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März 2003
Automaten, Automaten!
von Ingeborg Restat


Ein grauer Morgen, wolkenverhangen der Himmel. Marianne Bieler streckte ihre alten Knochen, die nicht mehr ganz so wollten wie sie, und stand auf. Da war niemand mehr, der „Guten Morgen“ zu ihr sagte. Das war schon lange Jahre her. Sie holte die Tageszeitung herein, bereitete sich in der KĂŒche ihr FrĂŒhstĂŒck, setzte sich an den Tisch und mampfte es lustlos in sich hinein. Gelangweilt schlug sie die Zeitung auf.
Was stand da? Automaten wĂŒrden nicht nur sparsamer arbeiten, sie wĂŒrden auch alles erleichtern, bequemer machen, las sie. Empört knallte sie ihre Tasse auf den Tisch, dass der Kaffee ĂŒberschwappte. Wem sollte das nur weisgemacht werden? Jedenfalls nicht den Alten, fĂŒr die es immer besser war, jemanden fragen zu können und eine Antwort zu erhalten.
Wie sie das hasste, ĂŒberall nur noch Automaten vorzufinden, wo sonst Menschen saßen, mit denen sie auch mal ein SchwĂ€tzchen halten konnte. Nicht nur bei der Bank, bei der Post, am Bahnhof, beim BĂ€cker, in jedem Laden, auf jedem Amt, gab es nichts anderes mehr als Automaten. Sogar Arbeitsamtautomaten fĂŒr die nun Arbeitslosen waren eingerichtet worden. Eine persönliche Bedienung suchte sie vergeblich. Sie hatte das Reden fast schon verlernt.
Wie sich Geld anfĂŒhlte, wusste sie lĂ€ngst nicht mehr. Bankkarten, Kreditkarten und wer weiß was noch fĂŒr Karten hatte sie in ihrem Portmonee, dazu Zettel mit den dazu gehörenden Pin-Nummern. Eigentlich sollte sie diese Nummern im Kopf haben, aber wie sollte sich ein altes Gehirn so viele merken können? Doch wer fragte noch danach? Auf die Alten kam es ja nicht mehr an, die hielt man wohl lĂ€ngst fĂŒr eine uninteressante Randgruppe im WirtschaftsgefĂŒge.
Wer hatte sich nur diese Automatisierung ausgedacht, die immer weiter um sich griff? „Denen mĂŒsste es mal jemand zeigen, dagegen protestieren und sich wehren. Man muss sich doch nicht alles gefallen lassen!“, murmelte sie vor sich hin. Warum tat das eigentlich keiner? Nahmen die Automaten nicht ArbeitsplĂ€tze weg?
Sie faltete die Zeitung zusammen, trank den letzten Schluck Kaffee, zog sich an und ging hinaus. Mit wem könnte sie mal wieder ein Weilchen sprechen? Mit einem der fremden Menschen, die an ihr vorbeiliefen, wohl nicht. Niemand war mehr gewöhnt ein schnelles Wort zu wechseln, seit man es nur noch mit Automaten zu tun hatte. Allein ein Arzt hatte noch ein offenes Ohr fĂŒr Menschen, die zu ihm kamen.
FrĂŒher ist sie ungern zu ihm gegangen, aber in letzter Zeit freute sie sich darauf, mit ihm reden zu können, nachdem auch die Sprechstundenhilfen im Vorzimmer durch Automaten ersetzt worden waren. Zwischen Blutdruckmessen und Abhören des Herzens fragte er sie stets, wie es ihr gehe. Wer interessierte sich sonst noch dafĂŒr? Er hörte ihr auch immer zu, wenn sie von ihren kleinen Sorgen erzĂ€hlte. Ja, das wollte sie heute wieder tun, wollte ihm sagen, wie schwer es sei, alt zu sein, wenn sich die Welt um einen herum so sehr verĂ€nderte. Sie machte sich auf den Weg voller Vorfreude auf sein verstĂ€ndnisvolles LĂ€cheln, auf die WĂ€rme der BerĂŒhrung, wenn er mitfĂŒhlend und tröstend ihre Hand ergriff. Das Wartezimmer war sicher wieder voll und sie wĂŒrde lange warten mĂŒssen, aber das machte ihr nichts, das waren ihr ein paar persönliche Worte wert.
Doch wie staunte sie, als sie in die Praxis eintrat. Niemand außer ihr war da! Was war los? Sie schob im Vorzimmer ihre Karte in den Automaten und schon wurde sie aufgefordert, ins Sprechzimmer zu gehen. Sie hatte Herzklopfen wie ein junges MĂ€dchen, gleich wĂŒrde sie das vertrautes Gesicht des Arztes sehen und seine vertraute Stimme hören.
Sie öffnete die TĂŒr zum Sprechzimmer mit erwartungsvollem LĂ€cheln „Guten Morgen, Herr Doktor“, rief sie hinein. Dann traf sie fast der Schlag! Auch hier stand sie vor einem Automaten, einem Computer, an Stelle des Arztes. Auch hier sollte sie ihre Chip-Karte und eine Pin-Nummer eingeben und danach wurde sie aufgefordert, ihre Beschwerden zu beschreiben.
Wutentbrannt trommelte sie mit den FĂ€usten dagegen, so dass der Automat wie erschreckt verstummte. „Verdammt! Was lassen die sich noch alles einfallen? Vielleicht erfinden sie einen Automaten, der Kinder erzeugt, das spart die Hebamme. Noch keiner drauf gekommen?“ Erbost schimpfte sie gegen den Automaten an, als könnte er es verstehen. Dann nahm sie ihre Sachen und ging enttĂ€uscht hinaus. „Hach! So verrĂŒckt wird die Welt bestimmt noch werden und auch das mit einem Automaten erledigen. Ist doch jetzt schon so, den Spaß wollen sie haben, aber nicht die Folgen, neun Monate mit ihren UmstĂ€nden. Nur gut, dass wir Alte uns mit so einem Automaten dann nicht mehr herumplagen mĂŒssten“, sagte sie laut und schlug zornig die TĂŒr des Sprechzimmers hinter sich zu. Vorbei! Zum Arzt brauchte sie auch nicht mehr zu gehen, um mal mit jemanden reden zu können.
Darum also war das Wartezimmer so leer gewesen. Wer hatte denn noch Lust, einem Automaten seinen Kummer anzuvertrauen, wenn kein verstĂ€ndnisvolles Wort, keine mitleidige Geste mehr zu erwarten war. Da ging man doch nur noch zum Arzt, wenn es gar nicht mehr anders ging. Gut fĂŒr die Krankenkassen!
Voller Trauer und Wut sah sie sich im Vorzimmer noch einmal um. Da erst entdeckte sie das Plakat, welches ankĂŒndigte, dass die Krankenkassen den Arzt wegen Zahlungsnotstand einsparen mussten. Dies sei aber kein Nachteil, wollte man noch weismachen, sondern dies sei auch als Fortschritt anzusehen, denn so ein Wissen, wie es im Computer gespeichert ist, könne ein Arzt allein gar nicht haben. Darum könne der Patient eine viel genauere Diagnose erhalten und laufe nicht Gefahr, falsch behandelt zu werden.
„Lieber nehme ich falsche Tabletten, kann aber noch mal mit jemanden reden und ihn etwas fragen“, schrie sie empört. Doch wer sollte sie hören? War ja niemand mehr da. WĂŒtend riss sie das Plakat von der Wand. Sah ja keiner.
Das reichte ihr, da kam der Zorn in ihr zum Überkochen. „Es wird Zeit zu zeigen, dass man sich nicht alles gefallen lĂ€sst“, schimpfte sie vor sich hin auf dem Nachhauseweg. Sie schimpfte auch noch in der folgenden schlaflosen Nacht.
Am nĂ€chsten Morgen wusste sie, was sie tun wollte. „Wenn sich kein anderer dazu findet, dann mache ich das eben“, sagte sie zu sich, nahm ihren alten, großen Regenschirm und versteckte darin eine Tube mit Klebstoff. Als Erstes ging sie zu einem Bankautomaten – aber nicht zu dem fĂŒr sie zustĂ€ndigen, wohlweislich! Sie passte einen unbeobachteten Moment ab und klebte im Schutz der weiten, hĂ€ngenden Falten des Regenschirms die Schlitze zu. Was fĂŒhlte sie sich wohl und erleichtert danach!
Das tat sie in den nĂ€chsten Tagen immer wieder, klebte einen Automaten nach dem andern in ihrer Umgebung zu. Bald fuhr sie dazu auch in einen anderen Stadtteil. Lange hatte sie schon nichts mehr so erfreut, wie jetzt diese Automaten unbrauchbar zu machen. Sie feixte sich eins, als die Presse darĂŒber berichtete, welcher Schaden dadurch entstand und wie verzweifelt nach dem TĂ€ter gesucht wurde. „Das schadet euch gar nichts!“, triumphierte sie. Sie fĂŒhlte sich ganz sicher, denn wer sollte schon darauf kommen, dass es eine alte Frau war?
In ihrer Umgebung wunderte sich niemand mehr, wenn sie auch bei Sonnenschein diesen großen Regenschirm unter dem Arm hatte. „Sie ist halt schon ein bisschen wunderlich“, meinten die Leute und lĂ€chelten nachsichtig. Aber sie wusste noch ganz genau, was sie tat, auch als sie glaubte, unbeobachtet zu sein und die Schlitze des Post-Automaten zukleben wollte.
Doch wie schrak sie da zusammen! Eine Hand legte sich auf ihre Schulter. „Haben wir Sie endlich! Das wird teuer fĂŒr Sie. Das ist SachbeschĂ€digung zum Schaden der Allgemeinheit“, hörte sie noch jemand sagen. Dann schrie sie auf und fiel um. Der Schlag hatte sie getroffen.
Niemand konnte sie mehr ins Leben zurĂŒckrufen. Sie glitt in das Leben nach dem Tod. Sie sah noch einmal erstaunt auf das, was von ihr auf der Erde zurĂŒckblieb, und dann zum Himmel hoch. Schluss mit Automaten! Sie machte sich auf den Weg hinauf zum Himmelstor. Da gab es Petrus, der wĂŒrde sie freundlich anlĂ€cheln und mit ihm wĂŒrde sie bestimmt reden können. Er wĂŒrde ihr sagen, wie es fĂŒr sie weiterging, sie könnte ihn fragen und er wĂŒrde antworten.
Aber als sie an der Himmelspforte ankam und diese sich öffnete, stand dahinter ein Automat. Auch der Himmel brauche eine Modernisierung, las sie, Petrus sei alt, bedĂŒrfe der Ruhe, und im Zuge der Rationalisierung dabei sei sein Platz eingespart worden. Sie solle nun ihre Hand in einen Schlitz stecken, damit erkannt werden könne, ob sie berechtigt sei, in den Himmel zu kommen.
Das war zu viel fĂŒr sie. Sie fiel erneut um. Aber wohin sollte sie nun?
Unten grinste der Teufel mit einladender Geste.


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