Das alte Buch Mamsell
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Mai 2003
Wie man damals Tante Polly begrub
von Bernd Pol


Also gut, erzähl ich euch halt, wie das mit Tante Polly war. Aber dann hört ihr auf zu maulen, ja? Gut ...
Tante Polly hieß so, weil sie in den zwanziger Jahren auf einer Party mal gewettet hatte. Da war sie selbst knapp Zwanzig und wild entschlossen, nicht in Deutschland alt zu werden. Nach Amerika wollte sie, schön lange leben und zum Schluss ein reiches Begräbnis mit allem Pomp und Gloria bekommen. Am liebsten wollte sie mit einer silbernen Schüssel Kaviar auf dem Bauch begraben werden. Eine skurrile Idee, wie man fand, aber auf all das hatte sie mit eurem Urgroßvater gewettet.
Der gehörte da noch nicht zur Familie, aber das ist eine andere Geschichte. Damals hieß Tante Polly ja auch noch nicht Polly, sondern Leopoldine und ihre Schwester war Clara, die dann eure Urgroßmutter geworden ist, vermutlich weil sie die Wette überwachen sollte und euer Urgroßvater schon damals lieber auf der sicheren Seite stand.
Aber, wie gesagt, das ist eine andere Geschichte. Jedenfalls nannte sich Leopoldine nach jenem Abend Polly, weil das so schön amerikanisch klingt, und das blieb über viele Jahre das Einzige, was die Welt an diese Wette erinnerte.
Erst mal wurde nämlich nichts draus. Sie hat bald darauf geheiratet, da war sie kaum volljährig, einen von diesen blonden, blauäugigen Siegfried-Typen, der dann aber gleich zu Kriegsanfang in Polen gefallen ist, was ihr wohl ganz recht war, denn der Mann war nicht gut zu ihr und vor allem wollte er nicht mit ihr nach Amerika.
So war sie schon Witwe, als die Amis kamen. Nur hatte sie da auch nicht viel Glück. Die Männer wollten nicht mehr so recht mit ihr. Oh, sie ist schon mit einigen rumgezogen damals, das hat jedenfalls euer Urgroßvater erzählt, immerhin war sie immer noch recht attraktiv, aber außer einem ziemlich hässlichen, zwergenhaften Neger wollte keiner bleiben, und den wollte wieder sie nicht haben. Nicht wegen seines Aussehens, das war ihr anscheinend egal, aber er war ihr nicht vermögend genug, und darauf kam es ihr nun mal in erster Linie an. Sie haben ihn dann nach Korea geschickt, glaube ich und damit war sie ihn los.
Da war sie nun schon um die Fünfzig und nach den damaligen Maßstäben war ihr Leben als Frau fast schon vorbei. Es wurde dann auch nichts mehr mit den Männern und an Amerika war schon gar nicht mehr zu denken, so dass euer Urgroßvater schon anfing zu sticheln und auf den Gewinn seiner Wette zu pochen. Aber nichts da, so schnell gab Tante Polly nicht auf. Sie fing an zu spielen, nichts Teures, kein Roulette und so, aber was sie von ihrer Witwenrente abzweigen konnte, steckte sie in Toto, Lotto oder was für Wettspiele auch immer.
Das ging Jahrzehnte so, ohne jeglichen Erfolg. Bis weit in den Siebzigern eure Großtante Polly eines Tages verschwunden war. Das fiel erst niemandem weiter auf, jeder glaubte, sie sei nach Bremen gefahren, eine Freundin mit Wettspielen zu belästigen, denn damals stand sie auf Kartenspiele, Bridge und so, mit denen hier in der Familie nichts anzufangen war.
Was genau geschehen war, ließ sich so recht feststellen, jedenfalls kam nach ein, zwei Wochen ein Telegramm, sie sei gerade auf Kreuzfahrt und werde voraussichtlich so rasch nicht wiederkommen. Euer Urgroßvater jedenfalls solle sich keine Sorgen machen, sie wäre nur gerade dabei, die Wette zu gewinnen. Nichts sonderlich Großes, aber es würde genügen. Ein wenig Geduld noch, dann könne jeder sehen.
Was sollte man tun? Sie war zwar weit in den Siebzigern, aber durchaus noch im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte, wenn sich alles auch etwas seltsam anließ. Euer Urgroßvater hatte da schon den Verdacht, er solle auf die seine letzten Jahre noch einmal reingelegt werden, aber er konnte auch nichts machen, als sich fügen und der Dinge harren, die noch geschehen sollten.
In der Folge lief alles erst einmal recht normal. Ab und an verschickte sie Ansichtskarten aus verschiedenen Städten rund um Südamerika, nicht viel anders als andere Leute auch. Nur dass auf jeder der Satz stand: „Ihr werdet schon sehen.“ Ein bisschen meschugge sei sie halt schon immer gewesen, meinte euer Urgroßvater dazu und dass er sich bemühen würde, nicht zu früh zu sterben. Das wolle er noch mitbekommen, wie das ausginge mit ihrer Wette.
Ein wenig gedulden musste er sich allerdings schon noch mit dem Sterben. Erstmal kam noch eine Karte aus San Francisco, diesmal anders als die andern. Sie enthielt nur noch ein Wort: „angekommen“, und gab so zu allerlei Rätseln Anlass. Dann war fast ein halbes Jahr Ruhe. Die Familie begann bereits, Tante Polly zu vergessen. Anderes wurde wichtiger. Sogar euer Urgroßvater hörte auf, sich Sorgen um seine Wette zu machen. Bis eines Tages ein Brief aus San Francisco ankam.
Er war schon einige Zeit unterwegs gewesen und enthielt lediglich ein aus einer Zeitschrift herausgerissenes Bild: Tante Polly. Sie saß mit ein paar jungen Männern in Hippie-Kleidung auf einer Wiese, sah sehr jugendlich und entspannt aus und meditierte anscheinend. Leider gab es keine Bildunterschrift, so dass der Anlass, zu dem das Bild entstanden war, ein Geheimnis blieb. Immerhin, sie lebte und offenbar ging es ihr recht gut. Euer Urgroßvater blieb skeptisch: „Da kommt noch was nach, sag ich euch!“, prophezeite er und verzog sich in seinen Schmollwinkel vor den Fernseher.
Natürlich behielt er Recht. Einen Monat später kam eine telegrafische Mitteilung von einem Anwalt aus Kalifornien, nach der wir im Auftrag von Leopoldine X. schleunigst eine gewisse Dollarsumme überweisen sollten um sie aus irgend einem Gefängnis auszulösen. Der Grund ihres Einsitzens war in englischen juristischen Begriffen abgefasst und blieb unklar. Immerhin schien es sich nicht um ein schweres Delikt zu handeln, der Summe nach zu schließen.
„Sagt‘ ich‘s nicht?“, knurrte euer Urgroßvater, schickte eine telegrafische Anweisung ab und vertraute darauf, seine Wette zu gewinnen, denn: „Reich ist sie ja ganz offensichtlich nicht geworden.“
Zwei Monate später kam das Geld zurück, in doppelter Höhe, Dollarnoten in einem schmuddeligen Brief, dem eine Notiz beilag, welche in Tante Pollys bereits etwas verzitterter Handschrift einerseits Dank für die Hilfe ausdrückte, andererseits aber nachdrücklich betonte, dass sie des Geldes nun nicht mehr bedürfe, sie habe nun bereits genug. Das „genug“ war dick unterstrichen und mit drei Ausrufezeichen versehen, was euren Urgroßvater wieder um seine Wette bangen machte. Nun, wahrscheinlich war dies ja auch der hauptsächliche Zweck der Übung gewesen.
Dann war wieder für ein paar Monate Ruhe, bis eines Tages aus der Schmollecke eures Urgroßvaters vor dem Fernseher eine markerschütternder Schrei kam. Mit weit aufgerissenen Augen hockte er vorgebückt in seinem Sessel, deutete zitternd auf die Mattscheibe und japste nur noch: „Da! Da!“ Es wurde nicht gleich deutlich, was er meinte, anscheinend lief ein Bericht über die amerikanische Schickeria, eine Art Ballsaal war da, irgendein Fest mit Offiziellen und Offiziösen, ungeheuer viele, offensichtlich ziemlich reiche Leute, ansonsten aber nichts Besonderes. Bis die Kamera noch einmal über die Tische schwenkte und – eine strahlende Tante Polly zeigte.
An dieser Stelle brach der Bericht ab und es brauchte vieler beruhigender Worte und mehrerer Gläser Doppelkorn, bis euer Urgroßvater zu einer Auskunft fähig wurde: „Sie hat ihn geheiratet! Diese Sau hat ihn geheiratet!“ Mehr war nicht aus ihm herauszubekommen, denn ab da weigerte er sich mehrere Wochen, auch nur ein Wort mehr als unbedingt nötig zu reden. Immerhin, es schien ganz so, als hätte Tante Polly einen entscheidenden Schritt zum Gewinn ihrer Wette gemacht. Reich schien sie geworden zu sein. Jetzt musste sie nur noch in diesem Zustand mit Pomp und Gloria begraben werden.
Und auch das kam bald. Tante Polly ging mit beeindruckender Konsequenz vor. Sie brauchte nur wenige Wochen dazu. Das Ereignis kündigte sich mit einem Telegramm an, wieder mal. Wenn euer Urgroßvater Tante Polly noch einmal sehen wolle, müsse er sich schleunigst auf den Weg nach San Francisco machen. Um die Kosten brauche er sich nicht zu sorgen, in Frankfurt seien zwei Flugscheine für ihn und einen Begleiter seiner Wahl hinterlegt. Er möge nur an die angegebene Adresse seine Ankunft telegrafisch bekannt geben, man würde ihn gerne am Flughafen in Empfang nehmen und für ihn sorgen, wie es der ausdrückliche Wunsch seiner Schwägerin Polly gewesen sei.
Er telegrafierte. Er flog, brummend und etwas zittrig und euer Großvater begleitete ihn, für alle Fälle und falls es etwas zu telegrafieren geben würde, denn er konnte ein wenig Englisch, genug um sich auf offiziellen Stellen zu bewegen. Das erste Telegramm kam nach drei Tagen: „Wette verloren. Tante Polly begraben. Mit Kaviar.“ Zwei Tage später ein weiteres, mit der Anweisung: „Pollys Wohnung zurechtmachen. Eilt.“ Und am nächsten Tag kam die Anweisung, für das Wochenende die endgültige Ankunft vorzubereiten.
„Reingelegt hat mich die Hexe!“, zeterte euer Urgroßvater noch am Bahnhof. „Warum haben sie sie nicht gleich verbrannt?“ Dann ließ er sich nach Hause bringen, legte sich ins Bett und sprach jetzt wirklich kein Wort mehr. Ein halbes Jahr später war er tot. Die verlorene Wette hatte ihn umgebracht.
Ja, sie hatten sie wirklich begraben, eure Tante Polly. Man hatte sie nach einem Bankett starr auf dem Rücken unter dem Tisch gefunden und ihre Hände umklammerten eine silberne Schale mit Kaviar auf ihrem Bauch. Die hatte man ihr dann halt in den Sarg gelegt und derart hatten sie euer Urgroßvater und euer Großvater in einem prächtigen Bau mitten in Kalifornien aufgebahrt vorgefunden.
Sie wurde bestattet mit allem Pomp und Gloria, wie sie es sich gewünscht hatte. Ein Dutzend junger Männer in Hippie-Kleidung tanzte mit magischen Gesängen um ihr Grab, jeder warf seine Handvoll Erde hinein, dann kam ein exzellentes, sehr fettes, sehr amerikanisches und sehr alkoholreiches Festmahl, das euren Urgroßvater fast schon in Kalifornien umgebracht hätte, hätte ihn euer Großvater nicht sturzbesoffen ins Bett geschafft.
Früh am nächsten Morgen wurden sie beide in ein Krankenhaus gebracht. Nicht der Zügellosigkeit am vorigen Abend wegen, nein, es ging um Tante Polly. Sie fanden sie, noch etwas schwach, aber durchaus munter in einem Erste-Klasse-Bett vor. „Na?“, strahlte sie, und: „Gewonnen!“ Dann brauchte man ein weiteres Bett für euren Urgroßvater.
Es war alles von langer Hand inszeniert gewesen. Sie war seinerzeit tatsächlich nach Bremen gefahren, mit ein bisschen gewonnenem Geld, aber mit dem Zug, in dem sie wohl zwei Fremde, Vater und Sohn kennen lernte, reiche Amerikaner auf Europatour. Sie kamen ins Gespräch und irgendwie muss sie da von ihrer Wette erzählt haben. Man war begeistert und beschloss, sich das Vergnügen nicht entgehen zu lassen. Ab da lief alles wie im Theater oder im Kino ab, Schmiere erster Güte und alles sorgsam geplant.
Es erwies sich nämlich, dass Tante Polly der Trance fähig war. Sie konnte, richtig vorbereitet, über Stunden in eine Art Starre verfallen, die geeignet war, zusammen mit kunstvoller Schminktechnik ihr vollständiges Ableben vorzutäuschen. Das genügte, die Wette zu gewinnen. Nirgendwo war vereinbart, dass sie wirklich tot zu sein hatte. Sie brauchte nur ein Begräbnis mit allem Pomp und Gloria in Amerika, möglichst mit einer Schale Kaviar auf dem Bauch. Mehr nicht. Von Sterben und Nicht-wieder-ausgegraben-werden war nirgendwo die Rede gewesen.
Sie hatte ihn nach Strich und Faden reingelegt, euren Urgroßvater. Danach zog sie wieder in ihre alte Wohnung, ihren Triumph zu genießen. Wirklich reich geworden war sie nicht bei alledem, aber es reichte für ein auskömmliches Leben. Ihre neuen amerikanischen Freunde blieben ihr in dieser Hinsicht treu. Nur manchmal bedauerte sie es etwas, dass er ihr die Sache so krumm genommen hatte und „aus Trotz“, wie sie sagte, so bald darauf gestorben war.
Worum die Wette gegangen war? Das könnt ihr euch von ihr selbst erzählen lassen. Jetzt hört schon auf, eure Mäuler zu verziehen und macht euch fertig! Zum Hundertsten muss nun mal die Familie vollzählig anwesend sein. Das gehört sich so.
Der Amerikaner ist ja auch schon da.

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