Das alte Buch Mamsell
Das alte Buch Mamsell
Peggy Wehmeier zeigt in diesem Buch, dass Märchen für kleine und große Leute interessant sein können - und dass sich auch schwere Inhalte wie der Tod für Kinder verstehbar machen lassen.
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Juni 2003
Vaterfreuden
von Ingrid Fohlmeister


Aus den Fugen des Plattenweges wucherten roter Mohn, blauer Storchschnabel und weiße Margeriten. Ganz Angeln war wieder übersät mit Blumen in Schleswig-Holsteins Landesfarben. Was er auch tat - ausreißen, eindämmen, auf Beete begrenzen - sie quollen lustig aus allen Ritzen.
Gerhard Linde verschloss die Tür seines Kellerbüros und umrundete das Haus. Manchmal kam er sich vor wie ein Marathonläufer, der fürchtet, seine Kräfte könnten ihn vorzeitig verlassen. Gerade hatte er die letzten Päckchen für seine Kunden gepackt. Jetzt musste er sich schleunigst um das Mittagessen kümmern. Tess kam bald aus der Schule.

Seit einiger Zeit quälte ihn Unruhe. An einem Mittwochabend, als er Tess in der Seelsorgstunde der katholischen Kirchengemeinde ‘St. Ansgar’ in Flensburg wähnte, hatte das Telefon geklingelt. Der Pfarrer war am Apparat.
”Wir vermissen Ihre liebe Tochter schmerzlich..."
”Ja, ist sie denn nicht bei Ihnen?"
”Eben nicht, Herr Linde, eben nicht!"
Nach einigen Anrufen bei Schulfreunden wußte er, wo sie steckte. In der Diskothek ‘Tower’ im Hafenviertel. Ausgerechnet! Seit kurzem war der ‘Tower’ in den Schlagzeilen. Der Türsteher, ehemaliger Zuhälter eines Hamburger Baby-Strichs und wegen Drogenhandels vorbestraft, hatte einem zwanzigjährigen Türken den Zugang verwehrt und ihn dabei erschossen.
Da hatte Gerhard Linde nun sein ganzes früheres Leben aufgegeben und war von Düsseldorf hierher in den Norden aufs Land gezogen, um seine Tochter vor schrecklichen Bedrohungen zu bewahren, und nun das! Nirgendwo konnte man mehr sicher sein. Unlängst buddelte die Drogenfahndung eine größere Menge Rauschgift unten am Strand von Westerholz aus. Einige hundert Meter von hier. Praktisch vor der Haustür. Nicht auszudenken, wenn Tess...
Nach der Sache mit dem ‘Tower’ war sie zum Pfarrer beichten gegangen, um wieder ‘in den Stand der Gnade’ zu gelangen, wie sie es ausdrückte. Aber, ob das auch Besserung bedeutete?

Linde bückte sich, um die Vordertür zu erreichen. Das Rankgerüst drohte unter der Last der Kletterrosen zusammenzubrechen. In der Küche machte er sich ans Kartoffelschälen. Wenn er sich wenigstens eine Haushaltshilfe leisten könnte! Aber soviel warf sein Ein-Mann-Versandhandel für Werbeartikel einfach nicht ab. Er sah durchs Küchenfenster auf den Rasen, der bis zur Abbruchkante des Steilufers reichte. Nach den Regenfällen im zeitigen Frühjahr war wieder ein wenig mehr abgebröckelt... Dahinter lag die Ostsee. Heute lockte sie mit kobaltblauen, violetten und flaschengrünen Farbtönen, mit blendendweißen Schaumkronen und windgeblähten Segelschiffen.
Genau wie damals, als er mit Tess hier einzog, kurz nachdem ihre Mutter... Feuer und Flamme war er gewesen, als er das Angebot für das Haus in Angeln zu Gesicht bekam. In der Immobilienabteilung der Bank, seiner damaligen Arbeitsstelle in Düsseldorf, hatte es gehangen. An einem Tag wie diesem waren sie angekommen. Das Haus lag mit weißschimmernden Wänden und schwarzem Schieferdach im Sonnenlicht, inmitten eines üppigen Blütenflors. Leuchtend gelbe Rapsfelder verströmten einen betäubenden Duft, und in der Ferne sah man das Meer. Ihr Traumhaus! Im Garten hatte Tess auf eine Nacktschnecke gezeigt: ”Kuck Papa, eine ARME Schnecke, die hat KEIN Häuschen."
Da war sie gerade drei Jahre alt gewesen. In zwei Wochen wurde sie dreizehn... Mein Gott, er hatte ja noch gar kein Geburtstagsgeschenk für sie!

Mitten in Gerhard Lindes Gedanken wurde die Hintertür mit einem Ruck aufgerissen. Eine Prise Putz rieselte von der Decke in seinen Endiviensalat. Tess! Nanu, war der Schulbus heute früher dran als sonst?
”Ich find dich Scheiße! So richtig scha- scha- scha- scha- scha- scha- scha- scha- Scheiße!" Schrecklich, diese Schlager heutzutage - oder Hits, hieß das ja wohl... Es rumste, etwas fiel zu Boden, schlitterte im Schwung über den Fliesenboden und kam an der Wand zum Stehen.
”Moin, Papa!" unterbrach Tess ihren wilden Singsang und streckte den Kopf herein. ”Was gibt’s Leckeres?"

Als er ins Esszimmer kam, schien mit Tess eine Verwandlung vorgegangen zu sein. Mit der steifen Würde einer Klosternovizin sprach sie das Tischgebet. Verstohlen musterte er sie. Je älter sie wurde, umso mehr glich sie ihrer sudanesischen Mutter. In der ersten Zeit hier draußen war er ständig gefragt worden, ob er sie adoptiert habe. Niemand konnte sich vorstellen, wie der blässliche, rothaarige Typ, der er war, sonst an dieses Kind gekommen sein sollte.
Die feingeschwungenen Lippen murmelten inbrünstig Gebetsformeln. Ein wenig zu inbrünstig, schien ihm. Brauen wie gotische Bögen wölbten sich über sittsam gesenkten Lidern. Die beweglichen Flügel ihrer entzückenden kleinen Plattnase bebten ekstatisch. Das schwarze Kraushaar umstand ihr Gesicht wie ein Heiligenschein. Seine ‘Schwarze Madonna’! Aber jetzt übertrieb sie wirklich.
Schon oft hatte er sich gefragt, was sie an diesem Mischmasch aus mittelalterlichen Riten und magischen Beschwörungsformeln so anzog. Sie war da hineingeboren worden wie er auch, nun ja... Hier waren alle evangelisch. Seinetwegen hätten sie auch konvertieren können. Doch Tess ging sogar am Aschermittwoch mit Aschekreuz auf der Stirn in die Schule! Als aber ein Mitschüler ”Negerkuss" hinter ihr herrief, stieß sie ihn vor ein fahrendes Auto. Gottlob hatte der Fahrer noch bremsen können. Diese plötzliche Heftigkeit... auch darin glich sie ihrer Mutter.
”Wie gehen deine Geschäfte, Papa?" fragte sie jetzt im Ton einer aufmerksamen Ehefrau, immer noch mit Madonnengesicht. Irgendetwas führte sie im Schilde.
”Es könnte schlimmer sein. Warum fragst du?"
”Nur so. - Stell dir vor, ich hab’ eine Eins bekommen!"
”Prima! Und worin?"
”Ordnung und Betragen."
Daher wehte der Wind! ”Na, was wünschst du dir denn zum Geburtstag?" fragte er schmunzelnd.
”Ooch, eigentlich nichts." Auweia, das würde teuer werden.
”Nichts?", trieb er das Spiel weiter. "Aber du wirst dir doch irgendwas wünschen!"
”Na ja, höchstens was Nützliches."
”Was Nützliches?" Halb hoffnungsvoll, halb misstrauisch sah er sie an.
”Ja, wir könnten eine Menge Geld sparen!" Ihre großen braunen Augen blickten unschuldsvoll. ”Zum Beispiel müsste ich dann nicht mehr mit dem Bus in die Schule fahren."
”Aber die Schule ist zwanzig Kilometer entfernt!"
”Etwas ungeheuer Umweltfreundliches, Papa", fuhr sie fort, ohne auf seinen Einwand zu achten. Die Madonna war blitzschnell aus ihren Zügen geschwunden. Die Augen sprühten, und die Wangen waren vor Eifer gerötet.
”Eigentlich ist es sogar mehr ein Geschenk für dich. Du brauchst dann nämlich nicht mehr Rasen mähen!"
”Spann mich nicht auf die Folter!" Er war auf allerhand gefasst, aber was dann kam, warf ihn um.
”Ein Pferd, Papa", sagte sie leise.
Auf dem Rasen vorm Haus sollte es stehen. Natürlich protestierte er. Wie sollte er ein Pferd bezahlen? Sein Versandhandel deckte gerade den Lebensunterhalt und die Raten für das Haus! Um abzulenken, fragte er:
”Wieso bist du heute eigentlich schon so früh hier?"
”Jan hat mich im Auto mitgenommen." Jan - der Inhaber des ‘Tower’! Sie vermied es, ihn anzusehen.
”Tess, du hast versprochen..."
”Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach!"
”Wir können uns kein Pferd leisten", sagte er unwirscher als er wollte: ”Außerdem wünsche ich nicht, dass du dich noch einmal von einem Jan oder sonstwem mitnehmen lässt. Ich werde mit deinem Schulleiter reden!"
Im selben Augenblick hasste er diese Bemerkung, und er hasste sich selbst. Ihre Unterlippe zitterte. Zwischen den Augen erschien dieser dicke Wulst, dessen Bedeutung er aus einem anderen vertrauten Gesicht nur zu gut kannte. Langsam, ganz langsam, füllten sich ihre Augen mit Tränen. Eine Träne löste sich, kurvte über eine sanft geschwungene Wange von der Farbe heller Milchschokolade und blieb am Kinn hängen.
”Das ist nicht gerecht", schluchzte sie. ”Ich hab extra einen ganzen Rosenkranz gebetet und so darauf geachtet, dass ich im Stande der Gnade war!"
Panik überkam ihn. Wie damals, vor so langer Zeit, als die gleichen Tränen in den Augen ihrer Mutter das jähe Ende eines vierjährigen gemeinsamen Lebens bedeutet hatten. Sie war in ihr Heimatland zurück gekehrt. Sollte sich nun auch seine Tochter gegen ihn kehren? Die Leute sagten, Kindertränen kämen und gingen schnell. Aber wie wusste man, wann Enttäuschung in Hass umschlug? Das würde er auf keinen Fall riskieren. Und ein Pferd war vielleicht gar keine so schlechte Idee, besser als der ‘Tower’ auf jeden Fall! Begütigend sagte er: ”Ich will sehen, was sich machen lässt."
”Danke, Papa, ich wusste es!" Sie sprang auf und küsste ihn auf die Wange. ”Ist es nicht schön, wie einem die Muttergottes alles gibt, wenn man nur genügend betet!"

In den nächsten Tagen war er viel unterwegs. Wie zu erwarten, bedauerte der Filialleiter der Bank außerordentlich, Gerhard Lindes Bitte um Erhöhung seines Überziehungskredites um zweitausend Euro nicht nachkommen zu können. Bei zwei Milliarden hätten die Bankdirektoren wahrscheinlich ‘Peanuts’ gemurmelt und ihn mit Vornamen angeredet!
Die Pferde, die in der Zeitung annonciert wurden, waren entweder schwindelerregend teuer oder schon verkauft.
Reitbeteiligungen gab es auf den Reiterhöfen der Umgebung nicht. An jedem Gaul, so schien es, hing bereits eine Traube pferdebegeisterter Mädchen in Tess Alter.
Bauer Petersen kratzte sich hinter dem Ohr, als Gerhard Linde ihn nach dem alten Klepper im Gnadenbrot fragte. Der ruhte inzwischen in den ewigen Weidegründen.
Mutlos erstand Gerhard Linde am Abend vor Tess Geburtstag im Dorfladen für Reiterzubehör eine Pferdeputzkiste mit Bürsten, Striegel und Hufauskratzer. Was er damit wollte, wusste er selbst nicht. Als er in den Feldweg einbog, der zu ihrem Haus führte, hörte er in der Ferne ein helles Wiehern. Da kam ihm die Idee.

Am Geburtstagsmorgen ging er mit Tess und der Pferdeputzkiste zur großen Koppel. Sie lag abseits, neben der Schlucht mit der Krähenkolonie. Wie letzten Sommer graste dort zwischen den Kühen ein Schimmelwallach, ein feuriges Araberpferdchen. Niemand ritt das Tier, und niemandem würde es daher auffallen, wenn Tess ihn hin und wieder mal striegelte. Das würde ihr bestimmt reichen...
”Er heißt Allegro", sagte er, als sie ankamen.
”Sein Maul ist wie Samt!", flüsterte sie und gab dem Pferd eine Möhre. Dann schwang sie sich auf das Gatter.
”Was machst du da, Tess?", schrie er noch. Aber da saß sie bereits auf dem Pferderücken. Ohne Sattel und Zaumzeug, die Schenkel an den schlanken Pferdeleib geschmiegt, flog sie im Galopp über die Koppel.

Mittlerweile hatte der Mohn - kurz, aber heftig entbrannt - seine flammendroten Blüten verloren, und die Clematis ihre dunkelblauen Augen geöffnet. Der Löwenzahn verwandelte sich in Pusteblumen und verflog.
Er war noch einmal davongekommen. Das Schicksal oder die Jungfrau Maria, oder wer sonst dafür verantwortlich zeichnete, hatte Gerhard Linde noch einmal einen Aufschub gewährt. Aber für wie lange? Und was dann? Er hatte sich erkundigt. Das Pferd gehörte einem Industriellen aus dem Ruhrgebiet, der es aus Zeitmangel verkaufen wollte.
Als die Äpfel im Garten reiften und sich die Krähen, verstärkt durch heimatvertriebene Vettern aus Nordskandinavien, zu schwarzen Horden zusammenrotteten, hatte Gerhard Linde den ‘Tower’ beinahe vergessen. Bange erwartete er den Tag der Wahrheit. Und eines Tages war es so weit. Allegro war verkauft. Morgen würden sie ihn holen kommen. Wie sollte er das Tess erklären?

In der Nacht konnte er nicht schlafen, wanderte ruhelos durch das Haus. Als er endlich mit Tess am Frühstückstisch saß, fühlte er sich wie ein schrumpeliger Luftballon. Sie schien merkwürdig in sich gekehrt.
”Warum isst du nicht?", erkundigte er sich vorsichtig.
”Es ist wegen Allegro." Oh Gott, sie wusste es schon!
”Tess, bitte glaub mir..."
”Schon gut, Papa! Die Stimme heute Nacht..."
”Wie bitte? Welche Stimme?"
”Hmm - ich glaub, es war ein Engel..."
”Tess, bitte!", stöhnte er auf.
”Wirklich, Papa! Die Stimme sagte zu mir: ‘Liebes Kind, wenn du so weiter machst, dann schlachtest du die Kuh, die du melken willst!’"
”Jetzt versteh ich gar nichts mehr."
”Also, mir ist aufgegangen, dass ich dir schrecklich viele Kosten mache. Und da hab ich mir gedacht, ich sollte dir ein wenig sparen helfen. Morgens nur EIN Brötchen, dafür mittags dann jede Menge Kartoffeln und Gemüse. Die hast du ja im Garten. Dann brauchst du nicht soviel Haushaltsgeld."
”Was hat das mit Allegro zu tun?"
”Na ja, ich kann ihn nicht ewig reiten. Irgendwann bin ich zu groß und schwer für ihn. Und jetzt ist bald Weihnachten, da dachte ich..."
”Du meinst, du willst ein größeres Pferd?"
”Oh nein, ich glaube, Reiten habe ich hinter mir. Etwas viel Cooleres... Das rätst du nie! Jan kann es mir zum Super-Sonder-Schleuderpreis besorgen. Wir zählen es gleichzeitig als Weihnachts- und Geburtstagsgeschenk. Auch noch für nächstes Jahr mit. Über Geschenke brauchst du dir ganz lange überhaupt keine Gedanken mehr zu machen...”

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