Der Cousin im Souterrain
Der Cousin im Souterrain
Der nach "Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten" zweite Streich der Dortmunder Autorinnengruppe "Undpunkt".
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Mai 2003
Keine Blumen
von Silvio Philipp


15.51 Uhr. Noch 24 Minuten.
Ihr Blick schweift erneut zum Fenster und fällt nach draußen. Er verliert sich dort, wo der schwere Regen niedergeht. Irgendwo dort, im Verschwommenen, im Grauen. Im längst Vergangenen, Vergessenen.
Zurück zu jener Zeit, als da draußen alles noch viel heller und lichter war. Wo die Sonnenstrahlen im Überfluß hier hereinfluteten und das Zimmer orangerot vergoldet haben. Jene Zeit, in der sie auch mit Friedrich so oft hier gesessen hatte. Fast immer hatten sie dabei geschwiegen und fast immer hatte er dabei ihre Hand gehalten. So leise, so sanft.
Diese Momente, diese langen Momente waren ihnen beiden heilig gewesen. In ihnen hatten sie sich immer ganz nahe gefühlt. Dieses tiefe, stille Glück. Das Fundament ihrer Liebe.
Doch nun war von diesen Momenten, diesen Zeiten gar nichts mehr zu spüren. Kein Hauch, keine Spur. Verlassen und kalt. Das Murmeln des Regens ist alles, was bleibt. Vergangen, verloren. Der Tag hinter den Scheiben bleibt fremd. Die Welt grau.
Die herunterrinnenden Regentropfen lassen sie frösteln. Sie zieht die Arme ein wenig mehr an ihren Körper heran, belässt den Kopf aber in der Grube ihrer Hände. Ihre Ellenbogen schmerzen. Sie fröstelt erneut. Seltsam, wie kalt doch das glatte Holz sein kann!
Der Kuckuck ruft. Sie zählt seine Schreie. 4 Uhr. Noch 15 Minuten. Sie lächelt.
Ihr Blick fällt nun auf den Tisch. Er sieht so viel kleiner aus als sonst. Sie betrachtet die 4 Gedecke. Ganz in Weiß. Sogar die guten Schälchen hat sie hervorgeholt und die Erdbeeren hineingetan, die sie heute Morgen gepflückt hatte. Sorgsam gewaschen, geschnitten und gezuckert. Das wird ihnen bestimmt schmecken!
Doch es hatte lang gedauert. Ihr Rücken schmerzt ihr immer noch ein wenig. Dabei hatte sie sich heute Morgen extra noch einmal hingelegt. Trotzdem freute sie sich nun darüber. Alles ist jetzt so, wie es sein soll. Es sieht schön aus. Das hat sie gut gemacht!
Die Vase hat sie auch schon bereitgestellt. Groß und glänzend steht sie nun auf dem Tisch. So würde sie sie später nicht mehr zu holen brauchen.
Ein Windstoß lässt den Regen stärker gegen die Scheiben prasseln. Sie fröstelt erneut. Noch 11 Minuten.
Sie beschließt, sich ihre gute Strickjacke zu holen. Sie hängt über dem Lehnstuhl, in welchem Friedrich so gern gesessen hatte. Jeden Tag. Mit seiner Zeitung. Immer nachmittags von 2 bis 3 Uhr. Dabei wollte er nicht gestört werden. Sie hatte ihm währenddessen immer Tee gekocht, seine Tabletten dazugelegt und dann die Tasse leise auf die Kommode gestellt.
Wenn er gut gelaunt war, hatte er die Zeitung auf seine Knie gelegt, ihre Hand genommen und sie gestreichelt. Dabei hatte er sie oft über seinen Brillenrand hinweg angesehen und gesagt: „Wenn ich dich nicht hätte, mein Schatz.“ Das hatte er immer gesagt, wenn es ihm gut ging. In diesen Momenten sah er gut aus. Manchmal aber, hatte er die Zeitung oben belassen. Doch das war nicht oft geschehen. Er war ein guter Mann gewesen.
Wieder prasselte der Regen ein wenig stärker an die Scheiben. Noch 6 Minuten.
Sie steht langsam auf. Der Stuhl knarrt. Sie geht hinüber, nimmt ihre Strickjacke und zieht sie langsam an. Dann läuft sie um den Tisch herum, durch die Küche hindurch, bis zu ihrer Haustür. Dort setzt sie sich auf den Hocker und schaut durch das gelbe Fenster hinaus auf den Hof.
Der Regen hatte große Pfützen entstehen lassen. Schlammige Erde, Wasserfetzen. Nichts spiegelt sich darin. Dunkel und dreckig. Kreise und Wellen überall. Immer wieder. Immer wieder trommelt der Regen in den Schlamm und es spritzt. Tausend kleine –
Da! Der Kies knirscht! Der Kombi biegt um die Ecke und fährt durch das alte Tor. Die Reifen graben tiefe, harte Furchen. Sie erkennt dunkle unscharfe Silhouetten im Wagen.
Ihr Herz schlägt ein wenig schneller. Sie hat sie so lang nicht mehr gesehen! Mit einem Mal sind ihre Hände feucht.
Sie verharren im Auto. Sie kann erkennen, wie sich Uwe nach hinten dreht. Dann lösen sie die Gurte. Türen springen auf. Ruckweise. Lukas ist als erster draußen, wirft die Tür zu und rennt herüber. Geradewegs durch die Pfützen, der Haustür entgegen. Schon ist er an der Tür. Viel zu schnell. Sie erschrickt. Die Glocke schellt. Seine Nase klebt an dem gelben Fenster. Braune, fast schwarze Augen sehen sie an. Sie fühlt sich ertappt.
Sie öffnet die Tür. Mit einem Mal ist es sehr laut. Lukas schreit „Hallo“, ein halbe Umarmung und schon ist er an ihr vorbei und rennt in Richtung Küche. Seine nasse Jacke fällt unterwegs herab. Er ist groß geworden.
Nun kommen auch Marlene und Uwe herüber gerannt. Beide haben die Jacken über den Kopf gezogen. Sie weichen den Pfützen aus.
Marlene umarmt sie in der Tür. Ihr Parfum riecht süß und schwer, nach Blumen. Sie trägt ihre Haare kürzer. „Alles Gute zum Muttertag!“ Sie trägt eine weiße Hose und eine beigefarbene Bluse. Sie sieht gut darin aus.
Uwe gibt ihr die Hand. „Alles Gute zum Muttertag!“ Blaue Jeans, ein gestreiftes Hemd. Er hat einen kleinen Bauch bekommen.
Eine große Schachtel Pralinen. In Herzform. Sie haben ihr keine Blumen mitgebracht.
„Was für ein Regen!“. Sie lachen. Sie blicken sich an. Sie hängen die Jacken an denselben Haken. Sie haben ihr keine Blumen mitgebracht. Dabei hat sie Blumen doch so gern!
„Mutter?“ Lukas kommt ihnen entgegen gerannt. Er hat noch seine Straßenschuhe an. Und Erdbeeren in der Hand. Marlene schimpft.
Sie gehen gemeinsam in ihre gute Stube. Marlene lobt den Tisch. Uwe erzählt und hat schon die Kaffeekanne in der Hand. Sie möchte das tun, doch er wehrt ab. So geht sie wieder in die Küche zurück, um den Kuchen zu hereinzuholen. Lukas ist bei ihr. Er isst schon wieder Erdbeeren. Er möchte ihr helfen. Dabei hat er ganz klebrige Finger! Schließlich trägt er doch den Kuchen herein. Sie die Kuchengabel.
Marlene und Uwe lachen ihr entgegen. Sie sitzen auf den richtigen Plätzen. Das haben sie sich gemerkt. Aber die Vase ist leer. Keine Blumen.
Marlene hat die Beine übergeschlagen. Genauso wie sie das früher getan hat, als Kind. Uwe schüttelt den Kopf. „So ein Regen“. Er schaut aus dem Fenster. Fast so, wie sie vorhin.
Marlene schimpft mit Lukas.
Dann sitzen sie am Tisch. Lukas erzählt von Schultüten und einer Katze. Sie lachen laut. Sie müssen heute ihre Schultüte für ihn schon mitnehmen. Wie groß er geworden ist! Marlene hat Falten um die Augen bekommen. Sie machen sie alt. Nur wenn sie lacht, sehen sie schön aus. Sie hat den Kakao für Lukas vergessen. Uwe holt ihn. Lukas blickt sie an.
Sie erzählen von Dahlien. Von Dahlien im Regen. Und Wurzeln. Sie hat keine Blumen bekommen.
Mutter? Sie schauen sie an. Lukas lacht. Marlene schimpft mit ihm. Sein Schälchen ist schon leer. Er hat das Stück Kuchen nicht aufgegessen. Lukas kaut Nägel. Uwe nimmt keinen Zucker in den Kaffee.
Der Sonntagsverkehr, der schreckliche Sonntagsverkehr. Regentropfenprasseln. Die große Stadt. Und das Land. Du weißt schon. Sie lacht an den richtigen Stellen. Sie blicken sich an. Eine Familie. Ein schönes Bild. Nur die Vase ist leer. Keine Blumen . Ob Lukas im Sommer kommt? Er freut sich. Sie lachen. Dabei ist alles anders. Ganz anders. Vergangen, Vergessen.
Blutrote Erdbeeren. Ertrunkene Dahlien.
Damals. Mutter? Wie Friedrich.
Die große, leere Vase.
Marlene. Marlenes schönes Lachen.
Vergangen, Verloren, Vergessen.

Krachend fällt die Tür ins Schloss.

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