Ganz schön bissig ...
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April 2003
Nur eine Tochter
von Anne Zeisig


Welches Glück ich doch hatte, in diese hochangesehene Familie, im Süden Indiens, hinein geheiratet zu haben. Das verdankte ich meiner hellen Hautfarbe. Aber die Mitgift war hoch. Töchter sind teuer.

Das Horoskop hatte den rechten Zeitpunkt für meine Heirat bestimmt. Ich war fast sechzehn. Die umherschwärmenden Frauen hatten meine Hände, Knöchel und andere Körperstellen mit Hennapaste verziert. Wunderschöne Ornamente zierten meine Pfirsichhaut, die in einen farbenfrohen Sari gehüllt worden war. Das Tuch schimmerte edel, wie ich es vorher noch nie gesehen hatte. Danach folgte das Anlegen des kostbaren Brautschmuckes.
Eigens für die Zeremonie war im Hinterhof meines Elternhauses ein Pavillon aufgebaut, der durch einen Vorhang in zwei Bereiche geteilt worden war. Braut und Bräutigam betreten diesen Pavillon von unterschiedlichen Seiten und nehmen jeweils auf einer Seite des Vorhanges Platz. So verlangt es die Tradition.
Auf einigen Hochzeiten war ich in der Vergangenheit Gast gewesen. Diese aber war besonders prunkvoll und zählte viele Gäste.
Freude empfand ich nicht. Meine Augen zeigten keinen Glanz. Mein Herz schlug nicht im Takt der Zuneigung.
Der Priester hatte heilige Verse zitiert, während der Vorhang langsam zur Seite geschoben wurde. Zum ersten Mal hatte ich da meinen zukünftigen Mann erblickt, Karunakar, der älteste Sohn des Steinbruchbesitzers. Ich erwartete von meinem zukünftigen Ehemann nicht viel. Eigentlich gar nichts. Er war mit einem Trank aus Honig und Joghurt begrüßt worden, was Glück verheißen sollte. Sein Blick traf mich neugierig und ich senkte meine Augen, als Vater mich meinem Bräutigam übergeben hatte.
Wir warfen als Opfergabe Reis und Butteröl in das bereitstehende heilige Feuer und unsere Kleidung wurde verknotet als Zeichen der Verbundenheit. Mit genau sieben Schritten waren wir dann um das Feuer herumgegangen und abschließend hatte man uns mit Weihwasser besprengt. Ich war mir so fremd. Und der Mann an meiner Seite war mir auch fremd.
Nach der tagelangen Feier hatte ich Einzug gehalten in das Haus meines Ehemannes.

. . .

Meine Schwiegermutter, Chendra Kala, hatte mich gelehrt, die Lieblingsspeisen für Karunakar zuzubereiten und ihr Gewürzbord war stets reichhaltig bestückt. Auch in ihrem Hause war der Kreuzkümmel eines der wichtigsten Gewürze, weil seine anregende Wirkung geschätzt war. Ich zeigte mich fleißig und lernbegierig. Mein Heimweh zeigte ich nicht.
Chendra Kala hatte es sich auf dem Divan bequem eingerichtet und trank den Ingwertee, welchen ich ihr zubereitet hatte, damit er ihrer Erkältung Linderung verschaffen möge. Ich durfte mich zu ihren Füßen nieder lassen und nahm einen Schluck des erfrischenden Orangen Lassi. Das ehrte mich sehr. Ihren scharfen Blick übersah ich.
„Da Du meinem Sohn keinen Knaben geschenkt hast, wirst Du Deine Familie zu einer Mitgiftnachzahlung veranlassen.“
Auch mein Ehemann hatte befunden, das sei eine gerechte Forderung. Mir bereitete dieses Ansinnen schlaflose Nächte, hatten doch bereits die Hochzeitsfeierlichkeiten und die Mitgift meine Eltern in arge Finanznöte gebracht.
Eine Tochter hatte ich kürzlich geboren. Kola Mary. Mit Pfirsichhaut. Und Glanz in den Augen. Mein Herz quillt über vor Liebe für sie. Aber Töchter sind teuer.

. . .


Ich fand mein Dorf in hellster Aufregung vor. Ein Bewohner soll seine Schwester, deren Mann und drei Kinder mit der Axt erschlagen haben, weil sein Sohn an einem Schlangenbiss verstorben war. Man munkelte hinter vorgehaltenen Händen, dass der Knabe das Opfer der Hexerei dieser Schwester geworden war. Aber niemand hatte etwas gehört oder gesehen. Ich hütete mich, am Geschwätz teilzunehmen und eilte zu meinem Elternhaus.

Mit der Forderung meines Ehemannes und seiner Mutter stürzte ich meine Familie in arge Verzweiflung. Arbeiteten doch mein 12-jähriger Bruder und mein Vater schon sehr hart im Steinbruch meines Mannes, um die Schulden der Hochzeitsfeier und Mitgift abzuarbeiten. Nun sahen sie sich gezwungen, erneut Geld zu leihen. Also würde mein 10-jähriger Bruder die Missionsschule verlassen müssen, um auch mit dem schweren Hammer Steine zu klopfen.
„Bonded labour“, gefesselte Arbeit, flüsterte meine Mutter leise, die Missionsschwestern hätten gesagt, dass diese Schuldknechtschaft als moderne Form der Sklavenarbeit verboten sei. Mein Vater mahnte sie zum Schweigen.

Auf dem Rückweg war ich in froher Erwartung, bei einer ehemaligen Freundin Einkehr halten zu wollen.
„Indira ist an ihren starken Verbrennungen gestorben“, klärte mich eine ältere Nachbarin auf, „ihr Ehemann sagte, sie sei beim Umgehen mit dem Kerosinkocher unachtsam gewesen.“
„Wie geht es ihren Kindern?“, fragte ich voller Bestürzung und Sorge, denn man hatte mir im Hause des Mannes keinen Einlass gewährt.
„Ich weiß nicht, wie es den Töchtern geht. Jedenfalls hat die Familie Indiras das Dorf verlassen, sie hatten sich zu sehr geschämt, weil sie die Mitgiftnachforderungen nicht zahlen konnten, denn der Vater Indiras war im Steinbruch verunglückt, konnte der Schwere der Arbeit nicht mehr nachkommen, glaube ich.“ Sie wandte sich ab. „Aber zu viel Geschwätz ist nicht lohnend, mein Kind, mögen die Götter Dir hold sein und viele Söhne schenken.“

Rasch trat ich vor der Dämmerung den Heimweg an, weil meine kleine Tochter, Kola Mary, auf mich wartete. Ebenso wie mein Ehemann, dem ich hoffentlich bald einen Knaben schenken würde.


Anne Zeisig, April 2003















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