Das alte Buch Mamsell
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Peggy Wehmeier zeigt in diesem Buch, dass Märchen für kleine und große Leute interessant sein können - und dass sich auch schwere Inhalte wie der Tod für Kinder verstehbar machen lassen.
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März 2003
Twister
von Bettina Jodda


Die irritierten Blicke der anderen Wartenden ignorierte ich als ich
mich zum Card-Distribution-Panel begab und mein Service-Tickett zog.
Ach, ich liebte diese neuen Arbeitsaemter. Nicht nur, dass es die
Tickets mit der Aufrufsnummer jetzt in dem in einem patriotisch
schwarz-rot-gold lackierten Card-Distribution-Panel gab, nein, sobald
man sein Tickett erhielt ertönte auch noch ein motivierendes "nice to
help you".

Ich setzte mich und sah auf einen Jugendlichen vor mir, auf dessen
Jackenruecken die Worte "Back to the Mediereview Age" zu lesen waren,
ohne Zweifel also ein Yahoo-User, wie auch seine folgenden Worte, die
er in sein Handy sprach, bewiesen: "Hey, das ist doch voll xlink, wie
die mich behandeln."

Während die Hintergrundmusik zu einem Remix eines Faith-No-More-Songs
wechselte (Remix bedeutete in diesem Fall, dass der Song bis auf den
Refrain "It is a dirty job but someone´s gotta do it" verfremdet
worden war), suchte ich meine Unterlagen zusammen und bereitete mich
mental auf die unvermeidliche Konfrontation mit dem WOA! vor. "WOA",
so hatte ich erst gestern erfahren, war nun die trendy Bezeichnung
für den Arbeitsamtangestellten.
"Der Begriff WOA! zeigt einerseits die Trendyness des Arbeitsamtes
und durch seinen positiv-motivierenden Klang wird für den WOV (Work
Office Visitor) sofort klar, dass der Arbeitsamtangestellte ein
engagierter und vor allen Dingen voller positiver Energie steckender
Helfer ist. WOA! - das steht für Work Office Agent - wird somit den
veralteten Begriff des Arbeitsvermittlers ablösen." Ich als WOV (für
mich klang das, als hätte jemand beim Suchen eines passenden
Begriffes versehentlich seine Wohnung angezündet und das dabei
entstehende Geräusch als Inspiration genommen) musste zugeben, dass
mir die neue "trendy Art" der Behörden ein wenig suspekt vorkam -
wuerde man demnaechst vielleicht auch die Wahlbenachrichtigung in
"Decision Paper" umbenennen? Zuzutrauen war es den Verantwortlichen
jedenfalls.

Meine Nummer leuchtete auf, begleitet von einem herb-markanten "Come
get some" (Ich fragte mich, ob man die Duke Nukem-Entwickler wegen
des Copyrights gefragt hatte). So stand ich auf und begab mich als
WOV zum WOB (Work Office Bureau) und dem WOA! Meine Unterlagen
hilfesuchend an mich gedrueckt wie ein Kind seinen Teddy trat ich
ein.

"Hallo" Der weibliche WOA! begruesste mich und schickte ein perfekt
moduliertes traellerndes Laecheln hinterher. "Na, dann wollen wir
mal. Sie sind also hier um ein wenig ueber freie Stellen zu
plaudern?"
Nun, eigentlich wollte ich a) eine freie Stelle bekommen und b) Geld
bekommen bis ich a) bekam. Aber das klang so negativ. Ein wenig
plaudern ueber freie Stellen klang viel schoener - so als waere ich
auf einer Insel und schluerfte meinen Cocktail waehrend ich ueber
Dinge wie Martini, Perlenketten fuer die Freundin und freie Stellen
schwadronierte. Vorsichtig schob ich meine Unterlagen der WOA!
entgegen.

"Ich habe alles mitgebracht." sagte ich schwach.
"Oh, das ist ja toll." Sie klang jetzt wie ein Cheerleader nach einem
erfolgreichen Spiel und nahm dementsprechend auch den Kugelschreiber
zur Hand wie einen dieser Staebe, mit denen Cheerleader immer
jonglierten.

"Und wenn Sie mir denn ein wenig über Sich sagen würden..."
Natürlich würde ich das.
Ich bemühte mich also, die von ihr gestellten Fragen möglichst so zu
beantworten, dass die Antworten noch der Wahrheit entsprachen aber
dennoch meien Kreativitaet sowie meine Leistungsbereitschaft unter
Beweis stellten.
"Kinder?"
"5." sagte ich laessig und lächelte. Nun, natürlich jetzt noch nicht,
aber da ich man ja auch den Kommentar "ich mache gerade einen Kurs
zum Web-Designer" mit den Worten "Also Web-Designer" begleitet hatte,
konnte man meine allabendliche Matrazen-Akrobatik also als "Kurs zu
den 5 Kindern" ansehen.
Die anderen Fragen beantwortete ich wahrheitsgemaeß - ja, ich
bemuehte mich intensiv um Arbeit, immerhin besuchte ich jeden Tag die
Stellenanzeigen-Seiten (Oh, Sie haben einen Computer? Nun, das
muessen wir natuerlich dann als Vermoegen bei Ihrem Anspruch mit
einbeziehen); ja, ich war voll arbeitsfähig.

Nach einer Stunde intensivster Frage-und-Antwort-Spielchen sowie
etlicher Demonstrationen meines Koennens in Bezug auf Web-Design,
Textverarbeitung, Stenographie etc. setzte ich mich ein wenig
erschoepft wieder auf den Stuhl gegenueber des WOA! und seufzte.

"Nun" sagte der WOA! und lächelte strahlend. "Sie können ja eine
beeindruckende Menge." Sie drueckte auf einen Knopf und der Computer
vor ihr begann leise zu summen während sie mir erklaerte, dass ich
nunmehr die neue innovative Work-Office-Card bekommen wuerde.

Diese, so erlaeuterte sie mir, wuerde neben meinen Krankendaten (wann ich krank war, wie lange und weshalb) auch meine Faehigkeiten meine
Religionszugehoerigkeit (Nicht, dass Sie sich bei einer katholischen Institution einschleichen, Sie Schlingel....) meine
Kreditwuerdigkeit (nun, wenn Sie bei einer Bank arbeiten moechten, so muss die Bank doch wissen, dass Sie kein Sicherheitsrisiko sind, oui?)
die Vorstrafen (alles aus Gruenden der Sicherheit), die Blutgruppe (falls Ihnen etwas passiert, wenn Sie in einem Saegewerk anfangen, mon ami) und das Ergebnis des HIV-Testes enthalten (nicht, dass Sie in einem Krankenhaus anfangen und niemand weiß etwas davon, dass Sie ein kleines bischen AIDS
haben, oui? --- bei ihr klang es wie ein Mueckenstich)

Sie fuhr fort mir die gespeicherten Daten zu erklaeren:
Einkaufsverhalten (nun ja, wenn Sie etwas viel rauchen, so ist dies
doch ein Risiko, oui? Oder dieser fette Kaese...aber wenn Sie Ihr
Einkaufsverhalten ein wenig aendern, bekommen Sie gleich nach 3
Monaten einen Health-Punkt auf Ihrer Karte), Gewichtsentwickelung
innerhalb der letzten 3 Jahre (Ja, manche Positionen erfordern hohe
Disziplin, da muss man schon wissen, wer diese mitbringt, non?),
Bußgelder (ja, auch das gehoert zur Offenheit gegenueber dem
Arbeitgeber, mon chere...)...

Mir schwirrte der Kopf.
Als sie endlich endete, hatte der Computer die kleine
schwarz-rot-goldene Karte ausgespuckt, die mir nun wie ein kleiner
Dämon vorkam. Mir schien es als flüstere sie mir zu "Du bekommst nie einen Job." Ich fragte mich, welchen Vorteil mir nun die Karte brachte - es
musste doch einen geben.

"Oh, natuerlich."floetete der WOA! und gab mir die Karte als waere
es ein Pokal oder der Preis eines Wettbewerbes. "Erstmal können Sie
damit ganz klar nachweisen, dass Sie arbeitslos sind. Dann können Sie
sich Ihr Tickett jetzt im Service-Bereich abholen. Und für jeden
Besuch bekommen Sie einen WOPu (Work Office Punkt). Fuer 20 WoPus
bekommen Sie übrigens einen Zuschuss zu Ihren Bewerbungskosten in
Hoehe von 2 Briefmarken. Und nach 6 Monaten bekommen Sie, wenn Sie
bis dahin 12mal hier waren um sich zu erkundigen, sogar eine goldene
Work-Office-Card. Na, ist das nichts?"

Ich sah sie irritiert an und nahm die kleine Karte entgegen - meiner
Meinung nach war das "nichts", aber ich war ja auch nur ein kleiner
WOV. Der WOA! sah mich an und schüttelte mir die Hand, sie war zufrieden.

"Oh", sagte sie und beugte sich vertraulich zu mir. "Ich hab ja noch
etwas vergessen. Mit dieser wunderbaren innovaten WO-Card können Sie
übrigens auch viel schneller Zugriff auf den aus Sicherheitsgruenden
nicht mehr an das Internet angeschlossenen WO-Rechner nehmen. So
können Sie dann schon innerhalb von wenigen Minuten wissen, dass wir
zur Zeit keine freien Stellen anbieten können."

Ich nahm meine Karte und ging hinaus. Draußen hatte der Remix von
Faith no More aufgehört und stattdessen hörte ich Beck "I am a Loser,
Baby, so why don´t you kill me?". Der WOA! sauste an mir vorbei und
murmelte etwas von einem "Hacker", der schon wieder das Musik-System
geknackt hatte.







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