Ganz schön bissig ...
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Juli 2003
Serena & Tigros
von Monique Lhoir


“Mira, Mira, ich habe ihn gesehen.” Serena kommt aufgeregt in den Rosengarten gelaufen. Ihr langes, weißes Chiffonkleid bleibt an den Dornen hängen und bekommt einen Riss.
“Wen hast du gesehen?” Mira sieht von ihrer Zeichnung auf.
“Tigros. Ja, es war Tigros mit seinem Gefolge. Ich war auf dem Hügel und habe zum Hafen geschaut. Ein prunkvolles Schiff lief ein, reich mit Gold verziert. Dann bestieg ein Wesen von hoher Gestalt in einem schwarzen langen Umhang einen Rappen, gefolgt von weiteren, mindestens fünfzig solcher Wesen.”
“Ist es schon wieder soweit?” Mira seufzt und legt ihre Zeichnung weg.
“Waren das … Männer?”, fragt Serena und tritt ungeduldig von einem Fuß auf den anderen.
“Ja, das waren Männer. Tigros und seine Mannen. Er kommt, um sich neue Jungfrauen zu holen.”
Mira erhebt sich. “Komm, Serena, wir müssen dich vorbereiten, denn dieses Jahr wird die Königin dich ihm vorstellen.”

Mira begleitet Serena in ihre Räume. Sie lässt von den Dienerinnen heißes Wasser bringen und es in die im Boden eingelassene, reichlich mit Mosaiken verzierte Badestelle füllen. Dann gibt sie Milch und Honig hinzu. Serena steigt aufgeregt die Steinstufen hinunter.
“Mira, erzähl mir von den Männern.“
“Ich habe sie ein einziges Mal vor langer Zeit gesehen”, erklärt Mira und setzt sich auf den Rand. “Nur die schönsten Jungfrauen sucht Tigros einmal im Jahr aus und nimmt sie mit nach Borgedana, das Land der Männer. Nie ist auch nur eine Frau zurückgekommen, um zu berichten. Zum Tausch bringt er kleinen Mädchen mit, die dann von uns hier erzogen werden - so wie du auch.” Mira blickt Serena mit einem liebenvollen Lächeln an.
„Werden wir deshalb zu Kriegerinnen ausgebildet, weil wir gemeinsam mit den Männern kämpfen sollen?“
„Ich weiß es nicht. Unsere Königin hat den Befehl gegeben, dass alle Mädchen des Landes im Bogenschießen ausgebildet werden müssen. Und du bist unsere beste Schützin.“
Serena steigt aus dem Wasser und wird von Mira in die bereits vorgewärmten Tücher gewickelt. Eine Dienerin bringt ein weißes, reich mit Goldfäden durchwirktes Kleid und kleidet sie an. Mira steckt Serenas schwarzen, langen Locken zu einer kunstvollen Frisur auf und schmückt sie mit weißen Blüten. Dann betrachtet sie Serena und atmet tief durch.
“Du siehst wunderschön aus”, sagt sie andächtig. “Tigros wird dich bestimmt erwählen.”
Serena dreht sich fröhlich um ihre eigene Achse, so dass sich das zarte Gazekleid um ihren schlanken Körper wickelte und die Konturen sich abzeichnen.
“Serena.“ Mira ist ernst. „Wir werden uns nie wieder sehen und ich möchte mich von dir verabschieden.”
“Ach, Mira.” Serena nimmt ihre alte Freundin in den Arm. “Du warst mir immer ein Vorbild und ich habe viel von dir gelernt. Ich werde dich nie vergessen.”
Mira wendet ihren Kopf zur Seite, damit Serena ihre Tränen nicht sehen kann. Dann winkt sie eine Dienerin herbei.
“Serena, du musst gehen.“ Sie nimmt Serena noch ein letztes Mal in den Arm und schaut ihr nach.

Serena wird in den Thronsaal gebracht, wo schon unzählige Mädchen versammelt sind. Auch die Königin mit ihrem Hofstaat ist bereits anwesend. Die großen Flügeltüren werden aufgestoßen. Mit festen Schritten betritt Tigros mit seinem Gefolge den Saal, bleibt vor der Königin stehen und verneigt sich.
“Ich, Tigros, Sohn des Königs Leandros von Borgedana, grüße Dich, Königin Indiga von Kartoga, Land der Frauen.”
Serena versucht, einen Blick auf Tigros zu werfen. Sie kann nur seine stattliche Gestalt sehen, lange wallende Haare verdecken sein Gesicht.
“Was bringst du mir diesmal, Tigros?” Königin Indigas sonst so sanfte Stimme klingt scharf.
“In diesem Jahr hatten wir nur fünfzehn weibliche Neugeborene. Die vertraue ich dir an. Sorge gut für sie.”
Königin Indiga winkt gnädig ab. “Und was verlangst du?”
“Wie immer - zwanzig deiner schönsten Jungfrauen.”
“So sagt es das Abkommen. Wähle.” Königin Indiga klatscht in die Hände und zwei Damen ihres Hofstaates führen Tigros in die Ecke der wartenden Mädchen. Königin Indiga erhebt sich und verlässt mit müden Schritten den Thronsaal.

Tigros begutachtet die Mädchen und wählt aus. Serena sieht demütig zu Boden und doch hat sie das Gefühl, das Tigros Augen länger auf ihr ruhen als auf den anderen Mädchen. Zögernd greift er ihren Arm und stellt sie auf die andere Seite. Dann wird sie aus dem Schloss zu den bereitstehenden Säften geführt. Tigros Männer bringen sie zum Schiff hinunter. Die Überfahrt dauert ein paar Tage. Obst, Wein und Wasser stehen für sie bereit und die köstlichsten Speisen werden ihnen gereicht, aber sie dürfen während der Seereise nicht an Deck. Serena ist voller Vorfreude. Sie ist sich sicher, dass nun für sie ein glückliches Leben bestimmt ist.

Nach der Landung des Schiffes werden sie zu einer großen Festung hinaufgetragen. Im Innenhof warten einige Frauen auf sie und führen sie in ein Nebengebäude. Unter ihnen erkennt sie Verdana, ein Mädchen, dass Tigros vor zwei Jahren mitgenommen hatte. Serena begrüßt sie freudig, doch Verdana senkt nur schweigend den Kopf und wendet sich ab. In einem prunkvollen Raum stehen Bäder für die Mädchen bereit, anschließend werden sie von den anderen Frauen in kostbare Kleider gehüllt und festlich frisiert.
“Was passiert mit uns?”, fragt Serena. Keine der Frauen spricht auch nur ein Wort.
“Ihr werdet für das Fest geschmückt.” Verdana steckt die letzte Blume in Serenas Haar.
“Welches Fest?”
“Das Fest zu Ehren von Porandha.”
“Porandha?” Verdana dreht sich ab und gibt keine Antwort.
Einige Frauen geleiten die Mädchen zum Haupthaus. Im Königssaal sind die Tische festlich gedeckt und Musikanten spielen zum Tanz auf. Als die Mädchen den Saal betreten, kommen einige Edelherren auf sie zu.
Tigros erhebt sich von seinem Thron. “Ich wähle heute zuerst aus”, sagt er gebieterisch. Die Musikanten halten abrupt in ihrem Spiel inne.
“Du, Tigros? Du darfst dir keine Frau auswählen. Porandhas Rache wird dir sicher sein.”
Die Edelmänner bleiben entsetzt stehen, doch Tigros tritt entschlossen nach vorn. Er blickt die Mädchen an.
“Du. Komm her. Wie heißt du?” Tigros wendet sich an Serena.
Sie nennt ihren Namen und er führt sie zum Thron. Dann winkt er den Musikanten zu und fordert sie auf, in ihrem Spiel fortzufahren.
Tigros reicht Serena einen mit Wein gefüllten Kelch.
“Trink”, sagt er. Seine Augen ruhen auf ihr und sie senkt ihre Lider. Die anderen Mädchen wiegen sich währenddessen mit den Edelmännern zum Klang der Musik und ein fröhliches Gelächter erklingt.
“Komm”, sagt Tigros plötzlich, steht auf und zieht Serena hoch.

Serena verbringt die Nacht in Tigros Gemächern. Als sie am Morgen aufwacht, ist das Bett neben ihr leer. Wohlig bleibt sie liegen. Ihre Gedanken schweifen zu Tigros. Fast spürt sie noch seine zärtlichen Küsse, seine streichelnden Hände und nimmt seinen Geruch auf ihrer Haut wahr. Sie weiß nicht, was nun mit ihr passieren wird, bis ein Diener erscheint und Serena zurück zum Frauenhaus bringt. Sie ist glücklich, glaubt sie doch, ihre Zukunft mit Tigros, den sie in ihr Herz geschlossen hat, erleben zu dürfen.

In den Frauengemächern findet sie Verdana weinend vor, die ein Baby in den Schlaf wiegt.
“Verdana, warum weinst du?”, fragt Serena, die immer noch erfüllt ist von der letzten Nacht.
“Du wirst es noch selbst erleben”, schluchzt Verdana.
“Was?”
“Porandha hat sich heute Nacht gleich zwei Frauen geholt.”
“Wer ist Porandha?”
“Porandha regiert dieses Land. Er ist ein Dämon in Gestalt eines riesigen Ungeheuers. Immer, wenn Tigros ein Fest zu seinen Ehren gibt, um ihn zu besänftigen, holt sich Porandha eine Frau. Ein Abkommen aber besagt, dass er sich nur eine Frau nehmen darf, die mindestens ein Kind geboren hat. Heute Nacht hat er gleich zwei Frauen mitgenommen. Er war besonders wütend. Darunter Silvia. Sie war meine Freundin und hat erst vor vier Wochen entbunden ...”
Verdana bricht wieder in Tränen aus und schmiegt das Baby an sich.
„Was macht dieser Porandha mit den Frauen?“
Verdana zuckt mit den Schultern. „Wir wissen es nicht. Sie kommen nicht zurück.“
„Und was passiert mit den zurückgebliebenen Kindern?”, fragt Serena, die den ersten Verdacht hat.
“Die Jungen bleiben bis zum dritten Lebensjahr bei ihren Müttern, sofern Porandha diese noch nicht geholt hat. Danach werden sie von den Männern zu Kriegern ausgebildet. Die kleinen Mädchen nimmt Tigros nach Kartoga mit, wenn er neue Frauen für Porandha holt. Meine Tochter ist auch in Kartoga.”
“Was ist das für ein Abkommen?”, fragt Serena entsetzt, die auf der Fraueninsel noch nie etwas davon gehört hat, nicht einmal Mira hatte Andeutungen gemacht.
“König Leandros, Tigros Vater, hat es nach der Geburt seines Sohnes mit Porandha geschlossen. Als Tigros geboren wurde, beanspruchte Porandha die Frau des Königs. Leandros aber liebte die Königin. Er schaltete Minos, den weisen Mann ein, um einen Vertrag mit Porandha zu schließen. Porandha würde danach die Königin verschonen und Leandros Volk in Ruhe leben lassen, wenn er ihm sechs Frauen im Jahr opfern würde. Daraufhin wurde die Königin nach Kartoga gebracht und Porandha verpflichtete sich im Gegenzug, niemals das Reich der Frauen anzugreifen. Deshalb werden alle Mädchen dorthin gebracht. Weiter musste sich Leandros verpflichten, dass Tigros nie eine Frau lieben und keinen Erben zeugen darf, so dass nach dem Tode Tigros, wie im Vertrag vorgesehen, Porandha das Land übernehmen kann. Sollten sich Leandros und Tigros nicht an das Abkommen halten, würde Porandha sofort sein Volk vernichten und Kartoga, die Insel der Frauen, einnehmen.”
Serena senkt traurig ihren Kopf. Niemals wird sie also die Frau von Tigros werden können.

Schweigsam und in sich gekehrt verbringt Serena die nächsten Wochen. Schmerzlich spürt sie, dass sie sich verliebt hat, aber ihre Liebe niemals in Erfüllung gehen wird. Tigros hat sie nicht mehr gesehen, nur gehört, dass er sich in die Wälder zurückgezogen haben soll. Mit Schrecken stellt sie nach drei Monaten fest, dass sie sein Kind unter dem Herzen trägt. Nach weiteren sechs Monaten schenkt sie einem kräftigen Jungen das Leben.
„Du hast einen schönen Knaben geboren.“ Verdana legt ihr das Kind in den Arm. „Wie soll er heißen?“
Serena überlegt. „Theos. Ja, Theos will ich ihn nennen.“ Das erste Mal nach Monaten zeigt sich ein Lächeln auf ihrem Gesicht und ihre Augen strahlen.
„Trägt er den Namen seines Vaters?“, fragt Verdana neugierig. Serena schweigt und streichelt seufzend den Kopf des Babys. Nein, keiner darf je erfahren, dass Theos der Sohn von Tigros ist. Aber sie weiß nun auch, dass sie Porandhas nächstes Opfer sein wird und wehmütig denkt sie an die Nacht zurück, in der Theos gezeugt wurde.

In der Zwischenzeit hat sich Porandha nach und nach neue Frauen geholt. Längst hat sich Serena an diese grauenvollen Tage gewöhnt, an die Angst der Frauen, das nächste Opfer des Ungeheuers zu werden. Dann kommt erneut die Zeit, dass Tigros nach Kartoga reisen muss. Serena verfolgt bangen Herzens die Reisevorbereitungen im Burghof.
Als sie mit Theos in den Garten will, trifft sie unvermutet auf Tigros. Er sieht müde aus, seine Schritte sind nicht mehr so kraftvoll wie vor einem Jahr. Ihre Blicke treffen sich, bleiben aneinander hängen. Dann sieht er das Baby auf ihrem Arm. Seine Augen weiten sich zu einem jähen Erkennen, bis sie sich schmerzvoll schließen. Abrupt dreht er sich um und verlässt eilig den Innenhof.

Aufgewühlt läuft Serena in den Garten, lässt sich auf eine Bank nieder und wiegt ihren Sohn. Ob Tigros weiß, dass sie ihm einen Knaben geboren hat? Angst schnürt ihre Kehle zu. Wenn Porandha herausfindet, dass Tigros einen Nachfolger hat, wird er ihn und sein Volk töten und sich die Mädchen und Frauen von Kartoga holen. Durch ihre Schuld würden Borgedana und Kartoga dem Ungeheuer zum Opfer fallen.

In dieser Nacht kann Serena nicht schlafen. Wilde Alpträume reißen sie immer wieder hoch. Noch vor Tigros Abreise schleicht sie sich im Schutze der Dunkelheit zum Turm der Festung. Sie weiß, dass der alte Minos dort haust, sie hat ihn einmal am Fenster gesehen. Auf der obersten Treppenstufe angelangt, sieht sie den Weisen vor seinen Büchern sitzen. Als er Serena gewahr wird, winkt er sie zu sich, steht auf und verbeugt sich leicht. Sein weißer Bart reicht ihm dabei bis zu den Fußspitzen.
“Ich begrüße dich, Königin. Lange hast du auf die warten lassen.”
“Ich bin nicht die Königin, weiser Mann. Mein Name ist Serena.”
“Ja, ja”, nickte er und sieht sie freundlich an. “Aber du bist die Frau, die Tigros einen Sohn geschenkt und damit einen neuen König geboren hat.”
Serena hält sich vor Schreck die Hand vor den Mund. “Aber woher wisst Ihr ...”.
“So steht es in der Prophezeiung. Damit hat sich nun ein Teil er Wahrsagung erfüllt.”
“Weiser Minos, wenn Porandha herausfindet, dass Tigros einen Sohn hat, wird er uns alle vernichten. Was kann ich dagegen tun?”
“Porandha weiß es schon”, erwidert Minos, setzt sich wieder vor seine Bücher und blättert darin. “Aber es steht auch in der Prophezeiung, dass die grenzenlose Liebe einer Frau zu Tigros Porandha besiegen wird. Porandha kann aber nur rechtmäßiger König wird, wenn sowohl Leandros als auch sein Sohn Tigros eines natürlichen Todes sterben, so wurde es niedergeschrieben. Sollte Porandha einen von beiden töten, wird er in die ewige Unterwelt verbannt.“
„Deshalb verschont also Porandha den König und sein Volk?“
„Ja, aus genau diesem Grunde. Aber Porandha war gewitzt genug, die Einschränkung zu machen, dass Tigros niemals eine Frau lieben und keine Nachkommen zeugen darf. Und deshalb holt sich Porandha übers Jahr die Frauen, die einen Knaben geboren haben, um Tigros Liebe und damit die Frau, die ihn nach der Prophezeiung besiegen könnte, zu vernichten. Noch heute Nacht wird er sich eine neue Frau holen.”
„Ich werde es sein, nicht wahr? Weil ich Tigros Sohn geboren haben. Und anschließend wird er Borgedana vernichten und Kartoga einnehmen.“ Serena sieht Minos flehend an. „Was kann ich nur tun, weiser Mann? Ich liebe Tigros und ich will bei meinem Sohn bleiben.“
„Das Schicksal liegt in deinen Händen, Königin. So steht es geschrieben.“ Er wendet sich ab und beachtet sie nicht mehr.

Serena steigt entmutigt die Stufen des Turmes hinab. Doch noch auf dem Wege zum Frauenhaus fasst sie einen Entschluss. Leise huscht sie in die Waffenkammer und besorgt sich Pfeil und Bogen. Dann weckt sie zuerst Verdana, anschließend die anderen Frauen.
“Verdana, komm. Wir müssen auf den Berg ziehen. Noch heute Nacht wird Porandha Tigros und damit uns alle töten. Frauen, bringt eure Kinder in Sicherheit und kommt mit mir auf den Berg.”
„Woher weiß du, dass Porandha uns alle töten wird?“ Verdana zweifelt an Serenas Worte.
„Theos ist Tigros Sohn und Porandha weiß es.“ Stolz wirft Serena ihren Kopf in den Nacken.
„Dann hat Tigros mit DIR das Abkommen gebrochen? Oh mein Gott.“ Verdana schlägt die Hände vors Gesicht. Die Frauen und Mädchen beginnen zu weinen und laufen wild durcheinander.
“Verdammt, heult nicht“, schreit Serena verzweifelt, „sondern kämpft um euch, eure Liebe und eure Kinder. Oder wollt ihr alle sterben? Wollt ihr, dass Porandha eure Kinder tötet?”
„Aber was können wir schwachen Frauen ausrichten?“ Verdana hat sich wieder gefasst.
„Gegen Porandha kämpfen.“
„Das haben die Männer schon mehrmals ohne Erfolg versucht. Viele sind dabei ums Leben gekommen. Porandha ist mächtig und unverwundbar.“ Verdana senkt traurig ihren Kopf.
„Männer kämpfen mit Kraft, wir aber kämpfen mit Verstand. Porandha ist verwundbar. Ich weiß es.“
Entschlossen treibt Serena die Frauen zur Eile an. Dann schleichen sie sich aus dem Frauenhaus und besteigen leise den in der Nähe liegenden Berg.
“Sammelt Reisig und schichtet es überall auf, aber verhaltet euch still”, befiehlt Serena.
Noch ehe die Frauen damit fertig sind, hören sie ein dumpfes Dröhnen aus dem Wald und Porandha tritt auf die Lichtung vor der Festung. Da, wo er seine Pranken hinsetzt, bleibt kein Baum und kein Strauch übrig. Seine Größe ragt weit über die Festungstürme hinaus, sein echsenartiger, mächtiger Kopf erreicht fast die Höhe des Berges. Sein gewaltiger Schweif vernichtet alles, wo er hinlangt. Sein massiger Körper ist von einem dichten, schuppenartigen Panzer umgeben.

“König Leandros”, dröhnt es dumpf aus seinem Schlund und sein Atem lässt die Luft heiß werden. „Du hast dich nicht an unsere Abmachung gehalten. Bring mir diese Frau, die deinem Sohn einen Erben geboren hat.” Aus seinem Rachen strömt Feuer, das sich zischend über die Festung verteilt. Serena sieht, wie die ersten Geschütze aufgefahren werden. Die abgefeuerten Kanonenkugeln sind im Gegensatz zu seinem massigen Körper winzig und prallen ohne jede Wirkung ab.
„Ach, du ziehst den Kampf vor?“ Porandha lacht schallend. „Wie du willst.“ Er stößt eine Feuerfontäne aus, die gleichmäßig über die Burg niedergeht. Der Kanonenhagel versiegt und brennend versuchen sich Tigros Männer in Sicherheit zu bringen. Die Schmerzensschreie der Soldaten dringen bis zum Berg hinauf. Serena schließt gequält die Augen.
„Hast du nun genug oder willst doch noch mehr?“ Wieder schießt eine Feuerfontäne aus Porandhas Rachen.
„Halte ein, Porandha.“ Serena erkennt Tigros auf dem Wachturm. „Du kannst mich haben, aber lass meine Männer leben. Sie haben dir nichts getan.“
„Dich allein?“ Porandha lacht wieder schallend. „Ich will deinen Sohn und diese ehrlose Frau, die unser Abkommen gebrochen hat.“
„Ich weiß von keinem Sohn.“
„Du weißt von keinem Sohn? Dann erinnere dich an das letzte Jahr. Schon da hast du unser Abkommen mit einer Jungfrau gebrochen und mit ihr die Nacht verbracht. Sie hat dir einen Knaben geboren. Nun fordere ich dich auf, unsere Abmachung einzuhalten. Gehe zu den Frauen, bring sie mir und deinen Sohn.“
“Nein!”, schreit Serena vom Berg, “du wirst niemals Tigros Sohn bekommen.”
Porandha wendet sich um. “Ha, ha”, dröhnte es ihr entgegen, “du bist also das Weib, das Tigros einen Sohn geboren hat?” Er hebt eine Pranke und will Serena mit seinen langen Krallen greifen.
„Serena, nein! Bring dich in Sicherheit!“ Sie hört die Angst in Tigros’ Stimme und ein wohliges Gefühl durchflutet sie. Jetzt ist sie sich sicher. Tigros liebt auch sie.
Voller Energie und blitzschnell spannt sie den Bogen und schießt einen Pfeil ab. Dieser trifft Porandha mitten ins rechte Auge. Aufheulend zieht er seine Krallen zurück und legt sie sich auf die Augenhöhle. Eine schleimige Masse läuft an seinem Körper hinunter. Dann speit er wütend eine Feuerfontäne aus, so dass die Äste der Bäume rings um Serena und den Frauen in Brand geraten.
„Wir müssen fliehen, sonst werden wir alle verbrennen!“
„Nein, bleibt hier! Er wird uns so oder so töten. Wir haben keine andere Wahl, als zu kämpfen. Verdana, kannst du mit Pfeil und Bogen umgehen?”, schreit Serena.
“Ich habe es von Mira gelernt.”
Serena wirft ihr einen Bogen zu. “Dann ziele genau auf das linke Auge des Ungeheuers. Es ist die einzige Stelle, wo er verwundbar ist”, sagt sie entschlossen und spannt erneut ihren Bogen. Fast gleichzeitig treffen die Pfeile Porandhas linkes Auge. Wieder stößt dieser ein schmerzliches Brüllen aus und eine erneute Feuerfontäne geht auf sie nieder. Wütend und blind torkelt Porandha auf den Berg zu.
“Frauen, zündet die Reisighaufen an”, befiehlt Serena. Schnaubend und feuerspeiend kommt Porandha auf sie zu. Rings um ihn herum brennt es inzwischen lichterloh und Flammen züngeln an seinen Körper hoch. Er windet sich und winselt, schlägt wild um sich. Dann bricht der massige Körper zusammen und ein stinkender Rauch steigt auf.
Porandhas Herrschaft geht mit seinem erbärmlichen Aufheulen zu Ende.

Noch in der gleichen Nacht bringt Serena ihr Kind zu Tigros.
“Das ist dein Sohn. Sein Name ist Theos”, sagte sie und legt ihm das Baby in den Arm.
Der alte König Leandros tritt hervor. “Minos, der weise Mann hatte Recht: Die Liebe wird Porandha besiegen, so stand es in der Prophezeiung. Tigros – mein Sohn, reise noch heute nach Kartoga und überbringe Königin Indiga, deiner Mutter, und den Frauen dort die frohe Botschaft.“

Tigros macht sich noch am selben Tag mit seinem Gefolge auf den Weg. Königin Indiga erwartet ihn - wie seit vielen Jahren - mit den Jungfrauen des Landes in ihrem Thronsaal. Schwungvoll stößt Tigros die Flügeltüren auf und geht mit festen Schritten durch den Saal. An seiner Seite schreitet Serena mit dem Knaben Theos auf dem Arm.
Königin Indiga springt entsetzt auf.
„Tigros, Sohn des Königs Leandros, du kommst mit einer Frau und einem Kind zurück? Weißt du, was das bedeutet? Porandha wird uns alle vernichten.“
„Wir grüßen Dich, Königin Indiga“, sagt Tigros ruhig und verneigt sich. „Porandha ist besiegt. Er wird uns nie wieder beherrschen.“
„Porandha ist tot?“ Indiga lässt sich auf ihren Thron fallen.
„Mutter“, spricht Tigros ruhig weiter, „ich bringe Euch die neue Königin, meine Frau Serena, und Euren Enkel Theos, zukünftiger Herrscher der vereinten Königreiche Borgedana und Kartoga. Die Prophezeiung hat sich erfüllt. Habt Ihr deshalb die Mädchen im Bogenschießen ausbilden lassen?“
Weise lächelt die Königin: „Du hast es richtig gesehen. Die Menschen haben offensichtlich keine Hoffnung und doch ergreifen sie Maßnahmen. Ist es nicht so normal? Solange "Du" etwas "tust", hast "Du" auch Hoffnung. Erst wenn „Du“ nichts mehr tust, resignierst „Du“ - und dann hast „Du“ auch verloren. Niemand schenkt „Dir“ einen Sieg. Ich kannte die Klausel im Vertrag und wusste, dass eines der Mädchen auserkoren war, die Prophezeiung zu erfüllen.“
Serena tritt vor und legt der Königin das Baby in den Arm. Die in den Jahren verhärteten Gesichtszüge Indigas werden weich, als sie in das rundliche Babygesicht schaut.
„Nie wieder sollen unsere Königreiche, nie wieder die Frauen von ihren Männern und nie wieder die Kinder von ihren Müttern getrennt werden, das schwöre ich. Und nun lasst Musik aufspielen und uns feiern.“ Tigros winkt den Musikern auffordernd zu.
„Und … Leandros“, flüstert Indiga.
„Mutter“, flüstert Tigros zurück, „Vater wartet auf Euch, wie er sein ganzes Leben lang auf Euch gewartet hat. Die Liebe und Eure Weitsicht haben Porandha besiegt.“

© Monique Lhoir


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