'paar Schoten - Geschichten aus'm Pott
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Das Ruhrgebiet ist etwas besonderes, weil zwischen Dortmund und Duisburg, zwischen Marl und Witten ganz besondere Menschen leben. Wir haben diesem Geist nachgespürt.
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April 2003
23 Tage Bagdad
von Andreas Berg


Mein Name ist Ali. Ich lebe mit meinen Eltern, meinem Bruder Ahib und meiner Schwester Ayse in Bagdad. Ich bin mit neunzehn Jahren der Älteste von uns Kindern. Das Land hat 23 Millionen Einwohner, 95 % davon sind Moslem. Wir sind Schiiten, die etwa die Hälfte der Moslems ausmachen. Die andere Hälfte der Bevölkerung besteht im wesentlichen aus Kurden und Sunniten. Saddam und sein Clan und die meisten seiner Anhänger sind Sunniten. Bagdad ist die grösste Stadt des Iraks, mit etwa fünf Millionen Einwohnern. Sie wird vom grossen Fluss beherrscht, dem Tigris. Während der Fluss Bagdad im Westen teilt, schmiegt sich ein Teil seines Wassers wie ein Ring um den Osten der Stadt, wo es sich mit dem Wasser des Flusses Diyala vermischt.
Seit gestern ist uns klar, dass das Schreckliche wirklich geschehen wird. Saddam war im Fernsehen und sagte uns, dass er von den USA aufgefordert worden sei, mit seiner Familie das Land zu verlassen. Er erklärte jedoch, dass er bleiben werde um lieber als Held zu sterben, als feige das Land zu verlassen. Dann stimmte er das Volk zum wiederholten Mal auf den Krieg ein, indem er uns immer wieder und wieder ermahnte, Widerstand gegen die Ungläubigen zu leisten. Vater meinte, dass es nun losginge. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich ihn jemals so bedrückt gesehen habe. Es wird Nacht. Und in dieser Nacht läuft das amerikanische Ultimatum ab. Ich weiß nicht, was uns erwartet; ich weiß nur das wir Angst haben. Alle!
Ich habe mich entschlossen, die kommenden Ereignisse festzuhalten.

1. Tag (20.03.03)
Der Krieg hat heute morgen begonnen. Erste Bomben und Raketen sind in Bagdad eingeschlagen. Die Detonationen schienen vom Stadtrand zu kommen. Angeblich sollen die Angriffe Saddam Hussein persönlich gegolten haben. Doch der meldete sich kurz darauf im Fernsehsender al-Schabab seines Sohnes Udai zu Wort und sagt, dass der “kleine” Bush ein Verbrechen gegen die Menschheit begeht, der Irak aber dennoch mit Gottes Hilfe siegen werde. Er sah irgendwie anders aus. Der Informationsminister Mohammed Said al-Sahaf hat zuvor erklärt, dass heute der Tag des “grossen, heiligen Krieges” gekommen ist. Ausserdem warf er den Amerikanern vor, dass internationales Recht für sie nicht gelte und nannte sie Tyrannen, Kriminelle und Kriegsverbrecher. Hussein nannte er einen “Helden der Menschheit”. Vater meinte, er wüsste nicht, welches Regime wahnsinniger wäre – das von Bush oder das von Hussein. Kurz vor Sonnenaufgang wurde Luftalarm ausgelöst. Dann war Flugabwehrfeuer zu hören. Ayse und Ahib weinten, als ich sie aus ihren Betten geholt habe um mit ihnen und den Eltern im Keller unseres Hauses zu verschwinden. Kurz nach acht Uhr gab es erneut Luftalarm. Danach wurde es wieder ruhig. Ein Sprecher im Fernsehen sagte, die USA und die Engländer erwarte nun ein Inferno. Vater schüttelte nur den Kopf. Am Mittag ging Vater auf den Markt, um Obst und Gemüse zu besorgen. Als er wiederkam, hatte er ein Flugblatt dabei. Es war an die irakischen Soldaten gerichtet. Sie wurden aufgefordert, sich zu ergeben. Nachdem wir es gelesen hatten, verbrannte Vater das Blatt. Wir Schiiten sind bei der Baath-Partei ebenso verhasst, wie die Kurden und falls herauskommt, dass unsere Familie im Besitz von Feindpropaganda ist, hätten wir mit schlimmen Folgen zu rechnen.

2. Tag (21.03.03)
Der heutige Tag verlief, abgesehen von einigen wenigen Detonationen, beängstigend still. Dennoch war die Unsicherheit bei jedem von uns zu spüren. Das Brutale an einem Krieg scheint die Unberechenbarkeit des Moments zu sein: Des Moments, wenn es wieder losgeht. Es gibt keine Vorwarnung. Und selbst wenn nichts geschieht ist man verunsichert.
Angst nagt an der Psyche.
Abends essen wir zusammen mit unseren Nachbarn. Mehmet hat dem Freitagsgebet beigewohnt und erzählt vom Zorn der Muslime auf die Amerikaner. Dann suchen Vater und Mehmet nach Erklärungen. Mehmet glaubt, dass die USA als Ungläubige über die Gläubigen herfallen. Das hat ihm eben der Mullah erzählt. Vater widerspricht ihm und sagt, dass Bush in seiner Religion auch ein Gläubiger ist – ein fundamentalistischer Gläubiger sogar. Mehmet zitiert erneut den Mullah, der behauptet hat, Bush will Rache für den 11. September. Vater erwidert, dies sei ein möglicher Grund: Rache! Aber ein weiterer Grund könnte Habgier sein und die damit verbundenen amerikanischen Interessen am irakischen Erdöl. Mehmet meint, es hätte niemals islamische Terrorflüge auf das World Trade Center und das Pentagon gegeben. Alles sei eine Initiierung der Amerikaner. Ich weigere mich das zu glauben. Welches Land bringt 3000 seiner Bürger um, damit es eine augenscheinliche und dennoch unlegitime Begründung zur Führung dieses Krieges hat?

3. Tag (22.03.03)
Den ganzen Tag hören wir das Donnern der Flugzeuge, die über uns hinwegfliegen. Gerüchte auf der Strasse sagen, dass sich bereits viele Soldaten dem Feind ergeben haben. Nachmittags ziehen schwarze Wolken über Teile Bagdads. Die Armee hat das Öl in den Gräben um die Stadt entfacht, um den US-Piloten die Sicht auf Bagdad zu nehmen. Abends ist es dann wieder so weit. Wir nehmen die Kleinen an die Hand und ziehen erneut hinunter in den Keller. Einen Augenblick habe ich oben am Fenster gestanden und die Lichtblitze registriert, die mal näher, mal entfernter über der Stadt erschienen sind. Dann folgten die Detonationen der Raketen, deren Schweife so aussahen, wie ich mir den Kometenschweif des Morgensterns der Christen vorstelle. Der auf die Einschläge folgende Krach war ohrenbetäubend und riss mich aus meiner Lethargie heraus. Dann, als einen Moment Ruhe einkehrte, vernahm ich die Gebetsrufe und das Allah Akbar der Muhezzine. Später, als wir noch im Keller sassen, schienen die Detonationen sich dem Zentrum Bagdads und somit auch unserem Haus zu nähern. Die letzten waren so laut, das Ayse und Ahib sich weinend an Vater und Mutter festkrallten. Nachdem wieder Ruhe eingekehrt war, gingen wir hoch und Vater machte den Fernseher an. Er lief. Die Stromversorgung war also nicht unterbrochen. Und während meine Geschwister schliefen, erfuhren meine Eltern und ich vom Gesundheitsminister Umeed Midhat Mubarak, dass Bagdad seit Beginn der Bombardierung drei Tote und 250 Verletzte zu betrauern habe. Ausserdem sollen Raketen in zwei Präsidentenpaläste Saddam Husseins und in weitere Regierungsgebäude eingeschlagen sein. Mir stellt sich die Frage, woher Bomben und Raketen wissen können, welches potentielle Opfer zum Militär und welches zur Zivilbevölkerung gehört?

4. Tag (23.03.03)
Amerikanische Panzerbrigaden sind weit vorangekommen. Im Fernsehen sagten sie heute, die Panzer stehen bereits 160 km vor Bagdad, südöstlich der Stadt Nadschaf. In Nadschaf befinden sich die wichtigsten schiitischen Kultstätten. Der Chef der regierenden Baath-Partei in Nadschaf soll bei Gefechten zwischen den Amerikanern und den Republikanischen Garden getötet worden sein. Seit dem Morgen sitzen wir wieder im Keller. Nach den schweren Bombeneinschlägen der beiden letzten Tage, zeigt uns der heutige Tag, das es immer noch eine Steigerung gibt. Die Luft über Bagdad stinkt nach brennendem Öl aus den Verteidigungsgräben. Ob die Rauchwolken uns helfen, bezweifeln wir. Vater meint, dass durch sie zwar militärische Einrichtungen geschützt sind, aber durch Fehlleitungen zivile Schäden zunehmen könnten. Zivile Schäden ... Er meint Opfer – menschliche Opfer.
Auch Tikrit soll bombardiert worden sein, Saddams Geburtsstadt. Die höchsten Ämter in seinem Apparat, also in den Elitegarden und in der Baath-Partei, hat er mit Tikritern besetzt. Seine Leute regieren mit brutaler Härte. Und dennoch tun sie das nicht seit gestern, sondern seit Jahren und Jahrzehnten. Warum reden die Amerikaner daher von einem Krieg zur Befreiung des irakischen Volkes? Ich kann mich an den Irakkrieg von 1991 nur schwach erinnern, aber Vater hat ihn erlebt und er hat schon damals nicht verstanden, warum der ältere Bush die Diktatur Saddams nicht beendet hat. Und er kann nicht verstehen, warum die Amerikaner Saddam überhaupt zu dem gemacht haben, was er geworden ist und warum sie ihm den Rücken gestärkt haben, als er mehrmals gegen den Iran zu Felde zog. Ob damals die Antwort auf die Frage nach dem Warum auch “Öl” hiess? Was sonst, ausser einigen Millionen Menschen, hat dieses Land, das sarkastischer Weise die Wiege der Menschheit genannt wird, noch zu bieten?

5. Tag (24.03.03)
Die letzte Nacht war die bisher schlimmste. Bangend haben wir die Stunden der Dunkelheit im Keller verbracht. Geschlafen hat niemand von uns. Wer besitzt so viele Bomben und dazu die Skrupellosigkeit, sie in solchen Massen einzusetzen? Die Detonationen waren näher, als an den vorherigen Tagen. Die Fenster unseres Hauses die zur Strasse hinausgehen besitzen keine Scheiben mehr. Wenigstens haben wir noch reichlich Lebensmittel und Wasser. Aber was machen die Armen Bagdads? Wo halten sich die auf, die kein Haus, keinen Keller haben? Und zwischen all dem Bombenhagel preist der Muhezzin weiterhin Allah. Es ist schizophren. Was hat Gott mit all dem zu tun? Und wo ist er jetzt?
Der Bombenregen scheint nie wieder enden zu wollen. Auch heute Morgen
fallen sie mit unerbitterter Härte auf uns nieder. Die Eltern denken darüber nach, ob sie mit uns aus Bagdad fliehen sollen, wenn diese Angriffswelle vorüber ist. Die beiden Kleinen weinen längst nicht mehr. Ayse wirkt seit der letzten Nacht nicht mehr wie sie selbst. Sie ist ein reines Nervenbündel. Sie hat zweimal eingenässt, was sie seit mindestens drei Jahren nicht mehr gemacht hat. So langsam kommen in mir Erinnerungen an den letzten Krieg hoch. Ich war damals auch sieben und hatte ebenfalls mein Wasser nicht mehr halten können.

6. Tag (25.03.03)
Zwischen zwei Bombenpausen haben wir wieder ferngesehen. Ein Sprecher sagte, dass Saddam die Republikanische Garde ermächtigt hat, Giftgas gegen die Ungläubigen einzusetzen. Er erklärt weiter, dass die Amerikaner Lügen verbreiten. So soll Saddam laut des US-Aussenministers Powell vorhaben, Schiiten durch Giftgas umbringen zu lassen, die Leichen in irakische Uniformen zu stecken und das ganze Manöver als Giftgasangriff den Amerikanern unterzuschieben. Die Auswüchse dieses Krieges werden immer perverser. Abgesehen davon, dass selbst wir Iraker längst nicht mehr annehmen, dass unser psychotischer, diktatorischer Führer noch über chemische oder biologische Waffen verfügt, haben sich die Amerikaner hiermit einen Freibrief zum Einsatz jeglicher Waffen gegeben. Wer in der Welt würde fortan glauben, dass die USA chemische Waffen einsetzt, wo doch diese ungeheure Beschuldigung im Raum steht? Leider empfangen wir nur das irakische Staatsfernsehen. Ich würde gerne wissen, was der Rest der Welt von diesem Krieg hält.
Danach zeigt das Fernsehen gefangene Amerikaner und zerstörte amerikanische Hubschrauber und Panzer. Bei einer Einspielung muss Vater trotz der gegenwärtigen Situation lachen. Er erklärt, dass er den gerade gesehenen Beitrag schon kannte – aus dem letzten Irakkrieg!
Mein Onkel Ali, nach dem ich benannt wurde, hat uns besucht. Er erzählte, dass die Amerikaner sich Gefechte vor Bagdad mit Saddams Medina-Division liefern. Später im Fernsehen werden diese Kämpfer der Republikanischen Garden als Sieger dargestellt. Das werden sie immer. Doch Vaters Bruder meint, dass sie mit ihren veralteten Waffen keine Chance gegen die Übermacht der Amerikaner haben. Dann sind sie also wirklich schon vor den Toren Bagdads. Danach wird Onkel Ali leiser und beginnt zu weinen. Gestern hatte er Fatima, meine Cousine, ins Krankenhaus gebracht. Sie stand am Fenster, als die Druckwelle einer Detonation die Scheibe zerbersten liess und ihr die Scherben durch Gesicht und Körper trieb. Ich weiss noch, dass ich wütend wurde, wütend und dann wieder wurde ich mir der Ohnmacht bewusst, der ich, der jeder unterlag. Welcher amerikanischer Befreier mochte jetzt hingehen und Onkel Ali erklären, dass Opfer in der Zivilbevölkerung unumgänglich waren, wenn man ein Land “befreien” wollte? Welcher?
Später, als Onkel Ali wieder ins Krankenhaus gegangen war, wiederholte Saddam im Fernsehen seine Durchhalteparolen. Er behauptet der Sieg sei nah und die Verluste bei Amerikanern und Briten seien enorm. Ich nehme an er lügt – wie er uns immer belogen hat. Und während ich diesem selbstgefälligen, über Leichen gehendem Monster – oder einem seiner Doppelgänger – lausche, wird mir eins klar: Die Angst vor Bomben und durch diese umzukommen ist auch nicht besser, als die Angst vor einem Regime und der Möglichkeit durch dieses umzukommen.

7. Tag (26.03.03)
Die Bomben fallen inzwischen durchgehend. Wir gehen nur noch aus dem Keller nach oben, wenn wir zur Toilette müssen oder etwas aus dem Kühlschrank brauchen. Wie durch ein Wunder gibt es immer noch Strom. Zusätzlich zu den Bombern wütet ein Sandsturm über der Stadt. Wie lange soll das noch so weitergehen? Ich bedauere, dass wir kein Telefon haben. Ich habe das Bedürfnis mit Onkel Ali zu sprechen und mich nach Fatimas Zustand zu erkundigen.

8. Tag (27.03.03)
Es scheint immer schlimmer zu werden. In vier langen Wellen flogen die Amerikaner die Nacht und den Morgen über Angriffe auf Bagdad. Ich frage mich inzwischen, was noch bombardiert werden kann. Nach Tausenden von Bomben und Raketen fällt mir schwer zu glauben, das überhaupt noch Ziele für die Angreifer aus der Luft existieren. Zwischen den beiden letzten Angriffswellen war ich oben und habe einen Blick auf die Stadt gewagt. Durch die trübe Sicht des immer noch währenden Sandsturms sah ich Unmengen von Rauchsäulen wie Mahnmale zum Himmel aufsteigen. So viele. Wie viele Scheiben mochten hierbei zerborsten sein und wie viele Menschen dabei verletzt oder getötet worden sein? Am Mittag kehrt unerwartet Ruhe ein. Im Fernsehen werden Wohngebiete aus dem Norden Bagdads gezeigt, wo durch zwei US-Raketen mindestens 14 Menschen starben und unzählige verletzt wurden. Danach werden die Verletzten in den Krankenhäusern der Stadt gezeigt. Sie werden ebenso in Kurzfilmen vorgeführt, wie gefangen genommene feindliche Soldaten – die andere Möglichkeit der Propaganda.
Während die Stadt vor sich hinbrennt und nur die Geräusche des Sturms an unser Ohr dringen, entschliesst sich Vater zum Markt zu gehen, um Obst und Gemüse zu besorgen. Ausserdem will er versuchen, in einer Apotheke Medikamente zu bekommen. Ayses Zustand hat sich verschlechtert. Ihre Nervosität ist durch eine Art Lethargie abgelöst worden. Ausserdem hat sie Fieber.
Vater war über drei Stunden fort. Wir machten uns Sorgen, obwohl draussen lediglich die Geräusche des Sturms zu hören waren. Dann kommt er wieder. Zuerst dachte ich, der Sturm hätte ihm die Tränen in die Augen getrieben. Er erzählt uns, dass er Onkel Ali besucht hat. Fatima ist tot! Für Ayse hatte er ein Päckchen Aspirin und für eine horrende Summe Geld eine Flasche fiebersenkenden Saft bekommen. Vorräte aus dem UN-Programm “Öl für Hilfsgüter”? Der Saft hatte bereits das Verfallsdatum überschritten. Ansonsten hatte Vater noch einige Bananen und etwas Gemüse mitgebracht. Während wir schweigend aßen, ohne damit die Leere in uns wirklich zu füllen, ging mir durch den Kopf, dass die Welt ohne Fatima um einen lieben Menschen ärmer geworden war.

9. Tag (28.03.03)
Sie mussten andere, noch grössere Bomben eingesetzt haben, als in den Tagen zuvor. In unserer Lage missfällt es mir mich zu wiederholen. Doch die letzte Nacht war wieder einmal die schlimmste, die wir in diesem Krieg erlebt haben. Detonationen, von denen man taub wurde. Auch die letzten Fensterscheiben in unserem Haus sind geborsten. Es war die Hölle. Unweit unseres Viertels schlugen die Bomben in die Ministerien der Regierung ein. Als ich nach den Bombardierungen oben war, zeigte sich mir in der Morgendämmerung eine surrealistisch anmutende Kulisse. Der Tigris schien zu brennen. In Wirklichkeit standen Gebäude am Westufer des Flusses in Flammen. Ausserdem das Kommunikationszentrum. Sah so der Weltuntergang aus? Ayses Zustand blieb unverändert. Trotz des Saftes, den Mutter ihr zweimal eingeflösst hatte, sank das Fieber nicht. Im Fernsehen gaben sie bekannt, dass neun US-Soldaten durch die irakische Armee getötet worden waren und ein amerikanischer Hubschrauber abgeschossen worden sei. Vater und ich sind uns einig, dass es sich um den selben Hubschrauber handelt, der bereits vor einigen Tagen abgeschossen wurde. Es war schliesslich auch der selbe Bericht. Danach erklärt der irakische Verteidigungsminister Haschim Achmed, der Feind wäre aus der Stadt Nadschaf vertrieben worden. Wir machen den Fernseher aus. Einer der Nachteile einer Diktatur ist die Informationsauswahl, der man durch die staatseigenen Medien unterliegt. Allerdings bin ich sicher, würden amerikanische Informationen ebenso polarisierend auf die Menschen einwirken, mit dem gleichen heuchlerischen Ziel: Alles Gute für das irakische Volk.

10. Tag (29.03.03)
Auch in der letzten Nacht und am heutigen Morgen fliegen die Bomber über Bagdad und werfen ihre todbringende Last ab. Gestern abend sind über fünfzig Menschen ums Leben gekommen, als Raketen im Westen der Stadt im Armenviertel Schola auf dem al-Nasser-Markt eingeschlagen sind, am Morgen zuvor waren es bereits fünfzehn, die bei schweren Explosionen im Norden Bagdads in einer belebten Geschäftsstrasse ums Leben kamen – wobei “belebt” bei zunehmenden Flüchtlingszahlen als relativ anzusehen ist. Unwillkürlich muss ich an Vaters Ausflug zum Markt denken. Mir kommt dieser Krieg langsam vor, wie eine riesige destruktive Lotterie: Wer überlebt, der hat gewonnen. Eine Form der Gegenwartsbewältigung ist halt Sarkasmus.
Am Nachmittag ist die Übertragung des irakischen Fernsehens unterbrochen. Nun, so ohne Nachrichten unserer Regierung, sind wir noch isolierter als bisher. Ist es das, was die Amerikaner wollen?
Ayse geht es etwas besser. Das Fieber ist zurückgegangen. Heute Mittag hat sie wenigstens etwas Obst gegessen und einige Sätze gesprochen. Mutter hatte Vater bereits gebeten, einen Arzt zu holen. Jetzt machen wir jedoch erst einmal, was wir seit Tagen machen: Abwarten.

11. Tag (30.03.03)
Die Angriffe haben nachgelassen. Das Fernsehen funktioniert wieder. Durch die verminderten Bombardierungen haben wir die Möglichkeit wenigstens im Erdgeschoss die Fenster mit Brettern und Decken abzudichten. Überall liegen Splitter und Sand. Ayse befindet sich wirklich auf dem Weg der Besserung. Ich habe keine Lust zu schreiben. Wir holen den Tag über den nötigen Schlaf nach, der uns durch die Bomben der vergangenen Tage genommen worden ist.

12. Tag (31.03.03)
Die Bombenangriffe auf Bagdad gehen weiter. Bomben gehen wieder auf das Ministeriumsviertel nieder. Die ganze Nacht war durchzogen von grellen Lichtblitzen und Detonationen. Ich will das Schluss ist. Was kann meine Familie, was kann ich dafür, wenn an der Spitze unseres Landes ein Wahnsinniger steht, den wir nicht gewählt haben. Und wer gibt denen, die da bomben, das Recht dazu. Wo sind die, die gegen diesen Krieg sind, wo sind unsere arabischen Brüder, wo ist die UNO? Ich habe das Gefühl, langsam aber sicher durchzudrehen. Unsere Psyche ist am Ende. Kleinste Bemerkungen führen zu Streit in diesem engen und inzwischen nach unseren Ausdünstungen stinkenden Keller. Der einzige Lichtblick ist, dass Ayse wieder gesund zu sein scheint. Der Gedanke daran, dass sie Fatimas Schicksal in diesen unberechenbaren Zeiten teilen könnte, ist für mich unerträglich.

13. Tag (01.04.03)
In der letzten Nacht lag Bagdad wieder unter Dauerbeschuss. Sähe ich nicht die Einträge in meinem Tagebuch, würde ich annehmen, es wäre nie anders gewesen. Zwei Wochen erst – die mir wie Monate, wie Jahre vorkommen. Wie lange nur noch?

14. Tag (02.04.03)
Mein Bruder Ahib hat heute Geburtstag. Er ist zwölf geworden. Mutter hat als einzige an diesen Tag gedacht. Wir haben kein Geschenk für ihn. Durch den Krieg geraten Geburtstage zur Nebensächlichkeit. Vielleicht, weil sie an Leben erinnern, während Kriege sich nur mit dem Tod assoziieren lassen. Doch Vater rettete die Situation. Schmunzelnd holte er ein Päckchen aus der Wohnung, dass er in unser aller Namen Ahib überreichte. Dann zündete er eine Kerze an. Und während Ahib sein Geschenk auspackte, sah ich sogar ein Lächeln über Ayses Gesicht huschen – vielleicht aus Dankbarkeit über ein wenig Normalität in Zeiten, die alles andere als normal sind. Als er das Geschenk ausgepackt hatte, kam ein Freudenschrei über Ahibs Lippen. Endlich besass auch er ein Schreibset, bestehend aus Kugelschreiber, Füllfederhalter und Bleistift und eine Kladde, die meiner nicht unähnlich ist. Mir schien, ich hatte soeben schriftstellerische Konkurrenz bekommen. Mutter machte aus den vorhandenen Vorräten ein Geburtstagsessen wie wir nie ein besseres bekommen haben. Vater spendete zwei Flaschen seiner geliebten Zitronenlimonade und wir feierten Ahibs Geburtstag recht ausgelassen, bis uns die ersten Detonationen des Tages wieder in die Realität zurückholten. Danach fiel stundenlang der Strom aus.

15.Tag (03.04.03)
Letzte Nacht und heute morgen fielen wieder Bomben auf Bagdad. Ständig waren laute Explosionen zu hören und zu spüren. Wieder einmal fiel der Fernsehempfang aus. Wenn ich über die Mengen an abgeworfenen Bomben der Amerikaner und Briten nachdenke, mache ich mir erneut die Unlogik dieses Krieges bewusst. Nach den wenigen zuverlässigen Nachrichten der letzten Monate versuche ich zu verstehen, warum die Amerikaner den Irak neben weiteren Gründen auch wegen seines angeblichen – von der UNO allerdings dementierten – Besitzes an “Massenvernichtungswaffen” angegriffen haben? Was anderes, als Massenvernichtungswaffen, regnete denn zur Zeit auf das irakische Volk herab? Was also machte amerikanische Waffen dieser Art legitimer als irakische – insbesondere, wenn die amerikanischen Varianten in solchen Mengen eingesetzt wurden? Heute fiel die Wasserversorgung aus. Wir gehen erstmalig an unsere Wasservorräte. Ein Problem wird der Toilettengang. Vater und ich haben im Garten eine Grube ausgehoben, die wir in den Bombardierungspausen aufsuchen.

16. Tag (04.04.03)
In etwa zwanzig Kilometer Entfernung gibt es einen Dauerkampf. Es muss der Saddam International Airport sein, wo sich die Kriegsparteien unerbittlich bekämpfen. Nicht nur die Bomber konzentrieren sich auf dieses Gebiet. Die nicht enden wollenden Lichtblitze am Boden und ein entfernter, anders als bisher klingender Lärm von Maschinengewehrsalven weisen auf schwere Gefechte am Boden hin. Sie sind also da. Vielleicht ist jetzt ein baldiges Ende dieses unerträglichen Zustands abzusehen. Im Fernsehen ist kaum noch Saddam zu sehen. Wenn er gezeigt wird, scheint es sich um Archivbilder zu handeln. Immer häufiger spricht der Informationsminister Said al-Sahhaf zu uns. Bilder von flüchtenden Menschen aus dem Vorort Radwanija, nahe dem Flughafen, werden nicht gezeigt – das könnte die Moral der Bürger untergraben. Das sie flüchten, haben wir gesehen, als Vater und ich heute früh vor die Tür gegangen sind. Manche wirken orientierungslos, wissen nicht, ob sie irgendwo in Bagdad bleiben, oder die Stadt verlassen sollen. So irren sie in Autos oder mit Karren die ihre wenigen Habseligkeiten tragen herum wie gehetzte Tiere und suchen Schutz vor denen, die sie befreien wollen. Das letzte, was wir aus dem Fernsehen erfahren, ist der Einsatz von Streubomben durch die Amerikaner. Der irakische Sprecher erklärt, dass es sich hierbei um Bomben handelt, die von der UNO geächtet sind. Die Aussenhülle der Bombe öffnet sich in der Luft und entsendet 200 Streubomben in der Grösse von Getränkedosen, die Ziele in einem Gebiet von der Grösse zweier Fussballfelder vernichten können. Ist das der amerikanische Traum in seiner perversesten Reinkultur: Erst Dosenbomben dann Dosencoke? Schliesslich schaltet sich das Fernsehen mal wieder ab – erneuter Stromausfall. Wenigstens werden wir wieder mit Wasser versorgt.

17. Tag (05.04.03)
Das Fernsehen funktioniert nicht. Strom haben wir wieder, wer weiss wie lange? Immer mehr Menschen hetzen durch die Strassen. Vater hat mit einigen gesprochen. Viele von ihnen wollen Bagdad verlassen, weil das Gerücht umgeht, die Amerikaner wären bereits in der Stadt. Die Menschen haben Angst, zwischen die kämpfenden Parteien zu geraten. Vater hat Mehmet getroffen. Er hat unzählige Leichen neben dem Krankenhaus liegen gesehen. Die Verletzten können nicht mehr ordentlich versorgt werden. Es fehlt an Ärzten, Pflegepersonal, Krankenzimmern, Medikamenten – einfach an allem. Die Frage, ob wir fliehen oder nicht, hat sich erledigt. Wir werden nicht fliehen. Unser Auto ist gestohlen worden. Vom Obergeschoss unseres Hauses sehe ich die Autokolonnen der Flüchtenden, die den Stadtausgängen zustreben. Ich wünsche ihnen Glück und Allahs Beistand, denn um sie herum schlagen weiterhin die Bomben ein. Dann sehe ich zum ersten Mal die Amerikaner. Eine Kolonne sandgelber gepanzerter Fahrzeuge fährt langsam und feuerspuckend auf das Zentrum, auf uns zu. Stetig setzen sie ihren Weg fort, während die Panzer ebenso stetig auf irakische Militärfahrzeuge und Stellungen schiessen und alles zerstören, was sie aufhalten könnte. Dann stockt mir der Atem. Der vorderste Panzer der Amerikaner fährt auf eine Kreuzung zu, auf der mehrere zivile Autos mit scheinbar Flüchtenden in einem Stau stehen. Sie sind zu nah aufgefahren. Ihren hektischen Lenk- und Fahrversuche nützen ihnen nichts mehr. Sie kommen nicht weg. Dann senkt sich das Rohr des Panzers. Ich kann nicht glauben, was ich sehe. Menschen versuchen noch aus den Fahrzeugen zu springen, doch es ist zu spät. Ohne an Fahrt zu verlieren, schiesst sich der Panzer eine Lücke und die Kolonne fährt über die qualmenden Überreste von Menschen und Metall, als sei nichts passiert. Mir wird schlecht. Vielleicht hat Vater recht. Die Befreiung des Iraks ist nicht die Befreiung des irakischen Volkes, sie ist lediglich die Befreiung des irakischen Öls.
Stunden nach dem Vorfall zittere ich immer noch. Ich habe den anderen erzählt, was ich gesehen habe. Vaters Wut ist nicht unähnlich meiner eigenen. Hass steigt in mir auf. Hass auf Saddam und seine Chargen und jetzt noch mehr auf diese Kriegstreiber, die uns vor den Augen der Welt befreien wollen, für die irakisches Leben jedoch genauso wenig zählt, wie für die, die sie entmachten wollen. Ja, um Macht geht es hier. Um nichts anderes. Macht und Wirtschaft. Saddam wollte die Macht, damit es ihm gut geht. Die Amerikaner wollen die Macht, damit es ihnen gut geht. Wer fragt eigentlich danach, was wir, die hier leben, wir, um deren Land und um deren Leben es in diesem Konflikt geht, wollen?
Das Fernsehen funktioniert wieder und der Informationsminister belügt uns ebenfalls wieder. In Bagdad sei alles in Ordnung. Der Flughafen sei fest in irakischer Hand, keine Amerikaner in der Stadt und der Gefechtslärm der zu hören war käme von amerikanischen “Geräuschbomben”, um die Bevölkerung zu verunsichern. Ich weiss es besser, sie belügen uns alle. Dann folgen wieder Durchhalteparolen. Durchhalten wofür?

18. Tag (06.04.03)
Der Bombenregen auf Bagdad hat letzte Nacht begonnen und setzt sich auch den Vormittag über fort. Wir verlassen den Keller so gut wie gar nicht mehr, sehnen uns eigentlich nur noch nach dem Ende dieses Krieges und nach Ruhe. Ausserdem gehen unsere Vorräte langsam zu Ende. Vater wartet auf eine Pause der Luftangriffe, um wieder frische Lebensmittel zu besorgen, falls noch welche zu bekommen sind. Seit Ahibs Geburtstag haben wir nur von konserviertem, eingeschweisstem Essen und täglich trockener werdendem Brot gelebt. Es ist stickig und heiss im Keller, selbst in der Nacht. Nach den Sandstürmen hat die Stadt eine Hitzewelle erreicht, die selbst das Atmen anstrengend macht. Irgendwann lassen die Angriffe aus der Luft nach. Ich muss raus aus dem Keller. Ich gehe wieder nach oben und lasse meinen Blick über die Stadt schweifen. Die Fluchtwelle ist noch nicht abgeebbt. Überall sehe ich Konvois von Flüchtenden die Strassen verstopfen. Eine lange Schlange steht an der Tankstelle gegenüber meiner ehemaligen Schule. Die Schule hat die Hälfte ihres Daches verloren. Mir fällt es schwer zu glauben, dass dort jemals wieder Unterricht stattfinden soll. Flieger rasen über mir hinweg. Diesmal werfen sie keine Bomben ab. Dann sehe ich warum. Ihnen folgen wieder die Panzerfahrzeuge, die sich ihren Weg durch die Stadt bahnen, die mit Saddam spielen, die mit uns spielen. Ein Ton hat in den letzten Tagen konstant zugenommen. Die Sirenen der Kranken- und Rettungswagen sind jetzt pausenlos zu hören. Ich frage mich, wie die Krankenhäuser diese Mengen an Verletzten bewältigen sollen, wenn Mehmet vor dem Einmarsch der Amerikaner schon Tote an den Krankenhäusern liegen gesehen hat? Wo bleibt die Hilfe vom Roten Halbmond und anderen Hilfseinrichtungen? Warum hat die Welt die Amerikaner nicht gestoppt, warum hat die UNO die Amerikaner nicht an die Wand gestellt, isoliert und als ein gegen Völkerrecht vorgehendes Okkupationsland geächtet? War der Grund die selbe Angst, die wir jetzt verspüren?

19. Tag (07.04.03)
Gestern abend liessen die Bombardements ein wenig nach. Vater ist noch losgegangen und hat Lebensmittel besorgt. Da immer mehr Menschen Bagdad verlassen, niemand aber mehr mit Waren in die Stadt hineinkommt, wird es zunehmend schwieriger Essen zu bekommen. Der Händler, der Vater Gemüse, Obst und Nüsse verkauft hat, erzählte ihm von einem furchtbaren Gemetzel zwischen amerikanischen und irakischen Soldaten im Südosten der Stadt, bei dem über 2000 Iraker ums Leben gekommen sein sollen. Ausserdem sei ein erstes amerikanisches Flugzeug auf dem Saddam International Airport gelandet und die Amerikaner hätten den Belagerungsring um Bagdad jetzt geschlossen, würden fliehenden Zivilisten aber gestatten, die Stadt zu verlassen. Und dann bekam ich auch noch eine Antwort auf meine gestern gestellte Frage, wie die Krankenhäuser die wachsende Zahl an Verletzten bewältigte? Sie bewältigten sie nicht mehr! Der Händler sagte zu Vater, dass inzwischen alleine in das Jarmuk-Hospital im Südwesten der Stadt stündlich bis zu hundert Kriegsverletzte eingeliefert werden. Wir fragten uns, ob es für unser Volk bald besser oder ob es noch schlimmer werden würde?
Abgesehen von einzelnen Detonationen verlief die letzte Nacht fast still. Wir schliefen endlich wieder einmal mehrere Stunden durch. Um so heftiger begannen die Luftangriffe am heutigen Morgen.
Gegen Mittag ist ein ungeheurer Lärm auf der Strasse. Vorsichtig gehen Vater und ich nach oben. Wir hören heftige Diskussionen. Dann treten wir auf die Strasse, wo einige unserer Nachbarn mit drei Fremden sprechen. Saddams Hauptpalast soll in der Hand der Amerikaner sein. Panzer und Soldaten befinden sich in den Gärten des Palastanlage am Tigris. Die Männer wissen noch mehr. Aufgrund der Gefahrenlage sollen die Hilfsorganistionen inzwischen die Stadt verlassen haben. Ausgerechnet jetzt, wo sie gebraucht werden. Dann verschwinden die Männer wieder. Nachrichten erhalten wir im Moment nur auf diese Art und Weise. Wenn das Fernsehen mal funktioniert, werden sowieso nur noch Unwahrheiten vom Informationsminister verbreitet.

20. Tag (08.04.03)
Die US-Truppen sollen heute vormittag das Hotel Palestine beschossen haben, wo sich fast alle ausländischen Reporter aufhalten. Es soll Tote und Verletzte gegeben haben. Wir gehen inzwischen häufiger auf die Strasse. Die Angst, Neuigkeiten zu verpassen ist gross. Offensichtlich besteht die Möglichkeit, das die Amerikaner Bagdad bald eingenommen haben. Wenn sie dann Verhaltensweisen an die Bevölkerung ausgeben, müssen wir wissen was wir zu tun haben, um nicht durch falsches Verhalten missverstanden zu werden. Wann wird das Leben wieder einfacher?
Das Fernsehen ist nun wohl endgültig ausgefallen. Westlich vom Regierungsviertel gab es heute eine unheimliche Detonation. Später hörten wir, die Amerikaner hätten mit einer Riesenbombe, die selbst einen Bunker zerstören kann, im Ortsteil Mansur ein Haus bombardiert, in dem sich Saddam mit seiner Familie und seinen Obersten aufgehalten haben soll. Ich nehme an, dass viele Menschen dabei gestorben sind – nur Saddam wird wieder einmal nicht darunter sein.

21. Tag (09.04.03)
Die letzte Nacht war anders, als die Nächte davor: Es fehlte das Kreischen der Bomber und die Detonationen ihrer tödlichen Last. Am Morgen verlasse ich das Haus. Die Ereignisse überschlagen sich. Saddam und sein Regime scheint geschlagen. Überall in der Stadt sind Menschenmassen unterwegs, nirgends sind mehr Saddams Polizisten zu sehen. Jegliche Ordnung ist dahin. Menschen jubeln den Amerikanern zu, zerstören letzte Symbole der Diktatur oder fallen über die Regierungs- und Verwaltungsgebäude her, um mitzunehmen, was eben geht. Anarchie beherrscht die Stadt. Nach Jahrzehnten der Unterdrückung versucht jeder dem gefallenen Regime zu nehmen, was er nur kriegen kann. Es hat etwas symbolisches. Die Amerikaner greifen nicht ein, sondern schauen nur zu. Ausländische Journalistenteams laufen und fahren erstmals ohne die üblichen staatlichen Begleitpersonen durch die Stadt und nehmen die Szenen auf. Ich erkenne Bagdad nicht wieder. Auf meinem ersten, vorsichtigen Weg durch das “neue” Bagdad treffe ich auf eine Gruppe des Roten Kreuzes. Einer der Mitarbeiter erklärt gerade einem Reporter in gebrochenem Englisch, wie schlimm die Lage der Krankenhäuser Bagdads ohne Wasser und Strom ist. Ich lasse die Bilder noch einige Zeit auf mich einwirken, dann gehe ich zurück nach Hause und erzähle den anderen von dem gesehenen. Wir beschliessen wieder nach oben zu ziehen. Wir haben weiterhin keinen Strom und kein Leitungswasser.

22. Tag (10.04.03)
Ich bin nun ständig draussen. Die Plünderungen nehmen mittlerweile ungeahnte Ausmasse an. Horden Bewaffneter überfallen und plündern inzwischen ungeniert Geschäfte, Häuser und selbst Arztpraxen und Krankenhäuser, wo Verletzte nicht mehr behandelt und operiert werden können. Eine Bewachung der Krankenhäuser oder ein Einschreiten der “Befreier” findet nicht statt. Sie präsentieren sich lieber auf den Strassen lassen sich von einem Teil des Mobs feiern, während dessen anderer Teil das Leid der Zivilbevölkerung weiter vergrössert. Sind sie nicht gekommen, uns zu schützen? Die Angst vor dem Regime wurde abgelöst durch die Angst vor den Bomben. Jetzt beginnt die Angst vor den Mitmenschen, vor allem vor denen, die bewaffnet sind, die die Amis grüssen und die dann zu uns kommen und uns unser Hab und Gut nehmen wollen.
Später höre ich von einem Selbstmordattentat am Hotel Palestine. An dem gerade erst davor errichteten US-Checkpoint hat sich ein Attentäter in die Luft gesprengt und dabei mehrere US-Soldaten getötet und verletzt. Hotel Palestine – Palestina! Schaffen die Amerikaner gerade ein zweites Nahost-Problem? Werden wir in naher Zukunft einen weiteren Gaza-Streifen haben, vielleicht den Südirak, wo der Grossteil von uns Schiiten lebt? Werden die Ölfelder im Norden um Mossul Besatzungszone? Ich höre heute zum ersten Mal, dass die Amerikaner diese Ölfelder gesichert haben. Mir scheint, die Plünderer in den Städten sind nicht die einzigen die sich bedienen, weil sie die Skrupellosigkeit dazu haben. Den Sturm auf die Stadt Mossul überlässt das amerikanische Militär dafür den irakischen Kurden.
Gegen halb zehn erschüttert eine Explosion den Ortsteil al-Tajfija. Anwohner baten die US-Soldaten, eine von den Republikanischen Garden zurückgelassene Rakete abzutransportieren. Doch die Amerikaner wollen sie direkt vor Ort unschädlich machen. Als die Rakete explodiert, sterben unzählige Iraker und die beiden mit der Entschärfung der Rakete beschäftigten Amerikaner.

23. Tag (11.04.03)
Die frühen Morgenstunden beginnen mit stundenlangen, erbitterten Kämpfen zwischen bewaffneten schiitischen Brüdern und letzten Saddam-Getreuen in Saddam-Stadt, im Nordosten Bagdads. Die Entladung der jahrzehntelangen Unterdrückung dieser Ärmsten der Armen führte wohl zu solch hassgeprägten, erbitterten Kämpfen. Ich hoffe, unser Land hat aus seiner Vergangenheit gelernt. Nicht, dass in Zukunft die Sunniten eine Rolle in einem zukünftigen Irak einnehmen, die unter Saddam Hussein den Schiiten und Kurden aufgedrückt wurde. Die Bilder in den Strassen sind die selben wie gestern. Plünderungen und Brandschatzung scheinen noch zuzunehmen. Auf meinem Weg durch die Stadt sehe ich, wie ein Mann auf den Fahrer eines Kleinlasters zielt, abdrückt und kurz darauf den Mann – oder inzwischen dessen Leiche – aus dem Fahrerraum auf die Strasse wirft und mit dem Laster selber davon fährt. Ich sehe zunehmend mehr Waffen auf der Strasse bei der Zivilbevölkerung. Auch heute stehen keine amerikanischen Wachen vor den Krankenhäusern – wohl aber vor dem Ölministerium,das nicht geplündert wurde. Das zeigt, wo die wahren Prioritäten in diesem Krieg liegen. Ich habe genug vom neuen Bagdad gesehen und gehe heimwärts. Wenn das die Zukunft ist, weiss ich nicht was nun besser werden soll.

Nachtrag zum 23. Tag (11.04.03)
Mutter steht in der noch immer durch Bretter und Decken verdunkelten Küche und macht uns Abendessen. Vater und Ahib versuchen eine Scheibe im Wohnzimmer einzusetzen, die sie heute aufgetrieben haben. Ich will wissen, wo Ayse ist. Mutter deutet auf die Gartentür. Langsam schlendere ich durch die Tür ins Freie, ins letzte Stück Bagdad, das noch so ist, wie vor dem Krieg. Die Kleine sitzt auf dem Rasen in ihrer Lieblingsecke vor der Mauer und spielt. Leise summend dreht sie sich um, als sie mich kommen hört. Dann hebt sie freudestrahlend einen metallisch glänzenden Gegenstand hoch, den sie schliesslich mit beiden Händen spielerisch über dem Kopf hält. Eine Dose, denke ich noch und erstarre. Mir fallen die Streubomben ein, die Dosengrösse besitzen. Zuerst verstärkt weiteres Licht die an sich schon grelle Abendsonne. Dann schleudert mich die Explosion zurück in die Küche und ich verliere die Besinnung.

© Andreas Berg (April 2003)


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