Sexlibris
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Juni 2003
Und dachte an Tir na Nog
von Sabine Imhof


Wir haben uns in den Bus gerettet und seither versuche ich, mich gegen das Fenster von dir wegzudrücken. Dein Mund und deine Nase in meinem Haar, du nuschelst Dinge, die ich eigentlich verstehen sollte. Fragst, was ist los? Ich bin bloss müde. Fragst, bist du sicher? Ja, bin bloss müde. Kann mich nicht einordnen, uns nicht zu den Akten legen, könnte keine Verträge unterschreiben. Jetzt.
Und gestern: hatte ich mich noch so sehr gefreut, seit Monaten die Tage gezählt, bis ich dich wiedersehen würde. Konnte inzwischen auch gar nicht mehr begreifen, warum ich so weit weg gehen wollte, wenn deine Nähe viel mehr versprach und hielt. Aber ich ging. Trotzdem.
Und gerade deshalb: hatte ich mich gefreut, auf Weihnachten und dich. Die ganze Woche über mit Buntstiften Flugzeuge skizziert und dich als Punkt hinter einem runden Fenster. Weihnachten. Und ich fühlte mich feierlich. Schnee lag keiner auf den Strassen, aber es gab bunte Lichterketten in den unteren Stockwerken des Himmels, die den Nebel färbten und aus allen Ecken Glöckchenklänge, singende Menschen in Fussgängerzonen mit weit geöffneten Mündern und Handschuhen, die sich aneinander rieben. Und Weihnachtsmänner unter Wollmützen und in Bars stehend, aus denen das Leben klang. Dies war nun meine Welt und ich wollte sie dir zeigen. Auf dem Weg zum Flughafen habe ich an alle Strassennamen gedacht, durch die ich mit dir schlendern wollte, später, und nie würden Schritte und vier Füsse schöner klingen.


Als du vor mir standest, hätte ich dich beinahe nicht mehr erkannt. Deine Nase war grösser geworden oder wirkte nur so, weil deine Wangen eingefallen waren. Aber du sahst aus wie immer und ich suchte nach einem Gefühl, im Bauch oder in den Fingerspitzen, aber spürte nichts, nur noch: wie mir der Glaube zusammen mit dem Blut aus dem Gesicht auf den Boden rutschte wie eine zu weite Hose und ich mit meinen Schuhen darüber trat, um die Spuren zu verwischen. Denn ich wollte dich lieben. Wir hatten das so ausgemacht.
Deshalb habe ich gesagt: Ich liebe dich, als du sagtest, ich liebe dich so sehr. Deshalb habe ich gesagt: Ich habe dich vermisst, als du sagtest, ich habe dich so sehr vermisst. Und hatte noch keine Zeit gehabt, um zu bemerken, dass es vielleicht nicht eine LĂĽge aber sicher nicht ganz die Wahrheit war.


Schau aus dem Fenster, ich will dir meine Stadt zeigen, aber du schaust mich an, mit plötzlich gealterter Stirn, fordernd und überfordert. Bist du wirklich nur müde? Ja, und nicke. Nicke. Ich habe die ganze Nacht nicht geschlafen, mich so gefreut auf dich. Die Wahrheit, ich schwöre, aber meine Hand, die nun deine Wange streichelt, zieht sich dabei in die äusserste Spitze des kleinen Fingers zurück.
Schau aus dem Fenster, gleich sind wir im Zentrum der Stadt, schau dir die Menschen an, ich mag, wie sie sich kleiden und siehst du, es gibt hier gar nicht so viele rothaarige Frauen, wie man in Reisebüchern immer liest und die Männer haben alle blaue Augen. Schau aus dem Fenster, aber du hast nur Augen für mich. Ich wende mich ab und seh alleine aus dem Fenster.


Ich passe meine Schritte deinen an, um keine Zeugen zu haben fĂĽr die Distanz von mir zu dir. Du schaust auf den Boden und bist still. Ich greife in meine Jackentasche, schiebe mir zwei Kaugummis in den Mund und biete dir einen an. Wir gehen kauend nebeneinander her, fĂĽhren unsere Zungen spazieren, die nun nach Passion Fruit schmecken. Wenn die Ampel auf Rot ist, nutzt du die Gelegenheit, von Liebe zu sprechen und deine Arme um meine HĂĽfte zu legen und mich an dich zu ziehen. Ich mag deine Nase nicht, sie hat mir nie gefallen, aber heute bemerke ich es zum ersten Mal. Bitte kĂĽss mich nicht, mein Mund wĂĽrde mich verraten. Du versuchst es trotzdem und ich halte dir meine Wange hin und beisse mir dabei auf die Unterlippe, wenn ich sicher bin, dass du es nicht sehen kannst.


Ich zeige dir die Wohnung, stelle dir meine Mitbewohner vor. Dave, Lisa, Nicole. Du magst sie auf Anhieb nicht, weil sie mir in den letzten Monaten näher waren als du. Du sitzt verkrampft auf dem Sofa und sprichst mit gebrochenem Englisch und ich helfe dir nicht, die richtigen Worte zu finden. Ich konzentriere mich auf meine Hände, die Fuseln von meinem Pullover pflücken und schaue zu, wie sie auf den Boden fallen. Irgendwo zwischen sehr langsam und Zeitlupentempo.
Nein, wir bleiben nicht in der Stadt, wir fahren morgen frĂĽh weg. Aufs Land. Wir werden das Weite suchen und ich fĂĽrchte mich schon jetzt vor der Enge, die frĂĽher dort sein wird als wir.


Ich hätte diese Wörter gemocht, ich hätte mir gewünscht, es so zu beschreiben: idyllisch, zweisam, auch schön hätte ich es nennen wollen, mehr als alles andere hätte ich es schön nennen wollen. Aber wir waren schon fern, bevor wir uns auf die Reise machten und sind später auch nicht näher gerückt, nur die Koffer, die wir dann im Haus an der Küste nebeneinander abstellten, schienen sich noch etwas zu sagen haben; sie waren beide aus dunkelbraunem Leder. Ich habe meinen nicht ausgepackt, weil ich nicht ankommen wollte. Du hast deinen geöffnet, ein paar Geschenke fielen heraus, von Freunden, von zuhause. Zwischen aufgerissenen Papierfetzen hast du mich geküsst und ich sagte, mit deiner Zunge in meinem Mund, ich habe Hunger, lass uns was kochen.
Ich habe keinen Hunger, nur Appetit auf dich, hast du gesagt und eindeutig gelächelt und ich habe zweideutig und doppelt lächelnd geantwortet, mich von dir losgerissen und den Koffer dann doch aufgemacht. Spaghetti, Butter. Salz fand ich im Küchenschrank.
Du wirst die irische Butter mögen, sagte ich, die ist ganz wunderbar.


Dampf beschlägt das Fenster oberhalb der Spüle, du schreibst mit dem Zeigefinger meinen Namen aufs Glas und machst ein Herz drumherum, ich wische es weg, um hinauszusehen und frage mich, wie weit es wohl ist bis zum nächsten Haus. Draussen nur Nebel. Und drinnen: kann ich dich nicht sehen.
Du hast Zigaretten aus der Heimat mitgebracht, wir teilen sie uns nach dem Essen und ich will Geschichten hören von zuhause, gemeinsamen Freunden und wenn ich mit Lachen beschäftigt bin, küsst du mich.
Bestimmt sind wir an diesem Tisch eine ganze Woche sitzen geblieben, oder nur ich. Ich habe mein Gähnen weggeschluckt, weil ich nicht bei, neben oder mit dir schlafen wollte. Als ich vor Müdigkeit nicht mehr sitzen konnte, bin ich aufgestanden, das erste Mal durchs Haus gegangen, habe die Zimmer besichtigt, ohne mich an Möbeln zu streifen, ohne Boden zu berühren.
Du lagst auf dem grossen Bett und ich bin davor stehen geblieben, hab meinen Kopf zur Seite geneigt, um deinen Schlaf parallel zu meinen Augen zu sehen. Laut gehustet, meine Füsse dann doch abgesetzt und mit den Zehennägeln den Boden aufgekratzt. Bis du erwacht bist.
“Lass uns reden.“


“Worüber?“, fragst du schlaftrunken, blinzelnd, deine Augen finde ich immer noch schön. Grüne Augen mag ich am liebsten.
“Du spürst das doch auch.“
Du antwortest nicht, aber deine Finger klammern sich an das Kissen.
Ich setze mich auf die Bettkante und atme einmal. Zweimal.
Vor dem dritten Mal sage ich: “Du musst es doch auch sehen. Es ist doch anders als früher, es ist doch--“
“HALT DIE KLAPPE HALT DIE KLAPPE HALT DIE KLAPPE!“, schreist du, ein dünner Faden Speichel bahnt sich seinen Weg über deine Brust, und deine harten Hände sind plötzlich überall auf mir, ich wehre mich nicht, weiss nicht warum, ich hatte keine Zeit dazu, vielleicht. Lächle nur verlegen.
Kein Mensch kann so schreien.
Du stösst mich vom Bett, zerrst mich aus dem Zimmer und schliesst mich mit dem Schlüssel weg. Ich setze mich vor den Fernseher, treibe die Lautstärke hoch bis zum Anschlag. Dort redet eine Frau, über die Liebe, glaube ich, und auf dem anderen Sender: küssen sich zwei. Dein Schreien übertönt den Soundtrack.
So verbringen wir die zweite Woche: ich auf dem Boden zwischen Liebesfilmen und Wetterberichten. Und du hast nach 36 Stunden aufgehört zu toben, verlässt das Zimmer nur zum Pinkeln, deine Haut riecht nach geschlossenen Poren.


Die letzte Nacht. Und ich will mich zu dir legen. Zur Erinnerung, zum Abschied, einfach so. Du berĂĽhrst mich nicht, schnarchst. Und ich liege da, mit meiner Hand auf meinem Bauch, atme ruhig ein und aus. Denke, es wird alles gut, wir werden Freunde sein, Menschen, die sich ein Leben lang Postkarten aus den Sommerferien schicken und einander zum Geburtstag anrufen.
Morgens liegst du plötzlich schwer auf und hart in mir. Sagst mit Leichtigkeit:
“Du schuldest mir etwas.“


Und habe nun eine bleibende Erinnerung:


An einen frühen Morgen, als sich die Sonne zum ersten Mal zeigte, das Fenster halb offen, und der Wind, der die Gardine wegstösst und zurückholt, im Takt deiner Stösse, ein Heer an Speeren, die in mich einmarschieren und mich besetzen um mich zu besitzen. Mein Kopf schlägt gegen die Wand, ich schaue den Schweissperlen auf deiner Stirn beim Fallen zu, sie landen zwischen meinen Brüsten. Draussen ist das Meer, an dem wir nie entlang gegangen sind, obwohl wir oft darüber gesprochen haben. Ich kann auf Gälisch sagen: Ich liebe dich. Und niemand, auf den die Beschreibung zutrifft. Auf dem Nachttisch ist ein Glas, halbvoll mit Orangensaft, der Wellen schlägt. Wer bin ich? Und wer bist du? Du bist der Mann, mit dem ich eines Tages schlafen wollte.


Und in meiner Erinnerung erinnere ich mich nicht mehr:


Ob ich gesagt habe, hör bitte auf, es tut mir weh, hör bitte auf. Aber ich präge mir jeden Zentimeter der Wände ein und sehe mich überlebensgross hinter deinem Rücken stehen, wie ich über dich lache mit Hörnern auf meinem Kopf und an Gott glaube, ohne an Gott zu glauben. Ich habe neben dem Nichtdenken auch gedacht: an ein Kinderlied. Und an die Farbe Weiss. Und an Dublin, wie es aussehen wird, nachdem du ins Flugzeug gestiegen bist. Deine Hände nageln meine Arme an ein Kreuz aus Kissen, und wenn ich mit den Beinen um mich schlagen will, bemerke ich, dass du sie mir ausgezogen und in die Ecke gestellt hast. Und unter der Gürtellinie. Gelähmt.


Und spüre auch das Wasser nicht mehr, später, unter der Dusche, wo die Seife nicht ausreicht und ich mit Fingernägeln nachhelfe, um mich wundzuwaschen. Ich werde für immer unter dieser Dusche bleiben, denke ich, als ich wieder denken kann, und sehe deinen Umriss plötzlich hinter dem roten Vorhang, der war rot, das weiss ich, du schiebst ihn zur Seite, stehst da, mit langen Armen, reichst mir ein Handtuch, ich bedanke mich mit einem Lächeln.
Meine Schenkel zittern, als ich auf dem Teppich Fuss fasse, der ist weich, das spĂĽre ich.
“Ich habe etwas Schlimmes getan, nicht wahr, ich habe etwas Schlimmes getan, nicht wahr? Ich habe dich ver--“
„DU HAST MICH NICHT VERGEWALTIGT DU ARSCHLOCH DU HAST MICH NICHT VERGEWALTIGT DU ARSCHLOCH ICH WILL DASS DU DAS ALLES VERGISST!“
"Bist du sicher?“
“Ja. Denk einfach nicht mehr daran, okay?“, und küsse dich auf die Stirn. Der erste ehrliche Kuss.
"Okay“, sagst du, und als du das Badezimmer verlässt, hätte ich schwören können, dich über deinem schlurfenden Gang pfeifen zu hören.


Ich reibe mich mit dem Handtuch ab, bis die oberste Schicht meiner Haut wie Hobelspäne auf den Boden fällt und in den Spiegel schaue ich nie. Dies ist ein Badezimmer, dies ist ein Badezimmer, dies ist ein Badezimmer. Ein Badezimmer in einem Haus. Ein Badezimmer in einem Haus am Meer. Ein Badezimmer in einem Haus am Meer in Irland. Ich habe fünf Finger an der Hand und mein Name ist Anna. Ich habe schon mal im Fernsehen eine Vergewaltigung gesehen. Auf offener Strasse. Nachts. Ein fremder Mann. Und auch ein Gebüsch kam darin vor. Ich habe fünf Finger an der Hand und mein Name ist Anna. Und Anna ist jetzt erwachsen. Ihren Körper hat sie irgendwo zwischen Bett und Bad zurückgelassen und findet ihn auch nicht wieder, als sie auf der selben Route und mit stummen Füssen zurückgeht und einen Atemzug lang vor der Küche stehen bleibt.


Weil sie dich dort stehen sieht.


Wie du am Tisch sitzt. Mit gelben und mit roten Dingen. Und mit braunen, viereckigen Gegenständen und weissem Geschirr, glaubt sie. Und etwas rundes. Ein weisser Teller, denkt sie. Ein volles Glas Milch, auch weiss. Und wie du dir den Mund volllädst und zwischen Bissen aufstehst, um das Radio aufzudrehen. Und dich wieder setzt, dein Fuss sich bewegt zum Takt der Musik, dein Appetit gesund wie immer. Und sie glaubt, ist sich nicht ganz sicher, aber sie glaubt, du hast dir zuvor nicht mal die Hände gewaschen.


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