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März 2003
Schöner Ausblick
von Peter Gaß


Oder die Meyers: Ökobewegt und politisch interessiert. Auf einer Demo haben sie sich kennen gelernt. Den selbst gestrickten Pulli von damals hat sie noch - zum Schuheputzen. “Heute ist nichts mehr so wie früher. Alles entwickelt sich weiter.” Sie ist im Schuldienst, er ist leitender Angestellter im fünften Stock eines mittelständigen Unternehmens. “Da hat man so einen schönen Ausblick.”

Nach der Flutkatastrofe sind sie an die Mulde gefahren - mit ihrem alten Kadett, hinten links der Aufkleber “Atomkraft - nein danke” - und haben geholfen. Und viele Fotos haben sie gemacht. Er ist auf ein Haus gestiegen, das von Wasser umspült war. “Da hat man so einen schönen Ausblick.” Das Essen vom THW und die Feldbetten vom Roten Kreuz waren nicht schlecht. Den alten Kadett haben sie gleich dort gelassen. Verschenkt. “Die haben ja nichts da drüben. Ist ja alles kaputt.” Und die Meyers haben so auch noch die Verschrottungsprämie gespart. Nach der Wende hätten die da drüben die Chance gehabt, ökologische Städte zu bauen, Sickergruben, begrünte Dächer, Niedrigenergiehäuser, Solaranalgen. Aber die wollten ja so schnell wie möglich “blühende Landschaften”. Das haben die jetzt davon. Wo das Wasser war, blühte nichts mehr.

Ihr Bruder, also der Bruder von Frau Meyer, hat sie dann mit seiner neuen E-Klasse abgeholt. “Er hat natürlich frische Sachen mitgebracht - zum umziehen.” Die alten, verschmierten, verschwitzten, haben sie verschenkt. Die atten da drüben ja nichts mehr. War ja alles weg. Auf dem Rückweg haben sich die Meyers und ihr Bruder noch ein Wellnesswochenende in einem Berghotel gegönnt. “Da hat man so einen schönen Ausblick.”

Im Sommer und Herbst haben die Meyers dann viele Vorträge in Bürgerforen gehalten - Fotos hatten sie ja genug. Auch für Zeitungen hat er viel geschrieben. Dafür hat er sogar Geld bekommen. Und Demonstrationen und Unterschriftenaktionen hat er organisiert. “Die Politiker sollten endlich etwas gegen die Umweltzerstörung tun. Die beginnt vor unserer Haustür. Nicht nur im Amazonas. Aber, das sehen die ja nicht. Die sitzen ja nur in ihren Büros und genießen den Blick über Berlin.” Wenn der Staat nicht so viele Subventionen und Wahlgeschenke verteilen würde, wäre auch genügend Geld da. Herr Meyer weiß, wie man eine Firma führt. Er ist schließlich leitender Angestellter in einem mittelständigen Unternehmen. Das ist fast so, wie Bundeskanzler.

Jetzt haben die Meyers ein neues Problem. Die Eigenheimzulage. Sie wird gestrichen - wahrscheinlich. Ausgerechnet die Eigenheimzulage. Ausgerechnet jetzt. Ausgerechnet jetzt, da sie bauen wollen - am Rhein, direkt am Wasser. “Da hat man so einen schönen Ausblick.”

© Peter Gaß


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