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Mai 2003
Leben im Alter
von Zessie Diekais


Emmi war gestern hier. Die neue Hüfte macht sich gut. Sie sah blendend aus.
Sie hat mir von einem Online-Wettbewerb erzählt. Man muss etwas schreiben zu einem bestimmten Thema. „Leben im Alter“ ist es diesmal. „Das ist doch etwas für uns“, hat sie gesagt „da sind wir doch Experten“. Emmi muss es wissen, sie trägt ja neuerdings dieses beschriftete Hemd „Frag mich, ich lebe schon lange!“

„Leben im Alter“ – ist das nicht schon ein Widerspruch in sich?
Ist „das Alter“ nicht die Phase, die näher am Tode liegt als am Leben?
Ich sitze am PC und mein Kaffee ist kalt geworden. Der hat es sozusagen schon hinter sich.

Die privaten Fernsehanstalten, so habe ich gelesen, richten ihr Programm kompromisslos nur noch an den Jungen aus. „Die 19- bis 49-Jährigen“, heisst es da immer. Die sind wichtig. Die geben das Geld aus, die finanzieren die Werbung.

Der Kaffee schmeckt aber noch.

Gottseidank, muss sich unsereins also nicht auch noch dafür schuldig fühlen. Wenigstens am schlechten Fernsehprogramm haben wir mal keine Schuld. Es sind doch jene, denen die Gnade der ganz späten Geburt vergönnt war, die nun die Massenverdummung vorantreiben. Und natürlich auch diesen dummen, sinnlosen Konsumterror ...und die Umweltzerstörung und die Ausbeutung der Dritten Welt!

Na ja, wenn das denen mal nicht auch irgendwann um die Ohren fliegt.

Wie es sich anfühlt, wenn ein Weltbild platzt, ein Wertesystem kippt, wenn Helden plötzlich mit Monsterfratze erscheinen, ...wenn Du Dich klein und fehl am Platze und so unendlich schuldig fühlst....
Oh je, ich muss aufhören, da ist sie wieder diese Gänsehaut, da ist es wieder dieses Herzklopfen.

Ich habe gekleckert. Die „Strg“-Taste hat etwas abbekommen. Klebt ein bisschen.

Nein, wir haben von nichts gewusst. Wir hatten ja keine Ahnung. Wir waren doch nur jung und verliebt und übermütig. Wir wollten feiern, Sport treiben, wir sind doch nur mitgelaufen. Nein, wir haben nicht weiter nachgedacht.
Nein, wir haben damals nicht überlegt welche „Kausalzusammenhänge“ zwischen unserem persönlichen alltäglichen Handeln und der Weltpolitik bestehen.

Das könnt Ihr nicht verstehen, ...dieses Gruppengefühl damals, diese Dynamik, diesen Rhythmus,.diese Paraden,....Wir waren ja wie berauscht...

...diese parades, diese beats, diese community, diese raves, dieses rauschgift,...

Ach, was red ich da.?

Nun klingelt es. Die Altenpflegerin kommt. Ich muss mich beeilen. Sie wird schnell ungeduldig, wenn ich nicht sofort aufmache. Sie hat es immer so eilig, das arme Mädchen.

So, Schwester Nadine ist wieder weg. Hat ja nicht lange gedauert. Sie hat nur die Abrechnungsbelege abgeholt. Die braucht sie für die Buchhaltung. Die sind da ganz streng. Na ja, natürlich muss alles seine Ordnung haben und seine Richtigkeit.
Ich musste noch einiges unterschreiben, sah aus wie Blanco-Belege. Na ja, ich hatte ja nicht die richtige Brille auf.

Ich muss hier noch einmal wischen. Der Kaffee scheint unter die Tastatur gelaufen zu sein.

Ich wollte sie noch etwas fragen. Irgendetwas wichtiges. Irgendetwas war noch.... Ich hatte mir extra eine Notiz geschrieben. Der Zettel lag dummerweise nicht an der Tür, sondern hier auf meinem Schreibtisch und ich bin ja nicht so gut zu Fuss. Aber sie wollte auch nicht mehr reinkommen, weil sie keinen Parkplatz hatte, sagte sie.

Na, ja, vielleicht morgen dann. Sie kommt ja jeden Tag. Ich bräuchte „intensive Pflege“ hat der Arzt meinen Kindern gesagt. Na, ja, vielleicht kommt Schwester Nadine ja morgen mal dazu.

Diese Küchenrollen sind wirklich eine segensreiche Erfindung!

Ach ja, jetzt weiss ich es wieder. Ich wollte sie noch einmal fragen, wann sie mich denn nun mit dieser neuen Salbe einreibt. Die liegt ja nun immerhin mittlerweile schon über eine Woche hier. Aber sie hat ja immer so wenig Zeit...
Ich muss daran denken, den Zettel vorne an die Abschlusstüre zu legen, für das nächste Mal.

Wo hab’ ich nur den Zucker stehen?

Müde hat sie ausgesehen, Schwester Nadine. Sehr müde. So abgehetzt.
Ich glaube, sie mutet sich einfach zu viel zu. Jeden Abend Sport, ob das gesund ist?
Na ja, es heisst ja „Kraft durch Freu...“, ach nee, um Himmels Willen! Nee, nee, es heisst ja jetzt genau anders herum: „Fit for Fun!“.

Sie hat es sich wohl sehr zu Herzen genommen, das mit diesem Kerl. Jetzt hat er eine Jüngere. Na ja, die wird auch noch dahinter kommen, was er für einer ist. Jugend alleine ist zerrinnendes Kapital.

Zum Glück hat Schwester Nadine nicht auch noch Kinder von ihm. Sie hat keine Kinder. Da hätte sie auch gar keine Zeit für, sagt sie, sie lebe zu aktiv. „Aktiv“ oder „intensiv“? Ich weiss es gar nicht mehr genau.
Na ja, mir war das damals mit Erwin und den Zwillingen „aktiv“ und „intensiv“ genug.

Ich komme mit dem Lappen nicht richtig zwischen die Tasten.

Na ja, die Vierzig sieht man ihr wohl wirklich nicht an. Sie hat sich jetzt am Bauch etwas wegnehmen lassen, so in der Taille. Das hat sie das Geld für den Jahresurlaub gekostet. Sie sagt, das war es wert. Sie hat es sich selbst zum Vierzigsten geschenkt.
Sehr schlank ist sie jetzt. Sie hat es mir gezeigt, hat ja nur noch so ganz kurze Hemdchen an.
Nur der Wundschmerz will nicht nachlassen. Es quält sie sehr. Sie kann sich ja kaum noch bücken.

Das Mädel hat aber auch immer ein Pech! Erst neulich hatte sie doch diesen schlimmen Ausschlag um’s Gesicht herum. Das war die Chemie, mit der sie die grauen Haare verdeckt.

Apropos Haare! Ich muss den Friseur anrufen. Ich habe doch nächste Woche Geburtstag. Ich werde 80!

Ach, nee, 80, das war ja schon...Dann werde ich wohl 81. Oder 82? Ach, ist ja auch egal. Auf jeden Fall kommen Emmi und Herrmann. Sie wollen etwas von Edmund erzählen. Der soll nach mir gefragt haben...

Wo ist bloss der Eierlikör? Hab ich noch genug?

Ach, der PC ist ja noch an.
Ja, richtig, ich wollte ja etwas Schlaues schreiben. Na siehste, nun bin ich gar nicht dazu gekommen...Wo war ich stehen geblieben? Ach ja, bei der Fernsehwerbung...

Altern Sie noch oder Leben sie schon?

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