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Juli 2003
Gedankenfänger
von Andreas Schröter


„Opa, woraus bestehen eigentlich Feen?“
„Feen? Oh, die bestehen aus guten Gedanken. Vorwiegend aus guten Gedanken. Ja.“


Im Land Moot-hinter-dem-Mond verschwand gerade die Sonne hinter den Bergen, als Sibellios aus traumlosem Schlaf erwachte. Sofort war er hellwach, weil ihn dieselbe Spannung erfasste, die ihn schon die letzten Tage umfangen hatte. Nein, mehr noch: Sie war einem Druck gewichen, einer Nervosität, die sich kaum noch ertragen ließ. Heute würde es sich entscheiden, ob all die Arbeit der letzten Monate umsonst gewesen war oder ob doch noch Hoffnung bestand. Würde das Geschlecht der Feen Fortbestand haben? Würde es ihm endlich gelingen, den dreiundreißigsten guten Gedanken zu fangen?

Sibellios war Gedankenfänger, wie sein Vater Gedankenfänger gewesen war und sein Großvater ebenfalls. Wie gerne hätte Sibellios es gesehen, wenn sein Sohn ebenfalls Gedankenfänger geworden wäre. Aber an einen Sohn war nicht zu denken. Wie auch? Soweit er wusste, war Sibellios der Letzte seiner Art. Er war der letzte überlebende Anderswelt-Magier in ganz Moot-hinter-dem-Mond und somit auch der letzte, der sich mit dem Prozess der Feen-Geburt auskannte. Wenn es ihm heute nicht gelingen würde, den dreiundreißigsten guten Gedanken zu fangen, würde die Frist verstreichen und er müsste wieder bei Null anfangen. Er glaubte kaum, dass er dazu noch einmal die Kraft aufbringen könnte. Er musste es heute schaffen, sonst würde es künftig keine Feen mehr geben.

Während er sich sein lumpiges, kartoffelbraunes Gewand überstreifte, dachte er an Luminias Tod vor fast sechs Monaten. Obwohl sie mit ihren 290 Jahren bereits weit länger gelebt hatte, als Feen dies gemeinhin taten, stürzte ihn ihr Tod in die schiere Verzweiflung. Bis heute war er kaum darüber hinweg gekommen, wie das beengte Gefühl in seiner Kehle bewies. „Sieh nur, wie herrlich sich die Mondstrahlen im Tau auf den Birkenblättern brechen“, waren ihre Worte kurz vor ihrem Tod gewesen. Sibellios hatte es nicht fassen können, wie sie angesichts ihres nahenden Todes solche Gedanken haben konnte. Der Druck in seiner Kehle wurde da zu groß, stieg höher, bahnte sich in Tränen seinen Weg. Aber dann hatte sich die alte Fee noch einmal aufgerafft: „Du weißt, was du tun musst! Du bist der Einzige, der unser Geschlecht noch retten kann ...“

Natürlich hatte er das gewusst. Er hatte schließlich sein Leben lang nichts anderes getan, als Gedanken zu fangen. Gute Gedanken. Aber in Zeiten wie diesen war es ungemein schwierig geworden, dreiunddreißig gute Gedanken innerhalb nur eines halben Jahres zu fangen.

Er kam an diesem schicksalschweren Tag früher als sonst zur Elfenanhöhe, von wo aus man das ganze Land und die unbekannten Gegenden dahinter überblicken konnte. Doch das war es nicht, was seine Aufmerksamkeit in Anspruch nahm. Es war das riesige Gedankennetz, das wie ein Segel leicht im Wind wehte. Und es ließ sich bedienen wie ein Segel, indem man Schnüre straff zog oder locker ließ. Und Sibellios hatte noch immer jedes Mal Angst vor jenem Moment, in dem er sich die kleine Sonde unter die Haut am Hinterkopf schieben würde. Fast körperlich tat das weh, permanent und mit unglaublicher Intensität alles aufzunehmen, was das Netz über ihm einfing.

Aber es musste sein. Er nahm die beiden Steuerschnüre locker in die linke Hand, um die rechte für die Sonde frei zu haben. Es kostete ihn all seinen Mut, sie wirklich einzusetzen. Unmittelbar darauf setzte auch schon der fremde Gedankensturm in seinem Kopf ein.

„Hey, du Schlampe, wenn du noch einmal mein sauer verdientes Geld ...“ – „Ich werde nicht zulassen, dass du meinen guten Ruf auf diese Art und Weise ...“

Sibellios zog eine der Schnüre straff, und das Netz, das nun mehr Wind einfing, bauschte sich. Er schrie fast auf, so viel intensiver wurden die Gedanken, die er da abrupt empfing:

„Töten, wir werden Saddam töten, koste es was es wolle.“ – „Der Aufsichtsrat hat sich im Sinne der Gewinnmaximierung entschieden, sich von der Hälfte der Belegschaft zu trennen.“

Sibellios seufzte. Auch dieser Tag begann wie alle Tage. Woher kamen nur all diese Gedanken? Kamen sie aus jenem Ort, den seine gläubigen Vorfahren einst „Hölle“ genannt hatten? Sicher, das war kein realer Ort, sondern bestimmt etwas Mystisches, nicht Greifbares. Es konnte gar nicht sein, dass es reale Orte gab, deren Bewohner derartige Gedanken hegten. Wie unglücklich mussten die fremden Wesenheiten an diesem Ort sein. Kurz zog er die Möhlichkeit in Betracht, dass es mehr gute Gedanken geben könnte, als das Netz einfing. Das wäre verhängnisvoll. Andererseits existierte es seit mehreren tausend Jahren ...

Sibellios blickte voller Traurigkeit zum Feentempel, der etwa 300 Meter entfernt von hier gut zu sehen war. Er war nach allen Seiten offen, so dass man den Teich in der Mitte leicht erkennen konnte. Vollkommen glatt lag seine Oberfläche da. Ach, was würde er dafür geben, sie in Wallung zu sehen, um jene kugelförmigen Gebilde zu gebären, aus denen neue Feen wachsen würden. Wenn es ihm endlich gelänge, auch nur einen einzigen guten Gedanken zu fangen, dann würden 25 Feen entstehen können. 290 Jahre würden die vielleicht wieder leben.

„Die Regierung Japans befürwortet eine Lockerung der Walfang-Gesetze ...“ – „Bei einem Selbstmordattentat in Israels Hauptstadt Jerusalem sind mindestens 25 Menschen ...“ - „Neben dem Hunger ist die Ausbreitung von Aids zur schlimmsten Geißel des afrikanischen Kontinents ...“

Sibellios spürte, wie seine Kräfte schwanden. Er würde Luminia bald folgen. Aber das war nicht das Schlimmste. Auch sein Lebenswille schwand! Was war das bloß für ein Dasein, in dem man sich tagein, tagaus mit dieser absonderlichen Welt des Hasses auseinandersetzen musste, die das Gedankennetz auffing? Lange würde er das nicht mehr ertragen können.

Die Stunden rasten dahin. Schon hatte der Mond den höchsten Punkt seiner Bahn durchschritten. Und noch immer war Sibellios kein Gedanke begegnet, den sich zu jagen gelohnt hätte. Dem alten Magier drehte sich mittlerweile die ganze Anhöhe mitsamt Gedankennetz und Feentempel vor den Augen. Er war einfach nicht mehr stark genug. Wie oft hatte er versucht, die Gute-Gedanken-Schleuse vor seinen Füßen zu überlisten, indem er einfach selbst einen guten Gedanken dachte. Aber das unterirdische Röhrensystem, das einen guten Gedanken auf direktem Weg zum Feentempel befördern würde, blieb verschlossen. Die Gedanken von Andersland-Magiern zählten nicht.

Es mussten nun einmal andere Gedanken sein. Nicht-Magier-Gedanken. Schiere Verzweiflung breitete sich in Sibellios aus. Höchstens eine Stunde Zeit blieb ihm jetzt noch – zu wenig, viel zu wenig. Er würde scheitern! Dies war das Ende, nicht nur das seine, sondern das Ende aller Feen, das Ende des Landes Moot-hinter-dem-Mond. Doch einmal noch, kurz vor dem endgültigen Aufgeben, raffte er sich auf und rüttelte an der Gedanken-Pforte: „Öffne dich – öffne dich!“, schrie er, „öffne dich“, und - leiser werdend - „Öffne dich doch nur noch dies einzige Mal.“ Doch die Pforte blieb verschlossen und Sibellios sackte zurück. Diese Anstrengung hatte ihm die letzte Kraft geraubt und halb bewusstlos sank er zu Boden, die Sonde des Gedankennetzes immer noch im Hinterkopf.

Von seiner Kindheit träumte er da. Vor fast 500 Jahren. Sieben Geschwister hatte er gehabt, doch nur er hatte die Eignung zum Anderswelt-Magier. 125 Jahre hatte sein Lehrmeister ihn ausgebildet, zusammen mit neun anderen Anderswelt-Magiern, von denen aber nur er in Moot-hinter-dem-Mond geblieben war. Er träumte und der Mond ging fast schon unter, da begegnete ihm die große Liebe wieder, stand er erneut am Sterbebett der letzten Fee Luminia. Und halb im Traum fing er ihren letzten Gedanken ein: „Sieh nur, wie herrlich sich die Mondstrahlen im Tau auf den Birkenblättern brechen“.

Ja, einen Gedanken hatte er noch gefangen, mit seiner allerletzten Kraft, und so starb er ohne zu bemerken, wie sich mit einem Knirschen die Gute-Gedanken-Pforte öffnete, um diesen letzten Feengedanken, den der letzte Magier als letzte Tat empfangen hatte, zum Feentempel zu befördern. Denn dieser Gedanke galt: Schließlich hatte ihn kein Magier gedacht. Er stammte von einer Fee. Er kam von Luminia.

Wenig später kräuselte sich die Oberfläche des künstlichen Teichs im Feentempel ganz sachte. Hätte es einen Beobachter gegeben, er hätte die Bewegung höchstens erahnen können. Doch das änderte sich und einige weitere Minuten später war die Wasseroberfläche in wilder Aufruhr. Fünfundzwanzig kugelförmigen Gebilde stiegen da nacheinander aus dem Wasser auf und strebten dem Himmel und der Sonne entgegen. Jener Beobachter hätte möglicherweise bald danach eine Veränderung an den Kugeln feststellen können. Vielleicht auch nicht, denn zu diesem Zeitpunkt befanden sie sich schon in großer Höhe und wären nur noch als Pünktchen vom Boden aus zu sehen gewesen. Dort oben brachen die Kugeln auf, alle fünfundzwanzig, und kleine, vollkommen weiße Flügel bahnten sich ihren Weg ins Freie, in die Zukunft des Landes Moot-hinter-dem-Mond.

© Andreas Schröter 2003

Letzte Aktualisierung: 00.00.0000 - 00.00 Uhr
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