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Juni 2003
Dich holen wir später
von Lars Blumenroth


„Wie lange denn noch Mama?“
„Noch ein bisschen Schatz, das größte Stück haben wir schon geschafft.“
„Und jetzt dauert es nur noch 5 Minuten?“
Michelle kicherte. „Nein, etwas länger dauert es schon noch.“
„Ach so.“ Phillip gab sich mit dieser Antwort zufrieden und drehte wieder an der Feuerleiter seines Spielzeuglöschzuges.
„Wie alt ist er denn?“, fragte die ältere Frau, die Michelle gegenüber saß. Bisher hatte sie stumm in ihren Roman geschaut.
„Fünf, nicht wahr Phil?“
Phillip antwortete seiner Mutter nicht, sondern kurbelte weiter mit gespielter Konzentration an dem Metallrädchen. Michelle streichelte ihm liebevoll über den Kopf. Dann bemerkte sie den seltsamen Blick der Dame. Für einen Moment war es, als wäre da ein Flackern gewesen.
„Und sie sind auf der Durchreise?“
Michelle war, als hätte sie sich verschluckt. „Wie bitte?“
„Ich fragte, ob sie auf der Durchreise sind“, wiederholte die Frau und lächelte scheinbar angestrengt.
Michelle war wie vor den Kopf geschlagen. Wie konnte diese Frau nur auf den Gedanken kommen, dass es so sein könnte – und damit auch noch recht haben?
„Ähm, wir machen einen Ausflug...“, stotterte Michelle schließlich unbeholfen und wusste sofort, dass sie ebenso hätte zustimmen können.
„So so, einen Ausflug mit dem ICE von München nach Hamburg.“ Die Dame lachte kurz auf. „Ich denke es ist ein Tagesausflug, richtig?“
Michelle wurde heiß im Gesicht. Die Frau war ihr unheimlich. Am liebsten würde sie ihre Sachen packen und das Abteil verlassen.
„Wir besuchen meine Oma!“, flötete Phillip unerwartet.
„Ach so, ein Familienausflug also“, entgegnete die Fremde nun an den Jungen gewandt. Ihre Stimme klang plötzlich viel zu lieblich und brannte Michelle in den Ohren. Wie gelähmt sah sie auf die Frau, die nun ihren Roman achtlos zu Boden fallen ließ und sich zu Phil neigte.
„Und bei so einer kleinen Tagesfahrt kommt dein Papa nicht mit?“
Phillip schüttelte still den Kopf. In seinen großen Kulleraugen war ein ängstlicher und auch trauriger Ausdruck zu sehen. Michelle sah nur die Angst. In ihr selbst stieg unerwartet auch eine unbestimmte Furcht auf. Sie wurde fahrig.
„Es reicht!“, brach sie schroff die Unterhaltung. „Ich denke, Sie widmen sich nun besser wieder ihrem Buch.“
Die Augen der Fremden funkelten bedrohlich. Doch sie zog sich wieder auf ihren Sitz zurück und legte sogleich eine Miene der Bestürzung und des Bedauerns auf. „Es tut mir leid“, flüsterte sie schließlich wieder ganz Dame. Dann suchte sie ihren Roman. Michelle sah einen Augenblick ärgerlich zu, dann beugte sie sich schließlich vor.
„Ihr Buch ist...“ Weiter kam sie nicht, denn als sie den Schmöker vom Boden aufhob, klappten die Seiten auseinander und gaben den Blick auf den Inhalt frei. Michelle erstarrte für einen Moment, blätterte dann ein paar Seiten weiter, ließ die Seiten schließlich immer schneller unter ihrem Daumen hervorblättern. Da war nichts. Kein einziger Buchstabe, alles leer.
„Dürfte ich bitte?“ Die Frau sah sie mit falschem Lächeln an.
„Aber, aber...“, stotterte Michelle, als die Alte das Buch aus ihren Händen zog.
„Ja, es ist recht gut, sollten sie sich auch besorgen. Für lange Zugfahrten bestens geeignet.“ Ein höhnisches Kichern ertönte kurz.
„Sind da auch Bilder drin?“, quäkte Phillip.
„Lass die Dame bitte in Ruhe, Phil.“ Michelle drückte ihren neugierigen Sprössling zurück in den Sitz. „Sie möchte nicht gestört werden.“
Phillip sah irritiert zu seiner Mutter auf, dann wieder auf die Dame ihm gegenüber.
„Der Junge stört doch nicht“, meldete die Alte sich wieder sanftmütig zu Wort. „Nicht wahr junger Mann?“
Phillip schüttelte bestimmt den Kopf.
Michelle fühlte sich von ihrem Sohn auf seltsame Weise hintergangen. Entschlossen stand sie auf.
„Möchtest du dir die Bilder ansehen, Kleiner?“, fragte die Fremde listig.
„Nein, das möchte er bestimmt nicht, Gnädigste“, fuhr Michelle wieder dazwischen.
Die Alte reagierte nicht auf Michelle, sie blickte ausschließlich auf Phillip, der begeistert wie der Wind auf den Sitz neben die unheimliche Dame kletterte.
Michelle fühlte sich hilflos. Einerseits wurde sie die Gewissheit nicht los, dass diese Hexe sie unter Druck setzte und es hier einen Machtkampf auszufechten galt, andererseits kam sie sich selbst albern vor bei diesem Gedanken. Sie wusste nicht, wie sie sich verhalten sollte. Unschlüssig stand sie im Abteil und behielt die Alte scharf im Auge. Die Fremde ließ Phillip in das Buch hineinsehen. Jetzt würde der Spaß zu Ende sein, jetzt würde ihr Sohn enttäuscht wieder zu ihr zurückkehren, weil in diesem Buch kein einziges Bild zu sehen sein würde, nicht mal ein einziger Buchstabe.
Doch Michelle hatte sich geirrt. Verwirrt sah sie, wie sich die Augen ihres kleinen Phil vor Freude weiteten, als die einzelnen Blätter vor ihm umgeschlagen wurden.
„Das ist ja Papa!“, schrie er plötzlich voller Begeisterung.
Abermals fuhr ein Ruck durch Michelle. „Nein, Phil, in diesem Buch kann Papa nicht drin sein.“ Der Drang, wieder aufzustehen wurde krampfhaft niedergekämpft. Sie wollte sich nicht lächerlich machen. Aber bei der nächsten Gelegenheit würde sie das Abteil wechseln, das versprach sie sich.
Die Alte blätterte weiter und Phil schien den Einwurf seiner Mutter gar nicht gehört zu haben.
Nach einigen Minuten der Stille schloss die Fremde den Wälzer. „So, genug geschaut.“ Achtlos warf sie das Buch neben sich auf den freien Sitz. „Wenn du möchtest kannst du noch einen Blick in ein anderes Buch werfen. Da sind viel bessere Bilder drin.“
„Au ja!“, jauchzte Phillip.
Michelle schmerzte es in der Brust. Von Minute zu Minute wünschte sie sich nichts mehr, als einfach diese Alte hier allein zurück zu lassen.
„Mal sehen.“ Die Fremde kramte in ihrer Tasche. „Ah, hier ist es.“ Sie zog ein großes Buch heraus, das diesmal wirklich nach einem Bilderbuch aussah. „Das sind Bilder extra für dich mein Kleiner.“
Michelle kochte innerlich bei diesen Worten. Sie war auf eine seltsame Art eifersüchtig. Trotzdem sah sie tatenlos zu, wie die Alte ihrem Sohn das Buch gab. Der Einband war schmucklos in schwarz und ohne Titelangaben oder ähnliches. Phillip legte das Werk, das für seinen Körper viel zu groß war, flach auf seine kurzen Beine und hob den Deckel an. Michelle sah eine weiße, leere Seite. Phil strich mit seiner freien Hand interessiert darüber, dann lüftete er das Blatt und gab den Blick auf die nächste unbedruckte Seite frei. Michelles Herz beschleunigte seinen Schlag. Wieder wurde eine Seite freigelegt, ohne dass sich das Bild änderte.
„Boah!“, entfuhr es Phillip, die Augen auf das weiße Blatt gerichtet. „Der Zug ist kaputt!“
Die Alte kicherte.
Michelle hatte das Gefühl, sich jeden Moment übergeben zu müssen. Fahrig sprang sie auf. „Komm, Phil, wir müssen jetzt gehen“, quetschte sie undeutlich hervor.
„Nein, Mama! Ich will die Bilder...“ Die kleinen Händchen blätterten gerade die Seite um, als Michelle das Entsetzen in den Augen ihres Jungen sah. Starr richtete Phil seine komplette fünfjährige Aufmerksamkeit auf dieses blendend weiße Papier. Dann ließ er das Buch fallen und begann zu schreien.
„Was ist los?“, schrie Michelle ihren Sohn voller Panik an. „Da ist doch nichts zu sehen!“
Phillip verdrehte die kleinen Augen und kreischte, als hätte man ihn mit einer Nadel gestochen.
„Phillip!“ Michelle schrie so laut sie konnte. Sie musste die Aufmerksamkeit ihres Jungen haben. Aber Phillip nahm sie nicht wahr.
Die Alte lachte.
„Was ist in dem Buch zu sehen?“, griff Michelle nun die Fremde an. „Was verflucht haben sie meinem Sohn gezeigt?“
Die Hexe lachte nur höhnisch und war gänzlich unbeeindruckt, dass Michelle sie mit Wucht aus ihrem Sitz gerissen hatte. Eisern wurde sie von der Faust geschüttelt, die sich in ihren Kragen gekrallt hatte. Dann flackerten die Augen der Alten und der überlegene Ausdruck auf ihrem Gesicht verschwand. Plötzlich hielt Michelle eine verängstigte Frau vor sich, die wohl jeden Moment in Tränen ausbrechen würde. Verwirrt ließ sie los.
„Warum machen sie das?“, fragte die Alte weinerlich.
Michelle stand verwirrt im Abteil. Ihr Sohn weinte noch immer. Jetzt war ihr auch zum Weinen. Tränen schossen ihr in die Augen und sie fühlte sich einem Zusammenbruch nahe.
Die Schiebetür des Abteils wurde aufgerissen.
„Was geht hier vor?“, donnerte ein Bahnangestellter.
Michelle sah ihn nicht an, sondern hob ihren Sohn auf den Arm, der daraufhin erschöpft an ihr hing und nur noch leise flennte.
„Diese Frau hat mich angegriffen!“ Die Alte deutete auf Michelle und machte einen gänzlich verschreckten Eindruck. „Sie hat mich am Kragen aus dem Sitz gezerrt und mich angeschrieen wie eine Furie.“ Dann brach endlich auch sie in Tränen aus.
„Ist das wahr?“, rief der Schaffner barsch und trat auf Michelle zu. Ein Flackern lief über sein Gesicht. Dann änderte sich der Ausdruck seiner Augen von fragend in fordernd.
„Antworten sie!“, bellte der bullige Mann.
Michelle wich erschrocken zum Fenster zurück.
„Wo ist ihr Mann?“
„Mein Mann?“, fragte Michelle eingeschüchtert zurück. Ihre Stimme zitterte vor Angst, denn im Gesicht des Schaffners war Mordlust abzulesen. „Was... was wollen sie... von meinem...“
„Das interessiert hier nicht!“, brüllte der Mann. „Ich stelle hier die Fragen! Und sie antworten! Verstanden?“
„Ja.“, hauchte Michelle. Phillip hatte wieder laut zu weinen begonnen.
„Ich will wissen, wo ihr Mann ist!“
„In... in München... er ist..:“
„Warum sind sie hier?“ Der Ton des Angestellten mäßigte sich etwas.
„Ich... ich bin auf der...“
„Durchreise!“, quäkte die Alte. „Sie hat was von Durchreise gesagt!“
Michelle senkte das Gesicht zu Boden und schluchzte nun hemmungslos.
„Glauben sie, dass sie eine gute Mutter sind?“ Der Schaffner trat an sie heran und wiederholte seine Frage in genießerischem Tonfall. „Glauben sie, dass sie eine gute Mutter sind?“
Da brach es aus Michelle heraus: „Nein! Ich bin keine gute Mutter!“ Sie heulte geradezu vor Wut. „Ich hasse meinen Mann! Er hat mich und meinen Sohn geschlagen!“
Die Alte schob plötzlich den verwirrt aussehenden Bahnmenschen beiseite. „Warum bist du denn so lange bei ihm geblieben?“
„Hey...“, begann der Schaffner und sah sich irritiert um.
Michelle sah durch den Tränenschleier kaum etwas. Phillip heulte ihr ins Ohr und die Stimme der Alten bearbeitete sie. „Warum bist du denn so lange bei ihm geblieben? Nun sag schon.“
„Ich weiß es nicht.“ Rotz lief aus ihrer Nase und Michelle wischte ihn mit dem Ärmel fort.
Der Bahnangestellte zog sich zurück. „Ich denke, es ist hier ja alles in Ordnung.“ Er schob das Abteil immer noch zerstreut wieder zu.
„Du weißt, dass du zu spät bist?“, fragte die Alte mitfühlend.
„Ja, ich hätte schon vor zwei Jahren gehen sollen, als es angefangen hat.“
„Das stimmt, Kindchen.“ Sie tätschelte Michelles Wange. Dann setzte sie sich wieder auf ihren Platz, nahm das Buch und sah es sich still an. Kurz darauf ging ein Flackern über ihr Gesicht.
Michelle setzte Phillip ab und schnäuzte sich in ein Taschentuch. Es war alles still, bis auf die normalen Zuggeräusche und das stete Weinen ihres Sohnes.
„Phil, hör doch bitte auf. Es ist alles gut. Wir sind bald da.“
Phillip hörte nicht auf. Michelle versuchte zu fassen, was gerade alles passiert war. In ihrem Kopf befand sich eine Art Schwerelosigkeit. Es war, als wäre der gesamte ICE plötzlich von einer zur anderen Minute eine Weile nicht mehr auf den Schienen gefahren, sondern in freiem Fall nach unten gesackt. Alles war durcheinander geraten. Das totale Chaos.
Dann schnappte sich Michelle ihre Taschen, fest entschlossen, dieses Abteil zu verlassen. Die Dame beachtete sie keine Sekunde. Gebannt sah sie in das große, schwarze Buch. Und auch Michelle erhaschte einen kleinen Blick. Es war ein Bild mit einem ICE darauf. Die einzelnen Waggons lagen zerstört aneinander wie eine zusammengefaltete Ziehharmonika.
„Komm, Phil, wir trinken im Bistrowagen einen Kakao.“ Phillip hängte sich verweint an den Rockzipfel seiner Mutter. Erschöpft verließen sie das Abteil. Michelle fühlte sich, als wäre sie soeben von einem Alptraum aufgewacht. Die große Sporttasche, in der sich alles befand, was sie für wichtig genug gehalten hatte, zerrte an ihrem Körper. Phil zog ebenfalls an ihr.
„Mama, lass uns da hin gehen.“ Der Kleine deutete in die andere Richtung.
Ein Herr im Anzug trat auf den Gang.
„Entschuldigen sie, wissen sie wo der Bistrowagen ist?“, fragte Michelle leise.
Der Mann schien unsicher. Es war, als wolle er gerade mit den Achseln zucken und sich für sein Unwissen entschuldigen, da flackerte sein Gesicht für einen Moment. „Sicher, der Bistrowagen, dort entlang.“ Die Stimme klang überfreundlich. „Und beeilen sie sich, denn um elf Uhr ist geschlossen. Acht Minuten noch.“
„Danke.“ Michelle war froh, als sie sich von dem Kerl abwenden konnte. Hastig trabte sie in die angegebene Richtung los. Ein heißer Kakao. Das war alles, was sie jetzt wollte. Und danach würde sie sich nie wieder von irgend jemandem mehr etwas sagen lassen. Von diesen Gedanken beseelt kämpfte sie sich mit der schweren Tasche durch die Wagen, bis sie endlich im Speisewagen angekommen war.
Niemand befand sich dort. Die Tische waren alle leer und blitzblank geputzt. Eine zartes Mitropafräulein sah aus der Küche zu ihr hinüber.
„Wir haben bereits seit zehn geschlossen“, rief sie mit bedauerndem Blick.
„Ist es vielleicht möglich, für mich und meinen Sohn noch...“ Michelle brach ab. Verwundert sah sie sich um. Wo war Phillip? Sofort setzte die Panik einer Mutter ein, die ihr Kind verloren hatte. Sie ließ ihre Tasche sinken und wollte gerade den Bistrowagen wieder verlassen, als ein Ruck durch den Zug ging. Der Waggon rappelte kurz und ließ sie zu Boden gehen. Auch die Mitropafrau hielt sich krampfhaft an den Armaturen ihrer engen Küche fest. Ein seltsames Geräusch setzte ein, als würde der Zug über Steine fahren. Michelle fluchte vor sich hin, als sie wieder auf die Beine kam. Die Mitropa-Angestellte lächelte gezwungen, als wolle sie sagen, dass nichts passiert sei. In der Tat hatte das Geräusch schon wieder aufgehört. „Tut mir Leid, junge Frau, wir können ihnen leider nichts mehr...“, setzte sie an, als plötzlich ein weiterer Schlag durch den Zug ging. Dann war plötzlich nichts mehr so, wie es sein sollte. Der Wagen wurde mit enormer Wucht zur Seite gerissen. Michelle schwebte durch die Luft und wurde von der Fensterfront eingefangen. Ihr Kopf schlug gegen das Glas. Überall hörte sie Scheiben zersplittern und ein Getöse, als würde Stahl zerbersten. Dann knickte der Wagen tatsächlich ein und die Mitropafrau wurde in ihrer Küche zerquetscht wie eine Schabe. Blut spritzte kurz aber kräftig. Betonklötze krachten durch die andere Fensterseite. Michelle hob wieder ab und wurde gegen einen solchen Betonbrocken geschleudert. Unter ihr, in zwei Meter Entfernung sah sie die Gleise durch die zerstörten Glasscheiben. Das kann nicht wahr sein, war ihr letzter Gedanke, als ein gewaltiges Stück Brücke sie gegen die Bohlen malmte.

Eschede 3. Juni 1998.
Hundert Tote und weitere hundert zum Teil schwer Verletzte sind zu beklagen, als der vierte Wagen des ICE 884 „Wilhelm Conrad Röntgen“ entgleist und gegen einen Brückenpfeiler prallt. Der hintere Triebwagen schiebt die Waggons des restlichen Zuges gegen die einstürzende Brücke. Der vordere Teil des Zuges fährt in den Bahnhof von Eschede ein.

„Wo ist meine Mama?“
„Deine Mama holt dir einen heißen Kakao, Kleiner. Du magst doch Kakao, oder?“ Der Mann im Anzug lächelte Phillip zuckersüß an. Der Junge nickte ängstlich.
„Warum hat der Zug so gewackelt?“
„Hattest du etwa Angst, kleiner Mann?“
Wieder nickte Phillip.
„Du brauchst keine Angst haben, dich holen wir später. Möchtest Du ein Bilderbuch ansehen?“
Phillip schrie los. Da flackerte das Gesicht des Mannes und er blickte erstaunt auf den fünfjährigen Jungen vor sich, der sich soeben lautstark einnässte.

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