Madrigal für einen Mörder
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Ein Krimi muss nicht immer mit Erscheinen des Kommissars am Tatort beginnen. Dass es auch anders geht beweisen die Autoren mit ihren Kurzkrimis in diesem Buch.
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April 2003
Viaggio in Calabria
von Renate Hupfeld


Am späten Nachmittag landet die Alitalia Maschine in Lamezia Terme. Nun war die Reise doch möglich. In den vergangenen Tagen gab es Nachrichten von Herbstunwettern und Schlammlawinen in Kalabrien. Bilder von unpassierbaren Straßen und zerstörten Campingwagen ließen Vorfreude nicht aufkommen. Dazu kommt, dass eigentlich ein gemeinsamer Aufenthalt mit Francesco und Claudia geplant war. Es lief einiges schief. Jetzt stehe ich hier im fremden Land und weiß nicht, wie das wird.

Mein Blick schweift über ein schönes Bergpanorama. Hier ist also die Heimat von Francesco, seit einigen Jahren mit Claudia verheiratet. Meine kleine Schwester. Immer schon zog es sie nach Italien. Dort machte sie ihre Urlaube. Im Gegensatz zu mir spricht sie italienisch. Morgen bin ich bei Francescos Eltern zum Essen eingeladen. Wie sollen wir uns verständigen? In meiner Vorstellung sehe ich uns am Tisch sitzen und schweigen. Peinlich.

Am Steuer eines metallicgrünen Fiat Punto verlasse ich das Gelände des kleinen Flughafens. Auf dem Beifahrersitz Francescos Wegbeschreibung und eine Straßenkarte. Ich fahre durch sanfte Hügellandschaft Richtung Catanzaro. Vereinzelt kleine Orte. Hier und da ein verfallenes Gebäude oder ein ein nicht zu Ende gebautes Haus. Mafia, denke ich. Tiefe Erosionsrinnen an Berghängen. Ich bin gespannt, was mich in Le Castella erwartet. Ein Straßenstück in der Apartmentanlage sei nach tagelangen Regenfällen mit Schlamm aus den Bergen bedeckt. Keine gute Zeit für einen Aufenthalt. Auf der Küstenstraße Richtung Crotone kriege ich ein paar Impressionen vom Jonischen Meer.

Inzwischen ist es dunkel geworden und es regnet ziemlich stark. Ein Mann kommt aus dem kleinen Office an der Einfahrt zur Anlage. Versteht weder deutsch noch englisch. Ich versuche ihm zu erklären, dass ich erwartet werde. Er öffnet die Schranke. Ich soll auf dem Parkplatz warten. Er telefoniert. Nach einiger Zeit kommt ein Auto die Straße hoch. Eine junge Frau springt heraus. Von Fotos kenne ich sie. Francescos Schwester.
„Hi, Paolo. I’m Chiara.“
Sie begrüßt mich, als kenne sie mich schon lange.
“Follow me.”
Die kalabrische Welt sieht plötzlich ein wenig heller aus als vorher. Ich eile in meinen Punto und fahre hinter ihr her. Dunkelbrauner Schlamm auf der Straße stoppt unsere Fahrt. Ein Teil ist zur Seite geschoben und bildet einen großen Schlammberg.
„Fango“, sagt Chiara.
Jetzt weiß ich, woher der Ausdruck Fangopackung kommt. Wir gehen einen schmalen Weg zwischen Häusern, um die Schlammstücke zu umgehen. Dann kommen wir zu einem Innenhof. Chiara bringt mich in die kleine Wohnung, die Francesco und Claudia im Sommer gekauft haben. In einer Stunde will sie mich abholen und mit mir nach La Castella zum Essen fahren. Auf dem Tisch liegt ein Buch „Viaggio in Calabria“. Ein Reiseführer mit italienischen und deutschen Texten. Diese Lektüre werde ich mir heute Abend im Bett vornehmen.
Das Wetter ist ein wenig besser geworden. Zum Strand ist es nur ein kurzer Weg durch das Pinienwäldchen. Das jonische Meer sieht anders aus, als auf den Postkarten, die Claudia immer schickt, wenn sie im Sommer hier Urlaub macht. Kein bisschen blau. Brandet stark und ist aufgewühlt. Die Spuren zeigen mir, wie es in den vergangenen Tagen getobt haben muss. Haufen von braunem Tang, dazwischen Holzstücke, Plastikflaschen und anderer angeschwemmter Müll. Die Wellen müssen den ganzen Strand überspült haben. Graue Wolken ziehen schnell. Zwei Männer haben ein kleines Motorboot an den Strand gebracht und schleppen einen Packen. Sie fahren ungefähr hundert Meter hinaus. Der schwere Packen erweist sich als Fischernetz. Sie legen es in großem Bogen aus. Ein älterer Mann mit Hund kommt an mir vorbei. Warum schaut er mich so an?
Ich hab noch etwas Zeit, bis Chiara kommt. In Le Castella finde ich eine kleine Bar. Hinter der Theke steht ein dicker Mann. Es sind nur zwei Tische da. Einer ist besetzt mit vier Männern, die laut miteinander reden. Alle schauen mich an, als sei ich von einem anderen Stern. Es wird einen Moment lang merklich ruhiger. Ich setze mich an den freien Tisch. Der Dicke macht sich an einer Espressomaschine zu schaffen. Umständlich kommt er herum und schaut fragend. Wahrscheinlich merkt er gleich, dass es keinen Sinn hätte, mich anzusprechen. „Vorrei cappuccino“, sage ich, schön auswendig gelernt. Er geht wieder. Halt, will ich rufen, ich will auch noch was essen. Mangiare, fällt mir zu spät ein. Ich warte, bis er den Cappuccino bringt. Dann will ich nichts mehr bestellen.
Gegen Mittag treffe ich mich mit Chiara an der Aragoneser Trutzburg. Mitte des sechzehnten Jahrhunderts als Verteidigung gegen türkische Überfälle inselartig ins Meer gebaut. Sie wird zur Zeit renoviert. Mit meinem Punto fahren wir zum Capo Colonna. Es sind nur wenige Kilometer bis zu dem archäologischen Gebiet aus der “Magna Grecia”. Eine verlassen wirkende dorische Säule überragt die Mauerreste und scheint aufs Meer hinauszuschauen. Sätze in englischer Sprache fliegen zwischen Chiara und mir hin und her. Die Säule ist Überbleibsel eines Tempels zu Ehren der Göttin Hera. Von ursprünglich sechs ist sie übrig geblieben. Wir gehen um die uralten Mauern herum. So eigenartig diagonal angelegte Steine wie hier hab ich noch nirgends vorher gesehen. Diese Ruinen sind übriggeblieben von einer griechischen Ansiedlung, 2500 Jahre alt, erklärt mir Chiara. Wir haben einen schönen Ausblick auf das Meer. In der nahegelegenen Stadt Crotone haben ein halbes Jahrhundert vor Christus der berühmte Pythagoras sowie viele andere berühmte griechische Wissenschaftler und Künstler gelebt und gelehrt. Vielleicht war diese Region seinerzeit der Mittelpunkt Europas. Rom soll noch ein Schäferdorf gewesen sein. Die einsame Säule zieht immer wieder meinen Blick an. Schön mit Chiara hier zu bummeln. Sie ist stolz auf diese Region. Vielleicht hat sie ja griechische Vorfahren. Ich schaue sie lange an. Ihr ebenmäßiges Profil war mir bisher nicht aufgefallen.
Später trudeln wir in der kleinen Wohnung von Roberta und Antonio ein. Sie begrüßen mich mit großer Herzlichkeit. „Mio fratello“, sagt Antonio und stellt mir seinen Bruder Mario und dessen Frau Elena vor. Auf dem Tisch stehen marinierte Auberginen, Oliven und Pepperoni. Dazu hartes Weißbrot mit kleingeschnittenen Tomaten, gewürzt mit Basilikum und Knoblauch. Salute mit Wein aus Ciro, Malena rosato. Auf meinen Aufenthalt in Kalabrien. Was ich heute gemacht habe, wollen sie wissen. Was ich mir unbedingt ansehen muss. Ein Schwall Wärme kommt zu mir herüber. Eine Platte scharfe kalabrische Salami wird herumgereicht. Dann Melonenstücke und Schinken. Der “Pasta Gang”, Rigatone al dente mit Tomatensoße und geriebenem Pecorino. Eine Diskussion kommt auf. Salz dazugeben oder nicht. Mario meint, anstatt Salz soll man besser Käse nehmen. Alle achten darauf, dass mein Teller nie leer ist. Roberta sitzt in Küchennähe, damit sie immer die neuen Sachen holen kann. Chiara sammelt Teller ein, verteilt neue und stellt eine Schüssel Salat auf den Tisch. Essig, scharf oder weniger scharf, wird diskutiert. Kalabrische Leute reden immer nur vom Essen, meint Chiara. Dünn geschnittene Fleischscheiben mit Tunfischsoße. Plötzlich unterhalten sich alle ziemlich laut und aufgeregt. Ich weiß gar nicht, was abgeht. Später erfahre ich, dass es um die Erosionsschäden nach den vielen Regenfällen geht. Dann werden wieder die Teller abgeräumt und noch mal Teller verteilt. Als Dessert gibt es kleine kalabrische Kuchen in allen Variationen, muffinähnlich mit leckeren Füllungen, Obsttörtchen und Windbeutel mit Sahne. Danach Espresso mit oder ohne Zucker und Sahne. Zufrieden sinke ich gegen Mitternacht ins Bett. „Viaggio in Calabria“. Im Buch schaue ich mir noch mal die einsame Säule und die diagonal angelegten Mauerreste am Capo Colonna an. Dann lese ich, in der Art und Weise, wie sich die Kalabreser ernähren, sei etwas Heiliges und Antikes. Ich denke an die griechischen Wurzeln.
Das Gewitter der vergangenen Nacht ist im blaugrünen Meer verschwunden. Verschluckt vom unendlichen Horizont. Schnurgerade dunkelblaue Linie. Strahlend blauer Himmel und leichter Wind. Leise rollt die Brandung kleine Sandkörnchen. Das Meer ist ein Künstler, zaubert immer wieder neue Bilder und Farben. Keine Welle sieht aus wie eine andere. Kein Strand bleibt so zurück wie er war, bevor die Brandung über ihn hinwegrollte. Eine Möwe freut sich über die klare Sicht, bewegt sich nah über dem Wasser. Sticht mit dem Schnabel ein und segelt triumphierend an mir vorbei. Schmetterlinge gaukeln herum, angezogen vom Glitzern auf den Wellen. Fröhlich zwitschern die Vögel im Pinienwäldchen. Der ältere Mann ist auch wieder am Strand. Freundlich grüßt er mich. Sein Hund läuft hinter ihm. Mit Ringelschwanz sieht er aus wie ein kleines Schweinchen. Hat aber ein liebes Gesicht und hört gut. Einige hundert Meter entfernt sitzt eine junge Frau unter einem Sonnenschirm. Sie scheint versunken in ihrem Buch. Mein Herz klopft. Ist es Chiara? Ich stelle mir vor, wie sie hier am Wasserrand entlang geht und ihren Kindern ein Lied singt. Das Lied ihrer Kindheit am jonischen Meer. Eine kalabrische Geschichte.
©Renate Hupfeld 04/2003



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