Burgturm im Nebel
Burgturm im Nebel
"Was mögen sich im Laufe der Jahrhunderte hier schon für Geschichten abgespielt haben?" Nun, wir beantworten Ihnen diese Frage. In diesem Buch.
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Mai 2003
Und was ist, wenn das Leben nie zu Ende geht?
von Hans Maria Doé


Drei Tage die Woche sehe ich Andrea. Schon lange vor dem Beginn ihrer Schicht kommt sie an; sie will alles zurechtlegen und sich seelisch auf ihre Aufgaben einstellen. Wir wechseln nie viele Worte, denn ihre Arbeit ist von meiner grundverschieden. Sie gehört zu den Aktiven; ich bin nur Zuschauer bei den meisten Verrichtungen, die restlichen, die Passiven mache ich alleine.
Aber wir sind uns immer bewusst, dass der andere da ist. Wenn unsere Abteilung voll besetzt ist, sind wir zu zehnt; dazu kommen vier wie Andrea und Renate und andere, die je nach Bedarf von einem Zimmer zum anderen wechseln. Manche verhalten sich wie richtige Freunde.
Mit Renate zum Beispiel kann man sich schnell anfreunden, sie hat immer etwas zu erzählen, in ihrem Privatleben passiert viel, und sie redet gern davon. Aber Andrea bringe ich kaum zum Lächeln, sie ist so ernst. Einige von uns necken sie gern, besonders Renate.
„Lass die Sonne aufgehen, Andrea, ewige Jungfrau“, sagt Renate dann. So etwas bringt Andrea zum Lächeln. Sie mag Renate, die auch Steirerin ist. Uns anderen gegenüber verhält sich Andrea reserviert, aber sie behandelt alle gleich, deshalb nimmt es ihr niemand übel. Und wenn sie dann etwas lächelt und ein paar Worte sagt, dann kommt es jedem von uns in gleicher Weise zugute.
Ich verbringe mehr Zeit, als ich eigentlich sollte, mit der Beobachtung Andreas. Ich sehe ihr zu, wie sie im Zimmer hin und her geht und ihre Arbeiten erledigt.
Mir gefällt die Form ihrer Beine; sie sind schlank, auch die Oberschenkel die eine schöne Wölbung bilden. Ich hatte mir angewöhnt, ihre Hände genau zu betrachten, wenn wir dies oder jenes gemeinsam machten.
Wenn man Hände zu schätzen weiß, erkennt man, dass sie vollkommen sind. Andreas Finger sind schlank, aber nicht zu spitz. Ja, ihre Hände sind makellos. Wenn man ein Herz hat, freut man sich, wenn Andrea einem das Gesicht streichelt.
Man weiß ja normalerweise, dass man auf dem besten Weg ist, den Kopf zu verlieren, wenn man sich ernsthaft Gedanken über die Hände einer Frau macht, vor allem, wenn man zuvor schon ihre Beine bewundert, und sich insbesondere den Po unter ihrem Schwesterkittel ausgemalt hat. Aber ich mache mir keine Sorgen. Diese Zeit hier ist für mich nicht ungewöhnlich, doch ich beschäftige mich nicht mit diesen Dingen, wie ich es normalerweise zu tun pflegte. Sagen wir einfach so: Die Umstände haben vorübergehend mein Blickfeld verengt, und Andrea ist die auffallendste Frau, die ich sehe. Ich glaube, Andrea ist einer dieser ganz besonderen Menschen, die einem im Leben begegnen, die man nicht nur mag, sondern stets ein bisschen liebt.
Und das ist ein Umstand, der außerhalb meiner Kontrolle liegt. Also fange ich an, in meinem Kopf ein Geschenk für Andrea zu konstruieren. Für Andrea. Nicht für Renate.
Renate ist viel hübscher. Wo immer sie auftritt, scheint es, als ob ihr alles gehöre. Du kennst solche Frauen. Sie hat Selbstbewusstsein. Sie benimmt sich mit dem Wissen, es sei ihr gutes Recht, dort zu sein, wo sie ist, und man könnte meinen, sie frage sich, was wir anderen hier zu tun haben.
„Ich weiß gar nicht, was du hier zu suchen hast“, sagt sie manchmal zu mir, nicht böse, aber auch nicht zum Spaß.
„Eigentlich ist es eine Schande, dass du nach so langer Zeit nicht schon weg bist. Du bist ein Faulsack, eine Flasche bist du.“
Renate weis nicht, dass mich ihre Ansager zutiefst treffen. Ich will mit ihr darüber reden, aber im Augenblick ist das noch nicht möglich.
Ich denke wieder an Andrea, und an die Welt, die ich für sie schaffen möchte, da hätte sie jemand, dem sie ihr größtes Geheimnis erzählen könnte, ohne zu befürchten, dass er sie verrät. In der Welt die ich für sie erschaffen möchte, wäre sie Jung und federleicht, wenn sie ins Bett steigt, und würde sich immer frisch gewaschen fühlen. Sie hätte all die einfachen Dinge, die das Leben erleichtern: eine Wolldecke für ihre Beine, wenn sie liest. Kein Schnellgericht, sondern ordentliche Mahlzeiten, frisch zubereitet. Sie hätte reichlich Wasser für ihr morgendliches Bad. In der Welt, die ich für Andrea erschaffe, würde es kein Bett für sie in einem Zimmer geben, wo Menschen neben ihr sterben.
In der Welt, die ich für Andrea schaffen möchte, würde sie schließlich an einem Ort ankommen, der schon immer da war, der Platz für sie bietet und nur auf sie wartet.
*
Egal, wo wir uns befinden, als erstes wollen wir alten Menschen wissen. Wie ist das Wetter hier? Werden unsere Tage hier verregnet sein? Sind die Nächte feucht und kalt oder sternenklar? Was für eine sinnlose Beschäftigung! Hier ist die Temperatur immer gleich, das Licht besteht aus dem gleichmäßigen Schein der Neonröhren, und man muss sich mit Renate verschwören, wenn man ein Fenster geöffnet haben will.
Du musst verstehen, dass ich manchmal ganz wegtrete. Wenn ich weg bin, sagen sie, ich sei im Koma. „Jetzt ist er wieder da!“ schreit Renate, wenn ich wieder die Augen aufschlage. „Und was hast du gesehen?“ fragt sie mich immer. Meistens nichts. Es ist immer alles schwarz und zeitlos. Doch manchmal habe ich Dinge nicht nur gesehen, sondern auch durchlebt. Und ich gebe mir solche Mühe, es ihr zu erzählen; ich will, dass jemand erfährt, wie es dort aussieht. Aber es gelingt mir nicht. Ich beherrsche meine rechte Hand nicht so, dass ich schreiben könnte. Und ich kann nicht sprechen.
In meinem Hals habe ich ein Loch, und darin steckt ein Ventil, das mit einer dicken Plastikröhre verbunden ist. Es ist die blassblaue Nabelschnur, die mich nach meinem Schlaganfall am Leben hält. Sie verbindet mich mit dem Apparat, der für mich atmet.
Die Schwestern nennen diese Sauerstoffquelle „die Maschine“. Mir kommt es vor, als sei das ganze Krankenhaus diese Maschine, dass uns alle von einem geheimnisvollen Zentrum aus durch regelmäßige Atemzüge am Leben erhält. Ganz gleich, ob wir wollen oder nicht.
Manchmal bin ich sicher, dass ich schon eine kurze Zeit tot war und dies als Erleichterung empfand – bis ich von der Maschine und den Spritzen, die sie mir in die immer dünner werdenden Venen hineinrammten, zurückgeholt wurde.
Wenn mein Erwachen während Andreas Schicht erfolgt, kommt sie jedes Mal zu mir her und starrt mich an. Ihre großen blauen Augen sind auf meine gerichtet, und ich sehe, wie ihre Iris größer wird. Unendlich lange sieht sie mich an, bewegt sich nicht, sie sagt nichts. Vielleicht versucht sie herauszufinden, ob ich von drüben irgendwelche Informationen mitgebracht habe.
Dann bricht sie den Blickkontakt ab und reguliert mit knappen Handgriffen meinen Beatmungsschlauch.
Manchmal, wenn ich wieder da bin, bin ich zunächst verwirrt, und ich denke: „Die bösen Mädchen haben mich schon wieder angebunden.“
Ich schneide Grimassen und hoffe, dass sie meine Frage verstehen: „Weshalb tut ihr mir das an?“ Ich habe eine heimlichen Wunsch: Wenn ich damit fertig bin, eine Welt für Andrea zu schaffen, möchte ich bei meinem letzten Abtauchen dorthin gehen. Denn manche Orte, in die ich jetzt gehe, sind schrecklich.
Aber wenn man in den Zustand gerät, in dem ich mich befinde, muss man damit fertig werden. Ich bin schon einige Zeit hier und habe mich noch kein einziges Mal im Spiegel sehen können. Wahrscheinlich wollen sie verhindern, dass man erschrickt, wenn man sieht, wie sehr man zusammengefallen ist. Aber ich denke, ich bin nichts anderes als ein weiterer hoffnungsloser Fall, und davon gibt es hier bestimmt mehr als genug.
Heute fühle ich mich nicht verlassen, denn in den frühen Abendstunden kommt Andrea um meine Infusionen zu überprüfen. Manchmal streicht sie mir mit ihren makellosen Händen über mein Gesicht und zieht die Decke über der Brust glatt. Dabei kommt es stets vor, dass sie mir beim Gutenachtsagen in die Augen sieht und mich anlächelt. Danach mache ich mir große Sorgen, ich könnte während meiner Zeit hier, abstoßend geworden sein.
Heute ist einer dieser Nächte, in denen mein Kopf klar bleibt. Es ist langweilig und ermüdend. An der Wand mir gegenüber hängt eine große Uhr, also weiß ich immer, wie spät es ist. Welcher Idiot ist wohl auf diese Idee gekommen? Mit jeder Viertelstunde, die vorübergeht, macht die Uhr die Nacht noch einsamer.
Ich möchte jemanden bitten, sie abzuhängen oder umzudrehen, aber ich kann nicht. Also stelle ich mir Andrea vor, wie sie nach Hause geht.
Sie wohnt eine Straße weiter in einer kleinen Wohnung im obersten, dem vierten Stock ohne Lift. Ich stelle mir vor, wie Andreas zarte Fesseln aus ihren weißen Krankenhausschuhen ragen und wie sich bei jedem Schritt die Muskeln ihrer runden Pobacken spannen. Ich stelle mir vor, sie legt sich ins Bett, macht das Licht aus und weint sich in den Schlaf. In der Welt, die ich für Andrea schaffe, würde es eine Hand geben, die unter der Decke ihre Hand hält, und sie hätte keinen Grund in Tränen auszubrechen.
*
Sie zogen die Decke hinunter und schoben mein Hemd hoch.
Ich wollte protestieren, aber ich konnte nicht. Andrea nahm meinen Penis in die Hand, streckte ihn und zog ihn weiter in die Länge, als ich es für möglich gehalten hätte. Mit sanftem Druck öffnete sie das Loch an der Eichel. Renate schob sofort einen eingefetteten Katheder hinein, der mir viel zu dick erschien, und schob ihn langsam weiter, bis es mir vorkam, als ob das verdammte Ding direkt in meine Hoden reichte. Doch außer einem unheimlichen Gefühl, spürte ich nicht viel.
Es war ganz gewiss nicht so, als ob zwei hübsche Mädchen mit meinem Penis spielten. In ein paar Minuten war alles vorbei, sie deckten mich zu und befestigten meinen Schlauch an einem Beutel, der an einem Haken neben der Bettkante hing.
„Der Sinn der Sache ist“, erklärte Renate, „dass du nicht wieder ins Bett pinkelst, sobald dir danach ist. Jetzt läuft alles ganz sauber in diesen Beutel, den irgendein armer Teufel regelmäßig auswechseln muss.“
Mir war es peinlich. Obwohl ich schon siebzig bin, und so krank war, fragte ich mich, wie ihnen mein Penis vorgekommen war. Aber Krankenschwestern haben zweifellos schon Tausende gesehen, und ich fürchte, dass meiner nicht konkurrenzfähig sein könnte.
Was ich wirklich brauche, ist ein Medikament gegen Psychosen.
„Der ist ganz in Ordnung.“ sagte Renate, als könnte sie meine Gedanken lesen. „Mit so einem schönen gibt es nie Probleme.“
„Hätte gar nicht leichter hineinrutschen können“, fügte Andrea hinzu.
Es war mir klar, dass sie diese Nummer immer wieder bei ausgewählten Patienten durchspielen.
Renate wurde zum Oberarzt gerufen. Andrea kam an mein Bett und begann mich für die Nacht fertig zu machen. Sie zog mir die Bettdecke bis unters Kinn, aber sie ließ meinen mit Schläuchen gespickten Arm frei.
An diesem Abend ließ Andrea nur einmal erkennen, dass sie für mich persönliches Interesse empfand. Sie erblickte auf meinem Nachtkästchen jenes kleine Büchlein, dass mir eine alte Freundin vor langer Zeit geschenkt hatte.
Es besteht aus korinthischen Schriftzügen, kunstvoll ausgeführt von einer uralten Druckerei in Wien.
„Was bedeutet das?“ fragte Andrea, während sie mit einer Nadel nach einer Vene suchte, und mit ihrem Kinn auf den für sie unleserlichen Titel des Buches deutete. Ich hätte es ihr gerne gesagt.
Natürlich hatte ich das Büchlein auswendig gelernt. So wie ich stets etwas auswendig lerne, um mein Gehirn zu trainieren, und ich hoffte, sie würde mich für interessanter halten als einen gewöhnlichen, hilflosen Patienten in kritischem Zustand. Aber ich kann nicht sprechen. Deshalb formte ich so deutlich, wie es ging, mit den Lippen den Satz: „Im Alter träumt der Mensch von der aufgehenden Sonne.“ Sie sah mich fragend an, also wiederholte ich es noch einmal, ganz langsam, und dann sah ich den Ausdruck des Verstehens in ihrem Gesicht.
Sie beugte sich noch näher an mein Gesicht, und sah mir ernst in die Augen. Waren das Tränen, die in ihren Augen glänzten?
„Und was ist, wenn das Leben nie zu Ende geht?“ fragte sie leise. „Was ist, wenn das restliche Leben kalt und dunkel ist? Was macht die alte Seele dann?“
„Ja, – was macht die alte Seele dann?“ fragte ich stumm, während Andreas makellose Hand meine Wange streichelt. Jetzt habe ich das Gefühl, dass ich Andrea stets begleiten werde, auch wenn ich sie nicht sehe an den vier Tagen der Woche, an denen sie keinen Dienst hat. Sie wird immer in meinen Gedanken sein, und sie trägt mich mit sich, obwohl sie es nicht weiß.
Irgendwie habe ich die Vorstellung, dass ich ihr helfen kann. Darüber bin ich froh, denn ich möchte ihr nicht zur Last fallen.
Schon gar nicht heute Abend, wo sie versucht, mich wangenstreichelnd, zum Schlafen zu bewegen. Doch irgendwie scheint mein Kopf nicht zuverlässig zu arbeiten. Nach den letzten Worten von Andrea, und der letzten Valiumspritze, gehen darin Dinge vor, die mich zum Weinen bringen.
Ich kämpfe dagegen an, aber da ist das knochige Gesicht des Todes, das mich mit hohlen Augen anstarrt. Es ist nicht persönlich gemeint, das verstehe ich schon. Es ist nicht mein eigener Tod. Es ist der Tod, der bereits meine Großeltern, meine Mutter und meinen Vater, meine unzähligen Freundinnen mitgenommen hat. Sie sind weg, so endgültig weg, und ich weiß nicht, wo ich sie suchen soll. Andrea sitzt nun an meiner Seite. Sie sagt nichts. Sie versucht nicht, mit mir zu spaßen oder mich aufzumuntern; sie hält nur meine Hand in ihrer warmen, weichen Hand, aber meine Tränen hören nicht auf. Ich liege nur ruhig da und lausche jedem Atemzug von ihr. Ich fühle wie ich langsam abtauchen werde. Aber es scheint kein Abtauchen in ein Koma zu sein. Es ist nicht so, als schliefe man ein. Es ist eher so etwas wie die plötzliche Dunkelheit bei der Narkose. Es fehlt der Friede des Hinübergleitens in den Schlaf, es fehlt die Aussicht auf angenehme Träume.
Ich schlage nochmals meine Augen auf, und sehe Andrea weinen. Würde sie mir doch nur ein einziges Mal einen Kuss auf die Wange geben und flüstern: „Geh noch nicht fort! Bleib bei mir!“ Ich bin mir irgendwie nicht sicher, Andrea, ob ich wiederkomme, weißt du. Niemand weiß das.


© 05. 2003 by Hans Maria Doè

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