Das alte Buch Mamsell
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Peggy Wehmeier zeigt in diesem Buch, dass Märchen für kleine und große Leute interessant sein können - und dass sich auch schwere Inhalte wie der Tod für Kinder verstehbar machen lassen.
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Mai 2003
Eine Mutter
von Andreas Stehr


Frau Sens lief so schnell wie sie ihre siebzigjährigen Beine tragen konnten. Der Weg war noch weit bis zum Pfarramt und das Wetter war nicht gerade schön, jetzt im November. Das linke Bein schmerzte und es fiel ihr in letzter Zeit immer schwerer längere Strecken zu laufen. Seit einem Schlaganfall zog sie es etwas nach.
Pastor Wagner war nett gewesen am Telefon und hatte sie gebeten sich erst einmal zu beruhigen und dann am Nachmittag zu ihm zu kommen, man könne sich dann besser unterhalten.
Als sich Frau Sens dem Pfarrhaus näherte, stand Pastor Wagner schon in der Tür und erwartete seinen Besuch.
„ Einen schönen guten Tag Frau Sens! “ sagte er schon von weitem.
„ Na, ob das ein schöner Tag ist, wird sich erst noch rausstellen. Guten Tag Herr Pastor. “ schnaufte Frau Sens und streckte ihm schon auf halber Treppe die Hand entgegen.
„ Wer wird denn so garstig sein? Kommen sie herein und trinken sie eine schöne heiße Tasse Kaffe mit mir. “ sagte Pastor Wagner beschwichtigend.
Im Flur half er ihr aus dem Mantel und führte sie dann in sein Arbeitszimmer. Neben dem großen Schreibtisch und vielen Bücherregalen gab es dort auch eine kleine Sitzecke auf deren Tisch schon zwei Tassen und alles was man zu einem gemütlichen Kaffeeplausch alles braucht stand. Nachdem Frau Sens sich gesetzt hatte und auch der Pastor es sich bequem gemacht hatte find Frau Sens an in ihrer Tasche zu wühlen. Nach kurzer Zeit zog sie eine Schachtel Zigaretten und ein Feuerzeug heraus und fragte:
„ Darf ich mir eine anstecken? “
„ Sicher doch, ich werde mir auch gleich mein Pfeifchen holen.“ Gab der Pastor freundlich zurück.
„ Nun Frau Sens, was führt sie zu mir? Am Telefon klangen sie sehr aufgeregt und ich konnte sie so schlecht verstehen, muss wohl an der Leitung gelegen haben. “
„ Ne Herr Pastor, ich habe doch leise sprechen müssen. Ich wollte ihn doch nicht wecken. “ sagte Frau Sens und schaute sich um als ob sie immer noch Angst hatte jemanden aus seinen Träumen zu reißen.
„ Wen IHN? “ fragte Pastor Wagner überrascht, wusste er doch, dass Frau Sens schon seit einigen Jahren allein lebte.
„ Na meinen Sohn. Er kam gestern Abend oder besser Nachts so gegen halb zwölf. “ Frau Sens zog nervös an ihrer Zigarette und fragte, sich wieder umschauend:
„ Kann und uns hier auch sicher niemand belauschen? “
„ Nein Frau Sens! Was ist denn passiert? “ erwiderte der Pastor beruhigend und schenkte Kaffee ein.
Frau Sens legte ihre Zigarette in den Aschenbecher und suchte nach ihrem Taschentuch.
„ Herr Pastor, ich brauche ihren Rat. “ weiter kann sie nicht, ein fürchterlicher Weinkrampf schüttelte sie.
Pastor Wagner sprang auf und zu ihr geeilt um sie zu beruhigen. Er kannte die sonst so resolute Dame nicht wieder. Nachdem sie sich etwas beruhigt hatte und auch der Pastor seinen Platz wieder eingenommen hatte, sank Frau Sens in sich zusammen und flüsterte:
„ Was werden sie bloß von mir denken wenn ich ihnen alles erzählt habe? “
„ Mache sie sich darüber mal keine Gedanken. Ich kenne sie liebe und gutmütige Person. Was kann schon passiert sein um mich von meiner guten Meinung abzubringen!? “
„ Ich werde ihnen alles erzählen. Werden sie mir dann helfen? “ fragte Frau Sens bittend.
„ Egal was auch passiert ist, ich werde ihnen helfen so weit es in meinen Kräften steht. “
„ Gut, also hören sie. Ich wollte gerade ins Bett gehen als das Telefon klingelte. Mein Sohn rief an und fragte ob er noch vorbei kommen könne, er wäre heute in der Stadt und hatte versäumt sich ein Hotelzimmer reservieren zu lassen. Nun, sie wissen ja, dass unser Verhältnis seit dem Tod meines Mannes sehr gespannt war und ich hatte mich eigentlich schon damit abgefunden, dass ich nie wieder etwas von meinem Sohn hören würde. Obwohl ich mich etwas wunderte habe ich natürlich gleich gesagt, dass er kommen könne. Es dauerte auch nicht lange, da stand er schon vor der Tür. Aber die Freude des Wiedersehens war kurz, ich erschrak fürchterlich als ich ihn sah. “
Frau Sens machte eine Pause, trank etwas Kaffee und steckte sich eine neue Zigarette an.
„ Warum erschraken sie?“ fragte Pastor Wagner interessiert.
„ Sie glauben nicht wie er aussah. Durchgeschwitzt, mit Dreck und Blut beschmiert, das Hemd und das Sakko waren an manchen Stellen zerrissen. “
„ Hat er gesagt was passiert ist? “
„ Er sagte, er sei eben vor meiner Haustür überfallen worden und man habe ihm übel mitgespielt. Ich wollte gleich die Polizei anrufen aber er sagte, er wolle morgen lieber selbst hingehen, jetzt sei er zu kaputt und würde die Fragerei nicht mehr durchstehen. Ich habe ihm dann gleich die Couch im Wohnzimmer zurecht gemacht und ihm gesagt, er möge sich erst einmal ausruhen, wir könnten und ja dann am nächsten Morgen unterhalten. “
Der Pastor war aufgestanden und ans Fenster getreten, die eine Hand in der Hosentasche vergraben, mit der anderen hielt er die Pfeife. Halb zu Frau Sens gedreht meinte er:
„ Erzählen sie ruhig weiter, ich höre aufmerksam zu. Ich kann ihnen besser folgen wenn ich ins Grüne schaue. “
„ Auch gut, die Hauptsache ist, sie können mir am Schluss einen Rat geben. Also weiter. Als ich dann im Bett lag und vor Aufregung nicht schlafen konnte, hörte ich wie er sich im Wohnzimmer an der Bar zu schaffen machte. So wie es heute morgen gestunken hat muss er noch ordentlich einen gekippt haben. Ich blieb aber im Bett und dachte daran was am Morgen alles zu besprechen hätten. “, sie fing wieder an zu weinen und sagte dann ärgerlich:
„ So dämlich kann auch nur eine Mutter sein! “ und zum Pastor, der schon wieder auf sie zugehen wollte: „ Ist schon gut Herr Pastor, ich erzähle gleich weiter. Morgens bin ich dann aufgestanden und habe mich in der Küche mit dem Frühstück beschäftigt. Dabei habe ich immer den Fernseher laufen, der in der Küche steht. Ich hatte mich gerade hingesetzt und wollte mir eine Zigarette anstecken als die Nachrichten anfingen. Ich glaubte meinen Augen nicht zu trauen als ich den Bericht aus unserer Stadt sah, der mir einen kalten Schauer den Rücken runterlaufen ließ. Eine Frau, dreißig Jahre alt, im Stadtpark vergewaltigt, ermordet und beraubt, gestern Abend um 22.00 Uhr. Mir blieb der Atem stehen, ich zitterte am ganzen Körper wie Espenlaub. Ich hatte auf einmal ein sehr ungutes Gefühl. Ich saß eine halbe Stunde wie gelähmt da und konnte an nichts anderes mehr denken. War er es gewesen? Dann handelte ich ohne zu denken. Ich ging in den Flur und schaute in seinem Jackett nach, das an der Flurgarderobe hing. Alle Taschen waren leer, nur in einer Innentasche fühlte ich etwas. Ich zog eine Brieftasche heraus. Ich wollte sie gleich wieder zurück stecken aber sie kam irgendwie komisch vor, sie passte irgendwie nicht zu meinem Sohn. Ich ging wieder in die Küche, setzte mich an den Tisch und überlegte. Dann habe ich sie angerufen. “ Frau Sens war am Ende ihrer Kräfte und fing wieder an zu weinen. Pastor Wagner war wieder zum Tisch zurückgekehrt, hatte sich gesetzt und schaute die Frau mitleidig an. Stumm schaute Frau Sens dann in ihre Tasche und zog etwas heraus. Sie legte es auf den Tisch und schob es zu Pastor Wagner.
Er nahm das Päckchen in die Hand und fragte:
„ Ist das die Brieftasche, die sie im Sakko ihres Sohnes gefunden haben? “
Sie nickte. Vorsichtig öffnete Pastor Wagner die Brieftasche und zog einen Ausweis heraus. Er schaute sich das Bild an und erkannte sofort die junge Frau, deren Bild heute über alle Sender gegangen war und die einer Gewalttat zum Opfer gefallen war. Er schob den Ausweis wieder zurück, klappte die Brieftasche wieder zu und legte sie wieder auf den Tisch.
Dann steckte er seine Pfeife an, ging zum wieder zum Fenster und räusperte sich.
„ Er ist doch mein Sohn! Ich kann doch nicht die Polizei … “, weiter kam Frau Sens nicht, ihre Stimme ertrank in Tränen.
„ Was soll ich denn jetzt machen? “ drang es leise an Pastor Wagners Ohr.
„ Das ist sehr schwer, auch für mich! “ sagte der Pastor.
„ Als Mensch und Staatsbürger müsste ich die Polizei informieren, als Priester stehe ich unter Schweigepflicht und außerdem kann ich ihre mütterlichen Gefühle sehr gut verstehen. Ich kann ihnen nur anbieten sie in jeder Hinsicht, die sich aus Anzeige gegen ihren Sohn ergeben würde zu unterstützen. Was ich ihnen noch sagen kann ist: Kein Mensch auf der Welt hat das Recht einem anderen Leid zuzufügen geschweige denn das Leben zu nehmen. Außerdem laden sie nicht nur eine strafrechtlich Schuld auf sich wenn sie es nicht melden sondern auch, und das wird für sie ein viel größeres Problem sein, eine moralische. “
Pastor Wagner atmete jetzt schwer, ging zu seinem Schreibtisch, nahm das Telefon und stellte es vor Frau Sens auf den Tisch.
„ Hier steht das Telefon. Sie können die Polizei anrufen und sie werden jede Unterstützung von mir bekommen, die sie brauchen oder, sie rufen nicht an. In diesem Fall werde ich dieses Gespräch vergessen, er dann nie stattgefunden und ich werde auch nie wieder davon reden. Mehr kann und darf ich nicht für sie tun, es tut mir leid. “ sagte Pastor Wagner, wandte sich ab und kämpfte mit seinen Tränen, da er Frau Sens mit sich kämpfen und leiden sah. “
Eine geraume Zeit der absoluten Stille folgten, selbst die Vögel schienen ihr Gezwitscher unterbrochen zu haben.
Dann strafte sich Frau Sens und nahm den Telefonhörer in die Hand. Mit zitternden Händen und Tränen in den Augen wählte sie: 110.

Andreas Stehr
Bremen, der 26.09.2000



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