Madrigal für einen Mörder
Madrigal für einen Mörder
Ein Krimi muss nicht immer mit Erscheinen des Kommissars am Tatort beginnen. Dass es auch anders geht beweisen die Autoren mit ihren Kurzkrimis in diesem Buch.
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Mai 2003
Gefangen
von Michael Jordan


Ich war im Kaufhaus um mir ein paar Dinge zu besorgen. Zuerst wollte ich in die Handwerkerabteilung. Da sie sich in der vierten Etage befindet, ging ich zu den beiden Aufzügen.
Davor warteten schon einige Leute, die abwartend auf die Etagenanzeige blickten.
Mir mit dem Rücken zugewandt stand ein Mann in schwarzem Anzug, der unaufhörlich auf den Fahrstuhlknopf drückte, obwohl die Anzeigenlampe längst leuchtete.
Schließlich kam einer der Aufzüge, die Türen öffneten sich und die Leute huschten hinein.
Die Etagenknöpfe wurden gedrückt, der Mann im schwarzen Anzug jedoch blockierte die Tür, weil er einen alten Mann bemerkt hatte, der, so schnell es ihm möglich war, auf uns zukam.
So uns zugewandt konnte ich in dem „Blockierer“ einen Anwohner unserer Strasse erkennen. Er lebte seit kurzer Zeit in dem Haus gegenüber von uns und war mir sofort aufgefallen, weil er einfach nicht in unsere Gegend zu passen schien.
Immer trug er die feinsten Anzüge, natürlich alle in schwarz. Wie sein BMW, mit dem er stets in Schrittgeschwindigkeit zum Parkplatz auf seinen Hinterhof flanierte. Sah man ihn mal zu Fuß, führte er sein Handy am Ohr herum. Ich fragte mich, weshalb so jemand ausgerechnet in unsere Gegend gezogen war.
„Was ist denn da los?“ rief eine erboste Stimme neben mir.
Es erschien mir wirklich dumm in einem fast vollen Aufzug zu warten, während der andere sicher im nächsten Moment leer hier ankommen würde.
„Wichtigtuer!“, dachte ich. Und fühlte mich in meiner Meinung bestätigt, wo der Kerl hier versuchte den Chef hervorzukehren.
Der alte Mann indes ging sichtbar in seiner Rolle auf und betonte seine Tattrigkeit mit schwerfälligen Schritten.
Schließlich hatte er es zu uns geschafft, schaute kurz auf die leuchtenden Knöpfe an der Wand, und da sein Stockwerk scheinbar schon ausgewählt wurde, nickte er kurz und kaum merklich, stellte sich dann in eine der Ecken der Kabine.
Die Türen schlossen sich, der Aufzug setzte sich in Bewegung, brummte dabei leise vor sich hin. Kurz darauf gab er ein lautes Ächzen von sich und blieb unvermittelt stehen.
Das Gemurmel war groß, jedoch schien keiner von uns wirklich Angst zu haben. Die Anzeige in der Kabine, auf die jeder automatisch sah, verriet, dass wir uns zwischen dem ersten und zweiten Stock befanden.
Der Mann in Schwarz drückte den Notrufknopf, worauf sich eine Frau meldete. Sie fragte als erstes, ob im Aufzug eine Gefahr wie z. B. ein Feuer sei. Ist jemand Herzkrank? Gibt es Schwangere? Und was sie eben alles fragen musste.
Nachdem jeder auf die Fragen hin mit dem Kopf geschüttelt hatte, verneinte unser selbsternannter Sprecher.
Dann dauerte es etwas, bis sich die Frauenstimme wieder meldete und uns mitteilte, dass wirklich keinerlei Gefahr bestünde, wir uns aber gedulden müssten, weil der Notdienst eine gewisse Zeit brauche.
Offensichtlich litt niemand, oder war in Panik und doch herrschte einen Moment betretenes Schweigen.
In dieses Schweigen hinein begann mein „Nachbar“ zu reden. Und ohne dass es sich jemand anmerken ließ, waren alle froh darüber.
Er stellte sich nicht ein Mal dumm dabei an. Er bezog alle mit ein, indem er uns dabei abwechselnd ansah.
Norbert sei sein Name. Und das er neu hinzugezogen sei in diese Stadt.
Spontan stellten sich drei Frauen nacheinander vor: Kerstin, Birgit und Lisa.
Sie waren alle zwischen 30 und 40 Jahre alt, hatten Urlaub und waren als Touristen in der Stadt.
Nachdem sie sich vorgestellt hatten, schnatterten sie leise miteinander, dabei eine gewisse Geräuschkulisse erzeugend.
Eine etwas betagtere Dame, Luise, hatte gerade Mittagspause und schien nicht beunruhigt darüber zu sein, nicht mehr rechtzeitig am Arbeitsplatz sein zu können.
Etwa in ihrem Alter war Herr Biller, klein, etwas dick und ständig Kommentare vor sich hinmurmelnd.
Blieb noch der alte Mann.
Er stand noch immer in der Ecke, stellte sich als Kurt vor, sagte aber ansonsten nichts.
Seine Kleidung war alt, sauber, aber schlampig. Sein Bartwuchs entweder sehr stark, oder sehr pflegebedürftig. Er machte den Eindruck eines Trinkers auf mich.
Manchmal sah er scheinbar ewig auf einen Fleck, ohne sich zu regen, ohne eine Miene zu verziehen, manchmal wanderten seine Augen schnell und unruhig von einem zum anderen Ort.
Angeregt durch Norbert unterhielten sich nun alle recht ruhig.
Mit meinem ersten Eindruck hatte ich ihn unterschätzt, soviel musste ich mir eingestehen.
Er fand immer wieder etwas, um das Gespräch in Gang zu halten, das Schnattern der drei Damen zu unterstützen, die bösen Kommentare des Herrn Biller abzuschwächen.
Eine halbe Stunde war vergangen, als er merkte, dass dem alten Mann die Füße wegzuknicken drohten. Er bot ihm seine teure Jacke an, auf die sich der alte Mann setzte.
Auch legte er ihm sporadisch die Hand auf die Schulter, als eine Geste des Mitgefühls, des Nicht-Alleinseins, der Zugehörigkeit, trotzdem der Alte keine besonderen Reaktionen darauf zeigte, außer ihm in die Augen zu sehen und ihm zögerlich zuzunicken.
Ich sah, wie die Hände des Alten fast unmerklich zitterten und konnte mir denken, warum.
Nachdem wir zusammen fast eine Stunde verbracht hatten, setzte sich plötzlich der Aufzug in Bewegung.
Allen war die Erleichterung anzumerken.
Norbert half Kurt auf die Beine und hakte sich bei ihm zur Sicherheit ein.
Er sprach mit sanfter Stimme zu ihm, dass es ja nun überstanden sei und er ihm auch nach Hause helfen würde.
Die anderen waren schon längst aus unserem Blickfeld verschwunden und auch ich konnte die letzten Sätze der beiden zufällig gerade noch hören, weil ich meiner Wege gehen wollte.
Norbert fragte Kurt, warum er denn die ganze Zeit nichts gesagt hätte, nichts getan, um die Zeit der Langeweile zu überbrücken, ob er vielleicht doch Angst gehabt hätte?
Worauf ihn der Alte erstaunt ansah und zurückfragte, wie er darauf komme, dass er sich gelangweilt oder Angst gehabt hätte.
Er war in Gedanken und hatte in der ganzen Zeit um jemanden getrauert.
Wie es auch immer für jemand anderen ausgesehen haben mochte.
Ich lief umgehend in Richtung Rolltreppe, um endlich meine Einkäufe erledigen zu können.
Tatsächlich hatte ich mich wohl in meinem Nachbarn Norbert getäuscht. Umso schwerer verstand ich, wie er auf die Art dieses alten Trinkers hereinfallen konnte.

Michael Jordan 10.05.2003

Letzte Aktualisierung: 00.00.0000 - 00.00 Uhr
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