Burgturm im Nebel
Burgturm im Nebel
"Was mögen sich im Laufe der Jahrhunderte hier schon für Geschichten abgespielt haben?" Nun, wir beantworten Ihnen diese Frage. In diesem Buch.
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Mai 2003
Greise Gedanken
von Lutz Schafstädt


Das Leben ist ein Faden, denkt die Großmutter. Unaufhörlich wird an ihm gezogen, arbeitet er sich ab. Es ist müßig, nach dem vermeintlichen Rest auf der Spule zu schielen. Er kann reißen; im nächsten Moment, selbst bei größter Vorsicht, ohne ersichtlichen Grund. Oder er verknotet sich, wirft sich in Schlingen, blockiert die Mechanik. So wie gerade jetzt. Dann braucht es geübte, sensible Finger. Ihre Finger, die schnell zur Stelle sind, den Faden entwirren, sein Zerreißen verhindern, wie schon so oft.
Ihre Fußspitze ertastet den Schalter. Die Maschine rattert weiter und zieht den Saum unter der Nadel entlang. Achim kann die gekürzte Hose gleich mitnehmen, wenn er heute Abend wieder geht. Es ist ein Stück von ihrem Faden, den sie nun vernäht, durchtrennt und für Achim bereitlegt. Sie lächelt über diesen seltsamen Gedanken.

* * *
Achim blickte vom Steg aus über den See. Er kam oft hier her und bevorzugte den ruhigen Vormittag, um seinen Erinnerungen nachzuhängen. An dieser Stelle hatte er einst schwimmen gelernt, war mit ungestümem Schwung mitten in die Schar seiner Kameraden gesprungen, hatte die wasserscheuen Gaffer auf dem Steg mit einem kräftigen Schwall bedacht. Glückliche Stunden. Lange her. Verloren. Schilf und Buschwerk säumten dichter als heute den See, waren ein Spielplatz mit unerschöpflichen Abenteuern. Dahinter der Rundweg, der ihm als Trainingsstrecke diente, als er noch von sportlichen Erfolgen träumte. Wie hatte er sich geschunden. Damals, strotzend vor Kraft und Optimismus. Am anderen Ufer gab es eine versteckte Bucht. Sie war Kulisse einer unerfüllten Liebe, die über begierige Küsse nicht hinaus kam. Eine sorglos vergebene Chance. Ob es den mächtigen Baumstamm dort noch gab, auf dem sie sich umschlungen hielten? Aus jedem Blick über die Wellen sprang eine Geschichte, weckte köstliche Gefühle, die er durch seinem Körper rieseln spürte.
Er sah zu, wie auf den Wellenspitzen die Sonnenstrahlen Funken schlugen. Am Rande dieses Glitzerns, nah beim Ufer, trieb ein Zweig, der, umspielt von Licht und Wasser, sich regelmäßig hob und senkte. Als würde er atmen, dachte Achim, wie lebendig. Der Zauber dieses Anblicks hätte ihn früher fasziniert und angelockt. Er wäre hinüber gewatet, hätte nach dem Zweig gegriffen, ihn emporgehoben, ihn begutachtet, ernüchtert konstatiert, dass es sich um einen ganz gewöhnlichen Ast handelte, und hätte ihn in hohem Bogen in den See zurückgeworfen. Heute gab nichts mehr, was er in dieser Welt ergründen, geschweige denn bewegen könnte. Selbst ein wippendes Stück Holz war ihm inzwischen an Lebendigkeit überlegen und schien ihm aus unüberwindbarer Distanz zu spotten. Achim wandte sich ab. Sein Rollstuhl rumpelte über die Bohlen des Steges. Zweiunddreißig Rillen, eine Planke für jedes gelebte Jahr, zählten die Räder, bis der Kiesweg begann und das Fahren schwerer wurde.

* * *
Man könnte glauben, das Leben bestünde aus unzähligen Augenblicken, die sich aneinander reihen, denkt die Großmutter. In Wirklichkeit ist es aber nur ein einziger und der heißt Jetzt. Er ist winzig, flink und stürmisch; verwandelt alles, was er berührt, sofort in Vergangenheit. Gerade jetzt springt er zwischen den schwebenden Staubteilchen herum, stößt sich von ihnen ab und ist längst weiter gezogen, wenn sie im Gegenlicht erstrahlen. So sehr man sich auch konzentriert, greifbar ist er nicht, doch man kann ihm nahe kommen, ihn spüren, diesen flüchtigsten und zugleich treuesten aller Augenblicke. Er altert nicht, ist unaufhörliches Beginnen und fühlt sich heute so frisch an wie vor Jahrzehnten.
Sie öffnet das Fenster und schüttelt ihr Staubtuch. Verbrauchte Augenblicke rieseln heraus. Einzig das Jetzt bleibt bei ihr. Was für absonderliche Ideen mich heute anspringen, staunt sie. Doch der Gedanke ist schön, es steckt Kraft in ihm, er duftet nach Frühling, er könnte Bruno gut tun. Schade, dass er ihn nie verstehen würde.

* * *
Neuerdings verbrachte Bruno viel Zeit auf seinem Balkon. Dort saß er auf einem Plastikstuhl, einen Ellenbogen auf die Brüstung gestützt, blätterte in der Zeitung und blickte im Minutentakt hinunter auf die belebte Straße. Dort hasteten die vorbei, die ein Ziel, eine Aufgabe hatten. Er schaute ihnen zu. Sysiphos hatte seinen Stein abgeben müssen. Jahr um Jahr hatte Bruno mit seinem Bagger Gräben ausgehoben. Erst grub er, um Wiesen und Felder trocken zu legen. Dann wieder, um Leitungen zu versenken, die das Wasser dorthin zurück bringen. Geben und nehmen im Gleichgewicht. Jetzt lasse ich mir die Sonne auf den Bauch scheinen, hatte er gedacht als er ging. Schon nach Tagen war es ihm leid. Was als entspannend erhofft war, wandelte sich ein unruhiges Warten. Worauf? Was tun mit der gewonnenen Freiheit? Was konnte er schon, was interessierte ihn, würde ihm Spaß machen? Auch viel kosten dürfte es nicht und keine sinnlose Zeitvergeudung sein.
Bruno dachte oft darüber nach und kam zu keinem Ergebnis. Nutzlos war er geworden, mit Anfang Fünfzig. Er griff unter seinen Stuhl, zog den billigen Weinbrand hervor, nahm einen kräftigen Schluck und sah wieder auf die Straße herunter, als hielte er nach etwas Ausschau.

* * *
Die Großmutter nimmt ein Messer aus dem Schubfach, taucht es in Wasser und schneidet die Torte. Gesangsverein, Skatrunde, Stammtisch, Bürgertreff, Anglerverband, murmelt sie vor sich hin. Wie heißen eigentlich meine Stücke vom Kuchen? Clemens beansprucht alles für sich. Seit er Rentner wurde, zieht es ihn unter Leute, wie er sagt. Er kann nicht still sitzen, braucht Leben um sich. Selbst heute, an ihrem Geburtstag, ist er mit seinem Chor unterwegs. Wichtiger Aufritt. Zum Kaffee ist er wieder da. Dann wärmt er ihr seine Erlebnisse noch einmal auf.
Vorher wird er wird Bruno abholen und Achim. Sie wird sie im Empfang nehmen, am gedeckten Kaffeetisch. Sie wird für jeden ein nettes Wort bereit haben. Achim, mit deiner neuen Frisur drehen sich doch bestimmt alle Mädchen nach dir um. Bruno, warum legst du dir keinen Garten zu? Clemens, sind eure Lieder gut angekommen? Schon wieder ein Jahr älter, wird einer von ihnen sagen, aber man sähe es mir überhaupt nicht an. Sie wird sich für die schnell dahingesagten Glückwünsche bedanken, alle werden Platz nehmen, schmatzen und schlürfen und mit sich selbst beschäftigt sein. Sie werden plappern, überhaupt nicht bemerken, wenn sie Kaffee nachschenkt und anschließend das Geschirr in die Küche trägt.
Die Kaffeemaschine röchelt. Die Großmutter geht ans Fenster. Am Ende der Straße kommen sie. Ihr Mann Clemens, ihr Sohn Bruno und ihr Enkel Achim. Gehetzt der Erste, mit Fusel betäubt der Zweite, wehleidig der Dritte. Bestimmt steckt im Blumenstrauß so eine fürchterliche aufgestielte, aus goldfarbener Pappe gestanzte Siebzig. Fast bedrohlich sieht es aus, wie sie näher kommen. Nein, darauf hat sie keine Lust. Sie möchte erzählen, nicht zuhören. Lachen, nicht grübeln. Dabei sein, nicht in der Nähe. Umsorgt sein statt bedienen. Heute ist ihr Geburtstag. Wie soll das erst werden, wenn ich einmal alt bin, denkt sie und nutzt den Augenblick. Sie zieht sich ihre Jacke über, schlüpft in die Schuhe, greift ihre Tasche, geht aus dem Haus.
„Ich hab es eilig, besuche eine alte Freundin“, sagt sie im Vorbeigehen zu den Männern. „Der Tisch ist gedeckt, der Kaffee ist fertig. Macht es euch gemütlich.“
Die Drei sind verdutzt stehen geblieben und blicken ihr nach.
„Wann kommst du wieder?“, ruft Clemens.
„Vielleicht!“, kommt es als Antwort zurück.



Lutz Schafstädt, 2003

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