Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
In diesem Buch präsentiert sich die erfahrene Dortmunder Autorinnengruppe Undpunkt mit kleinen gemeinen und bitterbösen Geschichten.
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April 2003
Verlorene Welt
von Monique Lhoir


Caren hörte die Geschosse in der Ferne und starrte aus dem Hotelzimmerfenster. Kathmandu, insbesondere die Durbar Square mit ihren bunten Tempeln und Palästen, war nach wie vor eine Augenweide. Auf der Hauptstraße, die sich immer noch in einem schlechten Zustand befand, herrschte das totale Chaos. Autos, Fahrräder, Mopeds, Rikschas und viele Fußgänger wimmelten durcheinander. Ab und zu blieb eine Kuh mitten auf der Straße stehen und legte den Verkehr vollends lahm. Ob die Kühe wohl wussten, dass sie heilig waren?
Die Saddhus, sich dem Glauben zugewandte alte Männer, in roten oder gelben Tüchern gewickelt und mit rot-weiß-gelber Schminke im Gesicht, saßen auf der Straße und warteten auf die derzeit nur wenigen Touristen, um sich gegen Geld fotografieren zu lassen.
In der Ferne erkannte sie die bunte Gebets-Fähnchen, die vom Gipfel der Stupa, dem höchsten Tempel Kathmandus, bis zu seinem Fuße hinuntergezogen waren.

Ihre Tochter Dona war noch nicht wieder zurück. Sie machte sich Sorgen und verfluchte es, Donas Drängeln nachgegeben zu haben. Die Reise nach Kathmandu war schon beschwerlich genug gewesen und zu allem Unglück war das Gepäck in Dubai stehen geblieben. Und nun noch die nervenaufreibende Knallerei.
Schon auf dem Weg vom Flughafen zum Hotel hatten ihr die Soldaten, die hinter Stacheldraht verschanzt waren, Angst gemacht. Die sonst durch Touristen belebten Hotels waren nahezu ausgestorben, seitdem die maoistischen Kampftruppen gegen die Korruption der Regierung massiv vorgingen. Überall Straßenbarrikaden durch Demonstranten, brennende Autoreifen und Ähnliches.
Dona betrat das Hotelzimmer.
„Hast du etwas in Erfahrung bringen können?“ Caren sah sie fragend an.
„Nein. Sie können keine Auskunft geben“, erwiderte Dona resignierend. „Erst letzten Monat hätten die Maoisten fünfzehn junge Polizisten in einer Polizeistation erschossen, zwei hochrangige Polizeioffiziere ermordet und in den letzten Tagen noch weitere neunzig verschleppt. Die Unterlagen sind zum Teil vernichtet.“
Nachdenklich sah Caren ihre Tochter an. Sie hatte die weiße Haut einer Europäerin und die tiefschwarzen Haare und dunklen Augen einer Nepalesin. Donas Vater kam aus Kathmandu. Caren hatte in vor zwanzig Jahren in Nepal während ihrer Arbeit als Entwicklungshelferin kennen gelernt und sich verliebt. Gora Singh war Student der Medizin und arbeitete mit ihr zusammen. Als sie wieder in Deutschland war, stellte sie fest, dass sie schwanger war. Sie bat ihn, nach Deutschland zu kommen, doch er lehnte ab. Gora Singh war Hindu und als männliches Familienoberhaupt für seine Mutter und Geschwister verantwortlich. Und Caren? Sie wollte nicht das Leben einer Hindu-Frau führen. Sie wollte ihr Kind in der Zivilisation aufwachsen sehen, nicht in diesem Elend leben. Somit hatte sie den Kontakt zu ihm abgebrochen.
Doch nun war sie wieder hier. Auf Drängen Donas, die ihren Vater finden wollte, die ihre Herkunft suchte. Caren hatte gewusst, dass irgendwann die Vergangenheit sie einholen, ihr vielleicht sogar Dona entreißen würde. Sie hatte sie oft beobachtet, dieses schöne, ernsthafte Mädchen, das den stillen, stolzen Charakter seines Vaters besaß.
Caren nahm sich ein Herz. „Wir werden morgen versuchen, ein Fahrzeug aufzutreiben und die Familie deines Vaters suchen“, sagte sie fest. Dona nickte stumm und schmiegte sich an ihre Mutter.
Caren stand am nächsten morgen früh auf, ging zur Rezeption hinunter.
„Missis, Sie sollten nicht allein mit ihrer Tochter durch Nepal fahren. Seit man die Königsfamilie ermordet hat, ist es gefährlich auf den Straßen. Die Maoisten könnten Sie entführen oder gar erschießen.“
„Was schlagen Sie vor?“, fragte Caren.
„Ich beschaffe Ihnen einen Fahrer. Er ist ein Schwager von mir. Sehr zuverlässig. Er kennt sich hier aus und wird Sie beschützen.“
Eilfertig verließ der Portier die Empfangshalle und kam nach paar Minuten strahlend zurück.
„Jogendra wird um zehn Uhr hier sein“, sagte er. „Er wird ein Fahrzeug besorgen.“
Caren nickte stumm, ging wieder hinauf und weckte Dona. Dann packte sie die wenigen Habseligkeiten in eine Reisetasche.
Pünktlich um zehn Uhr trat sie auf die Straße. Die Hitze und die verpestete Luft ließ das Atmen schwer werden. Die Autos stießen fürchterliche Wolken aus und überall an den Straßenecken wurde der Müll verbrannt. Die Luft von Kathmandu, gemischt durch fremdartige Gewürze, konnte man nicht nur riechen, sondern auch schmecken.
Caren sah den Nepalesen neben einem alten Vehikel stehen, das zwar die Form eines VW-Busses hatte, doch einen undefinierbaren Autotyp anzugehören schien. Zerbeult, alt und zusammengeflickt.
„Jogendra“, stellte er sich vor und verneigte sich. Dann wies er den Durbar Square in Richtung Basantpur-Platz hinunter.
„Sehen Sie, Missis, die „Kumari“ zeigt sich am Fenster.“ Er faltete die Hände und verneigte sich.
Caren blickte bis zum Ende des Basantpur, wo das Haus der „Königlichen Kumari“ lag.
„Kumari?“, fragte Dona und runzelte die Stirn.
„Ja, sie ist eine kleine lebende Göttin“, erläuterte Caren, „die aus der buddhistischen Newar-Kaste, der „Sakya“ stammt. Sie verkörpert „Taleju“, die Schutzgöttin der Hindu-Könige des Tales Kathmandus, deren Tempel der höchste des Durbar Square ist.“
Caren lächelte versonnen Dona an und erklärte weiter: „Die „Kumari“ wird im Alter von zwei bis vier Jahren auserkoren und darf noch nie einen Tropfen Blut verloren haben. Um die Eigenschaft der Furchtlosigkeit zu testen, werden vor den Augen der Kandidatinnen in der „Kaltrati“, das ist die Schwarze Nacht, 108 Büffel und 108 Ziegen geschlachtet. 108 ist eine heilige Zahl der Hindus. Nur das Mädchen, das keine Anzeichen der Regung zeigt, kann „Kumari“ werden.
Sie darf ihr Amt nur ausüben, solange sie rituell rein ist, das heißt, nicht blutet, also spätestens bis zur ersten Menstruation. Sie verlässt ihr Haus nur zehnmal pro Jahr, unter anderem, um dem König ihren Segen zu erteilen. Manchmal zeigt sie sich, wie jetzt gerade, sekundenlang den Touristen an ihrem Fenster, wobei sie nicht fotografiert werden darf. Zu ihren Aufgaben zählt das Empfangen von Gläubigen, wobei jede ihrer Gesten genau beobachtet wird, denn sie werden als verheißungsvoll betrachtet.“
Während Caren noch sprach, war die „Kumari“ wieder verschwunden und der Zauber war vorbei.
Jugendra ließ Caren und Dona einsteigen, starrte den Wagen, der ebensolche Wolken ausstieß, wie all die anderen Fahrzeuge auch.
Caren holte eine alte Karte heraus und zeigte auf einen kleinen Ort in der Nähe von Bungamati. Bungamati war das Dorf der Bauern und wurde 1593 vom König gegründet. Dort war die Zeit absolut stehen geblieben, ein Dorf ohne Hektik, Technik und Tourismus. Caren mochte diese Gegend, denn von dort kam auch Gora Singh und dort wohnte damals seine Familie.
„Nein“, sagte Jogendra und schüttelte bedauern mit dem Kopf, „diesen Ort gibt es nicht mehr.“
„Und die Bewohner?“
Jogendra zuckte mit den Schultern.
„Die jüngeren Männer sind entweder geflohen, ermordet oder kämpfen an der Seite der Maos. Schon zehnjährige Kinder werden zum Dienst an der Waffe verführt oder gezwungen.“
„Und die Frauen und Alten?“
Wieder zuckte Jogendra mit den Schultern.
„Sind mussten fliehen, um nicht vergewaltigt zu werden. Vielleicht sind sie auch in der Krankenstation.“
„Krankenstation?“ Caren wusste von keiner Krankenstation. Damals gab es dort noch keine.
„Eine Frau aus Europa leitet sie. Eigentlich wurde sie für die Leprakranken aufgebaut, aber seitdem in Nepal Bürgerkrieg herrscht, nehmen sie auch Frauen und Kinder auf.“
Das alte Vehikel holperte über die staubige Landstraße. Durch die Auswirkungen der Regenzeit hatten sich einige Geröllkolosse vom Gebirge gelöst und lagen auf der Straße. Jogendra versuchte, die größten Schlaglöcher sowie die Felsen zu umfahren. Das alte Vehikel schlingert und holperte hin und her. Caren schaute gedankenverloren aus dem Fenster. Soldaten auf Lastern und Jeeps kamen ihnen entgegen, die ihr Angst einflößten. Das war nicht mehr das Nepal von vor zwanzig Jahren, das war viel schlimmer.
„Stopp, stopp!“, schrie plötzlich Dona von hinten. Caren zuckte erschrocken zusammen und Jogendra trat in die Bremsen. Noch ehe Caren sie zurückhalten konnte, war Dona aus dem Auto und verschwand in einem Straßengraben.
„Dona, steig sofort wieder ein“, rief Caren angstvoll und blickte Jogendra um Hilfe bittend an.
„Mami, komm schnell“, hörte sie Dona aus dem Straßengraben.
Jogendra stieg aus und auch Caren lief hinterher. Als sie Dona erblickte, hatte diese ein wimmerndes Baby im Arm. Im Schmutz kauerten weitere drei kleine Kinder. Das Älteste hielt den Kopf einer alten, völlig ausgemergelten Frau und blickte verzweifelt auf Caren und Jogendra. Caren erfasste sofort die Situation. Dieses Bild hatte sie während ihrer Zeit als Entwicklungshelferin oft gesehen.
Caren kniete sich nieder und richtete die Frau auf. Sie war ohnmächtig, aber lebte.
„Jogendra, hol Wasser aus dem Auto“, befahl sie.
Jogendra eilte zum Wagen, kam mit der Wasserflasche zurück. Caren benetzte die Lippen der Frau und gab anschließend den weinenden Kindern die Flasche rüber.
„Wo ist die Krankenstation, von der du vorhin gesprochen hast?“, fragte sie dann. „Wir müssen die Frau dorthin bringen. Sie wird sonst sterben.“
„In der Nähe von Bodhnath, ein Stück ins Gebirge hinauf. Aber wir haben keinen Platz“, warf Jogendra schwach ein.
„Wir haben Platz.“
Caren hob die Frau, die keine dreißig Kilo zu wiegen schien, auf den Arm und trug sie zum Wagen.
„Dona, bring die Kinder her“, rief sie dann ihrer Tochter zu. Sie setzte die Frau auf den Beifahrersitz ab und klappte mit einem heftigen Ruck die Rücksitze runter, so dass hinten im Wagen eine einzige Ablagefläche entstanden.
„Wir haben Platz!“, sagte sie dann energisch und legte die Frau dort nieder. „Die Kinder auch dorthin. Dona, du gehst jetzt nach vorne. Jogendra, du fährst sofort zu dieser Krankenstation.“
„Und die Maoisten?“
„Die sind mir scheißegal.“
Jogendra startete den Wagen. Caren schwitze, fühlte sich staubig. Sie benetzte immer wieder die Lippen der alten Frau mit Wasser. Die kleinen Kinder sahen sie aus ihren dunkeln Augen flehentlich an. Caren berührte sanft und tröstend deren Wangen, die vor Schmutz verkrustet waren. Wie lange mochte diese Frau mit den Kindern schon auf der Straße gelebt, ja überlebt haben?
Der Wagen hielt. Caren schaute auf und hörte, wie Jogendra mit einer Frau sprach. Dann wurde die hintere Tür geöffnet.
„Ich bin Ruth“, sagte eine Frau freundlich.
„Caren. Die Frau braucht dringend Hilfe. Sie stirbt.“
Ruth beugte sich zu der alten Frau hinunter und zog ihr die Lider hoch. Dann nickte sie und sprach mit ruhiger Stimme: „Hier sterben derzeit viele Frauen. Kommen Sie, ruhen Sie sich aus. Wir werden uns darum kümmern.“
Caren war erschöpft. Sie war die Hitze nicht gewohnt. Nachdem sie sich notdürftig gereinigt hatte, legte sie sich auf eine Hängematte, döste vor sich hin. Sie erwachte erst wieder, als ein kleines Mädchen vorsichtig einen Teller mit Obst hinstellte.
„Von Missis Ruth“, sagte sie bescheiden, knickste und wollte sich wieder entfernen.
„Wo ist Missis Ruth?“, fragte Caren.
„Im Garten. Soll ich Sie dorthin bringen?“ Caren nickte und wunderte sich, das dieses Mädchen englisch sprach.
Sie wuchtete sich aus der Hängematte und ging hinter dem Mädchen her. Ruth war mit ein paar nepalesischen Frauen im Garten und bewässerte Salatköpfe. Wie absurd, dachte Caren im ersten Augenblick, mitten in der Steinwüste eine solche Oase.
„Wieder von den Toten aufgewacht?“, lachte Ruth, als sie Caren sah. „Ja, das ist unser Garten. Wir ernähren uns selbst. Der Anbau von Gemüse und Obst gehört zu unserem Projekt. Wir haben dem Gebirge ein kleines Stück fruchtbaren Boden abgerungen.“
„Wie geht es der alten Frau und den Kindern?“
„Kommen Sie“, erwiderte Ruth ruhig. Sie ging zum Hauptgebäude hinüber. „Wir haben alle gebadet und mit Öl eingerieben.“ Caren betrat einen kleinen Raum.
„Unsere alte Frau ist die Mutter der Kinder und erst 28 Jahre alt. Sie hat wohl noch einmal Glück gehabt. Im Gegensatz zu vielen anderen.“
Caren sah in einem sauberen Bett friedlich und entspannt eine kleine Frau, an einem Katheter angeschlossen, liegen. Neben ihr ein schlafendes Baby.
„Doktor Singh meint, wir kriegen sie durch.“
„Doktor Singh?“
„Ja. Er betreut die Station schon seit fünfzehn Jahren.“
Caren strich sanft über die Haare ihrer alten Frau und wandte sich ab.
„Wo ist meine Tochter?“, fragte sie dann.
„Kommen Sie, ich zeige Ihnen unseren Kindergarten.“
Ruth führte sie in einen hellen, großen Raum. Dona saß inmitten der Kinder, kaum von ihnen zu unterscheiden, und erzählte eine Geschichte.
„Doktor Singh, darf ich Ihnen Caren vorstellen? Sie hat uns die kranke Frau mit den Kindern gebracht.“
„Gora?“ Caren war fassungslos. Darauf war sie nicht vorbereitet. Ruth schaute von einem zum anderen, dann zog sie sich still zurück.
„Komm“, sagte Gora, der offensichtlich als erster die Fassung wiedererlangte, und führte Caren in den Garten.
„Wie lange bist du schon hier?“, fragte Caren.
„Die Station besteht seit fünfzehn Jahren. Ich habe sie mit Ruth aufgebaut. Eigentlich ist es eine Station für Leprakranke. Aber seit der Ermordung der Königsfamilie herrscht hier Bürgerkrieg. Viele Männer werden verschleppt und die Frauen und Kinder müssen fliehen und betteln gehen, um sich zu ernähren. Wir nehmen die Armen und Kranken auf. Derzeit haben wir mehr als achthundert Patienten in dieser Station.“
Caren nickte stumm. Gora führte sie durch den Garten auf die Krankenstation.
„Sieh diese Frau“, und er zeigte auf ein Krankenbett, „ein Händler hatte sie gefunden und zu uns gebracht. Sterbenskrank und ein Häufchen Elend. Ihr Mann ist entführt worden, wahrscheinlich sogar ermordet, das Haus abgebrannt. Ihr Bein musste amputiert werden. Ihr Geld reichte nur für die Amputation, aber nicht mehr für die anschließende Behandlung im Krankenhaus. Man hat sie, noch mit Fäden im Oberschenkelstumpf und einem Katheter in der Blase, einfach in den Wald geworfen.“
Gora prüfte den Tropf und nickte der Frau freundlich zu.
„Ihre Wunden werden verheilen, aber ob die seelischen Wunden jemals vernarben werden?“
Caren war erschüttert.
„Viele können wir nicht mehr retten“, sprach Gora weiter. „Wir können sie nur noch auf einen würdigen Tod vorbereiten.“ Er schien zu resignieren. „Jeden Tag gibt es Bombenanschläge. Häufig auf belebten Plätzen, sogar an Tempeln. Viele Polizisten wurden inzwischen von den Maoisten entführt oder ermordet. Privatschulen, die ihre Gebühren nicht bezahlen, werden angezündet oder demoliert. Die Übergriffe der Maoisten werden immer brutaler. Zwei Schulen wurden komplett abgebrannt. Die Kinder wurden zwar gewarnt und konnten sich retten, aber ein kleiner Junge, der auf dem Schulhof ein „Ding“ fand, wurde in Fetzen gerissen. Ein Nachtbus, der sich nicht an die Verkehrsregeln hielt, wurde verrammelt und angezündet. Felder dürfen nicht mehr bestellt oder abgeerntet werden. Frauen und Kinder verhungern, weil ihre Männer entweder ermordet oder bei der Armee sind.“
Gora schwieg und trat mit Caren wieder in den Garten hinaus. Es war dunkel geworden.
„Deine Familie, was ist aus ihnen geworden?“, fragte Caren.
„Mutter ist vor zehn Jahren gestorben. Sie hatte die Ehre, in Pashupatinath verbrannt zu werden. Die zwei Mädchen sind verheiratet und wohnen mit ihren Männern und Kindern in Kathmandu.“
„Das tut mir leid“, erwiderte Caren, aber sie wusste auch, dass der Tod eines Familienangehörigen in Nepal nicht Grund zur Trauer war. In Pashupatinath werden die sterblichen Hüllen und die Seelen der Toten bis zum letzten Moment von den Angehörigen begleitet, die Asche in den heiligen Fluss „Bagmati“ gestreut und somit dem Kreislauf der Natur wiedergegeben. Hier erfüllt sich für Hindus der größte Wunsch, da sie nun in eine höhere Kaste aufsteigen können. Am „Ghat“, der traditionellen Badestelle, werden die Toten nach vorgeschriebenem Ritual gereinigt. Die Kleider, die als unrein gelten, werden Kastenlosen übergeben, die dort herumlungern. Die Toten werden auf aufgeschichtetem Holz aufgebahrt. Weibliche Angehörige begleiten zwar die Verstorbenen bis zum Verbrennungsplatz, doch das eigentliche Verbrennungsritual wird nur von männlichen Angehörigen, die sich vorher den Kopf rasieren müssen, vollzogen. Dem ältesten Sohn, der auf dieses heilige Ritual vorbereitet wird, fällt die Aufgabe zu, den Holzstoss anzuzünden. Dann wird die Asche der Verstorbenen dem Fluss übergeben. Das fließende Wasser versinnbildlicht die Loslösung der Seele vom irdischen Dasein. Ein paar Tage nach dem Verbrennungsritual bereitet die Familie dem Verstorbenen seine Lieblingsspeise zu, damit die Seele sich für den langen Weg ins Jenseits stärken kann. Das Haus der Verstorbenen gilt ein Jahr lang als unrein. Die Farbe der Trauernden ist weiß.

„Dona, deine Tochter, ist sie auch mein Kind?“, fragte Gora dann unvermittelt in Carens Gedanken hinein und sah sie ernst an.
Caren nickte. „Ja, sie heißt Donatha. Ich habe sie nach deiner indischen Urgroßmutter genannt, Dona Rana.“
Gora Singh blieb stehen und nahm Carens Hände in die seinen, küsste erst die linke, dann die rechte.
„Danke.“ Dann verneigte er sich und verschwand er in der Dunkelheit.

In den nächsten Tagen half Caren bei der Krankenpflege, im Garten oder den Frauen in der Nähstube, wo Kleider in den landesüblichen Farben rot, orange und gelb hergestellt und mit kunstvollen Stickereien verziert wurden.
„Die verkaufen wir an die reichen Nepalesinnen oder an die Touristen“, erläuterte Ruth. „Das ermöglicht uns, Medikamente für die Kranken zu kaufen. Und natürlich von den Spenden aus Europa. Aber es beschäftigt auch die Frauen. Sie fühlen sich nicht unnütz und sie vergessen so schneller.“
Dona sah sie selten, da diese sich um die Kinder kümmerte. Gora Singh beobachtete Caren oft schweigend, ließ ihr aber Zeit. Seine Anziehungskraft auf sie war nach wie vor stark und sie konnte sich der kaum entziehen.

Eines Abends lag eine Frau mit ihren zwei Kindern vor dem Tor. Sie war, wie die Mutter zuvor, völlig entkräftet. Caren half Gora und Ruth, die von Schmutz verkrustete Frau zu waschen und an den Tropf anzuschließen, bis Gora traurig abwinkte. Caren war erschüttert.
Ruth ließ eine Bahre anfertigen, zwei große Bambusstäbe mit einem Leinentuch. Die Tote wurde gesalbt und liebevoll mit Blumen geschmückt. Die Kinder, nunmehr von Dona betreut, nahmen mit tibetischen Gebeten von ihrer Mutter würdevoll Abschied. Dann wurde sie von Gora Singh und ein paar anderen Männern aus der Station zur Verbrennung nach Pashupatinath gebracht, an den heiligen Fluss „Bagmati“, wo ihre Asche zerstreut wurde. Die höchste Ehre, die man dieser Frau und ihren Kindern in diesem Land erweisen konnte.

„Ich reise morgen ab“, sagte Caren.
„Du bleibst nicht hier?“ Gora Singh wirkte, wie immer, ruhig.
„Ich schaffe das nicht mehr. Dieses Leben. Dieses Sterben. Ich kann nicht in diesem Land existieren. Ich ersticke hier.“
Gora Singh nickte. Er nahm Carens Hände. Sie blickte hinunter, auf seine braunen, kräftigen Hände, die sie doch nicht halten konnten, weder damals noch heute.
„Dona Rana, deine Tochter, wird hier bleiben“, sagte dann Caren fest. „Ich habe gestern mit ihr gesprochen und ich akzeptiere ihren Entschluss.“
Sie stand auf und ging fort. Die Vergangenheit hatte sie eingeholt. Sie ging so, wie sie vor zwanzig Jahren gekommen war – allein.

© Monique Lhoir

(Grundlage: Gespräche und Rundbriefen der „Shanti Leprahilfe Dortmund e.V.“)



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