Der himmelblaue Schmengeling
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Glück ist für jeden etwas anderes. Unter der Herausgeberschaft von Katharina Joanowitsch versuchen unsere Autoren 33 Annäherungen an diesen schwierigen Begriff.
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Mai 2003
Doch nur ein bisschen Spaß
von Monique Lhoir


„Ja, Claudia, und nun haben sie mich einfach abgeschoben.“ Marga Singelmann hatte sich bei Claudia, die Schwestern-Schülerin im Marien-Stift war, untergehakt und ging langsam den Kiesweg zum Altenheim zurück.
„Wieso lassen Sie sich so etwas auch gefallen?“, fragte Claudia erbost, die dem Bericht der alten Dame während des Spaziergangs stumm gelauscht hatte. „Sie haben das doch noch gar nicht nötig.“
„Ich war die ewigen Streitigkeiten leid. Meine Schwiegertochter hatte nichts anderes im Sinn, als mich loszuwerden. Und mein Sohn versprach mir dann, dass ich es hier viel besser haben würde. Endlich könne ich mich mal ausruhen und meinen Lebensabend genießen. Ich würde hier rund um die Uhr betreut, hätte nette Gesellschaft, viel Spaß und würde mich nicht langweilen. Und besuchen wollten sie mich kommen, soviel sie können. Nichts von alledem ist eingetreten. Nette Gesellschaft. Hier gibt es ja nur alte Leute. Uralte Leute. Und nur einziges Mal kamen sie mich besuchen. Für ganze zehn Minuten zu Weihnachten, um ihre Schecks abzuholen.“
Claudia war mit Frau Singelmann im Zimmer angekommen und führte die alte Dame zu ihrem Lieblingssessel.
„Und nun das hier.“ Sie griff erbost einen Brief, der auf dem kleinen Beistelltisch lag. „Zwanzigtausend Euro will meine liebe Schwiegertochter. Für eine Weltkreise für sich, meinem Sohn und die Kinder. Das hätte sie sich immerhin verdient, nach den letzten schweren Jahren, in denen sie mich gepflegt hätte. Schwere Jahre. Wo hatte die je schwere Jahre? Bis zum Schluss habe ich die Firma allein geleitet und bin ihnen nie zur Last gefallen. Die hat doch nie einen einzigen Finger gekrümmt, die feine Dame.“
Sie legte den Brief resignierend beiseite und nahm ihre Lesebrille ab.
„Dann wehren Sie sich doch dagegen und hauen mal auf den Tisch“, warf Claudia ein. „Sie sind doch noch gar nicht so alt.“
Im gleichen Augenblick öffnete sich die Tür und Schwester Karin trat ein.
„Ach hier sind Sie, Claudia. Das hatte ich mir fast gedacht. Sie sollten schon seit einer halben Stunde unten auf der Pflegestation sein. Sie wissen, dass wir für unsere Patienten nur eine begrenzte Zeit haben. Und was machen Sie? Sie gehen stundenlang mit Frau Singelmann spazieren. Morgen früh kommen Sie eine Stunde eher und helfen beim Bettenmachen.“
Claudia zuckte zusammen und duckte sich unwillkürlich. Schwester Karin drehte sich um und verließ den Raum.
„Blöde Kuh!“
„Wie bitte?“ Diese drehte sich wieder um und schaute beide strafend an.
„Ich sagte, ich leg mich jetzt zur Ruh“, sagte Marga Singelmann nachdrücklich und deutlich lauter.
Schwester Karin schnaubte durch die Nase, verließ endgültig den Raum und schloss geräuschvoll die Tür hinter sich. Man hörte sie noch in ihren Gesundheitslatschen über den Flur stampfen.
„Blöde Kuh!“, brummte Marga Singelmann hinter ihr her.
„Ich muss jetzt gehen“, sagte Claudia traurig. „Morgen muss ich noch früher aufstehen als gewöhnlich.“
„Und das wegen mir, nicht wahr? Dabei bist du der einzige Mensch im ganzen Haus, der sich wirklich um mich kümmert und nun wirst du auch noch dafür bestraft. Was ist das heute nur für eine Welt, wo sich niemand mehr um den anderen kümmert. Früher war das noch ganz anders. Da lebten drei Generationen in einem Haus und jeder stand für den anderen ein. Heute wird man abgeschoben, entsorgt, auf den Schrott geworfen. Altenheim nennt man das. Hört sich an wie Kinderheim – Ja, ein Waisenkind bin ich geworden. Und dafür hat man ein ganzes Leben lang gearbeitet. Bist du mir nun böse?“
„Nein, Frau Singelmann. Ich gehe doch gerne mit Ihnen spazieren. Außerdem wartet ja niemand mehr auf mich, seitdem Mutter tot ist.“ Claudia lächelte die alte Dame aufmunternd an, die klein und verloren in ihrem Sessel saß, und verließ das Zimmer.
Am nächsten Morgen trat sie ordnungsgemäß eine Stunde eher ihren Dienst an. Marianne, die Schwestern-Schülerin, die noch von der Nachtschicht übrig war, kam ihr aufgeregt entgegen.
„Du sollst sofort …“, sie bekam einen Lachanfall und Tränen traten aus ihren Augen.
Claudia sah sie verständnislos an. „Was soll ich?“
„Du sollst sofort …“, und wieder bekam sie einen Lachanfall, so dass sie nicht weiter sprechen konnte.
„Nun sag doch endlich, was ich soll.“ Claudia schüttelte mit dem Kopf.
„… in die Küche …“. Marianne prustete wieder los und hielt sich den Bauch.
„Ich soll in die Kühe gehen?“, fragte sie und klopfte Marianne auf den Rücken, die sich inzwischen auch noch verschluckt hatte.
Diese nickte nur und Claudia machte sich auf den Weg nach unten.
„So eine Schweinerei“, hörte sie Schwester Karin laut schimpfen. „Ich möchte nur mal gerne wissen, wer sich diesen Unfug hat einfallen lassen. Aber das werden wir schon rausbekommen und der Übeltäter wird hart bestraft. Ah, Claudia, gut das du schon da bist. Du musst mir helfen. Du nimmst die eine Hälfte und ich die andere. Du fängst oben an und ich unten.“ Schwester Karin holte resolut zwei große Kochtöpfe aus dem Unterschrank und befüllte sie mit Wasser. Claudia stand verständnislos in der Küche. Schwester Karin drückte ihr einen Kochtopf in die Hand.
„Nun mach schon. Auf was wartest du noch?“ fragte sie und zeigte auf die große Spüle.
„Was soll ich machen?“ Claudia begriff das Treiben immer noch nicht.
„Na, die Zähne in den Topf packen und durch die Räume gehen. Die Alten brauchen doch ihre Gebisse.“
Claudia schaute irritiert in die Spüle. War Schwester Karin nun völlig durchgedreht? Doch dann blieb ihr der Mund offen stehen. Mindestens hundert Gebisse und Zahnprothesen grinsten ihr entgegen. Claudia bekam einen ebensolchen Lachkrampf wie Marianne. Der Topf mit dem Wasser rutschte ihr aus den Händen und fiel polternd zu Boden.
„Dummes Ding“, schimpfte Schwester Karin und hob den Topf auf. „Du bist wirklich zu nichts zu gebrauchen.“
„Frau Singelmann hat angerufen.“ Marianne trat immer noch lachend in die Küche. „Claudia soll sofort zu ihr hochkommen.“
„Die Alte auch noch“, stöhnte Schwester Karin. „Die will bestimmt ihre Zähne. Den ganzen Morgen geht schon das Telefon, weil alle Alten ihre Gebisse vermissen. Nun mach schon, Claudia, geh hoch und sag ihr, dass wir gerade dabei sind, diese zu sortieren.“
Claudia fuhr in die oberste Etage hinauf, klopfte und trat ein.
„Da bist du ja endlich“, wurde sie von Marga Singelmann begrüßt. „Du musst mir helfen, ich komme da oben einfach nicht dran.“
Frau Singelmann trug bereits ihr elegantestes Kostüm. Ihre kleinen, grauen Löcken hatte sie kunstvoll frisiert. Auf dem Bett lagen zwei große Reisekoffer, die schon gepackt waren.
„Aber Sie haben ja noch Ihre Zähne?“, staunte Claudia und blickte nichts verstehend auf die geöffneten Koffer.
„Ja, was denkst du denn. Meinst du ich gehe ohne meine Zähne auf Reisen? Nun mach schon, hol mir bitte die Schals von ganz oben. Die werde ich sicherlich brauchen.“
Claudia reichte sie ihr hinunter. Marga Singelmann packte sie ebenfalls ein und schloss geräuschvoll die Koffer.
„So. Alles erledigt. Nun warten wir nur noch auf das Taxi.“ Marga Singelmann setzte sich erschöpft in ihren Sessel.
„Wollen Sie denn etwa verreisen?“, fragte Claudia.
„Wir, Claudia. Wir wollen verreisen. Ich habe gestern noch lange überlegt, als du weg warst. Du hattest Recht. Ich sollte mich wehren und auf den Tisch hauen, hast du gesagt. Spaß hat man mir versprochen und Gesellschaft. Einen angenehmen Lebensabend sollte ich haben. Ja, Spaß haben sie jetzt. Besonders die blöde Kuh da unten. Der habe ich es aber gezeigt.“
„Waren Sie das etwa mit den Zähnen?“, fragte Claudia lachend.
„Ja. Das hättest du mir wohl nicht zugetraut, was? Na, was glaubst du, was ich früher alles angestellt habe. Du hättest mich mal als junge Frau erleben sollen. Lebenslustig war ich und immer zu allen Schandtaten bereit. Und daran habe ich mich erinnert und plötzlich habe ich mich ganz jung gefühlt. Altenheim. Was soll ich hier? Der Brief meiner Schwiegertochter hat mich auf eine Idee gebracht und so rief ich mein altes Reisebüro an. Es waren noch Plätze frei und ich habe uns eingebucht. Dann habe ich gewartet, bis überall die Lichter aus waren und bin durchs Haus gegangen, habe die Gebisse aus den Gläsern eingesammelt und sie in die Küche gebracht. Sie sollten ja nicht austrocknen. Spaß haben sie heute, diese blöde Kuh und auch die Alten, insbesondere aber meine Schwiegertochter, wenn wir ihr Postkarten aus allen Ländern der Welt schicken. So schnell werden sie mich nicht vergessen. Und nun kommt, das Taxi ist gleich da.“
Beschwingt zog Marga Singelmann einen Reisekoffer über den Flur des Altenheimes, so dass Claudia mit dem anderen gar nicht so schnell nachkam. So flott hatte sie die alte Dame noch nie laufen sehen.
„Aber sie werden mich rauswerfen“, versuchte sie einzuwenden.
„Und wenn schon. Ich habe dich eingestellt. Den Vertrag habe ich in der Tasche, brauchst du nur noch unterschreiben. Für das Geld, was dieser edle Platz hier kostet, kann ich mir zwei Gesellschafterinnen leisten. Und nun mach schon.“
Marga Singelmann bugsierte Claudia resolut auf die Rücksitzbank des Wagens, setzte sich selbst auf den Beifahrersitz. Der Fahrer schloss den Kofferraum und setzte sich hinters Steuer.
„Nun, junge Frau, wo soll es denn hingehen?“, fragte er.
„Ins Leben, junger Mann, ins volle Leben. Und nun bitte zum Flughafen.“

© Monique Lhoir


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