Honigfalter
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Mńrz 2003
Der Ampelmann, eine Erfolgsstory
von Volker Beilmann


Dies ist die Geschichte meines Berufes, eine Erfolgsgeschichte.
Es ist ein relativ neuer Beruf mit gro├čer Zukunft.
Ich bin ein Pionier.
Vermutlich der erste.

Wei├č jemand, was ein Ampelmann ist?
Nein?
Dann h├Ârt gut zu.

Ich lebe in einer kleinen Gemeinde, da, wo sich Hase und Fuchs gute Nacht sagen. Aber immerhin, es gibt eine Grundschule und einen Kindergarten. Beides auf einem Haufen. Und wo Kinder ├╝ber die Stra├če gehen, gibt es nat├╝rlich auch eine Ampel. Soweit, so in Ordnung. Jahrelang fristete diese Ampel ein einsames Dasein, bis der Gemeinderat beschloss, eine zweite Ampel aufzustellen. Sozusagen eine Eva-Ampel. Schlie├člich sind wir eine aufstrebende Gemeinde, und jeder Aufschwung beginnt mit einer neuen Ampel. Doch wohin damit?
Man entschied sich f├╝r den Ortskern, dort wo das Leben tobt. Zumindest zweimal am Tag, in einem verd├Ąchtigen Zusammenhang mit dem Berufsverkehr. Zugegeben, in diesen beiden Stunden herrscht wirklich dichter Verkehr und es ist tats├Ąchlich manchmal schwierig, ├╝ber die Stra├če zu kommen. Aber in der restlichen Zeit? Ein Traktor hier, eine Pferdekutsche da. Ampel ├╝berfl├╝ssig. Das hatte sogar der Gemeinderat erkannt und die neue Ampel mit grenzenloser Weitsicht als reine Bedarfsampel ausgelegt. Bedarfsampel hei├čt:
Ampel komplett aus, bis Fu├čg├Ąnger oder Radfahrer auf Ampelaktivierungsknopf dr├╝ckt. Dann Ampel an. Gr├╝n f├╝r Fu├čg├Ąnger oder Radfahrer, rot f├╝r Auto, oder Traktor, oder Pferdekutsche. Eine gute L├Âsung, intelligent und verkehrsgerecht. Aber der Gemeinderat hatte die Rechnung ohne die weit verbreitete Ampelneurose der gemeinen Gemeindemitglieder gemacht. Man stelle sich vor, ein Fu├čg├Ąnger oder Radfahrer n├Ąhert sich der Ampel:
ÔÇ×Oh, schau, eine Ampel, eine Ampel!"
Innere Stimme:
"Darf man bei Nichtgr├╝n ├╝ber die Ampel gehen?"
Antwort:
"Nein, nein, darf man nicht!"
Innere Stimme:
"Auch dann nicht, wenn die Ampel abgeschaltet ist?"
Antwort:
"Keine Ahnung."
Hin und her gerissen steht der Fu├čg├Ąnger oder Radfahrer vor der toten Ampel, von tiefen Erziehungs├Ąngsten gequ├Ąlt, bis eine Hand unkontrolliert hervorzuckt und zack, schon ist der Knopf gedr├╝ckt. Was passiert? Die Ampel springt an und das kleine M├Ąnnchen wird gr├╝n. Sonst ├Ąndert sich nichts. Kein Auto, das anh├Ąlt, nicht mal ein klitzekleiner Traktor. Von einer Pferdekutsche ganz zu schweigen. Ist das nicht frustrierend?
Innere Stimme:
"Warum stiehlt mir diese Ampel meine Zeit?"
Antwort:
"Der Gemeinderat hat Schuld."
Die Beschwerden h├Ąuften sich, eine sinnvolle L├Âsung musste her. Nach tagelangen Beratungen ein genialer Einfall:
"Wir brauchen einen Ampelmann."
Und dann kam ich ins Spiel. Schon lange genervt durch meinen unterbezahlten Pilotenjob kam mir das Angebot gerade recht. Flugs unterschrieb ich einen Zehnjahresvertrag mit gro├čz├╝giger Pensionsregelung, lie├č den Einbau einiger technischer Kleinigkeiten in meinem Haus zu und konnte schon ein paar Tage sp├Ąter meine verantwortungsvolle T├Ątigkeit als Ampelmann aufnehmen.

Immer, wenn jetzt so ein ampelneurotischer Mensch auf den Knopf dr├╝ckt, wird bei mir Alarm ausgel├Âst. Na ja, nicht immer. W├Ąhrend der oben genannten zwei Stunden nat├╝rlich nicht. Dann darf ich ausruhen. Mein Feierabend. Au├čerdem gibt es ein paar Sonderf├Ąlle, bei denen ich auch nicht einschreiten darf. Kinder zum Beispiel. Aber ansonsten beginnt jetzt mein Auftritt. Ich st├╝lpe mir eine Per├╝cke ├╝ber, ziehe meine Sonnenbrille auf und schwinge mich in eins meiner mir von der Gemeinde zur Verf├╝gung gestellten zehn Autos. Manchmal auch auf einen Traktor oder eine Pferdekutsche. Dann rase ich Richtung Ampel. Geschwindigkeit spielt keine Rolle, man hat so seine Privilegien. Der Schaltmechanismus der Ampel ist jetzt von mir per Fernbedienung steuerbar. Kurz vor der Ampel l├Âse ich die Rotphase aus und komme im letzten Moment mit quietschenden Reifen zum Stehen. Manchmal auch mit qualmenden Hufen. Der Ampelneurotiker schaut mich strafend und triumphierend zugleich an:
"Schon wieder so einen Rowdy zur Raison gebracht", lese ich in seinem Blick, "gar nicht auszudenken, was alles h├Ątte passieren k├Ânnen, so ganz ohne Ampel." Kopfsch├╝ttelnd und befriedigt ├╝berquert er die Stra├če. Das sind f├╝r mich Augenblicke h├Âchsten Gl├╝cks. Das ist wahrer Dienst am Kunden.

Es gab keine Beschwerden mehr, die Ampel wurde akzeptiert, ich wage fast zu behaupten, sie wird mittlerweile sogar geliebt. Alles mein Verdienst.
Doch irgendwann wird selbst der verantwortungsvollste und sch├Ânste Job zur Routine. Langweilig. Ich war nahe dran, die K├╝ndigung einzureichen (meine Pensionsanspr├╝che sind nat├╝rlich gesichert), da kam die Rettung. In einer nahe gelegenen Kleinstadt war gerade eine Umgehungsstra├če fertig gestellt worden. Nat├╝rlich mit entsprechender Ampelanlage. Sehr sinnvoll, in den bereits mehrfach erw├Ąhnten zwei Stunden. Aber sonst?
Der einsame Autofahrer steht um Mitternacht an einer total verwaisten Kreuzung vor einer minutenlang im pr├Ąchtigsten Rot erstrahlenden Ampel und fragt sich nach dem Sinn des Lebens.

Die Beschwerden h├Ąuften sich. Die nahe liegende L├Âsung, die Ampelanlage in verkehrsarmen Zeiten einfach abzuschalten, kam ├╝berhaupt nicht in Frage. Daf├╝r hatte man ja schlie├člich nicht soviel Geld investiert. Und au├čerdem, wo bliebe dann die Sicherheit? Wenn jeder so einfach, so unkontrolliert, ├╝ber die Kreuzung fahren d├╝rfte? Nach wochenlangen Diskussionen dann die L├Âsung. Irgendjemand hatte vom Ampelmann in der kleinen Nachbargemeinde geh├Ârt. Diese neue Herausforderung kam f├╝r mich gerade zum richtigen Zeitpunkt.

Jetzt kann ich mein ganzes Talent ausspielen. Wenn der Ampelalarm ert├Ânt, brause ich hin und zische in atemberaubendem Tempo an dem verschreckten Autofahrer vorbei. Au├čer Sichtweite, wechsele ich den Wagen und mein Outfit und das gleiche Spiel beginnt aus der anderen Richtung von neuem. Je nach Schwere des Falles und Lust und Laune kann ich diese ├ťbung beliebig oft wiederholen. Irgendwann erl├Âse ich das arme Opfer, schalte die Ampel auf gr├╝n und warte hingebungsvoll, bis es verschwunden ist. Ich wei├č, es wird der Ampel danken, im sicheren Bewusstsein, ohne sie nie eine L├╝cke im dichten Verkehrsget├╝mmel gefunden zu haben.

Nun war mein Erfolg nicht mehr aufzuhalten. Andere Gemeinden kamen hinzu, die Nachfrage stieg unaufh├Ârlich. Ich k├╝ndigte nun tats├Ąchlich (die Pensionsanspr├╝che sind gesichert) und gr├╝ndete die AmpSinn GmbH.
Mittlerweile besch├Ąftigt meine Firma ├╝ber 50 Angestellte und w├Ąchst t├Ąglich. Ich fahre nat├╝rlich schon lange nicht mehr selbst, habe meinen Aktionsradius bereits weit ├╝ber das Kreisgebiet ausgedehnt und ├╝berzeuge auf langen Vortragsreisen auch die kleinsten Gemeinden, wie sehr doch das tr├Ąge Ortsbild durch eine sch├Âne, neue Ampel sinnvoll aufgepeppt werden kann.





┬ę Volker Beilmann 2001ÔÇô2003

Letzte Aktualisierung: 00.00.0000 - 00.00 Uhr
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