Das alte Buch Mamsell
Das alte Buch Mamsell
Peggy Wehmeier zeigt in diesem Buch, dass Märchen für kleine und große Leute interessant sein können - und dass sich auch schwere Inhalte wie der Tod für Kinder verstehbar machen lassen.
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Mai 2003
Alte Geschichten
von Amos Ruwwe


Draussen pfiff der Wind. Das alte Haus diente dem Wind als Resonanzkörper, wie ein Instrument. Mehrmals im Jahr kam der Sohn seine Mutter hier besuchen. Sie inzwischen über achtzig Jahre, er auch schon fünfzig, verbrachten sie einige Tage zusammen, beim Fernsehen, Scrabbel spielen und Unterhaltungen.
Mit dem Vater hatte der Sohn und auch alle seine Geschwister nicht so ein gutes Verhältnis gehabt. Nun war der Vater schon seit mehr als zehn Jahre tot und die Mutter lebte alleine in dem Elternhaus.
Nach zweiundvierzig Jahren Ehe verstarb der Ehemann. „Als ihr geheiratet habt, da war doch Krieg. Ist Vater dann sofort wieder an die Front gefahren ? Wie ging denn das alles ? war das nicht schwer für dich?“ fragte der Sohn über eine Tasse Kaffee hinweg. Sie saßen wie sooft in der kleinen Küche bei Kaffee und Keksen. Durch das Küchenfenster sah man auf die gegenüberliegende Strassenseite in die Fenster der anderen Häuser. Der wind bewegte die davor stehenden Bäume leicht und die Mutter nahm einen kleinen Schluck aus der Kaffeetasse.
„Vater hat extra dafür Urlaub bekommen. Geheiratet hat er in Uniform. Die durfte er nicht ausziehen, obwohl ich das gerne gehabt hätte. Das Foto kennst Du doch.“ „Ja klar ,kenne ich das Foto, da seid ihr ganz schön jung drauf.“ „ Wir waren auch jung. Der Krieg kam schneller als wir uns das vorgestellt hatten und plötzlich war Dein Vater Soldat.“ „ Hattet ihr schon über die Hochzeit nachgedacht, bevor Vater weg musste ?“ „Nachgedacht schon, aber nichts genaues.“ „Ja und dann?“ „Ja und dann bekam Vater den Bescheid das er nach Afrika verlegt würde und davor haben wir geheiratet. Dafür bekam er dann eben extra Urlaub. Nicht viel, ich glaube eine Woche. Genau weiß ich das nicht mehr.“ Die Mutter trank wieder einen Schluck Kaffee, der Sohn sah nachdenklich auf seine Mutter. „Kannst du dich noch erinnern ,wie ihr euch verabschiedet habt ? das muss doch sehr schwer gewesen sein. Ich kann mir das gar nicht vorstellen. Abschied nehmen von meinem Mann der nun in den Krieg zieht. Vielleicht kommt er doch gar nicht wieder.“ Zum erstaunen des Sohnes lächelte die Mutter plötzlich. Es sah so aus als ginge ein Licht in ihr auf. Ihr über achtzig Jahre altes Gesicht bekam Farbe und sie sah ihren Sohn an . „ Das war nicht leicht. Daran kann ich mich gut erinnern, aber wir waren doch verliebt,“ sagte sie fast etwas beschämt. „Wir waren verliebt und ich habe immer Angst gehabt das Vater nicht wiederkommt. In der Zeit war ich aber nicht alleine, eine sogenannte Kriegsbraut. Ich habe mich oft mit anderen Frauen getroffen, deren Männer auch im Krieg waren. Wir haben gemeinsam die Briefe gelesen, die eine von uns bekam. Dabei stellten wir uns immer unseren eigenen Mann vor. Na ja und du weißt ja, es hat eine Weile gedauert, bis Vater wiederkam.“ „Mhm“ brummte der Sohn und stand auf. „Ich gehe mal ein wenig spazieren,“ sagte er und wollte die Küche verlassen. „Das ist schön von Dir, dass du mir zugehört hast“ sagte die Mutter leise. „Für mich war es schön dir zuzuhören, sagte der Sohn und meinte es ernst. Der Wind pfiff ihm durch Haar als er draussen war und den ganzen Weg über dachte er an seinen Vater, den er nie so etwas gefragt hatte. Gerne hätte er seinen Vater nun in den Arm genommen. Jetzt konnte er nur noch an ihn denken. Sein inneres Bild wandelte sich aber nun. Das war schön zu fühlen und erleichterte ihn. Ihn, der sein ganzes Leben den Vater nur als herrischen, eigensinnigen Mann gesehen hatte. Er war froh die Mutter gefragt zu haben und die Geschichten von ihr hören zu können.

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