Wellensang
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Die Fantasy haben wir in dieser von Alisha Bionda und Michael Borlik herausgegebenen Anthologie beim Wort genommen. Vor allem fantasievoll sind die Geschichten.
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April 2003
Nur Tauchen ist schöner
von Christine Roth


Die Autofahrt nach Istrien war zermürbend und schien endlos.
Mein Mann Ralph und ich waren wieder einmal im Begriff, unseren jährlichen
Kombiurlaub zu zelebrieren. Wir kombinierten seine Marotte, das Urlaubsziel mit
dem eigenen Wagen anzusteuern und meine Sehnsucht nach Sonne und Meer und
sonst nichts mehr auf geniale Weise. Zwei harmlose Wiederholungstäter, die es
zurück zum Tatort - zur Kroatischen Küste - zog.
Stumm und blicklos wie Erzfeinde saßen wir nebeneinander.
Meine Gedanken trugen mich fort zum zeitigen Frühjahr.

Die dunklen Schatten einer Midlifecrisis hatten sich auf mein Gemüt gelegt.
In mir rumorte die hochphilosophische Frage, die wohl schon jeden um die vierzig Bauchschmerzen bereitet hat: „Soll das denn alles gewesen sein“?
„Nein“, antwortete ich spontan und machte mich auf die Suche nach dem alles
verändernden Kick. Es musste etwas Originelles sein, das meine Panikanfälle schon
bei dem Gedanken an Masken aller Art herausfordern sollte.
Die wahnwitzige Idee, meinen Tauchschein zu machen, nahm von mir Besitz und
ließ mich nicht mehr los.
Natürlich war ich eine gelehrige Schülerin gewesen. Schnell war ich dahinter
gekommen, wie ich den knappen Neoprenanzug ohne Kneifzange anziehen konnte.
Ausdauernd hatte ich geübt, die gewichtige Ausrüstung ohne bleibenden Wirbelsäulenschaden grazil zu schleppen. Meine beliebteste Unterwasserübung war
gewesen, Maske und Mundstück wirkungsvoll zu verlieren.

Bremsenquietschen. Mit voller Wucht flog ich nach vorne und meine Tagträume
klatschten an die Windschutzscheibe. Ralph fluchte unanständig.
Wir waren am Ortseingang des verträumten Fischerdorfes angekommen, das laut
Reiseführer ein Paradies für Taucher sein sollte und prompt hätten wir um
Haaresbreite einen Trottel dieser Gattung überfahren.
Wenn das kein gutes Omen für mein Vorhaben war.

Kaum hatten wir unser Zimmer in einer soliden Pension mit Rundblick auf den
Hafen belegt, schon begann ich zu drängen: „Los beeil dich, wir wollen doch eine Tauchschule suchen.“
„Ein kühles Blondes wäre mir lieber. Außerdem bin fix und fertig von der Fahrt“,
murmelte Ralph.
Bei aller Liebe, für solch primitive Bedürfnisbefriedigung hatte mein Taucherherz
kein Verständnis. „Wenn du mal tot bist, kannst du noch lange genug schlafen“,
gab ich aufgekratzt zum Besten. „Wir finden sicher einen Wirt, der dir ein Bier
verkauft“.
Weibliche Logik konnte sich durchsetzen.

Unkompliziert fanden wir das „Divecenter Shark“, von dessen Fassade uns
pflichtschuldig spitze Zähne eines gefräßigen Haifischmauls entgegenbleckten.
Gelangweilt saß der „Divemaster“ auf einer zierlichen Mauer, baumelte mit den
gebräunten Beinen und beobachtete unablässig ein auf den glitzernden Wellen
wippendes Schlauchboot.
Tatsächlich schien er auf tauchwillige Kundschaft zu warten.

Südländischer Typ, muskulöser Körperbau, ebenmäßiges Profil.
Blitzschnell hatte das Weib in mir die attraktive Hülle geprüft, alle Alarmglocken
läuteten schrill: Vorsicht!

„Los zeig ihm schon deinen Wisch, mach einen Termin und lass uns dann endlich
was Trinken gehen“, quengelte Ralph, der dieses katzenhafte Schleichen um den
heißen Brei als reine Zeitvergeudung ansah.
„Ich spreche keine Fremden an“, giftete ich zurück. „Außerdem mag ich keine so
schönen Männer.“
Ein strafender Blick ließ mich verstummen. Es war nur noch eine Frage der Zeit,
wann sich die starken Spannungen zwischen uns in einem heftigen Gewitter entladen
würden.
Unklugerweise hatte ich mein Herz an eine Sportart verschenkt, die nur paarweise
betrieben werden darf, für Ralph aber aus gesundheitlichen Gründen strikt verboten war,
Unschlüssig schlenderten wir die Strandpromenade entlang, ohne den arbeitslosen Divepädagogen aus den Augen zu lassen.
„Sprich ihn endlich an, jetzt ist er ja nicht mehr fremd“, befahl meine durstige bessere
Hälfte.
Obwohl die Lust auf maritime Abenteuer merklich geschrumpft war, marschierte ich
tapfer auf den Schönling zu.
In meiner Muttersprache trug ich artig mein Anliegen vor, Abtauchen zu wollen,
versuchte vergebens mein Beglaubigungsschreiben auszurollen, errötete zu allem
Überfluss mädchenhaft und erntete nur verständnisloses Schweigen von dem
inzwischen hochgeschreckten jungen Mann.

Mit der arroganten Selbstverständlichkeit deutscher Touris hatte ich vorausgesetzt,
der Ausbilder spreche Deutsch. Er teilte mir mit, dass er nur Kroatisch und Englisch
könne. Auch keine Hürde.
Immerhin gehöre ich zu den gebildeten Mitteleuropäern, die auf einige Jahre
Schulenglisch verweisen können. Nur, der vergrabene Schatz wollte sich nicht heben
lassen. Die simpelsten Worte, die gebräuchlichsten Redewendungen wollten mir nicht einfallen. Hilfloses Stammeln - Peinlichkeit auf zwei Beinen.

Er gab mir einen Termin für einen Tauchgang am übernächsten Tag, wobei ich mir
mehr geschäftstüchtige Freundlichkeit gewünscht hätte.
Mein Traum war in greifbare Nähe gerückt, aber die Euphorie des Anfängers war
vom Seewind verweht. Es blieb eine ungute Vorahnung.

Still und verloren saß ich mit drei wildfremden Menschen – ein junges Paar aus den Niederlanden hatte sich der Tour angeschlossen – in diesem schaukelnden Ungetüm
aus Kautschuk.
Erfolglos versuchte ich, dieses Gefühl der Wehmut hinunterzuschlucken.
In jenem Augenblick wünschte ich nichts sehnlicher, als dass mein verärgerter Gatte,
den ich in der Strandbar abgestellt hatte wie einen gebrauchten Regenschirm, an
meiner Seite säße.
Die Sonne versteckte sich hinter einem diesigen Vorhang und eine frische Brise
kräuselte die Wasseroberfläche. Ängstlich krallte ich mich an der Bootshaut fest.
Ich atmete tief durch und befahl mir, keine Schwachheiten spüren zu lassen.
Aber die Angst in meinen Augen verriet mich.
Ich spürte spitzbübische, schadenfrohe Blicke des Kroatischen Adonis auf mir ruhen,
unsere Blicke verhakten sich ineinander.
Ich sah die Fratze menschlicher Kälte hinter einem Gesicht von ebenmäßiger
Schönheit und wusste plötzlich, was mich vom ersten Augenblick an ihm gestört hatte.

Karger Felsen, ein Rondell aus steingrauer Wüste inmitten wütender Wellen.
Wir ankerten vor der Insel. Der Countdown begann..
Meine Mitstreiter legten mit überlegener Sicherheit ihre Ausrüstung an. Bei dem
Bemühen, es ihnen gleich zu tun, stand mir meine Aufregung massiv im Wege.
Mein Tauchpartner erteilte mir Instruktionen, von denen ich wegen schlechter
Erinnerung an englische Vokabeln nur einen Bruchteil erfasste.
Ehe ich mich versah, waren wir mit eleganter Rolle rückwärts über Bord geglitten.
Das Wasser nahm mir die Zentnerlast.
Zusehends entspannte ich mich und wir schwebten an der mit Pflanzen
überwucherten Inselsteilwand in die Tiefe. Eine faszinierende Unterwasserwelt
gewährte uns Einlass und eine tiefe Zufriedenheit bemächtigte sich meiner.

Das Glück war von kurzer Dauer. Unerwartet hatte ich Probleme, den Unterdruck
in meinen Ohren auszugleichen. Kopfschmerzen, Unruhe, Panik.
Und schon schoss ich an die Oberfläche. Mein Begleiter musste folgen, ob er wollte
oder nicht. Er wollte nicht. Er war wütend, ich hatte ihm den Tauchgang vermiest.
Starker Wellengang erschwerte die schwimmende Fortbewegung zum Schlauchboot.
Unter der Aufsicht des Wüterichs probierte ich, mich an der Bootswand hoch zu
hieven. Immer wieder holte ich Schwung und versuchte, die Barriere zu überwinden. Vergeblich. Ich war im Meer gefangen wie in einem Albtraum.
Zornig schwang sich mein Tauchpartner ins Gummiboot, packte meinen rechten
Arm und zerrte mich zu sich ins Trockene. Unter einem strafender Oberlehrerblick verwandelte ich mich in ein hässliches, dummes, schuldiges Häuflein Elend.
Seine kochende Wut schlug um in beißenden Spott. Der selbstverliebte Macho
hänselte mich während der Rücktour. Seine Empfehlung, Bodybuilding zur Stärkung
meiner Armmuskulatur zu betreiben, wurde von einem gemeinen Lachen gekrönt.
Er hatte kein Verständnis für die Hemmungen eines blutigen Anfängers.
Wie auch, Verständnis kommt von Verstand.
Ich hasste ihn mit der ganzen Inbrunst einer verletzten Seele.

Am nächsten Morgen reisten wir überstürzt ab. Wir wollten ein idyllisches Plätzchen
finden, an dem nichts ans Tauchen erinnerte.
Unsere rituelle Schweigsamkeit während der Fahrt gab mir Gelegenheit, immer wenn
ich die Augen schloss, meine Erinnerungen an die vergangene Nacht stramm stehen
zu lassen. Eine Endlosschleife der Genugtuung.

Eine weibliche Silhouette watet durch schwarzes, seichtes Salzwasser.
Als sie an dem dunklen Schemen angekommen ist, streichelt sie zärtlich die kühlen,
prallen Rundungen. Mit aller Kraft rammt sie den mitgebrachten Schraubenzieher in
die widerspenstige Gummihaut.
Ein böses Zischen verrät, der heimtückisch Plan ist gelungen.

Meine Taucherlebnisse in jenem Sommer waren wenig berauschend.
Aber der Glücksrausch der Rache wirkte noch lange nach.
Christine Roth, April 2003

Letzte Aktualisierung: 00.00.0000 - 00.00 Uhr
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