Der himmelblaue Schmengeling
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Glück ist für jeden etwas anderes. Unter der Herausgeberschaft von Katharina Joanowitsch versuchen unsere Autoren 33 Annäherungen an diesen schwierigen Begriff.
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Mai 2003
Freundschaftsdienst
von Birgit Erwin


„Hätte nicht gedacht, dass der alte Hundesohn doch noch ins Gras beißen würde.“
„Schon komisch, so ohne ihn. Ich meine, irgendwie war er immer da. Auch wenn…“
„Weiß schon, was du meinst. Der Wetterhahn. Zigarette?“
„Du bist ein ganz schöner Mistkerl. Er ist an Lungenkrebs gestorben.“
„Echt?“
„Echt. Hast du auch Feuer? Oder soll ich den Glimmstengel mit meinen warmen Gedanken anzünden.“
„Wieso nicht. Wenn du der Blondine noch länger auf die Beine starrst.“
„Das ist seine Schwiegertochter.“
„Enkelin wohl eher.“
„Schwiegertochter.“
Sie rauchten einträchtig. Für jeden Beobachter waren sie nur zwei vertrocknete alte Männer, die auf das offene Grab eines alten Freundes blickten. Zwei alte Männer mit verwitterten Gesichtern und einem schwarzen Koffer, der zwischen den Beinen des Größeren stand.
„Auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen: Ich finds gut, dass du gekommen bist. Nach der ganzen Zeit.“
„Ehrensache.“
„Mit den Blumen hat er sich nicht lumpen lassen. Alles erste Sahne. Der Sarg auch.“
„Hat ja auch genug Geld an den Fahrten ins Altersheim gespart, der kleine Freddie.“
„Mann, bist du zynisch.“
„Ich bin nicht zynisch. Ich bin sauer.“
„Na, überschlagen haben wir uns auch nicht. Ich hab ihn jedenfalls nicht besucht. Du?“
„Hmm… nein.“
„Und jetzt ist der alte Säufer tot. Hätte nicht gedacht, dass er mir so fehlen würde. Wer wohl der nächste ist?“
„Du. Du denkst zu viel. Das schwächt die Gesundheit.“
„Und vom Nicht-Denken kriegt man Alzheimer.“
„Sag mal, weißt du, ob es das Nick’s noch gibt. Ich hab Hunger.“
„Ich auch.“
Der Kleinere hob seinen Stock und klopfte leicht auf die frische Erde.
„Mach’s gut, Erich. Wir ziehen das durch, versprochen.“
„Es wird uns sogar ein Vergnügen sein“, sagte der andere und hob den Koffer auf.

Zwei Stunden später standen die beiden alten Männer vor der Türe einer gepflegten Jugendstil-Villa und drücken auf den bronzenen Klingelknopf, auf dem in verschnörkelter Schrift „Fred Weimann“ stand.
„Nicks Burger waren noch genauso schlecht wie damals.“
„Altes Familienrezept.“
„Ich glaub, da kommt wer.“
„Ich fand, dass der kleine Freddie ganz schön fett aussah, als er da am Grab gestanden ist.“
„Pst… ich glaub, das ist die Blondine.“
Die Türe wurde einen Spalt geöffnet, und eine gepflegte Mittvierzigerin in einem schwarzen Kostüm blickte die beiden Männer fragend an.
„Ja? Kann ich Ihnen helfen?“
„Guten Tag, Frau Weimann. Tut uns Leid, wenn wir stören…“
„Ja, allerdings, hier findet gerade die Trauerfeier für meinen seligen Schwiegervater statt. Wenn Sie…“
„Wissen wir. Gestatten Sie, dass wir uns vorstellen. Ich bin Frank Holter, und das ist Otto Lenz. Wir waren Freunde von Erich. Wir würden gerne seinen Sohn sprechen.“
„Ja dann…“ Ein Hauch von Unsicherheit huschte über das makellose Gesicht der Frau. „Dann kommen Sie doch erstmal rein. Wollen Sie nicht ablegen?“
Die beiden Männer schüttelten den Kopf.
„Na gut, dann… ich werde sehen, ob ich meinen Mann finden kann.“
Sie stöckelte über den spiegelnden Parkettfußboden und verschwand hinter einer Türe, hinter der gedämpftes Gelächter und Gesprächsfetzen klangen.
„Nicht schlecht. Wie der fette Freddie sich die geangelt hat?“
„Vielleicht war er da noch nicht so fett.“
„Aber zehn Jahre ist die jünger.“
„Locker.“
Die Tür ging wieder auf. Ein Mann im schwarzen Maßanzug mit schwarzer Krawatte kam den beiden Männern mit ausgestreckten Händen entgegen.
„Herr Holter. Herr Lenz. Wie schön, dass Sie gekommen sind. Mein Vater hat mir so viel von Ihnen erzählt. Sie waren wohl gute Freunde?“
„Kann man sagen.“
Frank wechselte den Gehstock von der Rechten in die Linke und ließ sich die Hand schütteln. Otto hielt sein Köfferchen weiterhin fest umklammert.
Eine Pause entstand.
„Es ist rührend, dass Sie beide den weiten Weg unternommen haben, um Ihrem Freund die letzte Ehre zu erweisen. In Ihrem Alter. Woher wussten Sie denn…“
„Erich hat uns geschrieben“, sagte Otto.
„Geschrieben?“ Fred Weimann legte die Stirn in Falten. „Was hat er Ihnen geschrieben?“
„Dass er sterben würde“, sagte Frank.
„Dass er sich umbringen würde“, fügte Otto hinzu.
„Aber da müssen Sie falsch informiert sein.“ Fred Weimann stieß ein tolerantes kleines Lachen aus. „Er ist an Krebs gestorben. Lungenkrebs. Immer wieder haben wir ihm gesagt, er soll das Rauchen lassen. Aber er wollte ja nicht hören. Altersstarrsinn.“
Sein Lachen erstarb unter dem ausdruckslosen Starren der beiden alten Männer. Er räusperte sich und rückte seine Krawatte zurecht. „Jedenfalls hat er sich nicht umgebracht. Absurd!“
„Vielleicht sollten wir woanders weitersprechen“, sagte Otto kalt und starrte ihm in die Augen.
„Ja, vielleicht ist das besser“, stimmte Freddie zögernd zu, während er sich den Schweiß von der Stirn tupfte. „Eine Hitze ist das hier! Wenn Sie mir bitte folgen wollen.“

„Bitte, nehmen Sie Platz.“
Er deutete auf zwei hohe Lehnstühle in einem edel eingerichteten Herrenzimmer. „Darf ich Ihnen etwas anbieten? Cognac? Wissen Sie, ich darf nicht zu lange wegbleiben, meine Gäste…“
„Keine schlechte Einrichtung“, bemerkte Frank und klopfte mit seinem Stock gegen eine Jadefigurine. „Teuer.“
„Ja, wenn Sie bitte vorsichtig sein könnten…“
„Bei der Erbschaft kein Wunder“, sagte Frank. „Zu Cognac sag ich nicht nein.“ Er kniff die Augen zusammen. „Ihre Hände zittern ja, Herr Weimann.“
„Das ist der Schmerz über den Verlust, ich habe wenig geschlafen… hören Sie, was soll der Unsinn, dass mein Vater sich umgebracht hat? Er ist an Krebs gestorben. Irgendwann hat sein Körper einfach nicht mehr mitgemacht.“
Otto öffnete langsam seinen Mantel. Er zog einen Brief heraus.
„Den hat er uns vor ein paar Tagen geschrieben. Ich bin sicher, Sie erkennen die Schrift. Mein Leben ist sinnlos. Meine Familie hat mich vor drei Jahren ins Altersheim abgeschoben und wartet seitdem auf meinen Tod, um endlich das Erbe anzutreten. Ich ertrage die Angst vor einem einsamen qualvollen Sterben nicht länger. So in der Art. Warum schwitzen Sie?“
Beide Männer setzten sich. Frank hob sein Glas gegen das Licht und schwenkte es. Dann nahm er einen langen Zug.
„Schmeckt gut. Quod erat expectandum. Wieviel haben Sie eigentlich geerbt?“
„Ich wüsste nicht, was Sie das angeht. Ich möchte, dass Sie jetzt gehen!“
„Erich hat noch mehr geschrieben“, sagte Frank.
„Genau“, ergänzte Otto. „Er hat uns um einen Freundschaftsdienst gebeten. Sagen Sie, Freddie, was hat er Ihnen von uns erzählt?“
„Dass Sie Rowdies der schlimmsten Sorte waren. Sie haben Fensterscheiben eingeworfen, Tiere gequält und… und den Wetterhahn haben Sie geklaut.“ Freds Gesicht war jetzt hochrot. „Gehen Sie. Beleidigen Sie das Andenken meines toten Vaters nicht.“
„Du, Otto, er hat ihm von dem Wetterhahn erzählt. Ich wette, unser Freddie hier hat nie einen Wetterhahn geklaut. Haben Sie schon mal einen Wetterhahn geklaut, Freddie?“
„Natürlich nicht, ich bin ein anständiger Bürger.“
„Du, Otto, er ist ein anständiger Bürger.“
„Genau, der fette Freddie ist ein Schlappschwanz.“
„Ein erbschleichender Schlappschwanz.“
„Sie… Sie…“
„Setzen Sie sich, Freddie, Sie kriegen sonst noch einen Herzinfarkt“, riet Otto und drückte Weimann in seinen Stuhl zurück. Dann hob er den schwarzen Koffer auf den Tisch und klopfte mit dem Zeigefinger darauf. „Vielleicht sollten Sie einen Cognac trinken. Er ist wirklich ganz ausgezeichnet.“
„Was wollen Sie?“, krächzte Weimann. Seine Finger fuhren an den Krawattenknoten und zerrten daran. „Warum sind Sie gekommen.“
„Richtig, der Grund, warum wir gekommen sind. Wegen des Gefallens, um den Erich uns in seinem Brief gebeten hat. Sie haben ihn verrecken lassen und sein Geld kassiert. Aber unser Freund hat Zeit seines Lebens an Gerechtigkeit geglaubt.“
„Eigentlich mehr an Vergeltung.“
„Vergeltung, ja. Und nun hat mein Freund Otto hier einen ungewöhnlichen Beruf. Er ist ein Hitman. Wissen Sie, was ein Hitman ist?“
„Ein Hitman?“, kreischte Freddie.
„Ein Killer“, erläuterte Otto. „Ein Auftragsmörder. Allerdings pensioniert.“
Sein knochiger Zeigefinger trommelte noch immer auf den schwarzen Kasten. „Und das ist Bertha.“
„B-bertha?“
„Meine Maschinenpistole. Ich bin zwar ein wenig aus der Übung, aber auf kurze Distanz treffe ich noch ganz gut. Trotz der Arthritis.“ Er blickte betrübt auf seinen Zeigefinger.
„Sie… Sie machen Scherze. Sie sind doch nicht gekommen, um mich umzubringen… mein Vater würde nie…“
„Sind Sie da ganz sicher, Freddie?“
Zwei kalte Augenpaare starrten den schwitzenden Mann an. „Ganz, ganz sicher? Nach allem, was Sie getan haben?“
„Oder nicht getan haben?“, ergänzte Otto sanft.
„Ich tue alles, was Sie wollen. Geld! Ich gebe Ihnen Geld. Sie haben ganz Recht, ich habe viel geerbt. Ich gebe Ihnen die Hälfte. Alles. Nur töten Sie mich nicht.“
„Aber das können wir nicht machen. Sehen Sie, es ist ein Freundschaftsdienst“, sagte Otto bedauernd und klappte den Kofferdeckel auf.
Frank schüttelte den Kopf. „Nein, können wir wirklich nicht. Vielleicht ist das der Altersstarrsinn. Bringen wir es hinter uns.“
„Nein! Bitte! Sehen Sie, ich stelle Ihnen einen Scheck aus. Über die ganze Summe. Ich unterschreibe ihn hier vor Ihren Augen. Nehmen Sie ihn. Es tut mir Leid… es war so schwierig mit Vater, Sie müssen das verstehen… immer hat er genörgelt und… hier. Hier ist der Scheck. Nehmen Sie.“
Langsam löste sich Ottos knochiger Finger von dem Kasten und zog den Scheck näher.
„Fünf Millionen.“ Er reichte ihn an Frank weiter. „Was meinst du?“
„Fünf Millionen sind eine Menge Geld.“
„Und Erich ist tot.“
„Ja, Erich ist tot.“
„Bitte“, flüsterte Freddie. „Bitte.“
Langsam schloss Otto den Koffer mit einer Hand, während er mit der anderen den Scheck in die Manteltasche steckte. Er stand auf.
„Wir finden alleine hinaus“, verkündete er. „Herzliches Beileid noch.“
„Grüßen Sie Ihre charmante Frau Gemahlin.“

Auf dem Rasen blieb Otto stehen und drehte sich nach der Jugendstilvilla im Gold der Nachmittagssonne um.
„Er hat es tatsächlich geglaubt. Was für ein Idiot.“
„Erich hat immer gesagt, dass sein Sohn eine Null ist.“
„Er hat den Brief nicht einmal gelesen. Er hätte nur auf das Datum schauen müssen!“
„Doof ist er, hat Erich gesagt.“
„Und überhaupt, wie soll er sich umgebracht haben? In einem Altesheim.“
„Eigentlich sagte er eher saudoof.“
„Da hatte Erich wieder einmal Recht. Zigarette?“
„Danke. Ich hoffe nur…“
„Was?“
„Weißt du, ich hoffe, dass Erich wirklich dran geglaubt hat, dass wir es durchziehen. Ich hab dir das nie erzählt, aber an seinem letzten Abend, bevor sie ihn ins Altersheim gekarrt haben, da hat er mich angerufen. Er hat gesagt, er würde dir und mir einen Brief schicken. Darin sei ein todsicherer Plan, wie wir diesem miesen kleinen Erbschleicher – das sagte er wörtlich – die Suppe versalzen könnten. Wir müssten den Plan nur ausführen, wenn er tot ist. Einen letzten Freundschaftsdienst nannte er es. Er klang richtig mies an dem Abend. Alt. Ich hoffe, er hat in der Zwischenzeit an uns geglaubt.“
„Viel besser als der fette Freddie waren wir nicht.“
„Aber am Ende haben wir ihn nicht im Stich gelassen. Und wir hatten gute Zeiten zusammen. Denk an den Wetterhahn. Komm schon. Essen wir noch eins von Nicks Steaks.“
„Und trinken wir auf Erich. Immerhin zahlen wir mit seinem Geld.“
Beinahe im Gleichklang humpelten sie über den sauber geharkten Kiesweg.
„Du, Otto?“
„Ja?“
„Wieso Bertha?“


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