Honigfalter
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Juni 2003
Das Förderinstrument
von Mathias Burkert


Da gab es einen Datschenbesitzer bei Bernau, der hatte nah an einem Wald ein florierendes StĂŒck Land, das ging ihm ĂŒber alles, es war gewissermaßen sein Leben. Laub-, Nadel- und ObstbĂ€ume, gediehen dort, Pilze und Beeren, KrĂ€uter und GrĂ€ser, Hasen tummelten sich, Wild weidete. Forstwirt mĂŒsste man sein. All das wĂ€re genug, um ihn zu ernĂ€hren. Doch hatte er einen andern Beruf und nutzte das GrundstĂŒck ausschließlich zu seiner Erholung.

Nun sollte aber niemand, zum Beispiel seine Frau, sagen können, ihr Mann sei untĂŒchtig, da er seine Scholle in diesem unordentlichen Zustand und ungenutzt vor sich hin wuchern ließ. Also mĂ€hte er eines Sommers den Rasen und beschnitt die BĂ€ume, ließ seine Kinder ihr Taschengeld mit den Beeren aufbessern, die sie sammelten, wĂ€hrend seine Frau einen Teil einweckte, und er selbst begann Fallgruben auszuheben fĂŒr die Tiere. Felle und Fleisch konnte man ebenfalls verkaufen und die Köpfe als TrophĂ€en: sehr eintrĂ€glich. Gar nicht schlecht, sich was dazuzuverdienen.

An einem Sonntag im SpĂ€tsommer desselben Jahres machte er seinen ĂŒblichen Rundgang vor dem Aufbruch nach Hause, sah nach, ob die Äpfel, Birnen und Pfirsiche nicht bald reif seien  die alte Leiter war repariert , ĂŒberprĂŒfte die Fallen und sann ĂŒber Möglichkeiten, die Vögel von den Beeren fern zu halten, als hinter einer saftigen Tanne ein MĂ€nnlein hervortrat. Es war in einen schwarzen Ledermantel gekleidet, stĂŒtzte sich auf einen Spazierstock mit silberner KrĂŒcke, und es ĂŒberragte ihn um die LĂ€nge seiner enormen StiefelabsĂ€tze. In seinem lachenden Mund blinkten GoldzĂ€hne, eine Respekt einflĂ¶ĂŸende Erscheinung, wĂ€re sie nicht so lĂ€cherlich dĂŒnn wie gezerrspiegelt.

»Was tun Sie auf meinem GrundstĂŒck?«

»Ihre Ausschachtungen hier interessieren mich. Sind Sie ein von der Gemeinde befugter Förster? Haben Sie eine Jagdgenehmigung?«

»Warum darf ich auf meinem Land nicht Löcher graben, wenn ich neue BÀume anpflanzen will?«

»Auch das muss mit der Landschaftsbehörde abgestimmt werden, aber darum geht es nicht.  Ich bin aus einem andern Grund hier. Sie haben ein Gewerbe angemeldet.«

»Ja, habe ich.«

»Sie wollen die Erzeugnisse ihres Landes verkaufen, um sich eine Nebenerwerbsquelle einzurichten. Das finde ich gut, und ich will Sie fördern.« Mit aufgespannten Armen, HandflĂ€chen nach oben, schaut er zum Himmel und preist: »Wir  haben  ein  neues  Förderinstrument.« Er kichert verzĂŒckt, als habe er einen drolligen Witz gemacht, und nimmt die dĂŒrren Greifstangen wieder herunter.

»Mich? Fördern?«

»Klar. Kleinvieh macht auch Mist  sagt man nicht so? Zuletzt haben wir viel Geld in die IT-Branche gesteckt, krebserregender Elektrosmog, aber der geht es zur Zeit nicht so gut. Biotechnologie dasselbe, auf sie richtet sich unsere Hoffnung fĂŒr die Zukunft.«

»Wer zum Teufel sind Sie?«

»Das wissen Sie. Aber gut, spielen wir das Spiel: ich bin Projektmanager und Beauftragter fĂŒr Mittelstandsförderung im Landkreis Barnim. Als Letzteres bin ich hier, doch das Andere ist auch niemals nutzlos. Schauen Sie, ich hab Ihnen mein neues Buches mitgebracht.«

»Mein Erfolg. Theophil GrÀber.«

»Lesen Sie es. NÀchste Woche komme ich wieder.« GrÀber wandte sich um stelzte fort.

Ha, eine Vogelscheuche wĂŒrde er bauen!, fiel dem Datschenbesitzer ein. »Schöner Mantel ĂŒbrigens«, rief der dem Besucher nach.

»Danke, Maßanfertigung. Könnten Sie auch bald tragen.« GrĂ€ber verschwand zwischen den BĂ€umen, die ihn jeder ohne Weiteres verdeckten.

Der Datschenmensch ging zum Haus, fĂŒr heute hatte er genug gearbeitet, berichtete seiner Familie, wen er getroffen hatte, welches Metier, und gab das Buch seiner Frau. Nach dem Mittagessen fuhren Sie zurĂŒck in die Stadt, um den Staus zuvorzukommen. Der Mann sah sich eine Wirtschaftsshow bei einem Nachrichtensender an, drei Teams wetteiferten mit ihren GeschĂ€ftsmodellen um die Gunst eines Großinvestors. Die Frau vertiefte sich in GrĂ€bers Erfolgsbuch. »Klaus, schalt doch bitte ab. Ich möchte dir ein paar genial einfache Grundregeln fĂŒr effektives Zeitmanagement vorstellen.« Die Arbeitswoche begann, die Frau ging in ihre Schule und der Mann bestieg sein Auto, dann seinen Bus, damit auch die andern Leute pĂŒnktlich zur Arbeit gelangten. Und am nĂ€chsten Wochenende war die Familie wieder auf ihrem GrundstĂŒck, der Mann studierte, wie ihm seine Frau geraten hatte, eine EinfĂŒhrung in die dunkle Kunst der Buchhaltung, wĂ€hrend sie mit den Kindern das Sammeln von WaldfrĂŒchten und Pilzen trainierte. Am Sonntag stand der Mann schon in der FrĂŒhe mit seiner Frau bei der Falle, wo GrĂ€ber das letzte Mal erschienen war, und wartete. Die Frau wollte unbedingt dabei sein, doch nach einer halben Stunde hielt sie es nicht mehr aus, im Haus gab es allerhand zu tun. So verließ sie ihn und bat, er solle sie holen, wenn der Gast erschiene. Sie werde Limonade und Schnittchen mitbringen. Der Mann setzte sich auf einen Baumstumpf, wiederaufblickend stand GrĂ€ber vor ihm in einem bananengelben Jackett mit schwarzen PĂŒnktchen. Es tummelten sich darauf viele kleine Obstfliegen.

»Da sind Sie ja!« Der Mann wollte ihm die Hand schĂŒtteln.

»Keine SentimentalitĂ€ten, wir sind bitteschön keine KegelbrĂŒder und Saufgenossen oder so was. Hier sind die Antragsformulare fĂŒr die Fördergelder. Sie brauchen bloß noch unterschreiben.«

»Woher wussten Sie eigentlich von mir?« fragte der Mann wÀhrend er ohne Brille die feine Schrift auf den Bögen zu entziffern suchte.

»Sie können es spĂ€ter lesen, Sie bekommen von allem einen Durchschlag. Aber lesen Sie lieber mein Buch!  Woher ich Sie kenne? Eine Mitarbeiterin der örtlichen Gemeindeverwaltung hat Ihre Gewerbeanmeldung gelesen und mich angerufen.«

»Und dann haben Sie mich extra aufgesucht. Nett von Ihnen. Nur, in aller Offenheit, ich möchte von vornherein klarstellen: Die Pilze, die Beeren, die auf meinem GrundstĂŒck wachsen, ermöglichen mir und meiner Familie einen kleinen Zuverdienst, den Kindern einen fairen Ferienjob  mehr nicht. Und das wird sich auch in Zukunft nicht Ă€ndern. Ich arbeite im öffentlichen Dienst, ich werde nicht meine Stellung aufgeben, um meine Existenz an ein kleines Gewerbe mit unkalkulierbaren Risiken zu hĂ€ngen.«

»Das verlangt auch keiner.«

»Dann frage ich mich: Was haben SIE davon? Ich zahle wenig Steuern, schaffe keine ArbeitsplÀtze.«

»Indirekt vielleicht schon.«

»Wie.«

»Eins nach dem Andern. Unterschreiben Sie, dann erklĂ€re ich es Ihnen. Keine Angst, wir arbeiten absolut ehrlich. Vergessen Sie nicht ihre Bankverbindung anzugeben. Sie beantragen wirklich nur Fördergelder. Es ist ihrerseits mit keinerlei Verpflichtungen verbunden. Und wenn Sie es sich doch anders ĂŒberlegen, können Sie problemlos widerrufen, aber das werden Sie nicht.«

Mit dem Kugelschreiber, den GrÀber ihm anbot, malte der Busfahrer die Kringel seines Namens auf den Antrag. GrÀber riss ihm den Durchschlag ab, steckte das Original ein und sagte spitz:

»Sie schaffen zwar keine neuen ArbeitsplĂ€tze, aber sie sorgen dafĂŒr, dass bestehende frei werden und Arbeitsuchende nachrĂŒcken können.«

Der Busfahrer strich sich den Schnurrbart. »Ja?«

»Ich muss wohl etwas weiter ausholen. Sie erinnern sich bestimmt an den Reaktorunfall in Tschernobyl 1986, an den sauren Regen, der unter anderem in dieser Gegend niederging. Im MĂŒnchener Raum wiesen einer Studie zufolge Heidelbeeren eine CĂ€sium-137-Konzentration von bis zu mehreren hundert Becquerel pro Kilogramm auf. Beim Fleisch von Wildschweinen aus dem Bayerischen Wald lag die Kontamination bei durchschnittlich achttausend Becquerel pro Kilogramm! Denn sie fressen viel und ernĂ€hren sich hauptsĂ€chlich von Eicheln, Bucheckern, Beeren, Wurzeln, Pilzen ...

Pilze speichern radioaktives CĂ€sium 137 noch besser als Pflanzen. Bei Maronenröhrlingen  die in der Regel höhere Konzentrationen aufweisen als Steinpilze, Pfifferlinge oder Champignons am selben Ort  wurden im vergangenen Jahr in Bayern Belastungen von bis zu fĂŒnftausend Becquerel je Kilogramm festgestellt. Als ich davon gehört hab, dachte ich, was die da unten in Bayern können, das schaffen wir auch.

Die Experten  Experten!  erwarten, dass die CĂ€siumkonzentrationen in Pilzen in den kommenden Jahren teilweise sogar steigen werden  steigen! , weil das CĂ€sium 137 aus den oberen Bodenschichten allmĂ€hlich in tiefere Regionen sinkt. Dort kann es die Myzelien tief wurzelnder Pilze wie Habichtspilz oder FrauentĂ€ubling gelangen. Pilze sind die Zukunft.« GrĂ€bers blasses Gesicht hatte eine rote Farbe angenommen. Die Fliegen umschwirrten ihn aufgeregt. Er nahm sich zurĂŒck.

»Nun ja, die RadioaktivitÀt im Boden wollen wir sozusagen outsourcen.«

Der Busfahrer, etwas verwirrt, beginnt zu begreifen. »Aber das ist ... Meine Kinder essen verstrahlte Pilze und Beeren.«

»Ja, deswegen sollen Sie sie verkaufen.«

»Die verstrahlten Pilze und Beeren verkaufen??!«

»Nein, Ihre Kinder. NATÜRLICH die Pilze und Beeren, was denn sonst.«

»Damit andere das Zeug essen. Sie sind wahnsinnig.«

»Was haben Sie? Soll ich Ihnen mal erzÀhlen, was sonst so in Ihren Lebensmitteln drin ist? Wieso immer mehr junge Leute Krebs kriegen?«

»Ich will damit nichts zu tun haben.«

»Dann gehen die Fördergelder an jemand anderes.  Außerdem haben Sie sowieso damit zu tun. Indirekt. Sie hĂ€ngen mit drin im Wirtschaftsnetz und machen keine Anstalten es zu zerreißen  wie auch? Mitgehangen, mitgefangen, mein Freund. Du stehst auch auf der Abschussliste.«

»Eine Abschussliste?«

»Eine Redewendung. Die Liste wĂ€r so lang, dass du damit den Mond einwickeln könntest. Wir arbeiten unbĂŒrokratisch. Der Auftrag ist einfach: die Schlechten aussondern. Wer dann ĂŒbrig bleibt? Keine Ahnung, vielleicht ein paar fromme Naturvölker.«

»Ach so. Sie wollen die Menschheit ausrotten.« Der Busfahrer lacht laut los.

»Da brauchst du gar nicht lachen. Krebs, AIDS, Malaria, Bilharziose, Elephantiasis, Dengue-Fieber, Flussblindheit, Leishmaniase, Schlafkrankheit, Gelbfieber, Jap-Enzephalitis, Ebola sind vielversprechende Projekte.«

»Oh! Gnade! Verschonen Sie mich!«

»Gnade kannst du nicht erwarten. Der da oben ist ziemlich nachtragend. Was denkst du, wer die ganzen Unwetter produziert? Von wegen Klimawandel durch menschlichen Schadstoffausstoß. Ihr denkt auch, ihr könnt alles beeinflussen.  Aber da er euch nicht alle an Felsen binden kann wie Prometheus, weil es auch gar nicht genug Adler gibt, als dass wir fĂŒr jeden von euch einen abstellen könnten, und weil der Kaukasus ohnehin schon voller MassengrĂ€ber ist, braucht er die Hilfe der Firma.«

»Die Politiker. Haha, das passt.«

»Unter anderem. Die Aufgabe der Politiker ist es, so zu tun als hĂ€tten sie alles im Griff und bemĂŒhten sich um die Abwendung von Gefahren.«

Der Busfahrer bricht erneut in GelÀchter aus: »Wir ... werden alle ... krepieren.«

»Mensch, siehs positiv! Fortschritt und Erneuerung, dafĂŒr stehen wir. Das unabwendbare Ziel unserer Zivilisation ist der Abgrund. Auf den wollen wir  zur Schadensbegrenzung fĂŒr den Planeten  möglichst schnell zuschreiten, denn wir sind optimistisch: Es winkt ein Neuanfang.

Letztlich wird ein sensibles Einvernehmen des Menschen mit der Natur angestrebt. Entweder auf einer primitiven Ebene, wo ihr eure Triebe und Exzesse leben könnt, wie es euch gefĂ€llt  aber im Kleinen und schadlos fĂŒr die Umwelt; oder ihr lernt es, eure inneren Tiere zu beherrschen. Dann wĂŒrdet ihr auch zu einem respektvollen Umgang mit der Erde finden.

Aber die Voraussetzung dafĂŒr ist erstmal das konstruktive Miteinander der Menschen untereinander. DER Mensch muss erst noch geschaffen werden. Dazu mĂŒssen wir bestimmte destruktive Verhaltensweisen aus ihm herauszĂŒchten. Wenn die Menschen so weit sind, ohne Vorteilnahme, Statusspiele, Neid zusammenzuleben, kann ihr VerhĂ€ltnis zur Natur angegangen werden.

Das VerhĂ€ltnis des heutigen Menschen zur Natur ist eins der Unterwerfung, des GefĂŒgigmachens von UnbotmĂ€ĂŸigem. Sie wird von Einzelinteressen privatisiert, ausgebeutet  den Schaden trĂ€gt die Allgemeinheit. Am Ende steht die Unbewohnbarkeit des Erdballs.

Der Mensch begreift die Natur nicht als Teil seiner selbst, begreift auch nicht, dass er selbst nicht der von höchster Stelle eingesetzte Verwalter und Verweser ihrer GĂŒter ist, sondern selbst bloß eine Hervorbringung der Natur, die ihn wieder in sich zurĂŒcknimmt, sobald sein Dasein fĂŒr das Weltganze unhaltbar geworden ist. Diesen Prozess gilt es zu beschleunigen. Da unnĂŒtze SchĂ€digungen an der ökologischen Vielfalt vermieden werden mĂŒssen, ist das vorzeitige Ende auf möglichst schonende Weise herbeizufĂŒhren. Wir machen Tabula rasa mit der jetzigen Zivilisation und starten eine neue, reinere.

Er, der Mensch, hat Tausende von Jahren Zeit gehabt, mit der Natur in Einklang zu kommen  was allen anderen Tieren lĂ€ngst gelungen ist: Sie sind an einer Station ihrer Entwicklung stehen geblieben und haben sich darin eingerichtet. Der Mensch aber ist eine wandernde Plage, die sich im Provisorischen an sich einrichtet.

Die Geduld des Schöpfers ist erschöpft. Der Mensch  womit ich vom einzelnen abstrahiere und die trĂ€ge Herde der Durchschnittlichen meine  ist offensichtlich nicht fĂ€hig in einer stabilen Ordnung zu leben, immer missfĂ€llt ihm irgendwas und die Ordnung wird abgeschafft. Zwar gibt es immer mal einflussreiche religiöse und wissenschaftliche Ideologien. Aber nie ist eine in der Lage, alle Menschen dauerhaft in ihre Gewalt zu bringen.«

Den Belehrten, der mit einer Mischung aus Erstaunen und GeringschÀtzung zugehört hat, zieht es zum Gehen. Er fragt noch: »Steht das alles in Ihrem Buch? Sind Sie ein Prophet?«

»Prophet, nein. Aber wenn es Sie interessiert: einige Philosophen, Wissenschaftler  allen voran Ernst Bloch lieferte uns eine brauchbare Theorie. Man muss nur den schwĂŒlstigen Utopismus seiner Zeit eliminieren und erhĂ€lt die Theorie zu einer gesellschaftlichen Praxis, die auf friedfertig Synergien zwischen Mensch und Natur abhebt.«

»Alles klar, Herr GrÀber. Dann eliminieren Sie mal noch schön. Danke, dass sie vorbeigekommen sind. Sie melden sich wieder?«

»Sobald der Antrag durch ist. Voraussichtlich nÀchste Woche.«

Unbesorgt ging der Busfahrer zur Laube und ließ den Spinner stehen in seinem Phantasiegewebe. GrĂ€ber selbst hatte ja ein gewichtiges Argument geliefert, diese Wahnideen nicht ernst zu nehmen. Auch wenn es diese Firma gab, es hatte immer wieder Bewegungen mit hochfahrenden PlĂ€nen und Heilslehren gegeben, welche, die ĂŒberzeugender klangen und Millionen Menschen verpflichteten. Womit er es hier zu tun hatte, war eine unbedeutende Sekte. Er wĂŒrde die Vorteile nutzen, die sie ihm verschaffte, und sollte es ungemĂŒtlich werden, wĂŒrde er einfach alles kĂŒndigen und gegebenenfalls seine Rechtsschutzversicherung benachrichtigen und den Ombudsmann.

»Haben Sie schon ... ?« rief GrÀber ihm hinterher.

»Vielleicht morgen.«

»Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen!«

»Jaja. Die Bauernregel wird auch morgen noch gelten.  Bis nĂ€chste Woche, ich muss weg.«

»Sie mĂŒssen mein Buch lesen!«

Wann hĂ€tte der Mann das tun sollen? Er hatte die Woche Nachtschicht, vormittags schlief er und versuchte nachmittags ein halbwegs normales Familienleben zu fĂŒhren, was noch dadurch erschwert wurde, dass seine Frau stĂ€ndig Hektik verbreitete. Sie gönnte Ihnen beiden nicht mal mehr Sex, weil sie sich vorgenommen hatte, bis Ende September ihre Unterrichtsvorbereitung fĂŒr das gesamte Jahr fertig zu kriegen. Abends vor seinem Schichtbeginn saß sie eingeschlossen in ihrem Arbeitszimmer, tippte und wĂ€lzte BĂŒcher. Die Kinder sollten Sport machen, um ausdauernder zu sein, wenn die Pilzsaison begann, sowie tragfĂ€higer und schlagkrĂ€ftiger fĂŒr die Erfordernisse des HolzgeschĂ€fts.

Am Sonntag kam GrÀber nicht wie versprochen. Hatte er es versprochen? Der wochendendliche Gewerbegetriebene argwöhnte, GrÀber sei sauer, weil er sein Buch nicht las. Was hingegen kam, am Montag, war die BestÀtigung des Förderantrags. Wenig spÀter erfolgte die erste Zahlung.

Es wurde Winter, ein nasser, kalter Winter. Der Nikolaus brachte Trauer. Die Frau und Mutter der Familie hatte sich furchtbar aufgeregt. Die Kinder hatten ihre Schuhe ungeputzt gelassen und obendrein ihn Portemonnaie hineingelegt. Sie starb an einem Schlaganfall. Unter dem Weihnachtsbaum quollen in diesem Jahr drei KofferrĂ€ume voll Geschenke. Doch sie fĂŒllten nicht die Leere, die entstanden war.

Im FrĂŒhjahr verkaufte der Mann sein GrundstĂŒck, denn er hatte keine Freude mehr daran. Zum einen war es mitverantwortlich fĂŒr den Tod seiner Frau, zum anderen musste er beim Anblick von Beeren, Pilzen, ObstbĂ€umen, Hasen und Rehen stets an das Geld denken, das da fortsprang, von Waldbewohnern gefressen werden wĂŒrde oder ungepflĂŒckt verging. Den Verkaufserlös steckte er grĂ¶ĂŸtenteils in die Altersvorsorge, von dem Rest kaufte er sich ein neues Auto. Die Fördersumme, sechzigtausend Euro ĂŒber drei Jahre, die trotz der VerĂ€ußerung seiner GeschĂ€ftsgrundlage weitergezahlt wurde, verteilte er auf die SparbĂŒcher seiner Kinder. Das war nur gerecht. Sie hatten einen nicht unbedeutenden Anteil am Unternehmen, und sie sollten mal studieren, vielleicht im Ausland, nur nicht alle gleichzeitig, Biologie, Gentechnik, Fahrzeugbau.

Er aber beschrĂ€nkte sich aufs Busfahren. Zufrieden und ausgeglichen glitt er in seinem Gelenkschiff durch den Verkehrsstrom. Es gab ihm das GefĂŒhl, etwas Sinnvolles zu tun, und mit der Verantwortung fĂŒr seine FahrgĂ€ste konnte er umgehen. Sie machte ihn stolz. UnabhĂ€ngig davon wurde er nachts manchmal wehmĂŒtig, wenn er daran dachte, dass er, gegen fĂŒnf in die schlafende Wohnung kommend, ein leeres Bett vorfinden wĂŒrde. Dann stellte er sein Radio an und bedudelte den Bus mit Oldiemusik. Die Leute freuten sich ĂŒber den so menschlichen Service und die Kids fanden es cool. Und wenn am Tage gelegentlich ein Herr im Anzug allein an einer Haltestelle stand, am besten noch bei Regen oder KĂ€lte, und keiner im Bus wollte aussteigen, fuhr er vorbei.


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