Das alte Buch Mamsell
Das alte Buch Mamsell
Peggy Wehmeier zeigt in diesem Buch, dass Märchen für kleine und große Leute interessant sein können - und dass sich auch schwere Inhalte wie der Tod für Kinder verstehbar machen lassen.
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Mai 2003
Ein Leben zwischen Kaffee und Kuchen
von R. Funke


Schwarzes Album.
Schau, wie jung du bist. Die Uniform steht dir gut: Flaghelferin der Heimatfront, adrett, ordentlich zurückgekämmtes, langes Haar. Und dort, an der Linde vor dem Schlachthof, posiert Heinz für die Kamera. Pausbäckig, wohlgenährt war er zu jenem Zeitpunkt noch – fünfzehn Jahre später, als man ihn entlassen hatte, erkannte ihn selbst seine Mutter nicht mehr. Sibirien hatte ihn systematisch abgenagt. Genau wie den Rest des einst stolzen, ‚tausendjährigen Volkes’.

„Mutter, möchtest du noch ein Stück von der Torte“, ruft meine Tochter aus der Küche.
„Nein Danke, Kind“. Heinz hätte es nicht abgelehnt. Schon gar nicht heute an meinem Achtzigsten. Als er damals heimkam, stopfte er alles in sich hinein, so als könnte er damit die verlorenen Jahre wiedergewinnen.
„Und wer ist das, Oma“, fragt meine Enkelin Babette und zeigt interessiert auf eines der vergilbten Fotos im Album.
„Das war meine Freundin Elsie. Wir waren zusammen bei den JM, später beim BDM. Dann verloren wir uns...“
„Was ist BDM?“
„Eine Art Pfadfindergruppe für Mädchen.“ Babette ist zu jung für die ganze Wahrheit.
Aus der Küche dringt Geschirrklappern.
„Das musst Du nicht, Beate“, rufe ich.
„Ach Mutter, das macht doch keine Umstände. Wenn wir schon mal hier sind...“
Ja, da sie recht: Wenn sie schon mal hier sind...
Ich blätterte eine Seite weiter.
Sarah, Sarah Mendel, auch die ‚schöne Sarah’ genannt. Sie war der Jungenschwarm in unserer Klasse. Zumindest bis zum Pogrom – als sie plötzlich verschwand, sprach niemand mehr von ihr. So, als hätte sie nie existiert.
Darauf folgen einige Seiten Berlin, Berchtesgadener Landverschickung, Kraft durch Freude und am Ende des Albums unser deutsches Hiroshima: Dresden am Boden. Ich überspringe diesen Abschnitt. Babette ist in einer anderen Zeit aufgewachsen. Sie muss das nicht sehen – jetzt noch nicht.
„Babette, sei doch so lieb, und gibt mir das grüne Album aus dem Regal.“
„Gerne, Oma.“
Sie ist ein liebes Kind und ähnelt ihrer Mutter sehr, als sie noch klein war.

Grün ist die Farbe der Hoffnung.
Wirtschaftswunderzeit. Wir bauen uns ein Schlaraffenland aus Not und Euphorie. Alles wird gut. Wir sind wieder wer. Auch Heinz hatte wieder gelernt zu lächeln und der Schutt verschwand aus den zerbombten Großstädten – erkauft durch Blut und Schwielen unzähliger starker, unerschütterlicher Frauen. Der erste Fünfzigmarkschein klebt zwischen den Seiten. Wir haben ihn nie ausgegeben.
„Schau, Babette, unser erstes Auto. Wir waren so stolz – ein nagelneuer VW.“
Heinz und ich im Sauerland, an der Ostsee und in Italien. Alles war möglich – jedes Ziel war erreichbar...fast jedes.
„Da war deine Oma schwanger. Siehst Du den dicken Bauch?“
Babette kichert und nun kommt auch Beate in die Stube, setzt sich neben uns.
„Es war nicht einfach, Beate, aber ich bereue es nicht.“
Meine Tochter versteht mich, nimmt mich in den Arm.
Beate als Baby, Kleinkind, junges Mädchen. Einschulung, Geburtstage, Weihnachtsfeiern, Konfirmation. Ihr erster Freund, ihr zweiter Freund, Abschlussfeier – Heirat.
Ihre Jugend passt zwischen zehn Seiten.

Blaues Album – soviel Zeit muss sein.
Beate schaut auf die Uhr. Babette schafft es grade noch, sich wach zu halten, weil nun ihr Abschnitt im Album folgt. Es wiederholt sich alles – auch das Leben meiner Enkelin scheint vorgeplant. Wo sind die wirklich starken Frauen geblieben, die jedem Schicksalsschlag trotzen konnten? Der Gedanke hält nur kurz, dann schaue ich in die unvernarbten Gesichter meiner Kinder und Kindeskinder und bin dankbar, dass sie meine Zeit nicht miterleben mussten.
Bussi hier und dort. Abschied. Bis zum nächsten Mal. Bis zum nächsten Geburtstag, oder zu meiner Beerdigung.

Dann bin ich wieder allein. Der Kaffee ist kalt und das Kuchenblech verkrümelt. Ein paar Seiten des blauen Albums sind noch frei. Jungfräulich-weiß und wartend auf die kurze Zeit, die mir noch bleibt. Ich schreibe meine Gedanken auf lose Blätter und hefte sie ins letzte Kapitel zu den anderen Bildern.

Meine kleine Babette wird mich verstehen, wenn sie einmal mein Alter erreicht hat...und dieser, nur dieser, Gedanke hält mich am Leben.

Letzte Aktualisierung: 00.00.0000 - 00.00 Uhr
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