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April 2003
Cafe der Träume
von R. Funke


Inmitten unseres Künstlerviertels befindet sich ein kleines Cafe.
Durch die verglaste Front können die Gäste dem bunten Treiben auf den Straßen Montparnasse folgen, ohne sich dem hektischen Gedrängel auszusetzen. Als ich das Geschäft mit meinem Kompagnon Igta Jysta wiedereröffnete, standen uns nicht viele Mittel zur Verfügung – eine verspiegelte Bar, als Remisessenz an amerikanische Vorbilder, war uns wichtiger als knallbunte Werbeschilder und Leuchtreklamen, wie sie an den hiesigen Geschäften üblich sind.
Die Einrichtung ist einzigartig, urgemütlich und versetzt den Besucher in eine andere Welt – inwiefern sich diese Welt von der bekannten Realität unterscheidet, hätte ich jedoch nie zu träumen gewagt. Anfangs planten wir die Komplettrenovierung. Doch ich entschied, dass wir nichts zerstören sollten, was schon Generationen von Betreibern vor uns gepflegt und erhalten hatten. Die Wandfarbe war schwer zu bestimmen - es gab fast keine Stelle, die nicht von einem Foto überdeckt war. Es waren allesamt Künstler auf den Bildern, die sich als ehemalige Gäste mit ihrem Autogramm verewigt hatten – vornehmlich Schauspieler und Musiker, vereinzelnd Schriftsteller und Maler, Operndiven die als Walküren posierten neben Whiskey-gelockerten Jazzern, streng dreinblickende Impressionisten neben unscheinbaren Autoren in abgewetzten Kordjacketts mit ledernen Ärmelschonern. Jeder dieser Menschen hatte einmal seinen Fuß in unseren Laden gesetzt – dieses Flair galt es zu erhalten. Unsere Putzhilfe Jenny war diesbezüglich zwar anderer Meinung, aber das kann ihr auch niemand verdenken.

Das Cafe öffnete um zehn in der Früh und schloss an manchen Wochenenden erst gegen fünf Uhr des nächsten Morgen. Ich arbeitete mit Igta in zwei Schichten. Tagsüber bevölkerte Laufkundschaft unsere Lokalität – allesamt Touristen – sie quasselten erregt in dermaßen vielen Sprachen, als kämen sie grade von der Einweihung des Turms zu Babel. Ihre Kleidung hob sich schrill von den schwarz-weiß Fotografien der Wände ab. Sie fanden es halt chic, für ein paar Stunden den Hippie zu mimen, sich als freie Menschen in einem freien Künstlerviertel unter jene zu mischen, für die sie in ihrem Alltag nur ein spießiges Naserümpfen übrig hatten. Igta amüsierte sich während der Frühschicht köstlich – er war normalerweise ständig zugekifft, sprach sechs Sprachen mehr oder weniger fließend und nach eigenem Bekunden gehörten an die zwanzig exotische Begrüßungsfloskeln zu seinem Repertoire. Bisher hatte er noch jeden Touristen, und sei er noch so fremd, mit den richtigen Worten anreden können. In den Abendstunden saß er in seinem kleinen Büro, das er sich im Putzmittelraum unserer Küche eingerichtet hatte und hackte wie besessen Auftragsübersetzungen der örtlichen Literaten und Dichter in seine angerostete Alpina.
An den Wochenenden verdingte er sich als Kabarettist unserer Volksbühne und gab sein Sprachtalent zum besten, in dem er gekonnt die Montparnasse-Besucher imitierte.
Ich war auf ihn aufmerksam geworden, als er seinerzeit oft als Gast unserer Kommune auflief. Er sah damals sehr ausgemergelt aus und gab an, ein politischer Flüchtling zu sein. Sein Land existiere nicht mehr, sagte er, und wenn es nach dem Willen der vereinigten Nationen ginge, dann hätte es auch nie existieren dürfen. Igta wurde von Kindheit an verfolgt, seine Eltern verschleppt, seine Brüder zum Militärdienst gezwungen, seine Schwestern geschändet. Sein Volk wurde drangsaliert, erst vom Süden, dann vom Norden. Schließlich hielt es Igta nicht mehr aus und flüchtete in den Westen. Hier wurde er zumindest geduldet und abschieben konnte man ihn nicht, da es keinen Ort mehr gab, an den sie ihn hätten verbringen können. Ich war froh darüber, dass sein Schicksal ihn in unser Viertel geführt hatte – Igta Jysta war und ist mein Freund, und diese Bezeichnung verdienen nicht viele.

Die Nachtschicht fiel in meinen Aufgabenbereich. Nach achtzehn Uhr schlossen die meisten der umliegenden Geschäfte, der auswärtige Besucherstrom verebbte und die ersten Stammkunden trudelten ein. Sie sahen aus wie auf den Bildern, sie sprachen eine gemeinsame Sprache und jeder einzelne war mir lieber als ein ganzes Lokal voller aufgedrehter Touristen.
Wenn ein neuer Gast kam, dann setzte ich mich an seinen Tisch, spendierte nicht selten einen Drink und übergab den Tresen unserer Aushilfe. Ich versuchte dann, sein oder ihr Gesicht auf den Bildern wiederzufinden und oft gelang es mir. Wir redeten über die Gelegenheiten, bei denen dieses oder jenes Foto entstanden war. Das Cafe wurde zu meinem Wohnzimmer – das Wohnzimmer zu meinem Leben – ein herrliches Leben.

Vor ungefähr drei Monaten kam Chantal in unser Cafe. Sie war anscheinend neu im Viertel und sogleich war sie umringt von Gästen, die sich von ihr angezogen fühlten. Chantal war überdurchschnittlich groß für eine Frau, Kajaal-fixierte Augen in einem puderweißen Gesicht, das sich vom Rahmen ihres pechschwarzen Haares gotisch abzeichnete. Feingliedrigkeit stach bei ihr hervor – kontrollierte Essstörung, geschickt in Szene gesetzt. Eine Künstlerin... doch niemand kannte anfangs das genaue Gebiet ihrer Kunst – es sei denn, man betrachtete sie als ihr eigenes, wandelndes Werk. Chantal bezeichnete sich selbst als Rekonstrukteurin.
Ich vermutete eine Malerin hinter der Fassade ihres düster-intellektuellen Ausdrucks. Doch heute weiß ich, dass ich einer Fehleinschätzung unterlag – sie widmete sich dem Gegenteil der abbildenden Kunst.
Ihr Thema war das Puppentheater. Darüber konnte sie Stundenlang referieren. Ihre Bewunderung galt, neben dem Chinesischen Schattenspiel, bevorzugt den Marionetten. Ich mochte ihren Erzählungen endlos lauschen und mutete unserer Tresenaushilfe einiges zu, wenn ich traumversunken an Chantals Lippen hing.
„Was fasziniert so sehr an Marionetten“, fragte ich sie eines abends, als unserer Lokal bis auf den letzten Stuhl belegt war.
„Marionetten leben deine Wünsche. Sie agieren nach deinen Vorstellungen. Man kann ihnen alles andichten und sie Abenteuer erleben lassen, die uns verborgen bleiben.“
Demonstrativ sprang sie auf.
Mit ihren Platooschuhen konnte sie jeden Gast an Größe übertreffen. Ihre Spindeldürren Arme hoben sich mit theatralischem Ausdruck, bis die Hände fast die Decke erreichten. Dann begann sie mit ihren Fingern Bewegungen in die Luft zu zeichnen, die das Führen einer Marionette simulierten. Ihre Augen rollten wie in Trance und ihrer Kehle entwich sonorer duophoner Gesang der Mongolischen Steppe. Die Gespräche der Gäste verstummten. Alle Augenpaare waren auf Chantals Hände gerichtet. Eine gespenstische Situation breitete sich wie ein schwerer Teppich über den Raum. Nur unsere Aushilfe nahm keine besondere Notiz davon und verteilte geschäftig die Bestellungen.
„Lass gut sein, Chantal“, flüsterte ich und zupfte an ihrem Rock, „Die Leute schauen schon.“
„Das müssen sie auch“, erwiderte sie mit einem Augenzwinkern. Als sich ihre Arme wieder senkten, verschwand die Aufmerksamkeit der Gäste und die geselligen Gespräche begannen von neuem. Von dem Zeitpunkt an hatte ich diese ungewöhnlichste aller Frauen tief in mein Herz geschlossen – doch zugleich machte sie mir Angst.
Letztendlich machte ich von Chantal ein Foto und versprach ihr, es in die letzte verbliebene Lücke der Wand zu hängen.

Mit der Zeit lernte ich meine Stammkunden näher kennen. Mir fiel auf, dass sie sich zum Teil sehr seltsamer Ausdrucksformen bedienten. Ihre Sprache war gleich, doch Dialekt und Artikulation unterschieden sich massiv. Ich begann die Bilder jener Menschen, die mir bekannt erschienen, genauer zu betrachten. Dabei bemerkte ich, dass sämtliche Fotografien bestimmter Stammgäste in einem äußerst vergilbten Zustand waren. Doch es war kein Unterschied zwischen ihnen und den Ablichtungen zu erkennen – grade so, als wäre das Foto tags zuvor aufgenommen worden. Ich teilte Igta meine Erkenntnis mit, doch er lachte nur und gab mir den Rat, weniger Whiskey und dafür mehr Afghanische Träume zu konsumieren. Auf diesem Gebiet stellte er keine besondere Hilfe dar.

Eines morgens, der letzte Gast war schon gegangen, kam Chantal an meinen Tresen. Ich war im Begriff, die Gläser zu spülen und genoss es, mir diese Tätigkeit mit ihrer Anwesenheit zu versüßen.
„Es ist dir aufgefallen?“, fragte sie, während sie einen Caiperinha schlürfte. Ihre Augen waren groß und grün. Ihre schwarz-blauen Lippen umschlossen lustvoll den Strohhalm und das Geräusch der tanzenden Eiswürfel hallte von den verspiegelten Wänden der Bar.
„Du meinst die Fotos?“, erwiderte ich. Meine Hände zitterten und ich hatte Mühe, die Spülgläser zu halten.
„Ja“, sagte sie, „ich habe sie alle gekannt - seit Gründung dieses Lokals. Zugegeben, einige waren seltsam oder exzentrisch, doch alle verdienten es, dass die Nachwelt sich ihrer erinnert. Nun kennst Du mein Kunstgewerbe der Rekonstruktion belichteter Vergangenheiten. Gefällt es dir?“
Meine Hand zerdrückte einen Cognacschwenker und färbte rote Punkte in den Schaum der Spüle. Als ich wieder aufsah war Chantal verschwunden – nur ihr Bild erinnert mich an ihre Existenz. Es ist alt und vergilbt, wie die anderen meiner liebsten Gäste.

“Hallo! Ist jemand zuhause?“, fragt mich Igta und klopft amüsiert mit dem Finger an meine Stirn. “Das ist doch ein tolles Angebot, was meinst du?“
“Wie: Was meinst du?“, gebe ich verstört zurück, „entschuldige, ich habe nicht zugehört.“
“Mensch, die Pacht für dieses Cafe, du Träumer. Der Makler hat grade zweihundertfünfzig die Woche ausgerufen und wartet auf eine Zusage am anderen Ende der Leitung. Zugegeben, der Schuppen ist renovierungsbedürftig, aber mit ein paar Eimern Farbe und neuen Möbeln könnten wir daraus ein cooles Eiscafé zaubern.“
So euphorisch kenne ich Igta nicht.
“Du meinst den Bilderladen unten in Montparnasse?“
“Klar, Mann. Von dem sprechen wir doch schon den ganzen Abend.“
Ich hasse es, wenn man mich ansieht, als wären meine Tagträume eine ansteckende Krankheit.
“Ich sage Dir, was wir machen: Wir nehmen den Laden und lassen ihn so, wie er ist.“
Igta stutzt, doch nach einer Weile sagt er: „Ok, du bist der Boss. Dürfte ich aber erfahren, warum du nicht modernisieren willst?“
Er scheint nicht gekränkt, eher verwundert.
Ich gehe ans Fenster und ziehe frische Abendluft in meine Lungen. Die Gaslampen zünden und streichen Gassen und Häuser für kurze Zeit grün.
“Ich glaube, ich bin mit jemandem verabredet, mein Freund. Wann und wo, weiß ich nicht mit Bestimmtheit. Ich weiß nur eines: Es wartet dort draußen auf mich und will nicht, dass wir irgendetwas verändern.“
Igta kratzte sich hinter dem Ohr, schüttelte dann verständnislos den Kopf und teilte dem Makler unsere Entscheidung mit.
Auf der gegenüberliegenden Straßenseite tritt jemand aus dem Schatten eines Eingangs. Sie ist groß, zu groß für eine Frau, und der grüne Schein in ihren Augen entstammt nicht der Reflexion des Gaslichts.
“Der Deal ist perfekt. Wann gedenkst Du, den Laden zu eröffnen?“
„Sofort“, flüstere ich in das dunkele Erblühen der Nacht, „...sofort.“

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