert an.
„Dein Vater ist ein überaus genialer Mann!“, rügte nun auch Spinata mit finsterem Blick.
„Ich habe dir doch gesagt, dass du den Schnabel halten sollst!“, drohte Roula seiner Tochter noch mal.
Plötzlich gab es einen gewaltigen Knall. Alle blickten sich erschrocken um.
„Ach, nichts passiert“, erklärte Roula sofort. „Ein Huhn hat den Fütterdruck nicht überstanden und ist geplatzt. Das kommt natürlich ab und an mal vor. Ich schlage vor, wir gehen mal rüber in den Kuhtrakt.“

Sichtlich verstört taumelte Morta hinter ihrem Vater und der Fleischbeauftragten hinterher. Im Kuhstall stank es anders, eher nach Jauche.
„Hier sind wir bei der Milchproduktion. Ich besitze die ergiebigsten Milchkühe ganz Fleischlands“, brüstete sich Della. „Pro Kuh über hundert Liter Milch am Tag. Das finden sie wonirgends!“
Eng beieinander standen die Tiere in ihren Abteilen in drei Etagen übereinander. Dicke Schläuche waren überall verlegt und führten wohl pausenlos Milch ab. Ein gequältes Muhen klang vom Ende des Ganges zu ihnen hinüber.
„Das hört sich aber nicht gut an“, merkte Marta eingeschüchtert an.
„Ausnahmsweise hast du mal recht.“ Roula stürmte dem Qualgeschrei entgegen, gefolgt von Morta und Spinata.
Am Käfig angekommen sahen sie eine Kuh, die von ihrem gigantischen Euter gegen die Eisenstäbe ihrer Stallung gepresst wurde.
„Beim großen Rind!“, rief der Fleischwirt erschrocken aus. „Diese Milchabsauge macht mir immer wieder Probleme.“ Wütend trat er einmal gegen den Milchzähler, der sich gleich vor der Ställe der armen Kuh befand. Sofort vernahmen sie ein lautes surren und der Euter wurde innerhalb von Sekunden leergesaugt. Das Tier schrie regelrecht auf.
„Leider kann man sich auf die Technik nicht immer verlassen“, erklärte Della. „Muss wohl immer jemanden geben, der die Anlagen überwacht.“ Es schien ihm peinlich zu sein, dass in seiner Produktion etwas nicht vorbildlich funktionierte, denn er wurde unangenehm rot.
„Vielleicht sollten wir einfach weiter zur Schweinerei.“ Eilig schritt er durch verschiedene Gänge nach draußen. Spinata und Morta konnten ihm kaum folgen. Links und rechts gab es immer wieder Tiere, die ihnen hilfesuchend zumuhten. Morta hätte am liebsten alle Kühe befreit und die elende Maschinerie sofort abgestellt. Doch die Bundesfleischbeauftragte empfand das ganze Elend gar nicht als solches und zog Morta mit eisernem Griff hinter sich her.

„Die Schweinerei ist die einzige Produktionsstätte, die einzig und allein auf die Gewinnung von Fleisch ausgelegt ist. Schweine haben ja schließlich auch keinen anderen Nutzen.“ Roula stieß die Pforte zum Schweinetrakt auf und gab den Blick auf eine grandiose Mastanlage frei. „Anders als bei den Hühnern müssen wir die Schweine nicht zum Essen zwingen, die sind von Natur aus gefräßig und würden Fressen bis sie ersticken.“
Die Schweine wurden ebenfalls in drei Etagen gehalten. Das Besondere an ihren Ställen war nur, dass sie ebenso hoch waren, wie die der Kühe.
„Das Vieh steht hier auf sogenannten Waagrastern. Die Kotdurchlässigen Gitter stellen also gleichzeitig fest, wie schwer das Mastvieh ist. Sollte die Gewichtsanzeige bei 500 Kilogramm angekommen sein...“
Ein lautes Alarmsignal unterbrach den Vortrag und lenkte die gesamte Aufmerksamkeit auf einen Stall, indem ein besonders dickes Tier stand. Das Schwein konnte sich nicht mehr bewegen, da es von der Größe den Stall exakt ausfüllte. Dann war ein Klacken zu vernehmen, so als ob eine schwere Mechanik freigegeben würde, und plötzlich, nach einem kurzen Zischen, erfolgte ein gewaltiges Krachen.
Erst war keine Veränderung zu sehen. Verwirrt schauten Spinata und Morta auf das Schwein, das reglos vor ihnen stand. Als aber unerwartet die linke Hälfte des Tieres an einer dünnen, fast unsichtbaren Schneide hinabsank, sank auch Morta in sich zusammen.
„Mensch Kind, mach mir doch nicht so eine Schande!“, forderte Roula brüsk von seiner Tochter, während er ihr mit seinen wurstigen Pranken grob das Gesicht tätschelte. „Was hast du denn Gedacht, wie die Tiere Geschlachtet werden?“
Morta stöhnte.
„Also ehrlich, es gibt gar keinen Grund, sich so anzustellen. Du bist gerade Zeuge geworden, wie blitzschnell und schmerzlos das Schlachten vor sich geht“, belehrte Spinata in grenzenloser Begeisterung. „Kann also keine Rede von Quälerei sein.“
Währenddessen wurden die Schweinehälften aus dem Stall gezogen und schwebten an Haken hängend außer Sichtweite.

„Hier sind wir in der Koterie“, machte Roula aufmerksam. „Der Geruch ist etwas unangenehm, ich weiß. Wir werden uns nicht lange hier aufhalten.“
Morta, die bisher immer noch von ihrer Ohnmacht benommen gewesen war, war nun wieder völlig beieinander. Bei diesem fürchterlichen Gestank konnte sie sich nur noch darauf konzentrieren, sich nicht zu übergeben. Und selbst Spinata musste das ein oder andere Mal würgen – obwohl sie dies natürlich geschickt vertuschte.
„Hier landen sämtliche Exkremente, die in der gesamten Produktion anfallen.“
„Was... was wird denn... hier... damit... gemacht?“, würgte Spinata hervor.
Vor ihnen befand sich ein enormes Bassin voller Kot und Urin. Vier gewaltige Spiralen walkten die Scheiße ordentlich durch.
„Zehn Prozent werden für die Felder gebraucht. Der Rest wird aufbereitet. Aber lassen Sie uns doch zur Aufbereitung gehen.“
Morta hätte sich nicht vorstellen können, dass die Verpestung der Koterie durch die Aufbereitung noch bei weitem übertroffen wurde.
Angedickte Scheiße stürzte aus dem Nebengebäude gleich in einen riesigen Kochtopf, in dem sich bereits Innereien aus den Schlachtereien und Kadaver verstorbener Tiere befanden.
„Wir verwerten alles.“ Der Fleischwirt grinste zufrieden. „Der Kot und die Tierabfälle werden hier ordentlich aufgekocht. Später kommt dann noch das Getreide dazu und nach dem Trocknungsverfahren wandert das Ganze in den Futterspeicher.“
Spinata war vollkommen käsig im Gesicht, aber sie fragte dennoch: „Also... ist dies hier... das... ‚Machschnelldick’?“
„Genau, Sie haben es erfasst Frau Kühnfraß!“
„Gen... genial!“
Morta beugte sich über den Rand eines Kessels und kotzte Hemmungslos hinein.
„Nur zu, meine Kind, die Tiere brauchen Vitamine“, wurde sie von ihrem Vater angefeuert.
„Der... Geruch... ich muss... raus.“ Spinata verschwand augenblicklich.

„Jetzt besichtigen wir die Verarbeitung“, jubelte Roula und versuchte zumindest die Frau Bundesfleischbeauftragte damit wieder zu begeistern. „Naschen ist auch erlaubt“, fügte er zwinkernd an.
Massenhaft rohes Fleisch fuhr über breite Förderbänder durch die Hallen. Es gab scheinbar keine wirkliche Ordnung, der die Fleischbeförderung folgte.
„Schauen Sie sich das nur an. Ist das nicht prachtvoll?“
Morta hing schlapp hinter ihrem Vater, der sie am Arm hinter sich herschleifte.
„Hier werden Bonbons aus Wurst hergestellt!“, schrie er begeistert über den Betriebslärm. „Probieren Sie mal!“
Spinata schaute skeptisch. „Sie meinen die Bonbons aus Wurst, die wir im Laden zu kaufen bekommen? Die stellen sie hier her?“
„Ja, genau die! Es war die Idee meiner Frau, um unsere Tochter endlich zur fleischen Ernährung zu bekommen. Leider nicht gefruchtet. Aber nehmen Sie doch endlich!“
Das Gesicht der Beauftragten glühte plötzlich wieder vor Freude: „Ich liebe Bonbons aus Wurst! Die sind so schmackhaft und gehaltvoll!“
„Dort hinten haben wir jetzt mit der Produktion für Fleisch am Stiel angefangen. Für laufe Sommernächte sicher unverzichtbar!“
„Sie sind ein Genie!“, kreischte Spinata und fiel dem Fleischwirt um den Hals.
„kommen Sie, wir sind gleich mit der Führung fertig. Gleich nebenan werden die verschiedenen Produkte verpackt.“
Kurz darauf bestaunte die Beauftragte die Verpackungsmaschinerie. Die Luft hatte sich stark gebessert, weshalb sie nun auch wieder völlig frei an ihrem Wurstbonbon lutschen konnte.
„Hier werden die Hähnchen in Folie eingerollt und sofort tiefgefroren. Diese Maschine füllt die Bonbons in die Tüten und lagert sie danach ein...“
„Was ist das denn für eine interessante maschine?“ Spinata zeigte auf eine besonders große Apparatur.
„Das ist die Eindosung. Fleisch in Dosen, sie wissen schon.“
„Können wir da mal ein wenig genauer vorbeischauen?“
Morta ächzte.
„Ach, geben sie das Kind doch mir, Herr Della.“
Morta wurde unsanft auf die Beine gezogen.
„Das Mädel wirkt schwächlich, wir sollten ihm etwas zu essen geben.“
„Frau Kühnfraß, sie isst doch nichts...“
„Ach, paperlapapp, geben sie schon ein Bonbon aus Wurst her. Das wird sie wieder auf die Beine bringen.“ Energisch riss sie dem Fleischwirt das Bonbon aus der Hand und steckte es Morta in den halb geöffneten Mund. Sofort riss diese die Augen auf und spuckte wie wild aus. Wie eine Furie ging sie auf Spinata los.
„Wie können Sie es wagen? Sie verdammte Fleischfresserin!“
„Wie nennst du mich? Du Dummgemüse!“
Doch auch wenn Morta fuchsteufelswild war, gegen eine erwachsene Fleischbeauftragte kam sie in ihrem vegetarischen Elan trotzdem nicht an. Spinata zerrte das Kind an den Haaren auf die Eindosungsmaschine hinauf und stieß Morta schließlich in den Fleischtrichter.
Es rumpelte heftig, als Mortas unzerkleinerter Körper von scharfen Dosen zerkleinert wurde.
Roula Della stand sprachlos am Dosenauswurf und sammelte die Dosen mit Morta aus dem Gewühl. Die meisten erkannte er daran, dass sie ein wenig zerbeult waren, weil zu große Stücke seiner Tochter eingedost worden waren. Andere waren durch Haare oder Kleiderfetzen gekennzeichnet.
„Oh, Herr Della, es tut mir so leid!“, flehte Spinata den Fleischwirt an.
Roula sah sie für einen Moment mit einem ausdruckslosen Blick an. Dann lächelte er schließlich und nahm die Fleischbeauftragte in den Arm, küsste sie energisch.
„Sie haben mich und meine Familie von diesem Schandfleck befreit!“

„Jetzt gibt es erst mal ein zweites Frühstück, wie es bei Fleischwirten so üblich ist“, verkündete Roula erleichtert und tänzelte mit Spinata im Arm ins Wohnhaus zurück.
„Wo habt ihr Morta gelassen?“, fragte Frika mürrisch.
„Mein Frikadellchen, unsere Tochter ist hier“, verkündete Roula lautstark und ließ einen Sack mit Fleischdosen auf den Tisch fallen. „Sie ist in die Verpackungsanlage gestürzt.“ Er zwinkerte der Beauftragten verschwörerisch zu.
„Mensch Roula! Da ist ja doch noch was aus ihr geworden!“, weinte Frika vor Freude.
Eine halbe Stunde später saßen alle drei friedlich am Essenstisch. Ein jeder hatte ein Dose Morta vor sich.
„Hier, Frau Kühnfraß, sie dürfen zuerst öffnen.“ Roula reichte dem Gast einen Dosenöffner.
„Zu freundlich, danke.“ Spinata schnitt die Dose auf und hebelte den Deckel mit einer Gabel ab. In der Dose befand sich ein Stück von Mortas Gesicht. Ein blutig verschmiertes Auge sah die Bundesfleischbeauftragte an. Der Blick war unverkennbar: Hass.
„Selbst in Dose ist ihre Tochter noch unfreundlich“, merkte Spinata unzufrieden an. Dann nahm sie ihre Gabel und stach in das Gesicht, um es zu essen.

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