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Mai 2003
Wir finden den Kinderwagen
von Renate Hupfeld


Platzdeckchen und Besteck hat Paula schon auf dem Esstisch bereit gelegt. Sie stützt sich auf die Fensterbank, schaut auf die Straße und wartet auf Maria. Die bringt ihr jeden Tag das Mittagessen. Sie hat einen Haustürschlüssel. Manchmal wird sie auch von Paulas Tochter hereingelassen, wenn die schon von der Arbeit zurück ist. Zusammen mit ihrem Mann wohnt sie in der Wohnung im Erdgeschoss. Das Stehen fällt Paula schwer. Als es klingelt, setzt sie sich auf den Stuhl am Esstisch.

‚Was ist mir ihr? Sie kann ja kaum das Besteck halten’, denkt Maria.

„Frau Schulte, geht es Ihnen heute nicht gut?“

„Ich hab überhaupt nicht geschlafen letzte Nacht. Schauen sie doch mal in die Zeitung. Panzer! Brennende Häuser! Alles kaputt! Schon wieder Krieg. Mich regt das alles so auf.“

Paula isst ein paar Gabeln Kartoffelbrei und schiebt den Teller zur Seite.

„Sie dürfen sich das nicht so zu Herzen nehmen, Frau Schulte. Der Irak ist weit weg.“

„Mein Mann ist in Russland geblieben. Hier sah es genauso aus, wie jetzt in Bagdad. Mein Elternhaus. Alles verbrannt. Das interessiert niemanden.“

Die alte Frau beginnt zu weinen.

„Maria, ich brauche wieder Tabletten. Können sie mir nicht welche besorgen? Sie wissen schon.“

Schon wieder Tabletten? Maria wundert sich. Sie hat aber einen hohen Verbrauch in der letzten Zeit. Ob ich mal mit der Tochter spreche?

„Aber ich hatte doch vorige Woche ...“, beginnt Maria.

„Stimmt nicht.“ Paula hört sich plötzlich nicht mehr weinerlich an. „Das war vor zwei Wochen.“

„Aber ich muss ihrer Tochter Bescheid sagen, wenn ich ...“

„Sieglind braucht davon gar nichts zu wissen.“ Die Stimme überschlägt sich fast.

„Regen Sie sich nicht auf, Frau Schulte. Ich gehe morgen früh in die Praxis und hole ein Rezept. Jetzt essen sie erst mal.“

„Ich hab keinen Hunger. Wenn sie mir nur morgen die Tabletten mitbringen.“

Maria geht. Schwerfällig steht Paula auf und bringt das Geschirr in die Küche. Alles ist nah beieinander in ihrer Wohnung. Beim Umbau wurden die Räume so geplant, dass sie es bequem hat.
‚Ich brauche jetzt erst mal Ruhe. So richtig abschalten’, denkt sie. Sie öffnet den Küchenschrank. Hier hat sie das Tablettenglas hinter einem Tellerstapel versteckt. „Für die Nervchen“, hatte der Arzt gesagt, der ihr das Medikament zum ersten Mal verschrieben hatte. Nur mit der Besorgung hat sie seit einiger Zeit Schwierigkeiten. Alleine kommt sie nicht mehr in die Apotheke.
Ihre Tochter weiß nichts davon, dass sie diese Tabletten schon seit Jahren täglich nimmt. ‚Reicht eine? Ob ich zwei nehmen kann? Sind ja nicht mehr viele darin. Aber Maria bringt ja morgen neue.’ Sie schüttet sich zwei Tabletten in die Hand und stellt das Tablettenglas wieder hinter die Teller. Genau in die Mitte. Dann geht sie Schritt für Schritt an der Wand entlang ins Schlafzimmer und legt sich auf das Bett. Schon bald ist es, als breite sich ein weicher Schleier über sie und ihr wird warm.


Am Abend sitzt Paula in ihrer Sofaecke. Fernsehposition. Um diese Zeit sieht sie gerne die Flippers oder die Schürzenjäger. Doch heute gibt es wieder keine Musiksendung. Schaltung live nach Bagdad. Fünf Häuser in einem Wohngebiet zerstört. Tote Zivilisten... Nicht schon wieder. Flüchtlingslager an der Grenze nach Jordanien ... Nein, nein. Kameramann in Armeeoutfit. Sandsturm in der Wüste ... Soldaten. ... vermisst ... vom Krieg verschluckt ... irgendwo in Russland ... wo bist du? ... Paula, ich komme zurück ... dann sind wir eine richtige Familie ... er ist nicht tot ... irgendwo in Russland. Der Präsident ... nein, nicht der schon wieder ... Größte Bombe aller Zeiten ... die Sirene... meine Ohren ... zu laut .... aufhören .... da kommen sie schon.... der Kinderwagen ... Bunker ... ich schaff es nicht ... die Eisentür ... nein ... nein ... aufmachen ... ich ertrag das nicht ...
Sie drückt die Knöpfe der Fernbedienung, bis der Bildschirm schwarz wird. Abschalten.


Schon sieben Tage Krieg. Unruhig läuft Paula in der Wohnung hin und her. Maria hat keine Tabletten mitgebracht. Die vertretende Ärztin unterschreibt das Rezept nicht. Paula soll selbst in die Praxis kommen. Das ist eine neue Situation. Bisher gab es mit der Verschreibung der Medikamente keine Probleme. Wie soll sie die Zeit überstehen, bis der Arzt aus dem Urlaub zurück ist? Ohne Tabletten.

Schritte auf der Treppe. Sieglind. So schnell sie kann, setzt sie sich in ihre Sofaecke, nimmt die „Bunte“ und fängt an zu blättern.

„Sag mal, Mutter, was ist eigentlich los mit dir?“

„Was soll los sein?“ Paula antwortet gereizt.

‚Es ist nervig’, denkt Sieglind, ‚sie lässt mich doch vor die Wand laufen.’

„Vorige Tage warst du schon um neun Uhr Abends im Bett. Heute höre ich dich ständig in der Wohnung oder im Treppenhaus herumlaufen. Du bist so unruhig.“

„Ich habe schon zwei Nächte nicht geschlafen. Im Fernsehen kommt auch nur Mist. Da gehe ich lieber früh ins Bett.“

Sieglind sitzt im Sessel und schaut ihre Mutter verständnislos an.

„Die Berichte vom Krieg will ich gar nicht sehen. Hab ich doch alles selbst erlebt. Einmal bei Fliegerangriff musste ich mit dir in den Bunker. Da ist ein Rad vom Kinderwagen weggerollt. Nachher war der Kinderwagen verschwunden und ...“

„Mutter, ich weiß das alles. Du musst dir diese schrecklichen Bilder nicht angucken. Guck doch was anderes.“

„Es gibt ja nichts anderes, nicht mal auf RTL.“

„Und wenn du mal ein Buch liest? ‚Sommer am Meer’ zum Beispiel. Eine schöne Liebesgeschichte.“

„Ich bin so schwindlig. Ich kann nicht lesen. Davon krieg ich Kopfschmerzen.“

„Komm, zieh dich an. Wir gehen eine Runde spazieren. Welche Schuhe willst du anziehen? Ich helfe dir. Wir gehen ganz langsam.“

„Nein, nein! Heute nicht. Mir ist es viel zu kalt.“

„Vorige Tage war es dir zu warm. Du musst doch mal vor die Tür gehen.“

„Tu ich doch. Ich war schon zweimal auf dem Balkon.“

Sieglind hat große Mühe sich zu beherrschen.

„Mal andere Leute treffen. Die Hedwig sehe ich jeden Tag mit ihrem Gehwägelchen in der Straße. Früher warst du doch oft mit ihr zusammen.“

„Ach, hör auf. Ich würde nie mit so einem Wagen herumlaufen. So alt bin ich noch nicht.“

Richtig böse klingt das.

„Guck mal, ich bin heute so zittrig.“ Sie hält der Tochter ihre Hände hin.

„Das sieht nicht gut aus. Was kann das sein? Vielleicht Nebenwirkungen von Medikamenten. Welche sind noch mal die Herztabletten?“

Die Tochter geht ins Badezimmer und öffnet den Badschrank.

„Brauchst gar du nicht zu gucken.“ Paula schreit schon fast. „Ich hab keine Tabletten genommen.“

Sieglind überlegt. Irgendwas stimmt doch da nicht.

„Ich geh dann mal wieder runter. Wenn du es dir doch noch überlegst mit dem Spaziergang, kannst du ja Bescheid sagen.“

Nichts wird sie tun. Das weiß Sieglind. So geht es mit Mutter nicht mehr weiter. Schwindel. Zittern. Innere Unruhe. Vielleicht ist sie auch ernstlich krank. Mit dem Arzt sprechen? Du kannst mich doch nicht entmündigen, würde sie sagen. Und zu ihrem Sturz vor vier Wochen ist dem auch keine Erklärung eingefallen. Mit Georg sprechen, wenn er von der Arbeit kommt. Vielleicht hat der eine Idee.


In der darauffolgenden Nacht ändert sich plötzlich die Situation. Wie ein Knall platzt es in Sieglinds Traum.

„Sieglind!“

Eine schrille Stimme vor ihrem Bett.

„Wir müssen den Kinderwagen suchen.“

„Mutter, es ist mitten in der Nacht. Bist du etwa im Dunkeln die Treppe herunter gegangen?“

„Steh sofort auf. Wir müssen ihn suchen“, schreit Paula hysterisch.

„Was machen die vielen Leute hier?“ Paula ist schweißgebadet und zittert am ganzen Körper.

Sieglind führt sie zum Sofa und setzt sich neben sie. Ihre Mutter lehnt den Kopf an ihre Schulter und beginnt hemmungslos zu weinen. Dabei redet sie wirres Zeug von Kinderwagen und vielen Leuten. Sieglind nimmt sie in den Arm und streicht über ihre zerzausten Haare.

‚So hab ich sie noch nie erlebt’, denkt sie, ‚das ist ja ein Horrortrip.’

Georg hat auch nichts mehr im Bett gehalten. Geschockt sitzt er im Sessel und betrachtet die beiden Frauen im Sofa. Ruhe bewahren ist in diesem Moment wichtig.

„Wir finden den Kinderwagen.“ Ganz beruhigend klingt Sieglinds Stimme.

„Meinst du?“, schluchzt Paula.

„Da bin ich ganz sicher. Und die Leute schicken wir alle weg.“

Nur ganz allmählich beruhigt sich Paula. Es bleiben nur noch ein paar Stunden Schlaf. Sofort nach dem Aufwachen ruft Sieglind in der Praxis an. Die vertretende Ärztin ist schon im Dienst. Durch die Schilderungen der Tochter alarmiert, kommt sie in kürzester Zeit ins Haus. Paula schläft noch. ‚Hoffentlich gibt es Hilfe’, denkt Sieglind. Sie sitzt der Ärztin gegenüber und schaut sie fragend an. Die überlegt nicht lange.

„Ich tippe auf Entzugserscheinungen“, sagt sie. „Ihre Mutter hat jahrelang das Medikament Lexotanil genommen. Dieses Mittel gehört zu den Tranquilizern und führt schon nach zweiwöchigem Konsum in eine Abhängigkeit.“

Konsum? Abhängig? Entzug? Sieglind will es nicht glauben.

„Nach plötzlichem Absetzen können die Symptome sehr heftig sein. Schweißausbrüche, Unruhezustände und Verwirrtheit. Das kann sogar zum Delirium führen.“

„Lexotanil? Hab ich nie bei ihr gesehen. Dann ist meine Mutter ... dann hat sie ... all die Jahre ... all die Jahre ... “

©Renate Hupfeld 05/2003






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