Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
In diesem Buch präsentiert sich die erfahrene Dortmunder Autorinnengruppe Undpunkt mit kleinen gemeinen und bitterbösen Geschichten.
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April 2003
Anna
von Birgit Erwin


Hörst du es? Rom erwacht. Ein Sonnenstrahl genügt, die Ewige Stadt zu neuem Leben zu erwecken. Es sind diese Augenblicke, in denen ich die Augen schließe und mich frage, was in meinem rastlosen Leben Sinn gemacht hat.
Es war gutes Leben. Ich habe gesehen, wie sich die Neonlichter in Darling Harbour spiegeln, wie in Las Vegas die Nacht zum Tag und in Edinburg der Tag zur Nacht wird. Paris ist weiß in meiner Erinnerung, Heidelberg mitternachtsblau und Whitby golden.
Aber jeden Morgen, wenn ich aufwache, sehe ich in die Augen von London.

Ich bin in Rom. Jedes Jahr im Juli komme ich her, schöpfe Atem und wandere ein Stück auf der Straße der Erinnerung. Morgen werde ich schon wieder nach Japan aufbrechen, mein Verleger wird ungeduldig. Ich lebe, und lebe sehr gut davon, dass ich von Zeit zu Zeit ein paar Worte zu Papier bringe, die andere für mich drucken, und wieder andere zahlen Geld für das Vorrecht, diese Worte lesen zu dürfen. Das war nicht immer so. Als ich heute vor fünfunddreißig Jahren von meiner Zeitung in die Ewige Stadt geschickt wurde, sah vieles anders aus. Heute vor fünfunddreißig Jahren saß ich in einem Straßencafe, während Rom mit den ersten Sonnenstrahlen erwachte, und lenkte meinen knurrenden Magen ab, indem ich die Passanten beobachtete. Vielleicht würde einer mir die eine besondere Geschichte liefern, die ich so dringend brauchte.
Es machte mir nichts aus, mutterseelenallein in einer fremden Stadt zu sitzen. Ich vermisste London nicht, lautes, dreckiges London, Stadt ohne Eleganz, belastet mit alter Sentimentalität und neuer Inkompetenz. Mich zog es in die Ferne. Länder wollte ich sehen, Städte erobern. Ich hatte meine Wurzeln nach dem Tod meiner Eltern systematisch abgetrennt, und das einzige, was mich noch am Boden hielt, war mein chronischer Geldmangel.
Darum saß ich hier und wartete. Und während ich wartete, beobachtete ich die Frauen. Ich war jung und glaubte, jede Frau sei eine Stadt. Und ich fühlte mich stark genug, sie alle zu erobern. Eben spazierte Florenz an mir vorbei, gertenschlank in ihrem grünen Kleidchen. Sie trug den Kopf hoch und lächelte huldvoll, als der junge Ausländer ihrer Schönheit so offensichtlich huldigte. Ich wollte ihr eine Kusshand zuwerfen, als ein hässliches Geräusch ließ den Zauber verfliegen ließ. Ein Schnauben und Blasen, ein Schlucken, und dann versank am Nebentisch ein menschliches Gesicht in zwei Händen und unter einer Masse von Locken drang lautes, bitterliches Schluchzen hervor. Ich hatte nie zuvor einen Menschen in der Öffentlichkeit so weinen sehen, und aller Peinlichkeit zum Trotz faszinierte mich diese hemmungslose Zurschaustellung von Gefühlen.
Das Gesicht hob sich unerwartet. Entsetzt blickte ich in zwei blutunterlaufene Augen, sah eine rote Nase, einen verzerrten Mund, und mir wurde klar, dass es zu spät war, mich abzuwenden.
“Geht es Ihnen gut, Signorina?” fragte ich in meinem mittelmäßigen Italienisch. Sie war vielleicht Mitte zwanzig, trug mindestens Größe 42 und zeigte viel zu viel viel zu sommersprossige Haut. Noch ganz unter dem Einfluss meines Spiels hoffte ich, mich nie in eine Stadt zu verirren, die war wie diese Frau.
Ihre Lippen begannen von neuem zu zittern.
“Meine Katze ist überfahren worden“, sagte sie mit einem breiten Yorkshire-Akzent, der mich zusammenzucken ließ. Eine Landsmännin hatte mir gerade noch gefehlt.
“Äh...”, sagte ich, wenig eloquent für einen Mann, der den Ehrgeiz hatte, den Roman des 20. Jahrhunderts zu schreiben.
“Es war nicht meine, sie war mir zugelaufen, und... und... mein Freund hat mich sitzenlassen.”
Das konnte ich ihm nicht übelnehmen.
Sie starrte mich aus anklagenden Augen an. “Deshalb bin ich nach Italien gekommen.”
“Warum gerade Italien?” fragte ich, und meinte “warum gerade hierher? Warum gerade an diesen Tisch?”
“Ein Zimmer mit Aussicht.”
“Wie bitte.”
“Das Buch. E.M. Foster. Alle lernen den Mann ihres Lebens in Italien kennen. Das wollte ich auch. Und Sie?”
“Ich bin Journalist.”
Das schien sie wenig zu beeindrucken, und seltsamerweise ärgerte mich ihr phlegmatisches Achselzucken.
“Dann haben Sie doch sicher nichts Dringendes vor...”
Sie sah meinen empörten Blick, und ihre Sommersprossen tanzten plötzlich.
“Das war jetzt sehr unhöflich von mir, nicht wahr?” fragte sie ohne Reue. “Bringen Sie mich trotzdem zum englischen Friedhof? Ich bin hoffnungslos, was Orientierung angeht. Mein Name ist übrigens Anna.”
Ich ergriff automatisch die Hand, die sie mir entgegenstreckte, ihre kleine, feste Hand mit unlackierten Nägeln und rauer Handfläche, und ließ ihren Druck über mich ergehen.
Und ich nickte.
Warum?
Es ist fünfunddreißig Jahre her, und ich habe viel vergessen.
Ich habe nicht vergessen, wie ihr Hintern bei jedem Schritt unter dem engen Rock bebte, und wie ich sie insgeheim mit den schlanken Italienerinnen und Französinnen verglich, an denen sich meine jungendliche Phantasie entzündete. Auch nicht, wie ich mich fragte, was wohl in dem Paket war, das sie fest an ihren Busen gedrückt durch die heißer werdende Stadt schleppte.
Und ich erinnere mich, wie laut sie mir vorkam, obwohl wir den ganzen Weg über kein Wort wechselten. Ihre Schritte waren laut, sie atmete ungeniert und stieß kleine Geräusche aus, wenn etwas ihre Aufmerksamkeit erregte. Sie lachte über spielende Kinder und winkte ausgelassen, als ein frecher Lümmel ihr etwas über die Straße hinweg zubrüllte. So wie sie sich aufführte, war Anna mindestens eine Hauptstadt.

Bis zu diesem Morgen war ich nur einmal auf dem englischen Friedhof gewesen. Ich mied den Ort, weil ich keiner jener Engländer sein wollte, die dort hinpilgerten, um auf andere pilgernde Engländer zu treffen. Sie verkörperten alles, was ich hasste, wenn sie mit einem Ausdruck kuhäugiger Verehrung an den Gräbern von Keats und Shelly stehenblieben und etwas von der Größe Englands faselten. Ich, der ich so stolz war, keine Heimat zu haben. Und dann sind da die Katzen. Es müssen Hunderte sein, die dort hausen, bunte, schwarze, weiße, und alle haben diesen starren, hungrigen Blick. Sie streichen so zärtlich um meine Beine, als spürten sie meinen Widerwillen. Ich kann es nicht ändern, aber der Ort ist mir unheimlich.
Und Anna? Sie donnerte in ihren klobigen Turnschuhen neben mir, machte alberne schnurrende Geräusche und presste die Schachtel an den Körper, bis ein hässlicher Schweißfleck an den Kanten entstand.
Keats oder Shelley? Sie taten mir beide leid.
Der Friedhof war menschenleer. Anna kramte nach ihrem Portemonnaie und warf scheppernd eine Handvoll Münzen in die Blechbüchse neben dem Gittertor.
“Per i gatti” – für die Katzen.
Dabei schenkte sie mir ein Lächeln, das ich nicht haben wollte.
“Das ist für den Fährmann”, sagte sie und drehte sich um, ehe ich etwas sagen konnte.
Auf der Nordseite, wo die Dichtergräber liegen, sind die Bäume alt, gewachsen und unordentlich. Man findet keine weinenden Engel und weniger Blumen. Der Strom kurzhosiger Touristen verebbt ebenso wie das Sirren und Klicken der Kameras. Anna blickte mich über die Schulter an, als wolle sie sich vergewissern, dass ich folgte. Ihr Gesicht war ernst geworden, und plötzlich stand die Sonne hinter ihrem Kopf und schimmerte durch die roten Locken.
“Sie werden mich albern finden”, sagte sie, und löste die Schachtel von ihrem Busen. Ich starrte auf den feuchten Fleck, unter dem sich harte Brustwarzen abzeichneten, und schwieg. Sie schien das als Aufforderung aufzufassen, und vielleicht war es das auch.
“Es war so unfair“, sagte sie leise. „Sie hatte gerade jemand gefunden, der sie liebhatte, da wurde sie von dem Motorradfahrer überrollt. Sie ist durch die Luft geflogen und gegen eine Mülltonne geprallt. Als ich sie aufgehoben habe, schien sie keine Knochen mehr zu haben. Sie hat miau gesagt, einfach miau, und dann war sie auch schon tot.”
Sie öffnete die Schachtel einen Spalt, und ich erhaschte einen Blick auf rötliches Fell. Sehr wenig davon. Eine kleine tote Katze.
Ich hob den Blick. Annas Augen waren grün. Eine lächerliche kleine Träne schimmerte in ihrem Augenwinkel.
“Und jetzt wollen Sie sie hier begraben?” fragte ich unbeholfen.
Sie lächelte verlegen und ein bisschen trotzig. Ihre kleine, gewöhnliche Hand umschloss schützend um die Schachtel.
“Ich habe im Reiseführer gelesen, dass es hier Katzen gibt. Hier ist sie bei ihresgleichen”, sagte sie leise. “Niemand sollte allein sein, wenn er stirbt.”

Jede Frau ist eine Stadt. Und während ich Anna zusah, wie sie ein Eckchen Rasen aufriss und den kümmerlichen Katzensarg darin versenkte, während ich ihren Hintern Größe 42 ½ betrachtete, der sich mit Gewalt gegen den Jeansstoff presste, verstand ich endlich. Laut und stark, farbenfroh und ungebändigt, so warst du, Anna. So ist London. Frauen sind Städte, doch du hast mich gelehrt, dass man sie nicht erobern darf. Man muss sie verstehen. Es gehört Zeit dazu, und unsere Zeit war gut, Anna.
Ich habe nie dein Epitaph auf die heimatlose Katze vergessen, deine leisen, trotzigen Worte an einem Sommermorgen in Rom. „Niemand sollte allein sterben.“ Auch du bist nicht allein gestorben, als der Krebs dich schließlich besiegte.

Auch ich werde es nicht, denn wenn ich die Augen öffne, sehe ich auf meinem Nachttisch dein Bild. Jeden Morgen.


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