Der himmelblaue Schmengeling
Der himmelblaue Schmengeling
Glück ist für jeden etwas anderes. Unter der Herausgeberschaft von Katharina Joanowitsch versuchen unsere Autoren 33 Annäherungen an diesen schwierigen Begriff.
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Juni 2003
Wie die Nachricht wird
von Volker Ilse


»Halt dich nicht mit dem Scheiß auf, Sven, das können wir sowieso nicht senden, sieht zu heftig aus! Komm lieber hier rüber!«, schrie die Redakteurin ihren Kameramann über das Chaos hinweg an, »Wenn du das hier drüben schräg von unten nimmst, sodaß die angekohlte Hand gerade noch über die Trümmer ragt, dann müßte es gerade noch im Toleranzbereich sein. Im schlimmsten Fall schneiden wir nur ganz kurz drauf, verwenden können wir das jedenfalls.«
»Aber solche Bilder wie hier kriege ich nie wieder!«
»Was bringt's, wenn sie nicht in die Sendung kommen?«
Der Kameramann schlenderte widerwillig zu ihr rüber, indem er über Trümmer hinweg stieg.
»Wenn ich die Aufnahmen übers Internet vermarkte, kann ich schon einige Scheine damit machen. Wollen wir das etwa auslassen?«
Die Redakteurin stemmte ihre Arme an die Hüften: »Sobald du allein vom Internet lebst, kannst du deine Prioritäten setzen, wo du willst. Solange du aber für den Sender arbeitest, filmst du gefälligst das, was auch auf Sendung gehen kann. Und du hältst dich an meine Anweisungen!« Als sie den Mann, den sie Sven nannte, zusammenzucken sah, fuhr sie versöhnlicher fort: »Es gibt nicht beliebig Zeit dafür. Früher oder später scheucht uns jemand von dem Gelände runter, wenn nicht mehr alle Ordnungskräfte so beschäftigt sind. Außerdem räumen die Sanitäter jetzt schon hier auf, als erstes natürlich die Verletzten, dann die Leichen. Bald kriegen wir davon nichts mehr drauf.
Also machen wir zuerst unseren Bericht und wenn du dann noch etwas Lohnendes findest, kannst du deine Bilder fürs Netz schießen.
Was ist nun, fangen wir endlich an oder soll ich die nächste Story mit einem neuen Kameramann machen?«
Sven, der jetzt bis auf ein paar Schritte herangekommen war, legte seine Kamera wieder an, diesmal in ihre Richtung. Mit der linken Hand deutete er in die Gegend und erläuterte seine Ideen: »Dann mache ich jetzt eine Fahrt über die Trümmer in Totale, zoome danach auf die Hand, die du so geil findest und ziehe dann auf, daß ich dich im Vordergrund und die Hand im Hintergrund habe. Ab da kannst du deinen Sermon ablassen, wenn du den schon soweit hast. Ist das okay?«
»Meinst du, die Kamerafahrt klappt so, daß nichts drauf ist, was wir nicht zeigen dürfen?«
»Mein Gott, die Leichen sind da so klein drauf, daß höchstens die Phantasie des Zuschauers Details heraussehen kann. Wenn wir mit diesem Ding Kult werden, vergrößern sich bestimmt ein paar Perverse die entsprechenden Stellen raus, aber das kann keiner uns anlasten.«
»Dann laß uns das so machen. Mein Text steht auch, leg los und gib mir den Einsatz, wenn du mich drauf hast!«
Der Kamerasucher irrte über das Gelände und blieb am Ende auf der Frau hängen. Sven gab ein Handzeichen und die Reporterin redete mit hochgezogenen Augenbrauen und annähernd gesenktem Blick los: »Hier stehe ich zwischen den zerstörten Gebäuden des Chemiewerks in Carlshausen, wo sich am heutigen Vormittag eine verheerende Explosion ereignete. Vor nur zwei Stunden tobte noch genau hier eine Flammenhölle.« Sie machte ein Zeichen für den Cut. Der Kameramann senkte sein Arbeitsgerät und schaute wieder ohne technische Unterstützung auf seine Chefin.
Die instruierte ihn neu: »Unter den restlichen Bericht legen wir Katastrophenbilder von hier, zuerst die, die du vorhin von den Flammen gemacht hast. Laß uns jetzt noch mal rumgehen und ein paar weitere schießen.
Mein Gesicht nehmen wir nicht mehr drauf, also können wir den Rest nachvertonen. Aber in einer dreiviertel Stunde müssen wir beim schneiden sein, damit die Story in die nächste Sendung kommt. Sonst stimmt die Zeitangabe, die ich eben in der Ansage gemacht habe, auch nicht mehr.«
Also hetzte sie Sven über den Platz, ihm dieses und jenes zu filmen anweisend und scheuchte dabei mal Rotkreuzhelfer aus dem Bild, arrangierte sie ein andermal samt ihrer müden Augen um die Trage eines Verletzten, bevor sie diesem ihr Mikro vor die gesprungenen Lippen streckte.
Sie alle waren zu erschöpft, sich zu wehren, hatten der Energie der Reporterin nichts entgegen zu setzen.
»So«, brummte sie zufrieden den Kameramann an, »Nachdem wir auch ein paar Namen eingefangen haben, können wir auf die Schnelle noch versuchen, den einen oder Verwandten oder Bekannten zu Hause zu erwischen.«

Tatsächlich ging alles pünktlich über den Sender.
»Heute morgen um sechzehn Minuten nach neuen Uhr gab es einen tragischen Unfall mit katastrophalen Auswirkungen.«, kündigte die Studiosprecherin an, bevor ihr Gesicht nach der langen Kamerafahrt durch das genauso professionell distanzierte der Redakteurin ersetzt wurde, beide schlecht verhohlenes Mitleid heuchelnd.
»Hier stehe ich zwischen den zerstörten Gebäuden des Chemiewerks ...«

Vor dem Monitor sah die Frau sich selbst ins Gesicht und fragte, ohne den Blick davon zu lösen: »Meinst du, ich sollte in solchen Fällen so bleiben, oder mir lieber etwas Staub auf die Schulter streuen und der Frisur einen Tick weniger Sorgfalt geben, Sven?«

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