Ganz schön bissig ...
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April 2003
Stalaktiten in Venedig
von Karl Hoffmann


Wie das so ist auf Bahnhöfen: reichlich Menschen, alles wirbelt durcheinander, die Lautsprecherdurchsagen krächzen Verspätungen – eine Zwischenwelt mit Abschieden und Ankünften rund um die Uhr.
Alexander mag das nicht.
Außerdem hat er Ischias.
Besonders beim Stehen und Gehen.
Wenn er sich hinsetzt, geht es.
Jetzt steht er.
Und zwar in einer Reisegruppe in der Bahnhofshalle, von denen er niemand kennt, außer Nadine. Eine Reiseleiterin teilt den Leuten ihre Sitzplätze zu, also wer mit wem in welchem Abteil sitzt oder sitzen möchte. Nadine kennt alle, es ist ihr Sprachkurs, der zum Abschluß nach Venedig fährt, sozusagen als Krönung und damit das Gelernte einmal ausgesprochen und unter die Leute gebracht wird.
Alexander raucht Kette, nachher, im Abteil, wird er stundenlang nicht rauchen können, oder nur im zugigen Gang. Er holt sich schnell noch eine deutsche Wochenzeitung vom Bahnhofkiosk.

Weil auch die Kursteilnehmer Alexander nicht kennen, wird er zunächst einmal angeschwiegen. Alexander liest in der Zeitung. Die Buchstaben verschwimmen vor seinen Augen. Er hatte in der Nacht nicht geschlafen, wie immer vor etwas Neuem, aber auch, na ja, wegen Nadine, weil es nicht mehr stimmt zwischen ihnen und er ihre Frage nicht erwartet hatte, die Frage, ob er mitmöchte nach Venedig. Denn auch nach sechs Jahren hat er sich noch immer nicht an ihre Sprunghaftigkeit gewöhnt; immer will sie etwas neues, etwas anders, neue Zusammenhänge, neue Ergebnisse – das Neue ist alt, wenn es zuende gedacht ist. Und trotzdem möchte sie Sicherheit, zumindest eine materielle, oder gerade deswegen.
Und ohne Geld keine Zukunft – jedenfalls nicht für sie.
Im Moment verdient Alexander ein wenig, aber er weiß nicht wie lange.
Ob sie ihn denn ernähren soll, hatte sie einmal gefragt.
Sie war wütend, als sie das sagte, und er solle nicht behaupten ein Schriftsteller zu sein, jedenfalls nicht, solange er kein Geld mit dem Schreiben verdiene. Und sie wolle doch eigentlich mit ihm in den Süden ziehen, weil sie es hier nicht mehr aushalte... Einige Minuten später, als er schon gehen wollte, hatte sie ihn mit seinem Kosenamen gerufen: „Titou!“ Und er hatte sich zu ihr umgedreht und da stand sie, im Hemd, und wackelte mit den Pobacken.

Das sind also die Leute, mit denen Nadine Italienisch gepaukt hat: Die Frau neben ihm, etwa in seinem Alter, sie hat jetzt schon eine Fahne oder immer noch, kramt aufgeregt in ihrer Handtasche. Später erfährt er, daß sie die Frau eines Richters ist und schon viele Reisen alleine unternommen hat, sie kennt sich aus in der Welt, der Mann hat ja so viel zu tun und die Kinder sind groß, niemand braucht sie, aber sie braucht die Familie. Sie wird dauernd einen ausgeben und von den Kindern erzählen, wie undankbar sie sind und wie erfolgreich ihr Mann ist und trinken und an irgendwelchen Leuten kleben.
Es gibt noch ein paar Romanistikstudenten und strebsame Linguisten, und in München wird ein echter Italiener zusteigen, der Kursleiter. Den wird Alexander fragen, ob Rosa Isabella Sartory, der Name seiner Urgroßmutter, ein gebräuchlicher Name in Italien ist, obwohl er es weiß. Ja, wird der sagen, etwa so wie bei euch Müller oder Meier, aber nur in Norditalien, und Alexander wird sich über diese Bestätigung freuen, denn seine italienischen Vorfahren waren als Eisverkäufer nach Deutschland gekommen, und damit hat er sich immer ein bißchen sein Anderssein erklärt, und weil auch Nadine italienische Vorfahren hat, hatte er geglaubt, sie passen zusammen. Ob er denn nicht auch dieses Heimweh verspüre, hatte Nadine oft gefragt, dieses Heimweh nach Mittelmeer und Olivenbäumen, zu gebackenen Maronen und zur Sonne, und zur Sprache der Sonne: Italienisch, die Sprache, die der korsischen Sprache so ähnlich sei, der Sprache ihrer Mutter? Die Sonne, die hier ja nur kleine Gastspiele gäbe, er solle doch nur einmal aus dem Fenster sehen.
In der Tat, Alexander sieht aus dem Fenster des Zuges, als ob sie es ihm gerade gesagt hätte: Jetzt, Ende März, schneit und friert es und der Wetterbericht verspricht kein Ende. Aber Alexander ist in Deutschland geboren und aufgewachsen. Und wenn er nur daran denkt, irgendwann im Süden zu leben, für immer, überkommt ihn Heimweh nach verschneiten Fichtenwäldern und endlosen Nebeltagen im Herbst.

Das hätte er nicht gedacht: mit dem Zug durch die Alpen zu rauschen mit Druck in den Ohren, als säße er in einem Flugzeug hoch über den Wolken.

Ausgerechnet jetzt denkt er an seine neue Wohnung: Doppelhaushälfte mit Wintergarten und Rasen, ganz in der Nähe von Parkanlagen mit Ententeich. Dort ist er eingezogen, ins Dachgeschoß mit Schräge – 50 qm, unter ihm wohnt ein Neunzigjähriger, darunter der Besitzer, auch nicht viel jünger. Im Sommer liegen die beiden im Liegestuhl auf dem gemähten Rasen, im Winter im Lehnsessel im Wintergarten – high live wie auf einer geriatrischen Abteilung.
In der alten Wohnung hatte Alexander 14 Jahre gewohnt. Er hatte sich in seinem Stadtteil eingelebt, dort hatte er angefangen zu schreiben, und seine Nachbarn waren Philosophen und Künstler und Arbeiter und Studenten. Unten im Haus war eine Kneipe, nebenan ein Tättooladen und Aldi nicht weit. Die Hinterhausgärten waren verwildert, die Partys spontan. Doch Gegenüber waren kurdische Gangster eingezogen und hatten Alexander bedroht. Sie hatten ihn, unten auf der Straße, angerempelt und ihm die Faust unter die Nase gehalten. Sie sagten, er hätte sie fotografiert. Das stimmte zwar nicht, aber er konnte auch nicht das Gegenteil beweisen. Er wußte, warum sie ihn bedrohten: er hatte gesehen, wie sie sich trafen, nachts in ihrer Wohnung, und sie hatten gesehen, daß er sie gesehen hatte.
Und so mußte er sehen, daß er wegkam.

Als er umzog, war Nadine wieder einmal auf einem Kongreß und hielt eine Rede. Nur zwei Bekannte faßten mit an. Später half sie ihm ein bißchen den Flur streichen, aber er mußte ihre Ecken noch einmal streichen, weil sie nur Wolken hinterließ.
Nadine redet ohne Punkt und Komma. Aber nur, wenn sie mit ihm alleine ist. Es stört Alexander nicht, wenn sie den Mantel an den „Aken“ hängt, wenn sie ihren „Rücksack“ nimmt und die Syntax verwechselt, im Gegenteil, aber es stört ihn, wenn sie nur über wissenschaftliche Probleme redet und darüber, was andere Wissenschaftler sagen.
Dieser Redeschwall hinterläßt Schweigen in ihm.
Denn er verdächtigt sie des Verbergens durch Worte.
Und die vielen Themen verpuffen wie Wolken.
Ja, genau solche, wie die, die hier an den Berggipfeln hängenbleiben um gleich darauf vom Wind ins Namenlose getrieben zu werden.
Und die Liebe ist für sie erledigt, wenn der letzte Seufzer getan ist. Nicht, daß es ihr keinen Spaß machen würde, aber es soll auch nicht so viel Zeit kosten. So hakt sie es am Sonntagnachmittag ab, schon in Gedanken bei Heidegger oder Edmund Husserl, über die sie dann auch gleich danach redet.
Sogar im Schlaf ringt sie mit ihren Gedanken und den Gedanken dieser Leute, sie tritt um sich, als ob sie ihre Theorien mit Fußtritten verteidigen müßte. Alexander ist dies zu schmerzhaft, es ist zu eng in ihrem Bett, er kann es nicht mit Heidegger teilen oder mit den anderen Koryphäen, deren Schriften so viel Platz einnehmen, zumindest in ihrem Kopf. Und so schläft er in seinem eigenen Bett, bei sich zu Hause.
Schon lange.
Aber einmal noch ihren Atem im Nacken spüren, einmal noch gemeinsam aufwachen, in einem kleinen Hotel an einem Kanal, über den eine Brücke führt, die sie vielleicht wieder näher bringt?...

Der Zug scheint durch das Gebirge zu schweben, vorbei an schneebedeckte Riesen und hier und da ein Bergdorf mit Zwiebelturm.

„Nein“, hört er sich sagen, „ich habe keinen Fotoapparat, ich kann dieses herrliche Panorama nicht knipsen“. Vor ihm sitzt ein Germanistikstudent, der schon seit einer Weile ein Gespräch mit ihm anfangen will: wie er denn heiße, wie alt er sei, wo er herkäme und was er denn so beruflich mache. So was ist Alexander lästig. Wenn er antworten würde, käme ihm das vor wie eine Rechtfertigung: Was, würde der junge Mann denken, du bist schon mitte Vierzig und hast noch keine Karriere gemacht? Und du kannst dir trotzdem eine Wohnung leisten und diese Reise? Und du bist mit dieser Französin zusammen? Der junge Mann würde innerlich den Kopf schütteln, aber interessiert tun und weiterfragen und Alexander würde sich verheddern und in Widersprüche verfangen. Wie sollte er ihm den Job erklären und seine Herkunft, die ihm nicht gelehrt hat, nichtssagende Konversation zu führen? Und seine Sehnsucht nach Poesie und Geschichten, nach dem Schönen und so etwas wie Harmonie?
Zu kompliziert.
„Ich behalte die Bilder im Kopf“, sagt Alexander, „sie sterben mit mir“.
Die junge Mann blickt verwirrt zu Nadine.
Die stöhnt.
„Der Finger ist nicht der Mond, auf den er zeigt“, sagt Alexander.
„Tja“, denkt er, „passiert, ich kann nicht frei reden wenn Nadine neben mir sitzt. Wenn sie nichts sagt, ist es, als wenn sie mich kontrolliert. Sie redet nie mit mir wenn wir in Gesellschaft sind, sie verleugnet mich einfach, sie berührt mich nicht einmal; es ist schon ein Wunder, daß sie sich überhaupt neben mich gesetzt hat“.
„Steht irgendwo bei den alten Chinesen“, sagt er, „Tschuldigung, muß mal zur Toilette“.

Er steigt über Beine, stolpert durch den Gang, findet endlich die Toilette, schließt die Tür hinter sich, pinkelt in das gurgelnde Klo, wäscht Hände und Gesicht mit kaltem Wasser und drückt die nasse Stirn gegen den Spiegel: „Scheiße! Scheiße! Ich bin nicht mehr ich selber, ich achte nur noch auf sie, nicht auf mich! Ich lasse mich von ihr demütigen und klein machen. Je mehr sie mich mißachtet, um so abhängiger werde ich. Und warum das alles? Wegen ein bißchen Sex am Sonntagnachmittag, alle vierzehn Tage? Sie ist wie ein Sumpf: je mehr ich mich in ihr bewege, um so tiefer sinke ich“! Er drückt seine Stirn noch stärker gegen das Glas des Spiegels, so daß es mit einem häßlichen Knirschen springt und ein kleiner Rinnsal Blut die glatte Oberfläche hinunterrinnt. Erschrocken läßt sich Alexander aufs Klo fallen, mit zittrigen Händen drückt er ein Papiertaschentuch an die Stirn: „Sie lähmt mich. Ich bringe kaum eine Zeile aufs Papier, statt dessen saufe ich und heule in die Glotze. Ich verdiene kein Geld mit meinem Talent, also auch keine Liebe? Und den Job hat sie mir vermittelt, noch nicht einmal so was schaffe ich alleine. Und trotz des Alkohols kann ich nicht mehr schlafen, vielleicht am Anfang, aber jetzt hilft auch der nichts mehr - wenn das so weitergeht, werde ich verrückt“!
Er kann nicht mehr auf der Toilette bleiben, an der Türe klopft es.
Vorsichtig zieht er einen Glassplitter aus der Haut kurz über der Nase – nachher wird er sagen, daß er in einer Kurve gegen den Spiegel gestolpert ist.

Der Zug ist innerhalb weniger Stunden vom Winter in den Frühling gesprungen.

In den italienischen Ausläufern der Alpen blühen die Obstbäume. Alexanders übermüdete Augen erblicken in der hügeligen Landschaft vereinzelt Maulesel mit Karren, die von alten Männern gelenkt werden, und Traktoren, die gemächlich durch gewundene Straßen ziehen.
Kursleiter und Reiseleiterin gehen von Sitz zu Sitz, um die Modalitäten der Übernachtungen zu klären, und was, gleich am nächsten Morgen, als erstes besichtigt wird.

Als sie ankommen, ist es dunkel. Im Laufschritt, mit Reisetasche und Koffer, durch enge Gassen, an dunkelhäutigen Straßenverkäufern vorbei, wird die Gruppe in verschiedene Hotels verteilt. Nadine versucht mit dem Besitzer des kleinen Hotels, in das sie einquartiert werden, Italienisch zu sprechen. Alexander versucht es mit Englisch. Jedenfalls bekommen sie ihren Zimmerschlüssel.
Alexander braucht sein Bier, um schlafen zu können, aber es ist zu spät, und so nimmt er eine Schlaftablette, schlüpft ins Doppelbett und schläft gleich ein.

Das Frühstück fällt aus.
Sie haben kaum Zeit, in einem nahe gelegenen Café ihren Cappuccino auszutrinken.
Lukas, der Kursleiter, drängt.
Sie schließen sich der Gruppe an, es geht im Eiltempo von Kirche zu Gebäude und von Gebäude zu Kirche, deren verschiedene Stile erklärt werden. Das interessiert Alexander nicht, er möchte die Atmosphäre aufnehmen, die Gerüche, die Gesichter und Bewegungen der Menschen, und die Gebäude bewundern, ohne wissen zu müssen, welcher Architekt und welche Epoche und welcher Stil. Was diese Stadt ausstrahlt zu seinem eigenen Film machen, der in seinem Kopf spielt, wo sonst? Das sagt er Nadine, die in diesem Fall seiner Meinung ist, aber nun gehöre man der Gruppe an und müsse ihr folgen.
Alexanders Ischias macht sich bemerkbar. Er muß sich ständig setzen, auf irgendeinen Stuhl, auf eine Bordsteinkante, oder einen Mauervorsprung. In den Kirchen ist es einfach, dort gibt es Bänke auf die er sich setzen kann, zwischen einheimischen Gläubigen, die Gebete murmeln, mit gesenktem Blick und einem Taschentuch in der Hand, meist alte Frauen in schwarzer Kleidung, deren Körpergeruch sich mit dem Geruch von Kernseife mischt, die Gesichter faltig, bäuerlich, einfach. Ihr Leid läßt keinen Raum für die Frage, ob Raffael oder Tizian die Figur gemacht hat, zu dessen Füßen sie sitzen.
Alexander hört nun gar nichts mehr von Lucas Erklärungen, nur einzelne Wörter wie Manierismus oder Mittelalter, die sich aber mit den anderen Geräuschen vermischen, die von allen Seiten kommen und sich zu einer Melodie wie gesummt vereinen. Dies gefällt ihm, er setzt sich jetzt öfter abseits, auch wenn er keine Schmerzen hat. Er beobachtet Nadine, die sich mit einigen Leuten unterhält. Ihre ausladenden Bewegungen dabei, das Gestikulieren ihrer Hände, das Strahlen ihrer Mandelaugen, macht sie so lebendig. Sie hat Charme, der durch ihren französischen Akzent noch unterstrichen wird, und sie kann den Clown spielen, vor allem, wenn sie von ihren Katzen und Hunden erzählt, die sie über alles liebt und denen sie in ihren Schilderungen menschliche Stimmen verleiht, meist lispelnd mit kindlicher Attitüde und unterschiedlicher Stimmlage. Alexander hört nicht, was sie den Leuten erzählt, aber sie lachen, und keiner würde ihm glauben, wenn er sie so schildern würde, wie er sie kennt. Nur er weiß, daß sie von einem Moment zum anderen ihre Stimmung wechseln kann, wie ihr Lachen in Aggressionen umschlägt, wie ein zärtlichwarmer Ton plötzlich hart und grausam wird, mitten im Satz, fast wie bei einem Stimmbrüchigen, wie sie dann wolfsähnlich aufheult und mit den Füßen Türen und Schränke traktiert – es ist, als ob sie sich selber schlägt, sich auf einmal nicht mehr leiden kann, sich vielleicht nie leiden kann und dies nur mit ihrem Charme verdeckt und es manchmal nicht gelingt und ihr Schmerz zutage tritt, der ihr ständiger Begleiter ist und dessen Herkunft Alexander ahnt, aber nicht zu nennen wagt. Diesen Schmerz hat Alexander ihr nehmen wollen, oder wenigstens mittragen helfen, er hat ihr die Tränen von den Augen geküßt, sie in den Armen gewiegt wie ein kleines Kind, und ihr zugehört, wenn es aus ihr ausbrach, wenn die Wut sie packte oder die Angst.

So hat er sich gerne gesehen, als verständnisvoller Partner, als jemand, auf den sie sich verlassen kann. Er hat ihr gegeben, was er selber braucht, und erwartet, daß er es von ihr bekommt.
Aber er kann nicht mehr.
Und er weiß nicht, warum er trotzdem an ihr hängt.
Wehr dich – warum wehrst du dich nicht?
Auch das weiß er nicht.

Einmal hatte sie ihn gewarnt - sie erzählte ihm, wie sie, als kleines Mädchen, eine Grippe hatte, da brachte ihr Vater eine Packung Buntstifte mit, aber es waren nicht die richtigen. Und sie schickte ihn wieder fort, sie umzutauschen, und er ging. Aber die Buntstifte waren zwanzigmal nicht die richtigen. Und der Vater ließ sich zwanzigmal schicken. Ja, sagte sie, der Vater blickte zu Boden, aber er ging, um ihre Wünsche zu erfüllen und er wäre noch zwanzigmal gegangen, aber dann hatte sie ein schlechtes Gewissen und die letzte Packung Buntstifte blieb in der Schublade.

Am Abend tröpfelt Alexander Olivenöl über die wagenradgroße Pizza, die er sich zusammen mit einer Karaffe Rotwein bestellt hat. Die Frau des Richters sitzt mit am Tisch und beklagt ihr Schicksal. Nadine eröffnet ihr genervt, wie man Männer zu behandeln hat. Eine gehörlose Frau geht durch die Tischreihen und bietet Schlüsselanhänger an. „Es gibt keine Sozialhilfe hier“, sagt Nadine zur Richterfrau, mit einem Seitenblick auf Alexander. Alexander versteht schon, aber er will sich diesmal nicht aus der Ruhe bringen lassen, nach einem Tag wie diesen, an dem er der Gruppe hinterhergehinkt war, voller Schmerzen, die auch nicht nachließen, als sie mit diesen kleinen Schiffen, den Vaporettos, durch die Wasserstraßen Venedigs fuhren. Auf diesen Verkehrsmitteln war von Hinsetzen keine Rede. Dort wurde er stehend eingequetscht zwischen Einheimischen und Japanern und Engländern und was noch alles und Koffern und Rucksäcken. Ihm war schlecht geworden von dem Schaukeln und der Enge, und er hatte den ganzen Tag nichts essen können, er wäre auch sowieso nicht dazu gekommen, weil Lukas die Gruppe unbarmherzig weitertrieb. Und von den vielen Eindrücken, die alle mit konservierter Kunst zu tun hatten, ist nichts wirklich im Gedächnis haften geblieben. Zwischen all diesen Altertümern und Buntheiten gab es nur zwei Augenblicke, die ihn beeindruckt hatten: ein alter Venezianer auf einen dieser Linienboote, vielleicht auf dem Weg ins Büro, der, unbeeindruckt von dem Wirrwarr um ihn herum, in Mantel und Hut und Brille mit Goldrand, stehend in seiner Zeitung las, mit dem scharf geschnittenen Gesicht eines Patriziers und kerzengerade. Dann, am Rande des Markusplatzes, der Pianist, der einen langsamen Blues spielte, in einem leeren Straßencafé, ganz für sich, im Smoking, um den Hals einen weißen Schal, auf dem Klavier ein Glas Rotwein, und die Klaviertöne perlten über die leeren Tische.

Im Hotelzimmer versucht Alexander Nadine noch einmal beizubringen, daß diese Hetzerei mit der Gruppe für ihn eine Qual ist.
„Dann geh doch alleine“!
Er rennt aus dem Zimmer, auf die Straße.
Die Touristenströme sind versiegt, die Restaurants sind geschlossen, aber ein McDonald-Laden hat noch auf. Alexander kippt vier, fünf Bier aus Plastikbechern. Als er zurückkommt, schläft Nadine, oder sie tut so.
Die Nacht wird lang, das viele Bier treibt ihn ständig zur Toilette. Zwischendurch lauscht er ihrem Atem und dem Plätschern des Kanals, der an den Holzläden des Fensters vorbeiführt.
Als er schließlich einschläft, wird er gleich wieder geweckt: „Titou“, flüstert Nadine in sein Ohr, sie schmiegt sich an seinen Rücken und er spürt die Konturen und die Wärme ihres Körpers. „Du attest recht, gestern Habend - ich möchte zum Canale Grande, den Sonnenaufgang sehen“.

Hier und da hasten Venezianer vorbei, außer ihren Schritten ist nur das Gurren der Tauben zu hören. „Wie die Geräusche widerallen“, sagt Nadine. Ein Venezianer, mit Sonnenbrille, obwohl es noch dämmert, bleibt für einen Moment stehen und spricht in sein Mobiltelefon. Andere verschwinden in einem winzigen Café und sind nach wenigen Minuten wieder draußen. Als Nadine sieht, wie erstaunt Alexander diese Szene beobachtet, sagt sie, ohne Akzent: „Im Süden frühstücken die Leute nicht zu Hause, sie frühstücken gar nicht, sie essen erst am Abend richtig, mit der Familie, hier trinken sie nur einen Espresso, wußtest du das nicht?“ „Nein“, sagt er und denkt: „Sie ist so freundlich heute Morgen, sollte es doch noch Hoffnung geben“?
Sie gehen in das Café, bestellen Capuccino und Hörnchen aus süßem Blätterteig und Nadine hat schon einen Plan, während Alexander noch den Cafébesitzer bewundert, der geschickt mit Espressomaschine und Tassen und Löffel hantiert, wie ein Jongleur im Zirkus, während er gleichzeitig mit seinen venezianischen Gästen redet, die, jedesmal wenn er sich umdreht, andere sind.
Auf dem Markusplatz fotografiert Nadine Tauben, die in einem Brunnen baden, und am Canale Grande steht ein Japaner, der die Sonne fotografiert, die groß und rot aus dem Wasser auftaucht, um gleich darauf vom Morgendunst verschluckt zu werden. Es ist kühl. Alexander knöpft seine Windjacke zu und setzt die Wollmütze auf. Nadine studiert im Gehen den Stadtführer. Sie gehen durch enge Gassen, über jahrhundertealtes Kopfsteinpflaster, vorbei an kleinen Geschäften, in deren Auslagen Juwelen oder Wurstwaren oder Souvenirs, wie venezianische Masken oder Fotos von den Sehenswürdigkeiten der Stadt, zu sehen sind. Eine Frau müht sich mit einer lebensgroßen männlichen Schaufensterpuppe ab, die sie vor ihr Geschäft postiert und die wohl auf den jährlichen Karneval aufmerksam machen soll, aber vielleicht ist ja hier ständig Karneval. Die Puppe ist mit einem dreieckigem Hut bekleidet und Rüschen und einer Spitzmaske, die Augen und Nase verdeckt, so daß die rotlackierten Lippen um so deutlicher hervortreten. In einigen Winkeln, zwischen bröckelndem Mauerwerk, über den Köpfen der Passanten, verstecken sich kleine Marienaltäre, die mit frischen Schnittblumen geschmückt sind, beleuchtet von Kerzen in rötlichen Glas- oder Kunststoffbehältnissen. Die Gassen führen zu Plätzen mit Reiterdenkmälern und marmornen Brunnen, neben denen bunte Kioske stehen, die jetzt schon, am frühen Morgen, geöffnet sind. Nadine fotografiert Fassaden und Fensterläden mit Blumentöpfen, und kleine Brücken, es gibt hunterte davon und jede anders. Kunstvoll geschmiedete Balkongitter fallen auf, umrankt von Kletterpflanzen, die bis in den darunterliegenden Kanal reichen. Die Sonne, die mittlerweile den Dunst vertrieben hat, glitzert in unzähligen kleinen und großen Wasserstraßen, über die kleine Boote schippern, um Restaurants und Hotels mit Lebensmitteln und allem, was sonst noch gebraucht wird, zu versorgen. Auch die Marktplätze füllen sich, meist noch mit Einheimischen, und an den Ständen schreien und singen die Marktleute um die Wette, wie in einem Film von Fellini und als wollten sie ihrem eigenem Klischee entsprechen.

Plätze und Gassen füllen sich mit japanischen, englischen, amerikanischen, französischen und deutschen Touristen. Nadine und Alexander kaufen sich in einem kleinen Laden italienisches Weißbrot und Salami. Die Restaurants sind teuer, und warum sollen sie nicht einmal im Hotelzimmer essen?

Das Zimmer ist aufgeräumt, das Doppelbett mit einer Tagesdecke bespannt, es riecht nach Putzmittel und frischer Bettwäsche. Nadine möchte, daß die Fensterläden geschlossen werden, hier im Süden machen das alle so, sagt sie, denn jetzt ist Mittag und am Mittag ist Siesta. Man hört Stimmen von unten, aus den Privaträumen des Hotelbesitzers. Ein Kind weint, eine Frau singt es in den Schlaf. Während Alexander sich mit den Fensterläden abmüht, sie klemmen, sieht er, daß auf dem Fensterbrett eine Ameisenstraße entlang führt. Er will es Nadine sagen und dreht sich um. Da steht sie, vollkommen nackt, zwinkert ihm zu und wackelt mit dem Hintern:
„Isch abe Luuust“! sagt sie.
„Aber ich stinke nach Schweiß“, erwidert Alexander mit belegter Stimme, „ich muß erst duschen“.
„Isch gomme miit“, sagt Nadine, „isch abe eees noch nie unter der Dusche gemacht.“
Sie versuchen es, das Wasser läuft über ihre Körper und über ihr dunkles Schamhaar, das sich langsam zu öffnen beginnt, aber sie können sich nirgends festhalten, es gibt keine Duschwände, die Brause ragt aus der Decke, mitten im Bad, und die Fliesen sind glitschig und Nadine ist zu klein oder Alexander zu groß und er muß dabei in die Knie gehen, die nach einer Weile zu zittern beginnen, und dann sein Ischias.
„Es geht nicht“, sagt er.
„Isch abe aber Luuust“, sagt sie.
„Komm, laß uns ins Bett gehen“, sagt er.
Das will sie nicht, sie will es in der Dusche machen und legt sich auf die nassen Fliesen.
„Komm“!
Alexander dringt vorsichtig in das rosa Schimmern zwischen ihre geöffneten Beine, sie kommt ihm entgegen, sie bewegen sich in einem kleinen See, der von Minute zu Minute größer wird, und dann hat er für einen Moment das Gefühl, als löse er sich auf, so wie sich Salz in Wasser auflöst, und das Wasser fließt in den Canale Grande und vom Canale Grande ins Meer.
Aber es ist nur in das Hotelzimmer geflossen.
„Merde“!
Nadines Schrei läßt ihn seine Augen öffnen. Er begreift nicht sofort, springt dann aber auf und dreht die Dusche ab. Nadines lange schwarze Haare kleben an Kopf und Schultern. Sie trocknen sich ab, wischen mit denselben Handtüchern den Fußboden und hoffen, daß nichts durch die Decke gedrungen ist.

Das Vaporetto hüpft über den Kanal.
Im Hotelzimmer hatten sie noch schnell die Salami gegessen und beschlossen, ins Guggenheimmuseum zu fahren, das kleine Museum, an dem das Herz der jüdischen Kunstmäzenin besonders gehangen haben soll, und in dessen Hinterhof sie sich begraben ließ.
Nadines Haare trocknen im Fahrtwind.
Alexanders schütteres Haar ist schon lange trocken.
Er staunt über ihr Schweigen.
Sie hat, seitdem sie in dieser Stadt sind, in seiner Gegenwart nicht einmal über Wissenschaft geredet, und er dachte, sie sei abgelenkt von den vielen Eindrücken, und überhaupt, die Atmosphäre des Südens täte ihr gut, die verwandte Mentalität zu ihrer Heimat, und so wäre ihre bessere Laune zu erklären, und wenn dem so sei, würde er es sich noch einmal überlegen, ob er nicht doch mit ihr in den Süden ziehen soll, also nach Korsika, oder so.
Aber das ist es nicht, seit dem Hotel hat Nadine überhaupt nicht mehr den Mund aufgemacht. Sie starrt vor sich hin, mit diesem Gesichtsausdruck, den Alexander nicht leiden kann, und er staunt nicht mehr, sondern ist beunruhigt, denn ihr Mund steht offen, die Unterlippe hängt herunter, die Augen sind leer. Er weiß, daß sie jetzt eine andere ist, gereizter und nervöser, daß sie Streit suchen wird – und findet.
Er wird ihr aus dem Weg gehen müssen.
Statt dessen sucht er ihre Nähe, weil er denkt, er müsse ihr helfen, weil er eine Vermutung hat, weil er auffangen will, was hinter ihrer plötzlichen Streitsucht liegt, ihrer Verbohrtheit und Wut. Aber ihre Worte werden wie Pfeile sein, abgeschossen mit einer Schnelligkeit, der er nicht folgen kann, weil er noch mit dem ersten Pfeil zu tun hat, während schon der nächste trifft, mit einer Härte, die er nicht vertragen kann. Und die Pfeile sind vergiftet und werden am Ende tödlich sein, vermutet Alexander.
Er berührt ihre Schulter:
„Wo bist du?“
Sie zuckt zusammen.
„Iiin meinerr Welt!“
Ihr Gesicht sieht um Jahre älter aus, irgendwie schief, der ganze Körper ist verschoben, die Hände abgespreizt wie bei einer Holzpuppe.
„Wo ist deine Welt?“
„Iiiiiiiiiiii!!!!!!! – Iiiiiiiiiiiii!!!!!!!!“
Sie tritt gegen die Bordwand des kleinen Schiffes, die Schiffswand dröhnt und übertönt für einen Moment das Tuckern des Motors. Leute drehen sich um. Sie muß sich weh getan haben, aber sie sagt ganz ruhig:
„Ich habe ein Recht auf meine Welt!“
Dann drängt sie sich durch Koffer und Menschen, bleibt ein paar Schritte weiter stehen, um von dort aus Löcher in die Luft zu starren, nicht weit von ihm, sie sind nur durch wenige Menschen getrennt, und Alexander kann sehen, wie ihr Körper zittert, wie sich ihre Hände zu Fäusten ballen, sich ihr Kopf ruckartig hin und her bewegt, als folge sie den vom Schiff aufgepeitschten Wellen, oder als verweile sie für Momente in den von ihr selbst erzeugten Luftlöchern.
Alexander fühlt sich schuldig, wie immer in solchen Momenten, obwohl er sich keiner Schuld bewußt ist. Und er fühlt sich nicht zum ersten Mal wie ein Trottel, den man an irgendeiner Ecke stehen gelassen hat, weil er lästig wurde, oder weil er stört, bei Dingen, die wichtiger sind als er, oder zu sein scheinen.
Sie geht ihm verloren, Stück für Stück, das spürt er.
Bei diesem Gedanken möchte er am liebsten über Bord springen und nach Hause schwimmen. Aber er springt natürlich nicht, er kommt sich schon lächerlich genug vor.
Statt dessen denkt er an die kleinen Momente, in denen sie sich nahe waren, wenn er ihren Nacken küßte und sie „noch einmal“ sagte oder wenn sie Hand in Hand an einem See entlang spazierten oder damals, ganz am Anfang, als sie ihm die Arme um den Nacken legte und die Beine hinter seinem Rücken verschränkte und er sie zum Bett tragen mußte. „Es at gerufen“, hatte sie ihm ins Ohr geflüstert, „iich abe ees genau geörrt“.
Sie scheint einem dieser Chansons von Juliet Creco oder Barbara oder Jack Brel entsprungen zu sein, die sich manchmal heiter anhören, aber voller Traurigkeit sind - nur daß sie sich nicht auf dem Plattenteller dreht, sondern in seinem Kopf und in seinem Bauch.
Alexander beugt sich über die Reling, es steigt ihm aber nur bis zur Kehle, zu viele Menschen um ihn herum, und so trottet er, als das Vaporetto anlegt, mit bitterem Geschmack im Mund, hinter Nadine her, wie betäubt.
Nach einigen Metern bleibt Nadine stehen, um auf Alexander zu warten. Sie hakt sich bei ihm unter. Nach drei, vier Schritten, die sie gemeinsam gehen, hebt sie seine Hand an ihren Mund und drückt einen Kuß auf die Innenfläche – „Ich ab disch lieeeb!“ Und wie so oft ist dieser Satz der Strohhalm, nach dem er greift, der ihn beruhigt und glauben läßt, es wäre alles nicht so schlimm, und mit ein bißchen Mühe werde es schon gehen.

Vor dem Museum treffen sie einige Leute von der Reisegruppe, die auch nicht mehr hinter dem Kursleiter hertapern wollen. Nadine verschwindet in ihrer Mitte und ist für Alexander nicht mehr zu sehen. Ab und zu hört er ihr Lachen aus einem der vielen, verwinkelten Ausstellungsräume, während er alleine die Bilder betrachtet, die er mit ihr diskutieren wollte, um einen gemeinsamen Blick herzustellen, eine geistige Welt, in der sie beide zuhause sein könnten. Aber so hat er kein Interesse mehr, geht achtlos an Max Ernst, Kokoschka und Picasso vorbei, möchte Skulpturen umwerfen und bleibt dann doch vor einem Bild stehen, daß ihn irgendwie anspricht, zunächst nur wegen der Farben Braun und Blau und Rosa und ein bißchen Grün; und als er es näher betrachtet, sieht er einen Esel in einem Holzhaus, der in der offenen Tür steht und träumt er sei ein großes, braunes Pferd, an dessen Hals sich eine weiße Stute reibt, und der Schatten des Traumes liegt vor der Stalltür, und über den Schatten stolpert ein besoffener Mann mit offenem Mantel, weil er eben erst gegen eine Wand gepißt hat, schon in gefährlicher Schräglage, und er will in die nächste Holzhütte, die eine Bar ist, in der er seinen Kummer endgültig ersäufen kann.
Zwar gibt es auf dem Bild noch einen rosa Baum, über dem, zwischen dunklen Wolken, ein Mann mit einem Krummstock eine bockige Ziege prügelt, aber das sieht Alexander erst, als er das Bild als Plakat gekauft hat und es im Wechselrahmen bei ihm Zuhause an der Wand hängt.

Der Schmerz in seinem Rücken zieht sich bis in die Füße und weit und breit nichts zum hinsetzen. Alexander humpelt aus dem Museum. Er setzt sich auf die Steintreppen eines Seiteneingangs, sie sind von der Sonne ganz warm, und lehnt sich an die Mauer, die ihre Wärme an seinen Rücken abgibt. Während die Schmerzen langsam nachlassen, fällt sein Blick in den nahen Hinterhof: Pinien und andere exotische Bäume, Buschwerk und Blumen. An einem gesonderten Platz liegt das Grab von Peggy Guggenheim. Sie liegt dort nicht alleine: eine Liste mit Fotos und Namen zeigt ihre Hunde, die sie nacheinander ein Leben lang begleitet haben. „Soviel zu menschlichen Beziehungen“, denkt Alexander.
Er zieht einen Notizblock aus der Innentasche seiner Windjacke, Ansätze zu einem Gedicht sind ihm eingefallen, doch er schreibt es nicht auf, Erinnerungen kommen dazwischen, wie sie sich kennengelernt haben vor sechs Jahren in einer Schreibwerkstatt, in die er schon seit langem ging. Alexander war krank gewesen, und als er wieder gesund war, war da Nadines Gesicht zwischen den altbekannten Gesichtern. Sie saß ihm gegenüber, auf der anderen Seite der zusammengeschobenen Tische, ihre langen dunklen Haare zu einem Knoten gebunden, oben auf dem Kopf, nicht hinten. Das fand er lustig. Aber ihr Gesicht wurde von einer schwarzen Hornbrille verdüstert und von den Mundwinkeln, die nach unten, auf ihre verknoteten Beine hinwiesen, die in halblangen Stiefeln steckten, in denen sie außerdem ihre Hosenbeine gestopft hatte.
Knoten auf dem Kopf, verknotete Beine und ein griesgrämiges Gesicht, das war also sein erster Eindruck, diese Gleichzeitigkeit von Lustig und schlechter Laune, was ihre Beine verkrampfen ließ und ihr Gesicht.
Alexander war sofort von ihr eingenommen, er konnte seinen Blick nicht mehr von ihr wenden, verteidigte ihre extrem konstruierten Texte, die auch er nicht wirklich verstand und begleitete sie mit dem Fahrrad ein Stück Weg nach Hause und war schon nicht mehr überrascht, als sie die Vorfahrtsregeln und Ampeln einfach nicht zu beachten schien und behauptete, sie sei eine Anarchistin und Regeln kämen für sie nicht in Frage. Später erfuhr er, daß sie gerade erst, als erwachsene Frau, Fahrradfahren gelernt hatte, und sie nur zu stolz war dies zuzugeben.
Sie besuchte ihn einigemale, brachte Texte mit, die er mit ihr durchgehen sollte, aber sie redeten und redeten, und er war gerne in ihrer Nähe, spürte aber eine Gefahr, die er nicht benennen konnte. Er war ein wenig verliebt, wollte sich ihr aber vorsichtig nähern, sie langsam kennenlernen, er hatte Zeit, war seit Jahren alleine, da kam es auf ein paar Monate nicht an. Inzwischen brachte er sie zum Lachen, damit sich ihre Gesichtszüge entspannten, es war anstrengend, aber es klappte. Dann fand er ein dunkles Haar auf dem Teppich und er freute sich auf das nächste Treffen, bei dessen Abschied er sie in die Arme nehmen wollte, mehr nicht. Sie hatte schon ihren Fahrradkorb mit Texten und Büchern in der Hand als er sie umarmte, da hörte er einen lauten Bums – sie hatte den Korb auf den Boden geworfen, damit sie die Arme frei hatte, mit denen sie ihn griff und nicht mehr los ließ; sie küßte ihn auf den Mund, zog ihn zum Sofa, sagte, daß es nicht leicht werden würde, sie sei eine Klosterschülerin, dann zog sie sich aus, und Alexander machte mit und fühlte sich wie in einem Film.

Irgendwann, Alexander weiß nicht, wieviel Zeit vergangen ist, steht Nadine vor ihm und fordert ihn auf, mitzukommen - sie will mit der Gruppe zum Lido, er wisse schon, der Strand, an dem in dem Film „der Tod in Venedig“ die letzte Szene spielt. Alexander starrt sie an wie einen Geist, denn obwohl Nadine direkt vor ihm steht, klafft ein Abgrund zwischen ihnen, und bei näherer Betrachtung führt dieser Abgrund in eine Art Höhle, ja, in eine Tropfsteinhöhle deren Stalaktiten zersplittert auf dem Boden herumliegen; Stalaktiten, die nur durch seine Hoffnung gewachsen waren, die Hoffnung, sie würden einander angehören, den ganzen Rest; jetzt erkennt er, daß diese Hoffnung nur ein Schein ist, der unruhig die Höhle ausleuchtet, und die Scherben glitzern kalt zurück.
Alexander erhebt sich von der Treppe, wie in Trance, und wenn sie gesagt hätte, sie wolle nach Moskau, er wäre auch mitgegangen, denn er ist plötzlich so müde, als hätte er noch nie geschlafen. Trotzdem bemerkt er die Distanz der Leute zu ihm, die fragenden Blicke – er fragt sich, ob er torkelt oder was, oder aussieht wie ein Alien, und möchte ihnen in die Fresse schlagen oder auf die Eierköpfe, in denen sie ihre abstrakten Gedanken ausbrüten über Kunst, Literatur und sonst was – aber seine Arme hängen an ihm wie Blei.

So trottet er mit der kleinen Dissidentengruppe, wie er sie getauft hat, aufs Schiff, wieder in diese Enge, in der beschlossen wird, sich am nächsten Tag nun doch noch einmal den anderen anzuschließen, da es einen Ausflug nach Padua gibt, den keiner verpassen will. Alexander nickt nur, ihm ist alles egal; er kriegt den Zusammenhang Venedig - Tropfsteinhöhle nicht mehr auf die Reihe, und als er im Sand des Lidos liegt, murmelt er vor sich hin bevor er einschläft, und irgendwie rauscht da das Mittelmeer und der Sand ist warm und riecht nach Salz und Muscheln und dem Muff von Generationen von Touristen.

Am nächsten Tag hat er einen Kater.

Die Frau des Richters hatte einen ausgegeben am Abend und noch einen und noch einen... und er mußte sich dafür ihre Geschichte anhören, an dem langen Tisch, an dem alle saßen und tranken und aßen: der Kursleiter, die Reiseleiterin, die Gruppe. Man hatte Alexander geweckt am späten Nachmittag, weil er langsam rot wurde in der Sonne, und sie waren in die Stadt zurückgekehrt und auf die große Gruppe gestoßen. Dann war man eingekehrt, weil mal wieder alle beisammen sein sollten, bei italienischem Wein und Antipasti und Meeresfrüchten und Spaghetti. Und nach der fünften Karaffe Wein hatte Alexander einen Täuberich nachgemacht: „Brrrr... Brrrrr....“ und die Leute gefragt, ob nicht alle so umeinander herlaufen würden wie diese Ratten der Luft und sich dabei in die Brust werfen – „seht es euch doch an das Spiel, hier habt ihr die Gelegenheit – und, seh` ich heute nicht aus wie ein Pavian? - und nicht nur weil ich in der Sonne gelegen habe - fehlt nur noch der rote Arsch - und wir Menschen sind doch sowieso nur verkleidete Affen - die Weibchen wollen die Sicherheit und die Männchen die Kontrolle“.
Man hatte gedämpft gelacht, da sei was dran, und die Distanz war noch größer geworden.
Er ist dann alleine ins Hotel gegangen.
Als Nadine kam, schlief er schon.

Im Zug nach Padua schläft er schon wieder.

Erst in der Stadt kommt er auf die Beine, aber er setzt sich gleich wieder, in der Grabeskirche des Heiligen Antonius, ganz hinten in die letzte Bankreihe; der Alkohohl verflüchtigt sich, nur nicht seine Scham wegen Gestern. Nadine hatte nicht mehr mit ihm gesprochen seitdem, auch nicht am Morgen im Hotel.
„Herr, hilf mir, ich weiß nicht mehr weiter“, flüstert er. Er möchte diese Bitte laut hinausschreien – wenn nicht die vielen Leute um ihn herum wären, Touristen natürlich, aber auch eine Menge einheimischer Pilger und Bittsteller, die gekommen sind, um den Heiligen Antonius ihre Sorgen anzuvertrauen, der, aufgebahrt in einem riesigen gußeisernen Kasten ganz in der Nähe des Altars ruht, um ihn herum der Geruch von Kerzen und Weihrauch. Die Leute kommen, um ihn um Hilfe zu bitten für ihre Kinder oder Eltern oder für die Verstorbenen. Sie können weinen, sie können glauben, sie können hoffen, so wie sie dastehen, Männer und Frauen in schwarz, einige Frauen verschleiert, in tiefer Zwiesprache mit dem großen Toten; und sie heften Bilder ihrer Lieben an den Sarg und Bitten und Danksagungen. Auch Alexander hat einen Glauben, nur nicht so einen naiven wie die Leute hier, auch wenn er weiß, daß dies das Beste wäre, denn manchmal stehen ihm seine Vorbehalte und philosophischen Spitzfindigkeiten im Wege. Und weil Spiritualität und Glaube ein Streitpunkt ist zwischen Nadine und ihm, ist es sinnlos mit ihr darüber zu sprechen; sie blockt jedes Gespräch darüber ab, denn sie glaubt ja an die Wissenschaft. Einmal hatte sie ihm erzählt, daß ihre Lehrerinnen Nonnen waren, und wenn sie jemals einen Glauben gehabt habe, dann hätten ihn diese Nonnen ausgetrieben, die streng und unbarmherzig Leistung von ihr verlangt hätten, ohne sie jemals zu loben. Erst nach einer Beschwerde ihrer Mutter hätten sie zugegeben, daß Nadine zu den Besten gehöre, aber auch das hätte sie erst Jahre später erfahren. Vielleicht hat sie das zur Wissenschaft getrieben, zur Forschung, die niemals ein Ende finden wird, vermutet Alexander, weil, wenn eine Frage beantwortet ist, stellen sich hundert neue. Und genug ist nicht genug, jedenfalls nicht für Nadine; so geht es seitdem, und sie hat nicht aufgehört damit, als ob sie immer noch beweisen müßte, daß sie die Beste ist, und als ob sie immer noch auf ein Lob wartet von diesen alten vertrockneten Nonnen, die einem Kind nicht einmal ein wärmendes Lächeln gönnten, weil sie neidisch waren auf dessen Lebendigkeit und Frische. So ist sie zu eine Art Menschenfresserin geworden, die nur ihre Wissenschaft kennt und liebt - entweder paßt man sich ihr an oder man wird gefressen - in beiden Fällen ist man verloren. Alexander weiß nicht, ob dieses Urteil zu hart ist, aber eins weiß er: Wissenschaft trennt.
Alexanders Blick sucht Nadine, aber sie ist nicht in der Gruppe. Schließlich sieht er sie, etwas abseits, hinter einer kleinen Gruppe verschleierten Frauen, die inbrünstig, durch ihre verzierten Schleier, zum Heiligen Antonius beten; eine berührt mit einer Hand den Sarg, mit der anderen hält sie ein Gebetbuch. Nadine zittert, ihre Arme hängen herab, sie schwankt und kann sich kaum auf den Beinen halten. Sofort rennt Alexander zu ihr. Er führt sie vorsichtig aus der Kirche auf den Kirchplatz, vorbei an den vielen Buden mit den kitschigen Souvenirs. In einer stillen Ecke setzen sie sich. Nur langsam beruhigt sich Nadines Atem, sie hatte die ganze Zeit geweint, als ob sie ersticken müßte. Alexander hält sie im Arm, bis auch ihr Zittern nachläßt. „Schon gut“, sagt sie, „es waren nur sentimentale Erinnerungen an früher, an Korsika und Südfrankreich“. Dann läßt sie ihn alleine in der Ecke sitzen und geht zurück in die Kirche, zur Gruppe.

Am Abend im Hotel packen sie die Koffer. Nadine redet wieder über ihre Wissenschaft, ohne Punkt und Komma, während Alexander zuhört und doch nicht; was soll er sagen, ohne zu provozieren? Er geht mit zum Abschiedsessen, betrinkt sich wieder, sagt aber weiterhin kein Wort, auch nicht im Zug, am nächsten Tag. Nadine hält sich bei der „Dissidentengruppe“ auf, sie sind ausgelassen, man ist sich näher gekommen, die Reise ist schon Erinnerung, zersplittert in Anektoden, die ausgetauscht werden und über die man lacht.

Als sie schon fast zu Hause sind, wischt Alexander mit der Hand über das Fenster des Abteils, so, als ob er die Dunkelheit vom Fenster wischen will.

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