Der himmelblaue Schmengeling
Der himmelblaue Schmengeling
Glück ist für jeden etwas anderes. Unter der Herausgeberschaft von Katharina Joanowitsch versuchen unsere Autoren 33 Annäherungen an diesen schwierigen Begriff.
mehr ... ] [ Verlagsprogramm ]
 SIE SIND HIER:   HOME » MITMACH-PROJEKT » SCHREIBAUFGABE » Klaus Eylmann IMPRESSUM
NEWSLETTER
Abonnieren Sie unseren Newsletter.

Jetzt anmelden! ]

UNSERE TOP-SEITEN
1.) Literatur-News-Ticker
2.) Leselust
3.) Forum
4.) Mitmach-Projekt
5.) Schreib-Lust-News 6.) Ausschreibungen 7.) Wettbewerbs-Tipps
Mai 2003
Verworrene Gedanken
von Klaus Eylmann


Eine alte Grammophonplatte, auf der die Nadel hängenblieb. Berlin, Berlin, immer Berlin. Sie saßen in der Sonne vor der Kaffeebar. Speedy Gonzales und seine Kumpane. So wie diese. Vor der Mauer. Nun, quasi. Sie saßen nicht auf der Erde, saßen auf Stühlen und trugen keine Sombreros. Blickten auf die Kirche mit dem Pfarrhaus auf der anderen Straßenseite, sahen auf Mauern, von denen der Putz bröckelte. Hinter der Kirche lag der Friedhof, und Karl dachte an die Vergänglichkeit.
Sie saßen vor der Bar. Karl und Manuelas Großvater. Manuela gehörte die Bar. Sie war auch schon Großmutter, hatte aber noch einen knackigen Hintern. Berlin, so erzählte ihr Großvater. Berlin war eine schöne Stadt.
“Ich weiß nicht, wie sie jetzt aussieht, die Stadt, aber während des Krieges... Draußen, vor Berlin, arbeitete ich auf dem Feld, zusammen mit anderen Italienern. Zwangsverpflichtet. Und manchmal bekam ich einen freien Tag und einen Passierschein. Dann fuhr ich in die Stadt…. O, sie war sehr schön. Und einmal war ich in Potsdam... .”

Wenn das Wetter warm genug war, kamen die Alten, saßen vor der Mauer, unterhielten sich in dem ferraresischen Dialekt, von dem Karl wenig verstand. ‘Chi é cojòn al stàg a ca’. Wer ein Feigling ist, bleibe zu Hause. Oder sie starrten ins Leere, und ihre Köpfe bewegten sich, wenn ein Wagen vorbei fuhr.
Aus der Kirche kamen alte Frauen, wie Mäuse aus einem Loch.
“Keine einzige Junge,” meinte Karl.
“Zeug für den Friedhof,” warf Manuelas Großvater hin. Er war schon über neunzig und auf die Kirche nicht gut zu sprechen. “Alles Halsabschneider” hatte er einmal gemeint. Er war eine stattliche Erscheinung. Ein brauner Hut mit großer Krempe schützte ihn vor der Sonne. Er trug eine braune Jacke mit dunkelbrauner Hose und wenn er nicht vor der Bar saß, sah man ihn gemächlich mit dem Rad über die Feldwege fahren.
Karl war Deutscher. Nun saß er mit Manuelas Großvater in einem italienischen Dorf vor der Bar, und er fühlte sich so alt wie er war. Über sechzig schon. Als er fünfundfünfzig war, hatte er sich wie vierzig gefühlt.
“Komisch,” hatte er damals gesagt. “Früher empfand ich mich als Meister des Universums, und jetzt fühle ich mich nur noch als Herr des Sonnensystems.”
Doch irgendwann hatte ihn das Alter ganz eingeholt, und er war nur noch Lord des Erdballs. Karl mochte das Bild, das er von sich gemalt hatte. Nicht so vom eigenen Selbst entfremdet, dass es ihn in Konflikte gestürzt hätte. Und wenn seine Frau ihn beim Schachspiel schlug oder sonst etwas besser machte als er, wurde er ohnehin auf den Boden der Realität zurück geholt. Noch immer sah er jünger aus, doch vor einigen Jahren schon gab es kleine Anzeichen, dass ihm das Alter auf den Fersen war. Der Blutdruck zum Beispiel, der höfliche Bursche im Supermarkt in Arkansas, der ihm die Tüten zum Wagen tragen wollte. Dann die Spanisch Lehrerin am Richland College in Dallas, die ihm erzählte, dass Senior Citizen Kurse umsonst bekämen. Und bei Billy Bob’s in Fort Worth, dem Country and Western Schuppen, wo er gestiefelt und gespornt mit Cowboy Hut, farbigem Hemd, Gürtelschnalle und Cowboystiefeln aus Känguruhleder einmarschiert war. Dann hatte er eine junge Frau aufgefordert, und sie hatte ihn gefragt, ob er mit ihrer Mutter tanzen wolle.

Die letzte Frau kam aus der Kirche. Einige standen mit ihren Fahrrädern auf dem Parkplatz und tauschten Neuigkeiten aus.
‘Die haben ein Religionsmodul im Gehirn’. Karl erinnerte sich. Vor ein paar Jahren hatte sich in einer Hauptverkehrsstraße von Cosenza ein großer Schimmelfleck an einer Mauer gebildet. An der Mauer einer Bar. Wenn man die Phantasie dehnte, hatte er wie Jesus Christus ausgesehen. Und Tage später waren Busladungen von Frauen gekommen, um diesen Fleck anzubeten. Der Mann in der Bar hatte sich die Hände gerieben, und die Polizei war damit beschäftigt gewesen, den Verkehr umzuleiten.
Hatten Wissenschaftler nicht im Frontallappen des Gehirns die Stelle gefunden, in der sich Religiosität manifestierte? Sie nannten sie ‘Gott-Modul’. Während der Großvater von Berlin erzählte, hatte Karl einen Tagtraum:

Mit Präsident Bush fing alles an. Geheime Labors der National Security Agency bekamen den Auftrag, ihre dummen Roboter endlich mit künstlicher Intelligenz und einem Religions-Chip aufzurüsten. Der Präsident betete zu Gott, dass damit endlich Frieden auf der Welt einkehre.
Wenige Zeit später standen an den Eingängen der Einkaufszentren stählerne Kästen auf Rädern und fragten jeden Konsumenten: “An was glaubst du?”
“An die Jungfrau Maria.” Der Laser, den der Roboter hatte, emittierte schöne, blaue Strahlen. Der Katholik verging darin, und der Roboter sagte: “Falsche Antwort.”
Ein anderer antwortete: “An Allah.” “Falsche Antwort.”
“An Big Mac.” “Falsche Antwort.”
“Dass meine Aktien steigen.” “Falsche Antwort.”
“An den Heiligen Geist, den Sohn und den Vater.” “Falsche Antwort.”
Ein Grund, Präsident Bush in sein unterirdisches Ausweichquartier in Colorado auszufliegen; denn Roboter dieses Typs hätten selbst vor dem Präsidenten der U.S.A. nicht halt gemacht.
“An Vater, Sohn und den Heiligen Geist.” “Danke, Sir.”
“An Gott.” “Danke, Sir.”

Bald wurden Roboter über Asien abgeworfen. Die Chinesen wussten, was auf sie zu kam und hatten sich vorbereitet. Sobald ein Roboter fragte, drückten sie einen Knopf und aus einem kleinen Taschenlautsprecher kam: “An Vatel, Sohn und den Heiligen Geist.” “Falsche Antwort.”
Eine Million Chinesen wurden verstrahlt. Der Rest schlüpfte in Drachenkostüme.
Die Deutschen hatten keine Drachenkostüme, doch ließen sie sich von Blechbüchsen nicht beeindrucken. Sie antworteten: “An den Vorstand, den Schriftführer und den Kassierer”, oder “an die Deutsche Industrie Norm”, “an die maximale Heckenhöhe von ein Meter achtzig,” “an den Besitzstand und an die Macht des Bestehenden”, “an das Ladenschlussgesetz.” Danach legte sich Ruhe über das Land.
Die Franzosen machten dem Spuk ein Ende. Sie hatten sich, als es noch die Deutschen gab, von diesen eine Charge von einhunderttausend Roboterhüllen fertigen lassen und stellten ihrer Parfumindustrie die Aufgabe, Robotpheromone zu erzeugen. Als die Roboter in die Champs-Élysées marschierten, wurden sie von hunderttausend Französinnen in Robothüllen empfangen. Auf die Frage: “An was glaubst du?” antworteten sie : “An die Liebe, mon amour,” versprühten ihre Pheromone, und die Schaltkreise der Roboter zerschmolzen in der Hitze.
Die Welt brauchte Robothüllen, von den Deutschen. Die gab es nicht mehr. Doch war die Stahlindustrie rechtzeitig nach Luxemburg verlagert worden. Luxemburg? Amerikaner kannten es nicht, und die Roboter hielten an der Grenze an. Stahl- und Parfumindustrie belieferten den Rest der Welt und bald hatte der Spuk ein Ende. In den U.S.A. jedoch bestand ein Importverbot für Stahl- und Parfumerzeugnisse aus Europa. Und so blieb Präsident Bush in seinem unterirdischen Ausweichquartier, das Weiße Haus wurde Historisches Museum, und Roboter vagabundierten mit quietschenden Rädern durch das Land.
Immer häufiger hörte man sie fragen: “Hast du mal ne Kanne Öl, Bruder?”

“Als ich jung war,” meinte der Großvater von Manuela, “hat mir die Kälte nichts ausgemacht.”
Karl war drauf und dran zu bemerken: “Das hast du schon zehntausend Mal gesagt”, aber dann wieder, er konnte es nicht. Immer wenn der Großvater Karl kommen sah, ging ein Leuchten über sein Gesicht. Herrgott nochmal, es war der Zweite Weltkrieg! Die Zeit musste für den Großvater etwas ganz Besonderes gewesen sein. Und doch hatte er sich wieder in seinem Heimatdorf niedergelassen. Und nun war er, Karl, auch da. Für immer. Seine Frau, eine Pflanze aus diesem Dorf, hatte sich schon dreizehn Jahre zuvor wieder aus Deutschland nach Italien verzogen, in ihr Dorf, wo bis auf zwei Feste nichts los war: Die Hexe Beffana, die am Abend des sechsten Januar auf dem Platz vor der Kirche in Brand gesetzt wurde, während die Besitzer der wenigen Läden Glühwein ausschenkten und Reibekuchen verteilten. Dann gab es das Kirchenfest der St. Anna im Juli, in dem getanzt wurde und junge Mütter des Dorfes Nachthemden und Bademode vorführten.
Komisch, dass es besonders Frauen immer wieder dahin zog, wo sie her kamen. Karl hatte in South Carolina zwei deutsche Frauen gekannt. Eine hatte Heimweh, wurde depressiv und ihr Mann flog mit ihr nach Deutschland zurück, um dort Arbeit zu suchen. Die andere Frau hatte sich nach Deutschland abgesetzt, weil ihr Mann seine Existenz in Amerika nicht aufgeben wollte. Ihre drei Kinder leben bei ihm. Sie finden Amerika cool und haben da ihre Freunde. Karl verstand sie. Man kann da besser einparken und Briefkästen sind auf Autofensterhöhe.
Karl war eine ‘hired gun’ gewesen und als Programmierer von Firma zu Firma getingelt. Amerika. Und seine Gedanken liefen zu der Zeit zurück, als er den Traum hatte, Psychiater in Kalifornien zu werden. Psychiater in Hollywood. Deutscher Name und weißer Bart, das zieht immer, hatte er damals gedacht. Und die tollen Frauen. Er wusste, die Berufsethik hätte ihm im Weg gestanden, aber dennoch. In seinen Collegekursen hatte er die besten Noten, und Karl hatte damals gemeint, er könne alles erreichen, wenn er nur wolle. Aber die Frau, sie wollte nicht aus ihrem italienischen Dorf. Eine andere nehmen? Regisseur Francis Ford Coppola hatte einmal im Fernsehen gesagt: “Die erste Frau ist immer die beste.” Der musste es wissen, ist er doch mehrere Male verheiratet gewesen.

Bruno und Tonino unterhielten sich über ihren Blutdruck. Bruno war vierundsiebzig und Tonino auch nicht viel jünger. Bruno war Radrennfahrer gewesen. Einmal hatte er Karl sein Magazin gezeigt. Ein alter Traktor, vier Gilera Motorräder aus vergangener Epoche, eine Vespa und zehn Rennräder, die Trophäen und Fotos. Tonino war Mechaniker und reparierte alles, was im Dorf anfiel.
Bruno und Tonino unterhielten sich über ihren Blutdruck. Karl hörte nicht hin. Er kannte sie inzwischen alle: Betablocker, Clonidine, ACE-Inhibitoren, Diuretika. Ein Jahr hatte es gedauert, bis der Arzt die richtige Medikamentenkombination für ihn herausgefunden hatte. Dallas. Dort ging es mit dem hohen Blutdruck los, als die Leute über seine Schulter guckten, wenn er vor dem Bildschirm saß.
Fünf Jahre später sauste der Blutdruck wieder hoch, und immer abends. Da war er schon in Italien. Pensionsschock? Und Karl hatte die Manschette um seinen Arm gelegt, gemessen und gemessen. Dann hatte er es mit der Angst bekommen, denn je mehr er maß, desto höher stieg der Blutdruck an.
“Sie sind obsessiv, das sagt mir gar nichts”, hatte der Kardiologe gesagt. Karl hatte ihm seine Aufzeichungen mit dem Blutdruck für das letzte halbe Jahr vorgelegt. Dann gab es den Befund der Augenärztin über Karls Retinas. Der hatte ihn dann überzeugt.
Hoher Blutdruck. Wieso? Genetische Disposition, hatte der Kardiologe gemeint und Karl zum Grübeln angeregt.
Waren sein Hippocampus und die Amygdala zu klein? Schließlich hatten Forscher bei misshandelten Kindern eine Verkleinerung und damit eine erhöhte Reizbarkeit des limbischen Systemes im Gehirn festgestellt. Nicht dass Karl misshandelt worden wäre, aber das ständige Rein-in-den-Keller bei Bombenalarm über fünf Jahre hinweg, da musste doch was hängengeblieben sein, und Karl dachte an die Kinder in Palästina.
Chronischer Stress? Zuerst war es Hobby und später Arbeit. War gut bezahlt worden, der Job. Doch dann wurden die Programmiersprachen immer einfacher und Karl konnte nicht mehr sagen: “O, das dauert aber länger” und in aller Ruhe seine Programme schreiben. Denn je einfacher die Sprache, desto größer waren Konkurrenz und Stress. Und irgendwann sagte er sich: Jetzt ist Schluss. Da war er sechzig Jahre alt.
Genetische Disposition? Seine Mutter hatte einige Jahre Angstanfälle gehabt. Hatte Karl diese Gene auch? Seine Mutter. Sechundachtzig Jahre alt und sie fühlte sich noch ganz wohl. Abgesehen von den kleinen Zwischenfällen, wo sie plötzlich auf der Straße umkippte und aufs Gesicht fiel. Dann wurde sie von einem netten Menschen nach Hause gebracht und lief ein paar Tage mit Pflastern rum. Karls Gedanken formten sich zu einem weiteren Tagtraum:

“Herr Doktor ich habe Schmerzen in der Brust, was kann ich dagegen tun?”
“Tja. Ihr EKG gibt nichts her. Sind gereizte Nerven.”
“Costochondritis, Herr Doktor?”
“Hm, ja, kommt wohl durch Ihr Blutdruckmittel. Ich schreibe Ihnen Nimesulide in Pulverform auf. Nehmen Sie morgens und abends eine Tüte, deren Inhalt Sie in Wasser auflösen.”
Eine Woche später: “Herr Doktor, seitdem ich das Nimesulide nehme, ist mein Blutdruck angestiegen.”
“Tja. Retention. Das Medikament hält die Salze in Ihrem Körper zurück. Sie sollten die Dosis Ihres Blutdruckmittels um eine halbe Tablette erhöhen.”
“Aber dann bekomme ich doch wieder Schmerzen in der Brust.”
“Nun, nehmen Sie morgens und abends zwei Tüten Nimesulide statt einer.”
“Dann steigt mein Blutdruck doch wieder an.”…
Als einer der Patienten im Wartezimmer nach einer Stunde vorsichtig die Tür zur Praxis öffnete und hineinlugte, machte er die Tür schnell wieder zu und ging kopfschüttelnd zu seinem Platz zurück.
“Der arme Doktor,” meinte er. “Wisst ihr, was der Patient da drinnen gefragt hat? – Er hat gefragt: ‘Und wie bekomme ich nun den Inhalt von zweitausend Tüten Nimesulide in mein Wasserglas?’”

Die Frauen, die aus der Kirche gekommen waren, hatten sich in alle Winde zerstreut. Nicht mehr flink wie die Windhunde, aber zäh wie Leder, so wie Karls Mutter. Sie hatte ihre Wohnung in Hamburg. Alte Frauen unter und über sich. Ohne Männer. Die waren tot. Die Frauen halfen sich gegenseitig, hatten sich mit altersbedingen Zuständen abgefunden. Karl hörte sie: “Ja, nö, ja ja. Ja, aber das geht doch nicht. Das können Sie doch nicht machen. Aber ja doch. Das habe ich auch schon gemacht. Ja nö. Doch, ja ja.”

Karl hatte eine Zeit lang geglaubt, jeder könne nach den Sternen greifen, wenn er nur wolle. In Amerika kommen solche Gedanken. Er erinnerte sich an sein Research Paper, an seine Arbeit, die für den Psychologie-Lehrgang. ‘Homöostasis ist die Grundlage für einen höheren Bewusstseinsstand’. Im Grunde einfach. Homöostasis, das Gleichgewicht, hier das seelisch-körperliche, von dem aus der Mensch nach neuen Ufern strebte. Neu erlernte Fähigkeiten und Erkenntnisse würden in das Bewusstsein integriert und ein neues Gleichgewicht auf höherer Plattform erreicht. Und Karl schrieb, so müsse es sein in unserer komplexen Welt. Dann kamen ihm Zweifel, als er in der Zeitung über eine Frau las, die im Rathaus von Bay City Fahrstuhlführerin wurde. Der Fahrstuhl fuhr nur bis in den ersten Stock. Höher war das Rathaus nicht. Doch für die Leute, die noch nie einen Fahrstuhl von innen gesehen hatten und nicht wussten, wozu die Knöpfe dienten, wurde die Fahrstuhlführerin angestellt. Die meinte, sie fühle sich so glücklich in ihrem neuen Job, weil sie dadurch so viel Kontakt zu Menschen habe. Als Karl das gelesen hatte, war ihm die Kinnlade runter gefallen und er hatte gedacht: ‘Die Frau will auf ihrem Level bleiben. Soll ich meine Arbeit wegwerfen? Mir ein anderes Thema suchen?’ Er hatte es verdrängt und seine Recherchen fortgesetzt.
Die Dow Memorial Library. Schneeflocken, die unter der Parkplatzbeleuchtung tanzten, Studenten, die sich an den Tischen im leisen Gespräch Notizen machten, während er den Bücherstapel mit Werken von Erikson, Tart, Jung, Glucksberg und Adler durcharbeitete. Jeden Tag hätte er sich dort aufhalten können, von Giganten lernen, sich am Ende auf ihre Schultern zu stützen, um über ihre Köpfe hinweg zu blicken. Und nun saß er vor der italienischen Kaffeebar.

“Und einmal war ich im Tierpark. O, so viele Tiere….”
Karl sah zu seinem Fahrrad hinüber, mit dem er gekommen war. Er würde noch ein wenig in der Gegend herumfahren. Er wusste, auf einem der Feldwege würden zwei alte Männer sein. Jeden Tag standen sie vor ihren Häusern. Wie zwei Fischreiher, die stumm über den Acker blickten. Wenn Karl mit seinem Fahrrad vorbei fuhr, sahen sie hinter ihm her. Sie redeten kaum ein Wort miteinander. Das ist es wohl, dachte Karl, wenn sie ihre Gedanken flottieren lassen. Gedanken? Was wohl in ihren Köpfen vor sich ging? Menschen, die auf dem Acker arbeiteten, waren abends so müde, dass sie sich, wenn überhaupt, höchstens zu einem Plausch aufrafften. Bücher fanden sich selten in ihren Wohnungen. Nun waren sie in Pension, blickten übers Land.
Karl würde die Strasse entlang Richtung Bar fahren und einen alten Mann vor sich hin dämmernd in seinem Garten sitzen sehen. Im März legte seine Frau ihm eine Wolldecke auf die Beine.

Zehn Meter von der Kirche entfernt reckte sich der Turm mit der Uhr in den Himmel. Nicht so hoch, dass man die Uhr nicht noch hätte erkennen können. Der Turm hatte einen Wetterhahn, der funktionierte immer. Der Kirchturmuhr fehlte diese Verlässlichkeit.
“War mal wieder stehen geblieben,” meinte Karl und sie beobachteten, wie der große Zeiger den kleinen jagte, um die Zeit wieder aufzuholen.
‘Zeit, was für ein Phänomen’, dachte Karl. Alle halbe Jahre, wenn er aus Amerika nach Italien geflogen war, um seine Frau zu besuchen, ging er anschließend in die Bar, und er dachte, die Zeit sei stehen geblieben. Die gleichen Gesichter. Piccinone sah sich im Fernsehen ein Radrennen an. Aldo, Corrado, Luigi und Enrico spielten Karten. Magda oder Manuela hinter dem Tresen. Hier ändert sich rein gar nichts, hatte er gedacht, und er hatte Unrecht. Wenn immer das Totenglöcklein bimmelte, war jemand gestorben.

“Wenn ich in Berlin war, bin ich manchmal mit der U-Bahn gefahren.” Manuelas Großvater kam wieder in Fahrt. “Das war für mich ein Abenteuer. Ich konnte ja kein Deutsch….”
Warum läuft die Zeit so schnell, wenn man alt ist?
“Lohnt gar nicht, aufzustehen,” sagte Karl manchmal zu seiner Frau. “Die Zeit läuft so schnell, da können wir doch gleich im Bett bleiben.”
Einige machen sich schon mit vierzig Gedanken, wie sie den Tod überlisten konnten. Karl dachte an Futuristen wie Ray Kurzweil. Der hatte das Buch ‘The age of spiritual machines’ geschrieben. Wann war es noch, wenn wir unser Bewusstsein in in Computernetz laden können?, fragte sich Karl und dachte nach. 2099. Das wars. Das Gehirn würde abgetastet und das Bewusstsein ins Computernetz geladen. Kurzweil hatte sich Gedanken gemacht, wie er die Zeit bis dahin überbrücken konnte. Erst einmal gesund leben. Karl tat es auch. Doch seine Frau haute ihm immer zwei Steaks auf den Teller, während sie nur eines aß. Karl kratzte sich am Kopf. Perfidität weiblicher Gene? Was meinte Richard Dawkins? ‘Wir sind Überlebensmaschinen – Robotvehikel, nur mit dem einen Ziel programmiert, selbstsüchtige Moleküle, die wir als Gene kennen, zu erhalten.’
Das leuchtete Karl ein. Unser Verhalten wird von Genen und Umwelt gesteuert. Nur warum haute ihm seine Frau immer zwei Steaks auf den Teller, während sie nur ein Steak aß? Und Karl erinnerte sich. Der vier Milliarden Jahre Krieg. Sexueller Antagonismus. XX-Chromosome, XY-Chromosome. Weibliche und männliche Gene konkurrierten miteinander. Seit vier Milliarden Jahren. Und auch heute. In Eintagsfliegen, Schmetterlingen, Menschen. Frauen hatten XX, Männer XY. Karl erschauerte. Ob wir von Berlin redeten, ein gutes Buch lasen oder uns über Radrennen unterhielten. Er wusste, Genen war das vollkommen schnurz. Kein Wunder, dass Frauen länger lebten. Sie aßen weniger. XX-Chromosomen sorgten dafür und versuchten Männern auf perfide Weise das Leben zu verkürzen, indem sie die Frauen beeinflussten, ihren Männern mehr auf den Teller zu packen. Das XY-Chromosom der Männer wehrte sich. Es schmuggelte ein paar Gene in den weiblichen Fötus. Wenn der sich über die Jahre in eine alte Frau verwandelte, stimulierten sie ihr Gottmodul, dass sie zu jedem nichtigen Anlaß in Angst ausbrechen, Schutz in der Kirche suchen und ihrem Mann jede Woche eine Messe lesen ließ. Doch war es dann zu spät. Er war tot.
Karl sah sich um. Konnte er sich mit jemandem darüber unterhalten? Wieso hatte das niemand untersucht? Keiner kannte diese Theorie. Ignorantes Volk. Sollte er mit denen, die vor der Bar saßen, über Dawkins reden? In einer Bauern- und Handwerkerkultur machte das keinen Sinn.
Karl versuchte so wenig wie möglich zu essen, wenn seine Frau es nicht mit bekam. Auch Ray Kurzweil mied die Schlemmerei. Wissenschaftler hatten die Lebenspanne von Hefe, Fruchtfliegen, Würmern, Fischen, Spinnen, Mäusen und Hamstern verlängert, in dem sie deren Nahrung einschränkten. War das nichts? Und der Kurzweil hielt dort nicht an. Der Vertrag mit der Alcor Lebensverlängerungsstiftung war schon unterschrieben. Vollkörper Suspension für einhundertzwanzigtausend Dollar. Sollte er doch irgendwann einmal sterben, würde sein Körper eingefroren und dann aufgetaut, wenn sie mit der Bewusstseinsübertragung so weit waren.
“Vielleicht klappt es ja nicht,” hatte Kurzweil gemeint. “Aber wenn ich es nicht versuche, bleibe ich auf jeden Fall tot.”

“Ich hatte einen Passierschein. Den habe ich dem Schutzmann gezeigt, und dann las er die Adresse, wo ich hin musste. Der war freundlich. Er hat mir aufgemalt, wie ich zu gehen hatte… .”
Karl sagte nichts. Dann blieb auch Manuelas Großvater stumm. Niemand sagte etwas. Die Männer, die sich vorher über ihren Blutdruck unterhalten hatten, waren mit dem Fahrrad auf dem Nachhauseweg. Für Karl wurde es auch Zeit. Seine Frau wartete mit dem Frühstück auf ihn. Sie würde zwei Brötchen auf seinen Teller legen, er eines zur Seite schieben. Karl dachte an das Alcor Institut und den Mann mit der Wolldecke auf den Beinen, und er hatte wieder einen Tagtraum:

Der Mann war sehr alt, als er mit seiner Frau bei Alcor in Scottsdale, Arizona eintraf. Sie hatten eine Reisetasche mit, obwohl es eine Reise in die Zukunft war. Die Formalitäten waren erledigt. War die Wissenschaft so weit, dass sie Individuen verjüngen konnte, sollte das Paar aufgeweckt werden.
Er friert so leicht, dachte die Frau, als sie sah, wie ihr Mann eingeschläfert und in den Behälter mit dem Helium gelegt wurde. Zu Hause hatte sie ihm immer eine Wolldecke auf die Beine gelegt. Als die Techniker einmal wegsahen, öffnete sie Reisetasche und Heliumbehälter. Sie holte die Wolldecke hervor, stopfte sie zu ihrem Mann und klappte den Deckel wieder zu.

“Sie haben dreihundert Jahre überdauert, gnädige Frau. Wir können Sie verjüngen. Kommen Sie,” strahlte der Mann im weißen Kittel, zog sie aus dem Heliumsarg und ging mit ihr zu dem anderen Behälter. “Sie wollen doch sicher dabei sein, wenn wir Ihren Mann aufwecken. Öffnen Sie.”
Gleich konnte sie ihren geliebten Mann in ihre Arme schließen. Nach dreihundert Jahren, und sie riss den Deckel hoch. Der Schrei blieb ihr im Halse stecken. Der Mann im weißen Kittel zog eine Wolldecke aus der glibberigen Masse.
“Ein Grad wärmer, und der Körper löst sich auf,” meinte er bedauernd. “Doch die Wolldecke ist noch gut erhalten.”

“So, ich muss jetzt los,” meinte Frank, sagte “ciao”, ließ Manuelas Großvater hinter sich und fuhr mit dem Rad nach Haus.





Letzte Aktualisierung: 00.00.0000 - 00.00 Uhr
Dieser Text enthält 23015 Zeichen.

Druckversion

 LINKTIPPS: Naturwaren Diese Website wird unterstützt von:

www.mswaltrop.de
Copyright © 2006 - 2022 by Schreiblust-Verlag - Alle Rechte vorbehalten.