Futter für die Bestie
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Gruselig geht's in unserer Horror-Geschichten-
Anthologie zu. Auf Gewalt- und Blutorgien haben wir allerdings verzichtet. Manche Geschichten sind sogar witzig.
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Mai 2003
Hannelore und ihre Pillen
von Anne Zeisig


Hannelore Wiesenthal hatte heute sehr viel Sorgfalt auf ihre Erscheinung gelegt. Feiertage, Ehrentage, ja, überhaupt setzten besondere Tage gepflegte Kleidung voraus. Ihr Kleiderschrank war, aus finanziell besseren Zeiten, immer noch gut bestückt. Aber inzwischen ließ die bescheidene Witwenrente Hannelore am Abgrund des Existenzminimums entlang schlittern. Im letzten Jahr konnte sie noch so manchen Monat mit ein paar Spargroschen überbrücken – inzwischen war alles aufgebraucht: Rezeptgebühren, Reformhauskosten, die Rechnungen des Heilpraktikers. Und was Hannelore sonst noch Notwendiges für den Erhalt ihrer Gesundheit benötigte.

Die Nerven waren dünn wie ihr silberiges Kopfhaar, seit sie ihren Kurt-Herrmann vor zwei Jahren beerdigt hatte. Vorausgegangen war eine Zeit, wo sie ihn vierundzwanzig Stunden täglich aufopfernd gepflegt hatte. Bis der Sensemann Kurt-Herrmanns Leiden ein Ende setzte. Damals begannen ihre Nervenschmerzen. Auf diese Tabletten konnte sie nicht verzichten. „Für das Gemüt, Frau Wiesenthal“, hatte der Doktor gesagt, „wenn man weit über siebzig ist, dann helfen diese Wunderpillen dem Gemüt auf die Sprünge, weil das Leben ja immer irgendwie in den Knochen hängen bleibt.“ Die Dosis der Tropfen gegen morsche Knochen hatte sie erhöht, weil ihr das gut tat – besonders beim Treppensteigen – und eine Wohnung mit einem Aufzug in einem Neubau konnte sie sich nicht leisten. Wenn sie keuchend die fünfte Etage erreicht hatte, senkten die Tabletten aus der blauen Packung ihren Blutdruck ins Normale. Sehr stolz war sie auch auf ihre Cholesterinwerte, weil der Doktor sie dann immer so fröhlich anlachte: „Prima Werte! Und das in ihrem Alter, Frau Wiesenthal, ich gebe Ihnen sofort ein neues Rezept, dann lacht Ihr Herz wieder wie bei einem jungen Mädchen.“ Ach ja. Das Herz. Der Doktor verschrieb ihr das Nötigste, aber ausreichend war das nicht. Deshalb kaufte sie sich im Reformhaus an der Ecke auch noch diesen wohlschmeckenden Saft zur Stärkung der Herzkranzgefäße, welche sie mit den Kürbiskerntropfen zur Kräftigung ihrer Blase mischte. Drei mal täglich einen Esslöffel von diesem Cocktail vor dem Essen, hatte ihr die freundliche Verkäuferin geraten. Und offerierte ihr auch noch dieses Pulver mit dem Wirkstoff aus Weinlaub zur Kreislaufstärkung. Das gäbe es nicht immer in der preisfreundlichen Großpackung. Also kaufte Hannelore sofort drei Packungen, obwohl sie es sich gar nicht leisten konnte. Wieder hatte eine Mahnung im Briefkasten gelegen. Diesmal vom Verkaufssender, wo sie Drops aus Grünalgen bestellt hatte für ihren Stoffwechsel. Die Rechnung für das Versandhaus stand auch noch offen, das war die Lieferung der Vitamin-E-Kapseln gewesen.

Hannelore löste eine Multivitamintablette in einem mit Wasser gefüllten Glas auf und trank es in einem Zuge aus. Frühstücken wollte sie nicht, denn der Magendruck war wieder stärker geworden. Auf dem Rückweg würde sie sich diese Magenmilch kaufen, welche so praktisch in Portionspackungen eingeteilt war. Sie zog den schwarzen Wollmantel an, setzte den Hut auf, fingerte zitternd das Tüllnetz vor ihr Gesicht und betrachtete sich prüfend im Garderobenspiegel. `Ja, so wird ´s gehen´, flüsterte sie und war zufrieden. Sorgfältig achtete sie auch auf den Inhalt ihrer Handtasche, denn heute war ein besonderer Tag, wo sie es sich nicht leisten konnte, vergesslich zu sein.
„Und so elegant heute, Frau Wiesenthal, einen wunderschönen Guten Morgen wünsche ich! Haben ´s die Einladung neulich zum Nachmittagstee vergessen?“
Ihr Nachbar, der alte Herr Brauer, ließ keine Gelegenheit aus ihr den Hof zu machen, seit Kurt – Herrmann verstorben war. Wieder trug er dieses unsaubere, karierte Flanellhemd. Sie hasste alte Männer. Warum? Weil alte Männer halt rochen, wie alte Männer nun mal riechen. Irgendwie morsch, oder vermodert? Genau erklären konnte sie das aber nicht und antwortete ihm höflich im Vorbeigehen: „Ein andermal vielleicht, Herr Brauer.“ Sie eilte die Stiege hinunter und ignorierte das Knirschen in den Kniegelenken.
„Danke auch noch mal, dass Sie sich wieder um meine Zimmerpflanzen gekümmert haben, als ich auf Reisen war!“, rief der Nachbar durch das Treppenhaus.
Brauer hatte sich offenbar die Lebensversicherung seiner verstorbenen Frau auszahlen lassen und verprasste diese auf steten Reisen. Die neue Küchenzeile konnte er auch nicht von seiner kargen Rente finanziert haben, mutmaßte Frau Wiesenthal. In Waschpulver und neuen Oberhemden wäre sein Geld besser angelegt. Ach, was ging sie das Privatleben des Witwers Brauer an? Nichts.

Hannelore sah auf ihre Armbanduhr. Gleich neun. Kein Grund zur Eile. Sie verlangsamte ihre Schritte. Das tat gut, denn die nebelverhangene Luft machte ihr das Atmen schwer. Früher, im Sportverein, war sie eine begnadete Sprinterin gewesen. Nun dieses Asthma seit Frühjahr, wo glücklicherweise die Tropfen des Heilpraktikers sie einigermaßen durch das feuchte Novemberwetter brachten. Das Reformhaus ließ sie links liegen und überquerte die Straße am Reisebüro. `Heilfasten in Bad Liebspringwald´. Ja ja, die Reichen konnten sich ihre Zipperlein so angenehm wie möglich gestalten. Vor Jahren hatte sie mal eine Kur beantragt, aber die war abgelehnt worden, weil die heimischen, ambulanten Behandlungsmethoden noch nicht komplett ausgereizt waren. So ähnlich lautete die Begründung. Um den Papierkram hatte sich immer Kurt-Herrmann gekümmert. Der kannte sich da gut aus und wusste immer, wo man die entsprechenden Anträge stellen musste. Er fehlte ihr so sehr. Sie schaute hoch. Dunkle Wolken brauten sich zusammen. Nun hatte sie doch ihren Regenschirm vergessen. Die Nässe würde dem edlen Tuch ihres Mantels gar nicht gut tun. `Kurt-Herrmann´, flüsterte sie und überquerte die nächste Seitenstraße, `behalte den Regen oben, bis ich alles erledigt habe. Guck nicht so grimmig, ich muss heute tun, was ich nun mal tun muss.´
Hannelore hielt inne und presste ihre Handtasche eng an den Mantel. Dort drüben war das Geschäftsgebäude. Ein hoher Bau mit einer Glasfront, worin sich der dunkle Himmel spiegelte und noch bedrohlicher aussah. Die alte Frau atmete tief durch. In der sechsten Etage befand sich die Praxis des Heilpraktikers. Kein Mensch würde dort Notiz von ihr nehmen, wenn sie die Toilette aufsuchen würde. Bequem und komfortabel brachte sie der Lift sirrend an ihr Zwischenziel.
Wie immer drängten sich um diese Zeit viele Patienten vor der Anmeldung. Also huschte sie ungesehen den Flur entlang zur Toilette und schloss sich dort ein. Aus der geräumigen Handtasche zog sie den breiten Fuchskragen hervor, legte ihn über das Revers ihres Mantels, streifte sich die Lederhandschuhe über und verließ lautlos die Praxis. Der dichte, flauschige Teppichboden hatte ihre Schritte weich und dumpf verschluckt. Im Fahrstuhl schwebte sie hinunter.
Nun stand sie im Erdgeschoss vor der großen Glastüre und blickte hindurch. Der Schalterraum war menschenleer, lediglich die junge Dame hinter dem Glas mit der Aufschrift `KASSE – BITTE ABSTAND HALTEN´ zeigte sich geschäftig und sortierte die Geldbestände ein. Hannelore wusste, dass der Geldtransporter diese Bankfiliale stets um kurz vor neun belieferte. Nun war es fast halb zehn. Ein guter Zeitpunkt. Zielsicher durchschritt sie auch hier die Auslegeware und blieb vor dem Glas stehen. Die junge Kassiererin blickte auf: „Was kann ich für Sie tun?“
Hannelore knipste mit der Linken ihre Handtasche auf und zog mit der Rechten den Revolver hervor, hielt ihn vor die ovale Öffnung in dem Glas: „Nur das Geld her, dann schieße ich auch nicht. Und keine Faxen, dann geht alles gut.“ Sie zwängte ihre Tasche durch das Oval, „da das Geld rein bitte! Aber schnell.“
Es funktionierte. Hannelore fummelte ein bisschen nervös mit dem Revolver vor dem Glas hin und her, wie sie es oft in diesen Vorabendkrimis gesehen hatte, während die junge Dame flink die Scheine in ihre Handtasche legte, diese herüberschob und leise sagte: „Das bisschen Geld lohnt doch gar nicht.“
Hannelore riss die Tasche an sich, warf den Revolver hinein, eilte durch die Glastür und rief im Herauseilen: „Für mich lohnt sich jeder Cent!“ Und verschwand mit dem Lift nach oben. Wer würde vermuten, dass eine Bankräuberin zunächst auf die Toilette eines Heilpraktikers flüchten würde?
Wieder nahm keiner Notiz von ihr. Die Kranken waren mit sich selbst beschäftigt und das Personal mit den nörgelnden Patienten.
„Ich hatte doch um neun sofort einen Termin zur Eigenblutbehandlung!“
„Frollein! Zehn Minuten warte ich nun schon mit meiner Arthrose!“
„Nein, Frau Kanzius, sie haben ihren Termin doch erst um zehn, so habe ich es hier jedenfalls eingetragen!“

Außer Atem schloss Hannelore die Toilettentür hinter sich ab und lehnte dagegen. Geschafft! Sie hatte es geschafft! Nur keine Eile! Es gab keinen Grund zur Unruhe. Hannelore knipste ihre Handtasche auf. Herrlich, der Anblick des Geldes. Tausend Euro? Zweitausend? Oder mehr? Weniger? Egal. Sie stopfte die Handschuhe, den Fuchskragen und ihren Hut auf die Scheine. Aus der Manteltasche zog sie eine große Plastiktüte, in diese steckte sie den Revolver und die Handtasche, ordnete vor dem Spiegel mit den Fingern ihr schütteres Haar. Von unten drang Sirenengeheul herauf. Na, das hatte aber lange gedauert. Diese Geldsumme würde die Versicherung der Bank ersetzen, sowas war eine Kleinigkeit für die. Auch sie, Hannelore Wiesenthal, hatte über Jahre treu und brav die Beiträge für die Hausratversicherung entrichtet. Und? Hatte sie auch nur ein einziges mal irgendwas geltend gemacht? Nein! Nun müsste diese Versicherung wenigstens für die Schadenssumme der Bank eintreten. Es gab also doch noch eine gewisse Gerechtigkeit im Leben. Außerdem forderte die Bank stets sehr hohe Konto-Überziehungszinsen, aber für die Spargroschen auf dem Sparbuch gab es kaum was. Na ja, an Weihnachten hatte man ihr einen Kalender geschenkt, wo sie übersichtlich ihre Arzttermine eingetragen hatte. Die Alte wusch sich die Hände, nahm die große Plastiktüte mit der Aufschrift `Spielwaren Toystoys´ und reihte sich unter die Wartenden vor der Anmeldung, denn um halb elf hatte sie einen Termin wegen ihres Asthmas.
„Na, Frau Wiesenthal? Und Sie haben sich heute hinaus getraut bei diesem fiesen Novemberwetter?“ Die Dame an der Anmeldung war sehr freundlich, denn Hannelore hatte ja auch nicht genörgelt. Warum auch. Sie hatte heute Zeit mitgebracht. Viel Zeit.

. . .

Kurt-Herrmann hatte den Regen oben behalten, deshalb erreichte Frau Hannelore Wiesenthal trockenen Fußes das Stiegenhaus, schlich leise an Herrn Brauers Wohnungstür vorbei und schloss die ihrige noch leiser auf.
Sorgfältig verstaute sie ihren Wollmantel, den Hut, den Fuchskragen, die Lederhandschuhe und die Handtasche im Schlafzimmerschrank. Dort konnte die gepflegte Kleidung warten, bis Hannelore sie wieder anziehen würde – zu einem besonderen Tag – oder an einem Feiertag vielleicht?! Die Alte knöpfte ihre verschlissene Kittelschürze zu und legte die Geldbündel in das Wäschefach hinter die Handtücher. Kalt war es geworden in der Wohnung. Hannelore schichtete Zeitungspapier und Anzündholz in den Küchenofen, zündete es an und legte den Revolver darauf, der sofort übelriechend dahinschmolz. Ihr Nachbar, der Herr Brauer, besaß auch so einen Revolver aus dem Spielwarenladen. Vor Monaten hatte er ihr den gezeigt: „Sieht doch richtig echt aus, oder? Was meinen Sie, Frau Wiesenthal, ob mein Enkelsohn sich darüber freuen wird?“ Der alte Witwer Brauer und diese Affenliebe zu seinem Enkel. Sie und Kurt-Herrmann waren kinderlos geblieben. Hatten aber trotzdem ein erfülltes Leben. Bis vor zwei Jahren ...
Nun fristete sie die Abende vor dem Fernseher und beim Ansehen der Vorabendkrimis war sie auf die Idee des Banküberfalles gekommen.
`Ja ja, Kurt-Herrmann, Bittgesuche bei Krankenkassen stellen, das kann ich halt nicht, Du weißt das.´

Schwerfällig ließ Hannelore sich auf dem Küchenstuhl nieder und betrachtete ihren kargen Arzneimittelvorrat. Für die nächsten Wochen musste sie sich keine finanziellen Sorgen machen, tröpfelte den Herzsaft und die Kürbiskerntropfen in ein Wasserglas. Damit spülte sie eine Kopfschmerztablette hinunter, denn neuerdings plagte sie oft dieser Stirnkopfschmerz. Nach den Lokalnachrichten würde sie sich sofort ins Bett begeben, denn das war ein anstrengender Tag gewesen.
Sie legte zwei Schlaftabletten neben das Wasserglas, damit sie die Einnahme nicht vergessen würde ... und war längst auf dem Diwan eingeschlafen als der Nachrichtensprecher verkündete: „Innerhalb eines halben Jahres wurde die kleine Filiale der `Pro-Fit-Bank´ ein zweites Mal überfallen. War es beim ersten Mal ein alter Mann, der ein kariertes Flanellhemd trug, so handelte es sich diesmal um eine elegant gekleidete alte Frau, ... “

Anne Zeisig, Mai 2003



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