Der himmelblaue Schmengeling
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Glück ist für jeden etwas anderes. Unter der Herausgeberschaft von Katharina Joanowitsch versuchen unsere Autoren 33 Annäherungen an diesen schwierigen Begriff.
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April 2003
Tango Argentina
von Josèphine Moser


Carolin
Als ich an diesem Morgen aufwachte, rieb ich mir verwirrt die Augen und fragte mich verwundert, wo ich war. Doch dann dämmerte es mir. Ich befand mich auf meiner Hochzeitsreise in einem wunderschönen Hotel in der Hauptstadt von Argentinien, in Buenos Aires.
Mein Mann Pasquale, gebürtiger Argentinier schnarchte leise. Ich gab ihm einen Klaps auf die Schulter, worauf er sich seufzend umdrehte und dann leise weiterschnarchte.
Vor vier Wochen fand die Hochzeit statt. Bei der Erinnerung daran lächelte ich. Es war ein wunderschönes Fest gewesen. Strahlendes Wetter und viele eingeladene Gäste. Nur leider war Pasquales Familie verhindert worden. Ein plötzlicher Todesfall, Pasquales Grossvater, war die Ursache, weshalb ich seine Familie erst jetzt kennenlernen konnte. Heute, ja heute war der grosse Tag. Heute würde ich Pasquales Familie kennenlernen. Bei diesem Gedanken überfiel mich ein komisches Gefühl. Zwar hatte mir Pasquale oft von seiner Familie erzählt, hatte Fotos gezeigt und mir alles über sie erzählt, doch nun war ich ehrlich gesagt ziemlich aufgeregt.
„Carolin?“ Mein Mann war inzwischen aufgewacht.
„Hm?“
„Bist du aufgeregt wegen heute Mittag?“
„Ja“
„Weißt du, sie sind manchmal etwas... wie soll ich sagen? Vielleicht werden sie etwas abweisend sein. Aber das musst du nicht persönlich nehmen, sie sind einfach so. Sie sind sehr an ihr Land gebunden und haben es im Grunde genommen nicht gerne gesehen, dass ich eine Ausländerin geheiratet habe.“
„Ach Pasquale! Warum musst du mir solche Angst einjagen? Was soll ich denn nun erzählen? Welche Art von Menschen mögen sie?“
„Weißt du was? Sei einfach du selbst. Vielleicht mögen sie dich, vielleicht auch nicht. Sieh mal, wir sehen sie ja nicht so oft.“
„Sind sie wirklich so schlimm?“
„Noch viel schlimmer“, Pasquale lachte. „Nö, sie sind die süsseste Familie, die ich kenne. Wirklich“
Na ja. Inzwischen hatte ich schon so viel von dieser Familie gehört, dass ich mich wirklich auf alles gefasst machte.

* * *
Carolin
„Bereit?“
„Jj... ja, okay.“ Ich holte tief Luft. Dann drückte ich auf die altmodische Klingel und setzte mein allerbestes Lächeln auf, bei dessen Bewegung mir unwillkürlich die Mundwinkel schmerzten, da ich schon den ganzen Morgen vor dem Spiegel geübt hatte.
Lange Zeit rührte sich nichts. Dann wurde die Tür mit Schwung aufgerissen. Vor mir standen fünf imposante Personen, die auch nicht im Geringsten mit Pasquale zu vergleichen waren, da sie alle etwa doppelt so breit waren wie er.
„Pasquale!“, eine Frau, wahrscheinlich Pasquales Mutter, stürzte sich auf ihn. Nun brach ein Tumult los. Alle stürzten sich auf Pasquale. Auf mich fielen neugierige Blicke, doch ich wollte mich nicht gleich aufdrängen und hielt mich abwartend zurück.
Schliesslich standen alle wieder in Reih und Glied und nur etwas zerzauster als vorher, da. Pasquale räusperte sich. „Nun, dd.. das ist meine Frau, Carolin.“ Dabei stotterte er ein wenig. Mit Beruhigung merkte ich, dass auch er ein wenig aufgeregt war.
Ich lächelte freundlich. „Hi.“, sagte ein pummeliges Mädchen von ungefähr sechzehn Jahren. „Hi.“, antwortete ich. „Hi.“ sagte nun auch Pasquales Mutter. „Hi.“ antwortete ich wieder. „Hi!“ schon etwas fröhlicher trat der einzige Herr, Pasquales Vater, wie ich annahm, nach vorne und drückte meine schweissnasse Hand. Er stellte sich vor. „Ich bin Enrique, Pasquales Vater.“ „Freut mich. Ich bin Carolin.“
„Ich bin Carmen.“, stellte sich nun auch Pasquales Mutter vor. Dann stellten sich auch die anderen drei Personen, Pasquales Schwestern vor. Felicitas, Dolores und Maria. Die drei musterten mich. Blieben an den teuren Kleider hängen und schweiften dann zu ihren einfachen Leinenröcken zurück. Es war mir peinlich. Hätte ich doch auch etwas einfacheres angezogen! Ich hatte gedacht, ich solle einen guten Eindruck machen.
Wir begaben uns in ein altmodisch möbliertes Wohnzimmer, wo die Sonne nur durch einige Spalten der Rolladen hindurchschien und wo es angenehm kühl war. Eine Katze schlummerte friedlich auf einem Sofa, dessen Bezug reichlich abgewetzt aussah. Auch die anderen Möbel sahen alle irgendwie alt und verbraucht aus, was mir noch mehr klarmachte, dass diese Familie nicht gerade reich war. Mit vier Kindern und einem Vater, der nicht viel verdiente, war es wirklich nicht einfach. Klar, Pasquale lebte nicht mehr zu Hause und stellte daher auch keine Belastung mehr dar, doch die anderen drei Kinder, Felicitas, Dolores und Maria, lebten noch zu Hause. Was sie genau machten, Beruf oder Schule, das wusste ich nicht.
Wir setzten uns schliesslich an den Tisch, der scheinbar mit dem besten Porzellan gedeckt war. Ich lächelte leise in mich herein. War das nicht ein Zeichen, dass sie auch vor mir einen guten Eindruck machen wollten?
Ab und zu fielen ein paar Worte, doch so überzeugend wirkte unsere Konversation nicht. Vielleicht würde sich das aber noch ändern. Wir kannten uns erst seit wenigen Stunden, und da kann man nicht erwarten, dass alles glatt läuft.
„Pasquale...“, flüsterte ich. „Wo ist denn hier das Klo?“ „Hinter der Tür rechts.“ „Danke!“
Im normalen Ton sagte ich dann: „Ihr entschuldigt mich kurz, ja?“ , dann verschwand ich rasch hinter der Tür. Hinter mir brach der Tumult los. Ich verstand nichts, da sie Spanisch sprachen. Sehr schnell und sehr laut. Schnell verschwand ich im Badezimmer.

Pasquale * * *
Arme Carolin! Eine solche Familie hätte ich ihr wirklich nicht gewünscht. Kaum war sie zur Tür hinaus, schrie meine Familie los. Dolores meinte: „Warum sagt die nichts?“ „Ich...“; konnte ich bloss protestieren, doch ich wurde überhört. „Hast du sie nur wegen dem Geld geheiratet?“, fragte Felicitas und blickte mich durch die dicken Ränder ihrer Brille schief an. „Sie stinkt nach Geld.“, meinte nun auch Maria. Meine Mamma versuchte das ganze zu übertönen, indem sie rief: „Kinder! Sie sitzt im Raum nebenan! Ihr wisst doch, dass man uns hier überall hören kann!“ „Mamma, sie spricht nicht so gut Spanisch und vor allem nicht so schnell.“, warf Dolores in die Runde. „Ich hoffe, sie gibt dir wenigstens etwas ab von dem vielen Geld, Pasquale!“ Doch nun reichte es mir. Ich schlug auf den Tisch, so dass Mammas schönstes Porzellan auf und ab hüpfte. „Nun reicht es aber! Ihr kennt sie noch gar nicht! Ihr habt noch nicht einmal mit ihr gesprochen!“ „Ich“, wandte Mamma ein, „ich, kann die Leute schon nur vom Aussehen beurteilen. Und mein Urteil lautet, dass diese Dame ganz schön eingebildet ist. Sie redet ja nicht einmal mit uns. Wir sind ihr wohl zu arm.“ „Wisst ihr was?“, brüllte ich nun, „ihr seid die grässlichste Familie, die ich je gesehen habe! Carolins Eltern haben mich so lieb aufgenommen und ihr? Jetzt kommt mal wieder zurück auf den Teppich!“ „Tja, das Problem ist, dass wir hier keinen Teppich haben.“, Dolores beäugte mich misstrauisch. „Und überhaupt. Deine Frau ist hochnäsig.“
„Jetzt...“, wollte meine Mamma gerade brüllen, als die Tür aufging und Carolin wieder ins Zimmer trat. Sofort herrschte Grabesstille. Oh nein! Welch grässliche Familie! Ich ballte die Faust und biss die Zähne zusammen. Nur noch drei Tage und dann ist diese Hochzeitsreise vorüber. Nur noch drei. Beschwörte ich mich innerlich.
Und dann bin ich diese dumme Familie wieder ein Jahr los.

* * *
Carolin
Im Wohnzimmer war wirklich die Hölle los. Alles brüllte und schrie. Und vorhin hatte diese Familie einen so ruhigen Eindruck gemacht! Ich beschloss, mich diesen Leuten anzuschliessen und ebenfalls ein wenig zu berichten, über meine Eltern, über Pasquales und meine Wohnung inmitten von Hamburg. Vorher war ich auch nicht gerade verschwenderisch mit Worten umgegangen. Es war ein komisches Gefühl, dort zu sitzen und niemand sagte etwas. Aber nun schienen sie ja ein wenig aufgetaut zu sein.
Doch kaum trat ich wieder ins Wohnzimmer, herrschte Totenstille. Verunsichert blickte ich Pasquale an, der mich entschuldigend ansah.
Irgendwie brachten wir die Zeit doch noch herum, bis Pasquale und ich aufbrachen, um ins Hotel zurückzukehren. Wir tauschten einige Höflichkeiten aus. Über Pasquales und meine Wohnung, über Hamburg und über die Hochzeit. Ich hatte das Gefühl, dass die Familie mir nun doch nicht mehr so abgeneigt war, wie es am Anfang geschienen hatte. Bei der Verabschiedung liess Carmen, Pasquales Mutter, die Bombe platzen. Am Samstag finde eine grosse Familienfeier statt, hiess es. Wir sollten ordentlich und hübsch kommen, es werde eine richtig grosse Feier mit Musik und Tanz und allem Drum und Dran.
Dann verabschiedete sich die Familie mit einem galanten Lächeln. „Hi!“
Kaum war die Tür zugefallen, ging drinnen wieder ein Radau los. Pasquale seufzte. „Weißt du, es gab wirklich Momente, da war meine Familie ganz okay. Aber nun... Carolin, es tut mir so leid! Ich wusste nicht, dass meine Familie so hässlich sein könnte.“
„Ist schon okay.“, meinte ich nur müde und lehnte meinen Kopf an seine Schulter.
„Vielleicht mögen sie keine Ausländer?“, fragte ich. „Nein, ich glaube, das ist es nicht. Ich glaube, sie waren einfach ein wenig verunsichert. Weißt du, du bist aus einem viel anderen Land mit anderen Kulturen. Sie kennen sonst niemanden aus Deutschland. Du weißt ja, sie sind ziemlich an ihr Land gebunden, sie waren ja auch noch nie in Deutschland. Und sie können es sich auch nicht leisten. Sogar Dolores, die jüngste, sie ist sechzehn, arbeitet schon in der Fabrik am Rande der Stadt. Sie sind ziemlich arm. Ich hatte das Glück, ziemlich gut in der Schule zu sein und daher ein Stipendium zum Studieren zu bekommen. Sonst hätte ich nie studieren können.“
Seine Worte beruhigten mich ein wenig. Ich hatte schon gedacht, ich hätte irgend etwas falsches gesagt oder getan.
Es war eine Wohltat, zurück ins Hotel zu kehren. In unser ruhiges Hotelzimmer. Müde legten wir uns ins Bett und schliefen sogleich ein. Die Familie hatte uns geschafft.

* * *
Carolin
Samstag Abend. Pasquale und ich hatten noch zwei schöne Tage in Buenos Aires verlebt, in denen wir uns ein wenig von der Familie erholt hatten. Wir hatten den Hafen angeschaut und die Kathedrale einer Besichtigung unterzogen. Pasquale hatte mir ein Kleid gekauft. „Tango-Kleid“ nannte er es. Es war schlicht, aber trotzdem schick. Ich dachte immer noch an die Familie, an die neidischen Blicke von Pasquales Schwestern. Doch Pasquale beruhigte mich, es seien noch sehr viele andere Leute dort, die ganze Verwandtschaft. Wir seien nicht den ganzen Abend nur mit seiner engsten Familie zusammen.
Er riet mir auch, unbedingt Tango tanzen zu lernen, das sei wirklich wichtig. Seine Familie legte viel Wert darauf. Er selbst hatte als kleiner Junge schon tanzen gelernt.
Also lernten wir jede freie Minute bis zum Samstag.
Dann endlich war es soweit. Der Weg zum Haus, wo die Party stattfinden sollte, war nicht weit, so konnten Pasquale und ich zu Fuss gehen. Auf dem Weg fingen wir uns einen Haufen bewundernder Blicke ein.
Wir hörten die Musik schon von weitem. Dann, nachdem wir die Klingel betätigt hatten, wurde die Tür aufgerissen und eine junge Frau sah uns neugierig entgegen. „Ines!“ ein Freudenruf von Pasquale und eine Umarmung von Ines, der jungen Frau, entlockten mir ein Lächeln.
Ich wurde vorgestellt.
Ich lernte Pasquales ganze Verwandtschaft und Bekanntschaft kennen und die Namen schwirrten mir um den Kopf.
Schliesslich wurde der Tanz angekündigt. Carmen, Pasquales Mutter, hielt eine kurze Rede. Sie erwähnte uns, Pasquale und mich, und überliess uns den ersten Tanz. Natürlich übersah ich den höhnischen Blick Dolores’ nicht. Sie dachte wohl, ich könne keinen Tango tanzen! ‘ha’, dachte ich triumphierend. ‘denen werde ich es zeigen!’ .
Und Pasquale und ich tanzten. Immer schneller und immer wilder. Die Leute begannen, im Takt zu klatschen. Sogar Dolores staunte über meine Tanzkünste und blickte mich mit anderen Augen an.
Als Pasquale und ich uns schliesslich an einem Getränkestand erfrischten, tippte mir Enrique, Pasquales Vater auf die Schulter. „Darf ich um einen Tanz bitten?“. Ich strahlte. „Es wäre mir ein Vergnügen!“
Schon wenige Augenblicke später wirbelten Enrique und ich über die Tanzfläche, wobei ich weitere bewundernde Blicke einfing, worauf ich, als Ausländerin, sehr stolz war.

* * *
Pasquale
Carolin war einfach eine wunderbare Tänzerin. Meine Mamma, meine Schwestern und meine ganze Verwandtschaft staunte nicht schlecht.
Sogar mein Papa bat um einen Tanz mir ihr.
Und einmal glaubte ich zu vernehmen, dass Mamma zu einer Bekannten sagte: „Sie ist meine Schwiegertochter!“ Und das tönte fast ein wenig stolz.
Schliesslich entdeckte sie mich, wie ich alleine an dem Getränkestand an einem Drink nippte. Sie schlenderte zu mir hin und raunte: „Ich habe wohl einiges wieder gutzumachen bei dir, hm? Carolin hat mich eine Menge gelehrt. Ich sollte nicht immer nur auf das Äussere schauen. Ich wollte dir bloss noch sagen: Du hast eine himmlische Frau geheiratet. Pass bloss auf, dass wir sie nicht gleich hierbehalten...“








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